Ein Film über linke Gewerkschaftsarbeit

Luft zum Atmen

Der Film doku­men­tiert die Geschichte einer linken Gewerk­schafts­praxis bei Opel Bochum und regt zu Dis­kus­sionen auch über gewerk­schaft­liche Arbeit heute an.

Da sitzt Wolfgang Schaumberg im Jahr 2018 in einem Klas­senraum vor einer Tafel und erzählt, wie er und viele Genoss*innen mit ihrer Betriebs­arbeit vor mehr als 45 Jahren die Welt­re­vo­lution vor­an­treiben wollten. Er berichtet, wie die jungen Linken Kon­takte mit Genoss*innen aus Deutschland und Spanien knüpften, die bei Opel arbei­teten. Im Anschluss ist Willi Hajek zu sehen, der .…

„Luft zum Atmen“ wei­ter­lesen

Betriebsarbeit für die Revolution

Ein Film über eine Gruppe linker Gewerk­schafter bei Opel Bochum ist nicht nur his­to­risch inter­essant

»Ange­fangen hatte es damit, dass sich vor etwa drei Jahren der Reli­gi­ons­lehrer Wolfang Schaumberg und der Volks­schul­lehrer Klaus Schmidt bei den Opel-Werken als Hilfs­ar­beiter ver­dingten.« Am Anfang des Doku­men­tar­films über die Gruppe oppo­si­tio­neller Gewerk­schafter (GoG) in Bochum wird dieses Zitat aus der wirt­schafts­nahen Wochen­zeitung »Die Zeit« vom 24.8.1973 ein­ge­blendet. Gleich danach sitzt Wolfgang Schaumberg im Jahr 2018 in einem Klas­senraum vor einer Tafel und erzählt, wie er und viele Genoss*innen mit ihrer Betriebs­arbeit vor mehr als 45 Jahren die Welt­re­vo­lution vor­an­treiben wollten, berichtet, wie die jungen Linken Kon­takte mit kom­mu­nis­ti­schen Genoss*innen aus Deutschland und Spanien knüpften, die bei Opel arbei­teten. Im Anschluss ist Willi Hajek zu sehen, der als Jugend­licher vom Pariser Mai beein­druckt war und den Geist der Revolte als GoG-Mit­glied in die Bochumer Fabrik tragen wollte. Robert Schlosser erinnert sich schließlich, wie er als Jun­g­ar­beiter zu der Gruppe stieß, weil die – anders als die IG-Metall-Gewerk­schafter – nicht auf Sozi­al­part­ner­schaft setzten, sondern bereit waren, sich mit Bossen und Meistern anzu­legen.

Das kam damals nicht nur bei den jungen Kolleg*innen an. 1975 bekam die GoG bei den Betriebs­rats­wahlen über 5000 Stimmen und erhielt damit knapp ein Drittel der Sitze. Das war auch eine Quittung für den alten Betriebsrat, der mit dem Management gekungelt hatte. Die IG Metall war auf die linke Kon­kurrenz nicht gut zu sprechen. Mehrere GoG-Mit­glieder wurden aus­ge­schlossen, einige erst nach vielen Jahren wieder in die Gewerk­schaft auf­ge­nommen.

Die Gruppe, die sich seit 1972 jede Woche getroffen hatte, hielt auch nach der Schließung von Opel im Jahr 2014 Kontakt und begann, über einen Film nach­zu­denken, der von den vielen Kämpfen der Beleg­schaft erzählt. Die linke Video­plattform labournet​.tv, die Filme über die glo­balen Arbeits­kämpfe ver­öf­fent­licht, wurde schließlich mit der Umsetzung beauf­tragt.

Der ent­standene Film zeigt die all­täg­liche Klein­arbeit linker Gewerkschafter*innen, die für ein lang­fris­tiges Enga­gement ent­scheidend war. Dazu gehört der Kampf um den Bil­dungs­urlaub, der es den Beschäf­tigten ermög­lichte, den Betrieb eine Woche zu ver­lassen und sich mit anderen Themen zu beschäf­tigen. Manche lernten dort Texte von Marx kennen. Noch heute schwärmen Grün­dungs­mit­glieder der GoG von der Euphorie der ersten Jahre, als sie durch die ganze Republik fuhren und über ihre Erfolge bei Opel Bochum berich­teten.

