Ein Jahr nach dem überraschenden Bundestagswahlerfolg diskutiert die Partei über ihre Rolle

Die Linke – mehr als ein Hype?

In der Diskussion mit dem Publikum wurden viele Themen angesprochen, die innerhalb der Linken weiter kontrovers diskutiert werden. Ein Mann widersprach der Einschätzung, dass es aktuell auf der Straße kaum gesellschaftlichen Widerstand gebe und verwies auf die zahlreichen Arbeitskämpfe der vergangenen Monate. Er forderte, dass Die Linke gewerkschaftliche Kämpfe stärker unterstützt. Weitere Beiträge mahnten eine konsequent ökosozialistische Positionierung der Partei an, andere forderten mehr Engagement gegen Aufrüstung. Reichinnek schloss sich diesem Appell an und rief zur Beteiligung am Aktionstag gegen die Wehrpflicht am 5. März 2026 auf, der von vielen jungen Aktivist*innen organisiert wird.

Am 23. Februar 2025 fand die vorgezogene Bundestagswahl statt. Ein Jahr später wurde nun bei einer Veranstaltung der Rosa-Luxemburg-Stiftung an das damals überraschend gute Wahlergebnis der Linken erinnert. Bei der Veranstaltung »Vom Hype zur Hoffnung? Ein Jahr nach dem Comeback der Linken« im Gebäude der Rosa-Luxemburg-Stiftung resümierte und diskutierte  …

Heidi Reichinnek vor vollem Saal über die Lage der Partei. Die Linke erreichte bei den Neuwahlen voriges Jahr ein Ergebnis, auf das selbst die größten Optimist*innen nicht zu hoffen gewagt hatten. Heidi Reichinnek, heute Fraktionsvorsitzende, wird zugeschrieben, wesentlich zum linken Wahlerfolg beigetragen zu haben. Ende Januar 2025, als die Union gemeinsam mit AfD und BSW für Maßnahmen gegen Geflüchtete stimmte, rief die Linke-Politikerin in einer knapp dreiminütigen Rede im Parlament dazu auf, gegen die Normalisierung rechter Positionen »auf die Barrikaden« zu gehen. Das Video der Rede verbreitete sich schnell im Internet und erzielte hohe Abrufzahlen. Bald darauf stiegen auch die Umfragewerte der Linken deutlich.

»Als bei einer Wahlkampfveranstaltung in Nürnberg die Menschen Schlange standen, merkte ich: Da verändert sich gerade etwas«, erklärte Reichinnek. Der Journalist Daniel Bax bewertete die Situation ähnlich: »Wenn Friedrich Merz die Linke auf dem CDU-Parteitag zum Gegner erklärt, hat sie etwas richtig gemacht.« Er und Helena Steinhaus von der Initiative Sanktionsfrei e.V. traten am Montagabend ebenfalls auf – als mit der Linken sympathisierende Beobachter*innen. Steinhaus hob hervor, dass insbesondere einkommensarme Menschen den Wahlerfolg der Linken positiv aufnehmen: »Da wurde wahrgenommen, wer für unsere Interessen einsteht und wer nicht.«

Bax betonte zudem, dass Die Linke sich als Gegenpol zur AfD etabliert habe – eine Rolle, die lange Zeit die Grünen innehatten. Der Unterschied sei erheblich: Während die Grünen ihre Ablehnung der AfD mit bedingungsloser Unterstützung von Nato und Kriegspolitik verbinden, gebe es bei der Linken noch Debatten über solidarische Gesellschaftsformen. In der Diskussion mit dem Publikum wurden viele Themen angesprochen, die innerhalb der Linken weiter kontrovers diskutiert werden. Ein Mann widersprach der Einschätzung, dass es aktuell auf der Straße kaum gesellschaftlichen Widerstand gebe und verwies auf die zahlreichen Arbeitskämpfe der vergangenen Monate. Er forderte, dass Die Linke gewerkschaftliche Kämpfe stärker unterstützt. Weitere Beiträge mahnten eine konsequent ökosozialistische Positionierung der Partei an, andere forderten mehr Engagement gegen Aufrüstung. Reichinnek schloss sich diesem Appell an und rief zur Beteiligung am Aktionstag gegen die Wehrpflicht am 5. März 2026 auf, der von vielen jungen Aktivist*innen organisiert wird.

Am Ende stellte der Moderator Steffen Kühne von der Rosa-Luxemburg-Stiftung die Frage, ob Die Linke sich eher als kämpferische Opposition oder als Regierungspartei im Wartestand sehe. Bax spekulierte über mögliche Kanzler- und Minister*innenrollen in fünf Jahren. Reichinnek selbst gab sich vorsichtiger: Für sie wäre es bereits ein Fortschritt, wenn in fünf Jahren die AfD verboten wäre und Die Linke wieder über Projekte jenseits des Kapitalismus diskutieren könnte.

Obwohl der Begriff Kapitalismus auf der Veranstaltung nur selten fiel, war die Botschaft klar: Die Linke müsse eine Partei von Solidarität und Hoffnung bleiben. Viel hänge dabei von den künftigen Wahlergebnissen ab. Bei den Veranstaltungen zur Landtagswahl in Baden-Württemberg seien die Schlangen zumindest erneut lang und die Umfragewerte bleiben bislang solide. Auch ein Jahr nach der Bundestagswahl bleibt Die Linke für viele Menschen Hoffnungsträgerin. Peter Nowak