
Gleich am Anfang wird in einem Video das Themenfeld skizziert, das in der Ausstellung „Glaube – Biologie – Macht“ behandelt wird. Es reicht von einem Regenbogen-Bild aus der Zeit des Hochmittelalters über die Geschichte des Kartoffelanbaus in Deutschland bis zur Industrialisierung und endet mit dem Widerstand gegen das AKW Wyhl bei Freiburg. Damit sind sehr grob einige Stationen der Exposition umschrieben, der man bescheinigen kann, dass sie 800 Jahre deutsche Geschichte in Bezug auf Natur und Umwelt knapp und gut verständlich zusammenfasst. Wer sich zwei Stunden Zeit nimmt, wird an den Hörstationen kompetent über die unterschiedlichen Themenfelder informiert. Dabei wird man im Ausstellungsraum die Gesänge der Hildegard von Bingen hören, die im 12. Jahrhundert den Begriff der …
…Viriditas, was mit Grünkraft übersetzt wird, in ihren Schriften verwendete. Was bei ihr eine mythisch-religiöse Bedeutung hat, kann man auch als die Strategien von Pflanzen und Tieren beschreiben, selbst in unwirtlichen Regionen zu überleben. In der Ausstellung lernen wir auch die im 17. Jahrhundert lebende Naturwissenschaftlerin Maria Sibylla Merian kennen.
Von der Allmende zur Kolonie
Viele geschichtliche Details werden in den fünf Kapiteln der Ausstellung behandelt. Wem ist schon bekannt, dass es bereits im 13. Jahrhundert am Bodensee Fischereivereinbarungen gegeben hat, die die Überfischung des Gewässers verhindern sollten? Man konnte sich darauf einigen, weil alle am Bodensee Lebenden ein Interesse daran hatten, den Fischbestand nicht so stark zu dezimieren, dass Hungersnöte eintreten. Das änderte sich erst, als mit dem Frühkapitalismus die rücksichtslose Vernutzung von Mensch und Natur einsetzte.
In einem der fünf Räume wird auch beschrieben, wie der damit verbundene Kolonialismus, die Eroberung der außereuropäischen Welt, den Naturbegriff veränderte. Anders als bei der mittelalterlichen Allmende stand jetzt nicht mehr die möglichst optimale Nutzung, sondern die Verwertung für Profitinteressen im Vordergrund. Nun konnte Getreide in Mengen vorhanden sein, während große Teile der Bevölkerung hungerten, weil sie es nicht bezahlen konnten. Denn in einer kapitalgetriebenen Ökonomie sind bekanntlich auch Lebensmittel in erster Linie Waren und nicht notwendige Güter des täglichen Bedarfs. So kann auch eine Ausstellung über den Naturbegriff im Wandel der Zeit über das Wesen unseres Wirtschaftssystems aufklären.
„Jahr ohne Sommer“ und Antisemitismus
Wir erfahren in der Ausstellung, wie die Hungersnöte im frühen 19. Jahrhundert in Teilen Deutschlands zu Reformen in der Landwirtschaft beigetragen haben. Aber auch erste Sparkassen wurden nach dem Hungerjahr 1816 gegründet. Es ging als „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte ein. Heute wissen wir, dass ein Vulkanausbruch auf einer indonesischen Insel der Grund für das kalte Wetter in dem Jahr war, das zu einer Missernte mit folgender Hungersnot führte. Auch auf die politischen Folgen wird in der Ausstellung eingegangen. Neben Massenauswanderung aus Europa in die USA ist auch ein wachsender Antisemitismus in Teilen der verarmten Bevölkerung zu nennen, der von Klerus und Adel ideologisch gefördert wurde. Ein Ausdruck waren 1819 die Hep-Hep-Krawalle in verschiedenen deutschen Regionen. Die Ausstellung informiert auch über die Cholera-Epidemie von 1892, die zu gesundheitspolitischen Reformen führte.
Ausstellung
Natur und deutsche Geschichte
Glaube – Biologie – Macht
bis 7. Juni, täglich 10-18 Uhr, 7/3,50 Euro
Deutsches Historisches Museum
Hinter dem Gießhaus 3, Berlin-Mitte
dhm.de/natur
Wir sehen dann, wie sich mit dem fossilen Kapitalismus der Naturbegriff weiter veränderte. Mensch und Umwelt wurden immer stärker nach Nützlichkeitserwägungen beurteilt. Wir erhalten einen guten Überblick über die Theorien damaliger Wissenschaftler von Ernst Haeckel bis Charles Darwin. Vor allem im Bürgertum entwickelte sich aber auch das erste Umweltbewusstsein. Dabei wird schnell klar, dass Nationalismus, Antisemitismus und Naturschutz zumindest in Deutschland oft eine enge Verbindung eingingen.
