Das Haus, das in Salzwedel an einer prominenten Ecke steht, wird vielleicht doch nicht abgerissen. Seine jüdischen Be­woh­ne­r*in­nen waren von den Nazis ermordet worden

Wo die Familie Hirsch Mode verkaufte

Die Salzwedeler Genossenschaft „Transformatives Wohnen“ will aus dem Haus eine öffentliche Begegnungsstätte machen. Gelingt dieser Plan, hätten alle Bewohner*innen der Stadt im Altmarkkreis etwas davon. Jetzt muss nur noch das Geld zusammenkommen, im Gespräch war zunächst eine Summe von 30.000 Euro. Und die Erben der Vorbesitzer*innen, denen die Mehrheit des Hauses gehört, müssen ausfindig gemacht werden und ihre Zustimmung zu den Plänen geben.

Unter den Fachwerkhäusern, die im Herzen des Städtchen Salzwedel in der Altmark stehen, fällt eines besonders auf. Es steht an der Stelle, an der sich die Straße verengt, gegenüber einem …

… Café, in dem es den berühmten Salzwedeler Baumkuchen gibt, und verbreitet mit seinem Laubengang italienisches Flair. Das Gebäude hat zwei Etagen mit jeweils acht Fenstern, im zweiten Stock ist eine Glasscheibe durch eine Holzverschalung ersetzt worden.

Nicht nur die Säulen des Laubengangs, sondern auch die bunten Zeichnungen, die die Wand vor der Eingangstür schmücken, erinnern eher an südliche Gefilde als an einen Ort in Sachsen-Anhalt. Sie zeigen Sehenswürdigkeiten der Stadt wie ein Tor der Burg und die Lorenzkirche.

Auch ein Denkmal für die Toten der Weltkriege ist aufgemalt. Doch wo „die gefallenen Söhne“ betrauert werden, verdeckt ein weißes Quadrat die Buchstaben. Vielleicht eine militarismuskritische Intervention? An den Hauswänden finden sich weitere politische Losungen: „Fuck Nazis and the State“ heißt es da in einem etwas holprigen Englisch, aber mit klar antifaschistischer und herrschaftskritischer Botschaft.

Rätselhaft bleibt eine Parole auf einem der Fenster im zweiten Stock des Hauses. „No Love for Anarchy“ steht da. Ob es dabei um einen mit Farbe ausgetragenen Streit unter Linken handelt?

Sehr eindeutig sind hingegen die ausgedruckten Botschaften auf den Zetteln, die im Laubengang des Hauses hängen. „Clara Weil, David Hirsch, Hanna Hirsch, Rachel Hirsch, Wir vergessen Euch nicht“, ist dort zu lesen. Es sind die Namen der vier ehemaligen jüdischen Be­woh­ne­r*in­nen des Hauses.

An sie erinnern auch vier Stolpersteine vor dem Haus, in dem die Familie Hirsch über viele Jahre einen „Mode- und Putzladen“ betrieb. In ihrem Sortiment führten sie neben Bekleidung auch Hüte und Wäsche.

David Hirsch wurde 1906 geboren und starb im Warschauer Ghetto. Seine Frau Hanna Hirsch, Jahrgang 1911, wurde in Auschwitz ermordet, die 1939 geborene Tochter Rachel Hirsch in Theresienstadt. Die 1883 geborene Clara Weil starb bei der Deportation.

Auf Kosten der Bewohner

Auf einem weiteren Zettel im Laubengang wird daran erinnert, dass das Haus in der Burgstraße 59 in der Reichspogromnacht angegriffen wurde. An diesen Tag waren Synagogen, Geschäfte und Wohnhäuser von jüdischen Menschen Angriffsziele eines von den Nazis gesteuerten Mobs. „Am 9. November 1938 zerstörte die SA die Schaufenster des Hauses“, steht auf dem Zettel. Danach ordnete die Baupolizei an, dass die Fenster auf Kosten der Be­woh­ne­r*in­nen zu ersetzen seien. In seinem verwüsteten Zustand würde das Haus das Stadtbild „verschandeln“.

Umso beklemmender, dass das seit mehreren Jahren leerstehende Wohnhaus nun erneut wie ein Schandfleck behandelt wurde. Der Altmarkkreis Salzwedel hatte 130.000 Euro für den Abriss des Hauses bereitgestellt, das als sanierungsbedürftig gilt. Anfang November sollten die Bagger rollen.

Der Hinterhof der Burgstraße 59 ist bereits eine Steinwüste, wie beim Blick über einen Bauzaun in der Nebenstraße schnell zu erkennen ist. Für den Abriss der Burgstraße 59 waren schon alle Vorbereitungen getroffen. Sogar die Schilder, die die Baustelle ausweisen sollten, waren bereits aufgestellt.

Doch nicht alle in Salzwedel sind mit dem Abriss einverstanden. Teilnehmer des örtlichen Stolperstein-Spaziergangs vom 9. November besetzten am folgenden Morgen die Baustelle und forderten, das Gebäude als Gedenk- und Erinnerungsort für jüdisches Leben in Salzwedel zu erhalten.

Zunächst rückte die Polizei an und erteilte Platzverweise, gegen 17 Personen wurde Anzeige wegen des Anfangsverdachts des Hausfriedensbruchs gestellt. Doch die Aktion hat die Debatte über die Zukunft des Gebäudes neu eröffnet. Für dessen Erhalt setzt sich nun die Genossenschaft Transformatives Wohnen (TraWo) ein. Vor vier Jahren gegründet, will sie marode Gebäude in Salzwedel vor dem Abriss bewahren und bezahlbaren Wohnraum schaffen.

Genossenschaft im Gespräch

Eine ehemalige Buchhandlung in der Stadt hat sie bereits übernommen. Jetzt ist die TraWo mit der Jewish Claims Conference in Frankfurt im Gespräch, die ­neben den Er­b*in­nen der ermordeten Vor­ei­gen­tü­me­r*in­nen einen Anteil an dem Haus hält. Die Genossenschaft könnte versuchen, diesen Anteil zu übernehmen. Sie hat angeboten, das Haus treuhänderisch zu verwalten, bis eine Lösung gefunden ist.

Die Stadt Salzwedel hat inzwischen reagiert und ein Abrissmoratorium bis Ende Februar 2026 ausgesprochen. Bis dahin soll ein Konzept erarbeitet werden, wie das Gebäude saniert und erhalten werden kann.

Nix wie hin

Die Besonderheit

Das Haus steht an prominenter Stelle mitten im Herzen von Salzwedel und fällt durch seinen Laubengang und seine Wandgemälde auf. Bis zu ihrer Deportation durch die Nazis lebte hier die jüdische Familie Hirsch, die im Erdgeschoss einen Modeladen betrieb.weniger anzeigen

Die Zielgruppe

Die Salzwedeler Genossenschaft „Transformatives Wohnen“ will aus dem Haus eine öffentliche Begegnungsstätte machen. Gelingt dieser Plan, hätten alle Bewohner*innen der Stadt im Altmarkkreis etwas davon.

Hindernisse auf dem Weg

Jetzt muss nur noch das Geld zusammenkommen, im Gespräch war zunächst eine Summe von 30.000 Euro. Und die Erben der Vorbesitzer*innen, denen die Mehrheit des Hauses gehört, müssen ausfindig gemacht werden und ihre Zustimmung zu den Plänen geben.

Peter Nowak

Erstveröffentlichungsort:
https://taz.de/die-ortsbegehung/!6144249/