Doch nach 1975 ging in der BRD-Linken das Interesse an Betriebs­arbeit zurück. Im linken Milieu kün­digte sich der Abschied vom Pro­le­tariat an. Auch einige der GoG-Mit­be­gründer ver­ließen die Fabrik und setzten ihr Studium fort.

Doch die Gruppe hatte sich mitt­ler­weile sta­bi­li­siert und sorgte dafür, dass Opel ein rebel­li­scher Betrieb blieb. 2004 machte das Werk mit einem sie­ben­tä­gigen wilden Streik gegen Ent­las­sungs­pläne noch einmal bun­desweit Schlag­zeilen. Beschäf­tigte, die den Betrieb und die Autobahn lahm­legen – solche Bilder kannte man von Arbeits­kämpfen in Frank­reich, aber nicht in der BRD. Hier ging die Saat auf, die die GoG gesät hatte.

Und doch ent­schied sich in einer Urab­stimmung schließlich eine große Mehrheit der Beleg­schaft dafür, den Streik zu beenden, gerade in dem Augen­blick, als er Wirkung zeigte. Noch heute sind damalige Aktivist*innen ent­täuscht. Der Rückgang des Betriebs­ak­ti­vismus machte sich auch in Stimm­ver­lusten für die GoG bei den Betriebs­rats­wahlen bemerkbar. Daher war es für Gewerk­schafter wie Wolfgang Schaumberg nicht ver­wun­derlich, dass bei der Abwicklung von Opel Bochum ein mit 2004 ver­gleich­barer Wider­stand aus­blieb. Im Dezember 2014 ging es nur noch um Abfin­dungen und Auf­fang­ge­sell­schaften – mehr nicht.

Spä­testens seit aus Opel GM geworden war und die ein­zelnen Standorte gegen­ein­ander aus­ge­spielt wurden, war den GoG-Aktivist*innen klar, dass linker Gewerk­schafts­arbeit, wie sie sie vor­an­ge­trieben hatten, eine Nie­derlage drohte. Im Film wird gezeigt, wie die linken Opelaner*innen dieser kapi­ta­lis­ti­schen Kon­kur­renz­logik Arbeiter*innensolidarität ent­ge­gen­setzen wollten. Sie fuhren in den 1990er Jahren an Opel­standorte in anderen Ländern wie Polen oder Spanien, um eine gemeinsame Front gegen die Kapi­tal­stra­tegie zu bilden. Damit sind sie jedoch gescheitert, wie die Betei­ligten heute resü­mieren. Die Kapi­tal­logik der Kon­kurrenz hat sich durch­ge­setzt. Die Bedin­gungen für linke Gewerk­schafts­arbeit, die sich ent­schieden gegen Stand­ort­logik stellt, wurden schlechter.

Dennoch ist der Film kein Abgesang auf geschei­terte Hoff­nungen. Mehrere Kolleg*innen betonen, dass ihre Erfah­rungen auch heute noch aktuell sind, bei Amazon oder im Kampf gegen Leih­arbeit in der Metall­branche: »Ein kon­se­quenter betrieb­licher Ver­tei­di­gungs­kampf erfordert noch immer eine gut begründete Kapi­ta­lis­mus­kritik, die Ent­larvung fal­scher Argu­mente und illu­so­ri­scher Hoff­nungen«, betont Schaumberg.

Zur Fer­tig­stellung benötigt der Film noch Geld, unter anderem für die Lizenz­ge­bühren. Bis zum 25. August sollen per Crowd­funding 4000 Euro gesammelt werden.

www.startnext​.com/gog

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​9​7​5​4​8​.​a​r​b​e​i​t​s​k​a​m​p​f​-​b​e​t​r​i​e​b​s​a​r​b​e​i​t​-​f​u​e​r​-​d​i​e​-​r​e​v​o​l​u​t​i​o​n​.html

