Gerhard Mauch: »Rukelie der Ausnahmeboxer. Ein Sinto im NS-Staat. Kult Comic, 56 S. 15 €.

Sinto-Boxer Rukelie Trollmann: Weltmeister für eine Woche

Die Graphic Novel »Rukelie der Ausnahmeboxer« erweckt die Geschichte des Sinto-Boxers Johann Rukelie Trollmann zum Leben

Im Garten der Bockbrauerei in Berlin-Schöneberg wurde am 9. Juli 1933 Boxgeschichte geschrieben. Den Kampf um die Deutsche Meisterschaft im Halbschwergewicht gewann Johann Trollmann, den Titel »Deutscher Meister im Halbschwergewichtsboxen« sollte er allerdings nur wenige Tage später wieder verlieren. Denn …

…  Rukelie Trollmann war Sinto und als solcher durfte er in NS-Deutschland keinen Meistertitel gewinnen. Der Kampf um den Titel und die spätere Aberkennung sind Teil der Graphic Novel »Rukelie der Ausnahmeboxer«. Damit liefert der Zeichner Gerhard Mauch (alias Gischbl) vor allem eine gut recherchierte Geschichte des NS-Opfers Johann Trollmann. Sein Sinto-Kosename »Rukelie« steht für einen schönen biegsamen Baum.

Trollmann kam im Februar 1943 im KZ-Neuengamme ums Leben. Zuvor war er besonders vom Lagerführer Albert Lütkemeyer gequält und misshandelt worden. Der als Nazischerge berüchtigte Lütkemeyer nahm Trollmann besonders übel, dass er ihn im KZ beim Boxen besiegt hatte. Mauch beschreibt die erbärmlichen Lebensbedingungen der Häftlinge in Mauthausen, die wenig zu essen bekamen und an zahlreichen unbehandelten Krankheiten litten. »Das harte Training schwächte ihn zunehmend. Gebrochene Rippen und geschwollene Augen kamen hinzu. Er war ziemlich am Ende«, heißt es in der Graphic Novel über die letzten Wochen von Trollmann.

Mauch legte Wert darauf, Rukelie immer mit ie am Schluss zu schreiben, so wie sich der Boxer selber mit seinen Alias-Namen nannte. Das ist eines der Ergebnisse der umfangreichen historischen Recherche, die Mauch für sein Werk unternahm. Dabei bekam er auch die Unterstützung von dem Sportjournalisten Martin Krauss.

Krauss selbst taucht in der Graphic Novel mit einem eigenen Foto auf. Denn Mauch hat nicht nur die Geschichte von Trollmann und die Verfolgung der Sintos im Nationalsozialismus beschrieben. Er würdigt auch die Menschen, die in den letzten Jahren dazu beigetragen haben, dass Trollmann nicht vergessen wurde.

Dazu gehören der Schriftsteller Michail Krausnick, der Cartoonist Hans Firzlaff, die Boxpromoterin Eva Rolle und der Journalist Michael Quasthoff. Die Schriftstellerin Stephanie Barth wird für ihr Buch »Deutscher Meister« über Trollmann gewürdigt.

Der Berliner Erinnerungsarbeiter Lothar Eberhardt hat den in Rottweil lebenden Zeichner Mauch zu der Graphic Novel animiert. »Der Impuls kam durch das Video einer Gedenkveranstaltung, die Lothar Eberhardt, ein alter Freund aus Kreuzberg durchgeführt hatte«, benennt Mauch den Impuls für die Arbeit, die 28 Monate in Anspruch nahm. Lothar Eberhardt ist bei seiner Recherche zu als asozial stigmatisierten Menschen im Berliner Arbeitshaus Rummelsburg auf die Unterlagen zu Trollmann gestoßen, der dort zwangsweise untergebracht war.

Im Anhang zu »Rukelie der Ausnahmeboxer« werden die Aktivitäten des Arbeitskreises »Marginalisierte – gestern und heute« dokumentiert. 2020 konnte der Kreis eine an Trollmann erinnernde Gedenktafel im Garten der ehemaligen Bockbrauerei in der Fidicinstraße in Schöneberg durchsetzen, an dem Ort, an dem Trollmann vor 93 Jahren Deutscher Meister geworden war.

Hervorgehoben sei auch der historische Kontext, den Mauch in seinem Buch offenlegt. Am 8. Juni 1933, einem Tag vor Trollmanns Sieg in Berlin, wurde ein weltweit beachteter Boxkampf um die Schwergewichtsmeisterschaft zwischen dem deutschen Vertreter Max Schmeling und dem US-Bürger Max Baer in New York ausgetragen.

»Baer hatte aus Solidarität mit dem Schicksal der Juden einen Davidstern an seiner Hose angebracht. Jeder Schlag, der Schmeling traf, sollte ein Schlag gegen Hitler sein«, schreibt Mauch. Schmeling ging in der zehnten Runde KO. Viele Antifaschist*innen in aller Welt sahen das Ergebnis als erste Niederlage NS-Deutschlands.

Schmeling, der bis 1945 für NS-Deutschland boxte, setzte sich nicht für Trollmann ein. In dem Band ist ein Brief abgedruckt, den Schmeling in hohem Alter im Jahr 2003 an das ZDF sandte, nachdem ihn der Sender über seine Beziehungen zu Trollmann befragt hatte. »Ich habe Johann Trollmann selbstverständlich gekannt. Seine boxerische Karriere sorgte damals für große Aufmerksamkeit. Bedingt durch meine eigenen Kämpfe und deren Vorbereitung bin ich dem Genannten damals nur sehr selten begegnet«, schreibt Schmeling. Über sein Schweigen zur rassistischen Aberkennung des Meistertitels fand er auch 2003 kein Wort des Bedauerns.

Zum Glück gibt es, wie die Novel zeigt, seit Jahrzehnten viele Menschen, die dafür gesorgt haben, dass das Leben des Sinto-Boxers und Opfers des NS-Regimes Johan Rukelie Trollmann nicht vergessen ist. Mauch hat mit seiner Arbeit dazu beigetragen, dass sich auch heute noch jüngere Menschen über seine Geschichte informieren können.

Peter Nowak

Gerhard Mauch: »Rukelie der Ausnahmeboxer. Ein Sinto im NS-Staat. Kult Comic, 56 S. 15 €.