Erinnert wird an Paul Schultze-Naumburg, einen frühen Naturschützer und NSDAP-Politiker. „Wahrlich, wer sein Vaterland und sein Volk liebt, dem kann der Vogelrückgang nicht gleichgültig sein“, lautete sein Credo von einem Umweltschutz im Namen von Volk und Nation. Der Zusammenhang zwischen Vogelschutz und NS-Vernichtungspolitik wird in der Ausstellung an der Biografie Günther Niethammers deutlich, der 1942 ein Buch mit dem Titel „Beobachtungen über die Vogelwelt in Auschwitz“ verfasste, das in einem Online-Archiv eingesehen werden kann. Niethammer war Mitglied der SS und für die vogelkundlichen Beobachtungen in Auschwitz freigestellt. 1950 konnte er in Westdeutschland eine wissenschaftliche Karriere beginnen, die für ihn als Präsident der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft endete.
Braunes Greenwashing
Ein ganzes Kapitel ist in der Ausstellung dem Naturbegriff im Nationalsozialismus gewidmet. So wurden NS-Landschaftsanwälte benannt, die die industrielle Umwälzung im „Dritten Reich“ mit dem Naturschutz in Einklang bringen sollten. Hier wurde eine Art braunes Greenwashing betrieben, was am Beispiel des in Nazideutschland massiv geförderten Autobahnbaus gezeigt wird. So sollten die neuen Schnellstraßen in die deutsche Natur eingebunden und begrünt werden. Dazu wurde der Deutsche Ginster populär, eine anspruchslose Pflanze, die an den Autobahnrändern Natur darstellen sollte. Dabei wurden die Umweltschäden durch Autoabgase und Biotopzerschneidung ausgeblendet, die auch durch deutschen Ginster nicht verschwanden.
Es ist ein Verdienst der Ausstellung, nicht nur die Umweltprobleme anzusprechen. Auf zwei Bildern ist zu sehen, wie Zwangsarbeiter für den deutschen Autobahnbau schuften mussten. Der Politikwissenschaftler Conrad Kunze hat in seinem Buch „Deutschland als Autobahn“ an diese in der deutschen Bevölkerung verdrängte Geschichte der Zwangsarbeit erinnert (Rabe Ralf August 2023, S. 23). Nur so war es möglich, dass große Teile der deutschen Bevölkerung den Autobahnbau auch in der Nachkriegszeit noch positiv bewerteten. Conrad Kunze forderte hingegen einen Gedenkort für die Zwangsarbeiter, die den Bau der Autobahnen mit ihrer Gesundheit oder ihrem Leben bezahlten.
Exkurs zur Anti-AKW-Bewegung
Etwas aufgesetzt wirkt am Ende der Ausstellung das letzte Kapitel, das sich der Anti-Atomkraft-Bewegung widmet. Dokumente der Protestbewegung gegen das AKW Wyhl bei Freiburg ab 1974 sind zu finden, unter anderem kann man eine recht lang geratene Ballade „Die neue Wacht am Rhein“ des Protestbarden Walter Mossmann anhören. Auf einem Bildschirm laufen Ausschnitte aus einem Interview mit der frisch in den Bonner Bundestag gewählten Grünen-Abgeordneten Petra Kelly. Wenn man sich die Zeugnisse nach über 40 Jahren anschaut und anhört, scheinen sie aus einer ganz anderen Welt zu kommen.
Am Ende der Ausstellung liest man auf einer Tafel ein Zitat des sozialdemokratischen Bundeskanzlers Willy Brandt, der zwar erste umweltpolitische Schritte unternahm, aber nicht als großer Kämpfer für den Umweltschutz bekannt geworden ist. Hier wird dann doch der staatstragende Charakter des Deutschen Historischen Museums deutlich. Davon sollte sich freilich niemand abhalten lassen, diese sehr informative Ausstellung zu besuchen.
Pete Nowak
Ausstellung: Natur und deutsche Geschichte
Glaube – Biologie – Macht
bis 7. Juni, täglich 10-18 Uhr, 7/3,50 Euro
Deutsches Historisches Museum
Hinter dem Gießhaus 3, Berlin-Mitte
dhm.de/natur
https://www.raberalf.de/rezensionen/gruene-autobahnen