Peter Nowak

»Open End statt Opel-Ende«

– Crowd­funding für Film über Opel-Betriebs­gruppe GoG gestartet

Viel ist in den letzten Monaten über den gesell­schaft­lichen Auf­bruch vor 50 Jahren dis­ku­tiert worden. Selten wird erwähnt, dass nicht nur Schü­le­rInnen, Jugend­liche und Stu­die­rende um 1968 auf­ge­standen sind. Auch in den Fabriken wuchs der Wider­stand. Diesen pro­le­ta­ri­schen Auf­bruch widmet sich Bärbel Schöna­finger von labournet​.tv mit ihren Doku­men­tarfilm über die Geschichte der Gruppe oppo­si­tio­neller Gewerk­schaftler (GoG) aus Opel. Gleich am Anfang wir ein Zitat aus der wirt­schafts­nahen Wochen­zeitung „Die Zeit“ vom 24.8.1973 über den Beginn der GoG ein­blendet: „Ange­fangen hatte es damit, dass sich vor etwa drei Jahren der Reli­gi­ons­lehrer Wolfang Schaumberg und der Volks­schul­lehrer Klaus Schmidt bei den Opel-Werken als Hilfs­ar­beiter ver­dingten“. Gleich danach sitzt Wolfgang Schaumburg 2018 in einem Klas­senraum vor einer Tafel und berichtet, wie er und viele Genos­sInnen mit ihrer Betriebs­arbeit die Welt­re­vo­lution vor­an­zu­treiben wollten. Er spricht über den Kontakt mit kom­mu­nis­ti­schen Genos­sInnen aus Deutschland und Spanien. Im Anschluss berich­teten Willi Hajek und Robert Schlosser von ihrer Moti­vation, den Auf­bruch von 68 in die Betriebe zu tragen. 1975 bekam die GoG bei den Betriebs­rä­te­wahlen über 5000 Stimmen und 12 Sitze im Betriebsrat. Das war auch eine Quittung für den alten Betriebsrat, der mit dem Management gekungelt hat. Noch heute schwärmen mehrere Grün­dungs­mit­glieder der GoG über die Euphorie der ersten Jahre, als sie durch die ganze Republik fuhren und über ihre Erfolge bei Opel Bochum berich­teten. Doch nach 1975 setzte die Mühe der Ebenen ein. Die Zahl der Unter­stüt­ze­rInnen im und außerhalb des Betriebs ging zurück. Einige der Akti­vis­tInnen ver­ließen die Fabrik und setzten ihr Studium fort. Doch viele blieben und ihnen gelang es, Opel Bochum zu einem rebel­li­schen Betrieb zu machen. Es begann der Kampf um den Bil­dungs­urlaub, mit dem die Beschäf­tigten eine Woche den Betrieb ver­lassen und sich mit anderen Themen beschäf­tigen konnten. Auch dem Thema „Gesundheit am Arbeits­platz“ widmete sich die GoG bereits in den 1980er Jahren. Einen großen Stel­lenwert nehmen im Film die Ver­suche der GoG ein, der kapi­ta­lis­ti­schen Kon­kurrenz eine Arbei­te­rIn­nen­so­li­da­rität ent­ge­gen­zu­setzen. Mitt­ler­weile war aus Opel GM geworden und die ein­zelne Standorte sollten gegen­ein­ander aus­ge­spielt werden. GoG-Kol­le­gInnen fuhren in den 1990er Jahren nach Polen, Spanien und in andere Länder in der Hoffnung, eine gemeinsame Front der Arbeiter Innen gegen die Kapi­tal­stra­tegie bilden zu können. Damit sind sie gescheitert, wie die Betei­ligten heute mit etwas Wehmut resü­mieren. 2004 machte Opel Bochum mit einem sieben tägigen wilden Streik gegen Ent­las­sungs­pläne Schlag­zeilen. Hier ging auch die Saat auf, die GoG mit ihrer jah­re­langen Arbeit im Betrieb gesät hat. Doch als eine große Mehrheit in der Beleg­schaft den Streik mit einer Urab­stimmung gerade in dem Augen­blick beendete, als er Wirkung zeigte, macht einige der Akti­vis­tInnen noch heute traurig. Der Rückgang des Betriebs­ak­ti­vismus machte sich auch bei den Stim­men­rück­gängen für die GoG bei den Betriebs­rats­wahlen bemerkbar. Vor allem die junge Generation fehlte. Umso wich­tiger ist der Film über die GoG, in dem die Betei­ligten ein Stück Geschichte des pro­le­ta­ri­schen 68 ver­mitteln. Um den Film fer­tig­zu­stellen, wird noch Geld gebraucht, unter Anderem für Lizenz­ge­bühren. Bis zum 25. August läuft eine Crowd­funding-Kam­pagne von labournet​.tv und GoG. Bis dahin sollen 4000 Euro gesammelt werden.

