WARUM ALLE VOM FASCHISMUS REDEN, ABER VOM KAPITALISMUS SCHWEIGEN – ZUR INFLATIONIERUNG DES FASCHISMUSBEGRIFFS UND ZUR TATSÄCHLICHEN FASCHISTISCHEN GEFAHR, ANLÄSSLICH DES JAHRESTAGS DES 30. JANUAR 1933

Wann:
30. Januar 2026 um 19:00 – 22:00
2026-01-30T19:00:00+01:00
2026-01-30T22:00:00+01:00
Wo:
Museum des Kapitalismus
Köpenicker Str. 172
10997 Berlin
Preis:
Kostenlos

Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler zum Kanzler gewählt, anschließend setzte er in rapidem Tempo die faschistische Diktatur durch. Heute – da ist sich die Linke einig – steht ein neuer 30. Januar unmittelbar bevor oder ist schon da. „Nie wieder ist jetzt!“ lautet die Parole.

Diese Inflationierung des Faschismusbegriffs zielt auf die möglichst kraftvolle Mobilisierung gegen „gegen rechts“. Doch bleibt diese Mobilisierung seit Jahren hinter den Erwartungen zurück, ganz zu schweigen davon, dass sie den weiteren Aufstieg der radikalen Rechten verhindert hätte. Das liegt nicht zuletzt an der Inflationierung selbst, die dichotom Demokratie und Faschismus einander entgegensetzt, die autoritären Tendenzen der Demokratie ausblendet und über die Ursachen der radikalen Rechten im Kapitalismus nicht redet. Eine effektive Strategie gegen die radikale Rechte lässt sich so nicht begründen.

Wir stehen heute nicht vor dem Faschismus, sondern befinden uns in einer Phase der weltweiten Etablierung autoritärer kapitalistischer Herrschaft. Deren Grundrechtsverletzungen sind massiv, die Entrechtung von Migrant*innen und die Kriminalisierung von antimilitaristischen Protesten und Klimaaktivismus sind hier nur einige Beispiele. Doch reichen sie bei weitem nicht an den offenen und totalitären Terror des Faschismus heran. Wer historisch uninformiert schon heute überall den Faschismus sieht, entwertet den Faschismusbegriff und verliert die tatsächliche faschistische Gefahr aus den Augen. Denn der Autoritarismus bereitet den Boden dafür, dass es nach einer großen Krise wie 1929 zu großflächigen Faschisierungsprozessen kommt. Solange die Linke ständig vom Faschismus redet, aber vom kapitalistischen System und seinen Krisen schweigt, wird sie zu effektivem Antifaschismus nicht in der Lage sein.

Anlässlich des Jahrestags des 30. Januar 1933 diskutiert die Veranstaltung historische Erfahrungen und faschismustheoretische Überlegungen, mit dem Ziel, zu einer angemessenen Einschätzung zu Gegenwart und Zukunft des Faschismus beizutragen.

Es diskutieren Peter Nowak und Emanuel Kapfinger
Moderation: Anne Seeck

Kurzinfo zu den Referenten:
Peter Nowak ist Journalist und hat sich in einem Beitrag für die Zeitschrift telegraph kritisch mit der Inflationierung des Faschismusbegriffs auseinandergesetzt. Der Text ist hier dokumentiert: https://peter-nowak-journalist.de/2024/12/21/alles-faschismus-oder-was/
Emanuel Kapfinger ist Philosoph und politischer Autor. Er arbeitet schwerpunktmäßig zur Faschismustheorie der Kritischen Theorie und veröffentlichte dazu unter anderem das Buch „Die Faschisierung des Subjekts“. Website: www.emanuel-kapfinger.net.