Peter Nowak

Wer für den Film spenden will, findet hier weitere Infos:
https://www​.startnext​.com/gog/

aus: express – Zeitung für sozia­lis­tische Betriebs- und Gewerk­schafts­arbeit

http://​www​.labournet​.de/​e​x​p​ress/

Merkels doppelter Sieg

Wenn es nicht gelingt, eine linke euro­päische Koope­ration gegen die Politik des deut­schen Hegemons zu bilden, wird die natio­na­lis­tische Rechte weiter auf Erfolgskurs bleiben

Merkel hat an diesem Sonntag gleich zweimal gewonnen. In Schleswig-Hol­stein wurde die CDU stärkste Partei und der ominöse Schulz-Effekt hat sich damit wohl end­gültig ver­flüchtigt. In Frank­reich siegte der Kan­didat Deutsch­lands, der mit dem erklärten Ziel ange­treten ist, eng mit den Nachbarn zu koope­rieren und all die Zumu­tungen umzu­setzen, die in Deutschland schon mit Hartz-IV und ähn­lichen wirt­schafts­freund­lichen Reformen umge­setzt wurden.

Macron hatte leichtes Spiel, weil als Alter­native nur die Rechts­po­pu­listin Le Pen zur Wahl gestanden hatte. Eine linke Alter­native gab es in Frank­reich genauso wenig wie in Holland, Öster­reich oder Italien in den letzten Monaten.
Nach der Wahl ist vor der Wahl

Obwohl Le Pen nicht Prä­si­dentin wurde, können die Rechten aber nicht unbe­dingt als Ver­lierer gelten. Sie haben gut ein Drittel der Stimmen und damit das beste Ergebnis ihrer Geschichte erzielt. Zudem hat Le Pen ein Ziel schon erreicht. Die Kon­ser­va­tiven sind zer­rieben und müssen sich erst neu for­mieren.

Es ist sehr wahr­scheinlich, dass Le Pen die Chance nutzt. Sofort nach dem Ende der Wahl hat sie einen Umbau des Front National ange­kündigt. Damit wird auch in Frank­reich der Prozess ein­setzen, in dessen Folge sich die Rechte mehr an den Inter­essen des ide­ellen Gesamt­ka­pi­ta­listen ori­en­tiert. Das wird dann Demo­kra­ti­sierung genannt. Doch zunächst geht in Frank­reich der Wahl­kampf weiter.

Bei den Par­la­ments­wahlen hofft die noch diffuse wirt­schafts­li­berale Bewegung von Macron mög­lichst viele Mandate zu bekommen. Wenn ihr das nicht gelingt, muss sich Macron bei den unter­schied­lichen anderen Frak­tionen andienen. Da dürfte es noch Pro­bleme geben. Zumal neben den Kon­ser­va­tiven auch die Sozi­al­de­mo­kraten vor einem Schutt­haufen stehen.

Eine Chance für die Linke?

Ob die Linke jen­seits der abge­wählten Sozi­al­de­mo­kraten eine Chance hat, muss sich nun zeigen. Der in Mar­seille lebende Basis­ge­werk­schaftler Willi Hajek (siehe Tie – Inter­na­tio­nales Bildungswerk[1]) lie­ferte einige Impres­sionen zum Wahltag in Süd­frank­reich. Sein Fazit:

Die Bewegung des »rebel­li­schen Frank­reich« um Mélenchon hat sich for­miert und ist zu einem wirklich neuen gesell­schaft­lichen Akteur geworden, die im Gegensatz zu Macron auch ein Profil gewonnen hat und mit der sich Hoff­nungen ver­binden, ähnlich wie mit der Nuit debout- Bewegung im letzten Jahr. Macron und seine Bewegung »en marche« ist die neo­li­berale Kraft und Fort­set­zerin der bis­he­rigen Regie­rungs­po­litik, nur mit einem neuen Per­sonal und jün­geren Gesichtern, die aus den­selben Eli­te­hoch­schulen und Poli­tik­kreisen kommen wie die Vor­gänger, nur nicht offi­ziell an die alten eta­blierten Par­teien ange­bunden sind.

Er will auch all das fort­setzen, was Hol­lande begonnen hat, vor allem das neue Arbeits­gesetz, die schär­feren Rege­lungen im Arbeits- und Sozi­al­hil­fe­recht. Er hofft dabei wie in Deutschland auf Unter­stützung aus Gewerk­schafts­kreisen für diese Politik. Gleich­zeitig wird er auch scharf vor­gehen mit­hilfe seiner Poli­zei­kom­mandos gegen all die, die diese Politik ablehnen werden. Nicht von ungefähr hat er Unter­stützung bekommen von einer der übelsten reak­tio­nären Poli­zei­ge­werk­schaften. Mit dem 8. Mai beginnt sicherlich ein neuer Abschnitt. Gut ist natürlich, dass viele, die Macron gewählt haben, um Le Pen zu ver­hindern, keine Illu­sionen über Macron haben anders als ehemals 2012 zu Zeiten der Wahl für Hol­lande.
Willi Hajek

»Wir brauchen ein Europa der sozialen Bewe­gungen«

Sollte diese Erneuerung der Linken jen­seits der Sozi­al­de­mo­kratie gelingen, wäre das tat­sächlich ein euro­päi­scher Impuls, der in der letzten Zeit von Wirt­schafts­li­be­ralen aller Couleur so oft stra­pa­ziert wurde. In einem Interview[2] mit der Wochen­zeitung Freitag hat der im letzten Jahr in Deutschland bekannt gewordene Soziologe Didier Eribon schon Wochen vor der Wahl[3] skiz­ziert, was pas­siert, wenn die Erneuerung der Linken aus­bleibt: Dann hat eine umge­baute Rechte viel­leicht mit neuen Namen eine noch größere Chance, die Wahlen zu gewinnen.

Über das jetzt ein­ge­tretene und erwartete Wahl­er­gebnis hatte Eribon früh­zeitig gesagt: »Ihn (Macron, Einf. d. A.) zu wählen, bedeutet nicht etwa, gegen Le Pen zu stimmen. Es hieße vielmehr dafür zu sorgen, dass Marine Le Pen in fünf Jahren gewinnen wird.«

Eribons Begründung klingt plau­sibel:

Macron sagte jüngst, Frank­reich ist immer gegen Reformen. Wenn er von Reformen spricht, meint er immer nur neo­li­berale Reformen. Wenn das die euro­päische Agenda ist, die auf den Tisch liegt, und Macron und Merkel sie umzu­setzen, wird es eine alb­traum­hafte Situation für unser Land geben.
Didier Eribon

In dem Interview distan­zierte sich Eribon auch erfreulich klar von allen natio­na­lis­ti­schen und auch links­po­pu­lis­ti­schen Anwand­lungen und skiz­zierte das Bild eines anderen Europas:

Was wir auf­bauen müssen, ist ein Europa der sozialen Bewe­gungen und der Gewerk­schaften; der Intel­lek­tu­ellen, ein kul­tu­relles Europa.
Didier Eribon

Gegen das Europa von Schäuble und Co.

Mag das auch noch sehr vage sein, so hat Eribon zumindest einen Kontrapunkt[4] gegen das Euro­pa­gerede gesetzt, das in den letzten Wochen im Zusam­menhang mit der Frank­reich-Wahl besonders laut wurde.

Wenn hier ein Zusam­men­bruch von Europa an die Wand gemalt wurde und von einer euro­päi­schen Schick­salswahl schwa­dro­niert wurde, war immer die EU mit dem Hegemon Deutschland gemeint. Dabei müsste genau gegen dieses EU-Kon­strukt linke Oppo­sition laut werden, um die so viel stra­pa­zierte euro­päische Idee zu retten.

»Wenn die Linke Europa nicht aufs Spiel setzen will, muss sie die Staa­ten­ge­mein­schaft gegen Schäuble & Co. ver­tei­digen«, hat der Publizist Michael Jäger erfreulich deutlich formuliert[5]. Dabei sieht Jäger eine Zäsur in der EU im Jahr 2000:

Die EU-Ver­fassung sieht kein Her­renvolk vor. Alle Mit­glieds­staaten sind gleich­be­rechtigt: Das ist gut und hat auch funk­tio­niert. Nach dem Ende des Kalten Krieges war es Konsens unter Poli­tikern der dama­ligen euro­päi­schen Gemein­schaft, dass Europas Ent­wicklung zum Modell einer neuen Welt­ordnung tauge. Zu Bei­tritten ost­eu­ro­päi­scher Staaten ist es auch tat­sächlich gekommen, geträumt wurde sogar von einem Angebot an Israel und Palästina, die Zwei­staa­ten­lösung innerhalb der EU zu rea­li­sieren. Viel­leicht wäre sie dann gekommen!

Doch nach 2000 hat sich etwas ver­ändert. Deutschland wurde in den 1950er Jahren zum Wirt­schafts­wun­derland, kam dann als stärkste Wirt­schafts­macht zur EU, deren Ver­fassung 1992 in Maas­tricht beschlossen wurde. Der 2002 ein­ge­führte Euro sollte das Mittel sein, Deutschland öko­no­misch ein­zu­binden. Es ist anders gekommen, Deutschland benutzt den Euro dazu, andere EU-Staaten nie­der­zu­kon­kur­rieren.
Michael Jäger

Jägers Vor­schlag, die Linke muss in Deutschland gegen die Politik von Schäuble und Co. kämpfen, hat nur einen Nachteil. Genau diese Politik hat über alle Par­teien Unter­stützer.

Der Kampf gegen die deutsche Aus­beu­tungs­po­litik kann nur in Deutschland selbst gewonnen werden. Die Linke darf Europa nicht aufs Spiel setzen. Sie muss es gegen Schäuble und Co. ver­tei­digen. Der Gedanke, auf ein Euro­pa­re­fe­rendum in Deutschland hin­zu­ar­beiten, ist nicht nur der AfD gekommen, sondern auch Poli­tikern der Links­partei. Sie machen sich von der AfD unun­ter­scheidbar, wenn sie »Europa: Ja oder Nein?« fragen oder auch nur in die Nähe einer solchen Alter­native geraten. Die Frage muss vielmehr lauten, ob das EU-Deutschland fort­fahren darf, andere EU-Länder öko­no­misch zu bekämpfen.
Michael Jäger

Doch hier irrt Jäger. Tat­sächlich kann dieser Kampf gegen den deut­schen Hegemon nur in der EU gewonnen werden. Aktuell besteht die Crux darin, dass die natio­na­lis­tische Rechte sich in vielen euro­päi­schen Ländern als Kämpfer gegen diese deutsche Vor­herr­schaft pro­fi­liert und nur ihren eigenen Natio­na­lismus dage­gen­setzt.

Eine linke Bewegung, die der deut­schen Aus­teri­täts­po­litik Paroli bietet, ist bereits im Sommer 2015 in Grie­chenland gescheitert. Für die Deutsch-EU könnte nun der Wahlsieg ihres Zög­lings Macron ein Grund mehr sein, die alte Politik einfach fort­zu­setzen. Dann aber kann sich spä­testens in fünf Jahren eine wie auch immer umge­baute Rechte mehr Chancen aus­rechnen, in Frank­reich und anderen euro­päi­schen Ländern.

Peter Nowak
https://​www​.heise​.de/​t​p​/​f​e​a​t​u​r​e​s​/​M​e​r​k​e​l​s​-​d​o​p​p​e​l​t​e​r​-​S​i​e​g​-​3​7​0​5​4​4​3​.​h​t​m​l​?​s​e​ite=2
URL dieses Artikels:
http://​www​.heise​.de/​-​3​7​05443

Links in diesem Artikel:
[1] http://​www​.tie​-germany​.org/​p​u​b​l​i​c​a​t​i​o​n​s​/​t​i​e​_​p​u​b​l​i​c​a​t​i​o​n​s​/​R​S​_​1​5​_​T​I​E.pdf
[2] https://​www​.freitag​.de/​a​u​t​o​r​e​n​/​d​e​r​-​f​r​e​i​t​a​g​/​e​i​n​-​e​u​r​o​p​a​-​d​e​r​-​s​o​z​i​a​l​e​n​-​b​e​w​e​g​ungen
[3] https://​twitter​.com/​d​i​d​i​e​r​e​r​i​b​o​n​/​s​t​a​t​u​s​/​8​5​9​3​9​6​0​9​0​6​2​9​6​77056
[4] http://​www​.faz​.net/​a​k​t​u​e​l​l​/​f​e​u​i​l​l​e​t​o​n​/​d​e​b​a​t​t​e​n​/​d​i​d​i​e​r​-​e​r​i​b​o​n​-​z​u​r​-​k​r​i​s​e​-​d​e​r​-​l​i​n​k​e​n​-​i​n​-​f​r​a​n​k​r​e​i​c​h​-​1​4​9​7​3​6​0​5​.​h​t​m​l​?​p​r​i​n​t​P​a​g​e​d​A​r​t​i​c​l​e​=​t​r​u​e​#​p​a​g​e​I​n​dex_2
[5] https://​www​.freitag​.de/​a​u​t​o​r​e​n​/​m​i​c​h​a​e​l​-​j​a​e​g​e​r​/​e​u​r​o​p​a​-​f​u​e​r​-​f​r​i​e​d​f​e​rtige

»Alle sollen aufstehen«

Willi Hayek über die Dynamik der »Nuit debout«-Versammlungen.Willi Hayek ist Autor und in der basis­ge­werk­schaft­lichen Bil­dungs­arbeit in Deutschland und Frank­reich tätig. Er lebt und arbeitet in Mar­seille und Berlin.

Wieso gab und gibt es »Nuit debout«-Versammlungen in den ver­gan­genen Wochen in so vielen Städten Frank­reichs?

Diese Ver­samm­lungen gibt es seit dem 9. März, seit der ersten lan­des­weiten Demons­tration gegen das neue Arbeits­gesetz. Initiiert wurden sie von einer kleinen Gruppe von Fil­me­ma­chern, Thea­ter­leuten, Jugend­lichen und Basis­ge­werk­schaftern. Inzwi­schen haben sich die Beset­zungen von öffent­lichen Plätzen auf eine Reihe von Städten aus­ge­weitet. In den Regionen und Orten kommen die Initia­toren aus sehr unter­schied­lichen Zusam­men­hängen. In den eta­blierten Medien wird zumeist nur von Paris und dem Platz der Republik gesprochen, wenn von der »Nuit debout«-Bewegung die Rede ist. Die Zusam­men­setzung der Ver­samm­lungen wie auch deren Themen sind aber sehr unter­schiedlich. Gemeinsam ist die Debatte über das neue Arbeits­gesetz und eine Welt der immer weiter ent­re­gelten Lohn­arbeit in allen Bereichen, wobei sich das Kräf­te­ver­hältnis immer mehr zugunsten des Kapitals ver­schiebt. Deshalb wird dieses Gesetz auch oft als loi du capital, als das Gesetz des Kapitals, bezeichnet. Aber bei »Nuit debout« treffen Akteure aus lokalen Kämpfen mit Akteuren aus der Region und lan­des­weiten Bewe­gungen zusammen. Man lernt sich kennen und berichtet über die unter­schied­lichen Kämpfe. Es gibt auch Initi­ta­tiven wie »Psych­iatrie debout« und »Hôpital debout«. Das ist ein Aufruf an alle, die in der Psych­iatrie und in Kran­ken­häusern leben oder ihre Lohn­arbeit dort ver­richten.

Gibt es nach mehr als einen Monat nicht Ermü­dungs­er­schei­nungen bei der Bewegung?

Alle diese Ver­samm­lungen sind Teil einer gemein­samen poli­ti­schen Bewegung, die das Ziel hat, die Regierung zur Rück­nahme des geplanten neuen Arbeits­ge­setzes zu zwingen. Daher können sich die Dynamik und das Potential von »Nuit debout« noch ver­stärken und aus­weiten. Ob das geschieht, hängt von der Ent­schlos­senheit der nächsten großen Streik- und Stra­ßen­ak­tionen am 28. April und in den fol­genden Tagen ab. Ziel ist natürlich tous debout partout – alle sollen auf­stehen, überall – und nicht nur nachts.

Welche Rolle spielt Militanz in der Bewegung?

Debatten über die Militanz des Wider­stands und die unter­schied­lichsten Akti­ons­formen finden auf den Ver­samm­lungen statt, aber die von den Medien und der Regie­rungen erwünschte Spaltung der Bewe­gungen sind für mich nicht sichtbar. Die Debatten haben eher dazu geführt, dass die Bru­ta­lität und die Gewalt der Poli­zei­ein­sätze gegen die Bewegung bekannt werden. Hier sind es gerade auch die mili­tanten und kämp­fe­ri­schen Teile der Gewerk­schaften, Sud-Soli­daires, GGT sowie unab­hängige bekannte Per­sön­lich­keiten, die mit Auf­rufen und Pla­katen die Gewalt der CRS (ein kaser­nierter Verband der fran­zö­si­schen Polizei, Anm. d. Red.) und anderer Teile der poli­zei­lichen Ein­satz­truppen anprangern und kri­ti­sieren.

Nach der Räumung des Flücht­lings­camps in Calais spielte auch das Thema Ras­sismus eine größere Rolle. Ist es bei »Nuit debout« Thema?

Sans papiers, Aktive aus der Flücht­lings­be­wegung und dem Camp in Calais berichten auf den Ver­samm­lungen über die Zustände. Hinzu kommt aber eine wichtige Debatte über den Gene­ral­streik in Mayotte, dem 101. fran­zö­sichen Über­see­de­par­tement. Er hat bisher zwei Wochen gedauert, ist seit Freitag vor­über­gehend aus­ge­setzt und hat als Streik­for­derung die reale Gleichheit der Insel­be­wohner mit den Bewohnern im euro­päi­schen Frank­reich. Der Streik wurde sehr militant mit Straßen- und Hafen­blo­ckaden auf der ganzen Insel geführt. In den eta­blierten Medien wird dieser Arbeits­kampf kaum beachtet, obwohl er in seiner Ent­schlos­senheit sehr stark an den 44tägigen Gene­ral­streik auf Gua­de­loupe vor einigen Jahren erinnert.

Wie reagierten die Gewerk­schaften auf die neue Bewegung?

CGT und Sud ver­suchen natürlich, in ihren betrieb­lichen Zusam­men­hängen und zu agieren, vor allem die geplanten Streik­ak­tionen vor­zu­be­reiten und zu stärken. Aber auch Treffen und Ver­samm­lungen vor Ort wie bei Renault in Bil­lan­court werden zusammen mit Stu­denten und Jugend­lichen initiiert. Eine wichtige Aufgabe haben die Eisen­bahner, die in Vor­be­reitung des nächsten Streiktags am 28. April schon am Dienstag mit einem Streik beginnen. Eine weitere agile Gruppe in der Bewegung sind die pre­kären Kul­tur­ar­beiter, die inter­mittents, die durch Beset­zungen von Theatern wie in Mont­pellier und Bor­deaux ein sehr dyna­mi­sches und mutiges Element in dieser sozialen Bewegung ver­körpern.

Haben die Pro­teste über­haupt einen eman­zi­pa­to­ri­schen Cha­rakter oder ist es eher ein Ritual, wie es in einigen Erklä­rungen liber­tärer Gruppen heißt?

Seit Beginn der Aktionen im März durch­zieht das Land ein rebel­li­scher Geist, genau der wird auch spürbar auf all den Ver­samm­lungen, Aktionen und Debatten, die ich in den letzten Wochen an unter­schied­lichen Orten und in sehr ver­schie­denen Zusam­men­hängen erlebt habe. Bei diesen Debatten kommt es natürlich auch zu Kon­flikten, aber das gehört zu einer leben­digen, demo­kra­ti­schen Kultur dazu.

Sind diese Pro­teste ein Neu­aufguss der »Occupy«-Bewegung in Frank­reich?

Gemeinsam ist das Aneignen der öffent­lichen Räume, der Aus­bruch aus der all­täg­lichen Ordnung, die viel­fäl­tigen Initia­tiven, das Erleben einer soli­da­ri­schen Gesell­schaft. Eine über­grei­fende, gemeinsame gesell­schaft­liche Bewegung gegen ein Arbeits­gesetz, die die unter­schied­lichsten Teile der Lohn­arbeit, der Erwerbs­losen, der Migranten, der rebel­li­schen Gesell­schaft zusam­men­bringt, unter­scheidet die Pro­teste in Frank­reich von der Occupy-Bewegung.

Es gibt Ver­suche, »Nuit debout« auf ver­schiedene euro­päische Länder aus­zu­weiten. Warum zündet der Funke nicht?

Die jetzige Bewegung in Frank­reich hat eine Vor­ge­schichte. Es haben in den ver­gan­genen Monaten an vielen Orten in den unter­schied­lichsten Bereichen lokale Streiks und Aktionen statt­ge­funden, so bei der Post-Telekom, Air France und der fran­zö­si­schen Bahn. Aber zu einer lan­des­weiten Bewegung war es nicht gekommen. Alle war­teten auf den aus­lö­senden Funken. Jetzt ist er da. Das ver­ändert das gesell­schaft­liche Klima und das ist nicht nur in den großen Städten spürbar. Eine solche Bewegung lässt sich nicht einfach in andere Länder über­tragen, aber das Lernen von­ein­ander ist wichtig.

So wurde mit großen Interesse ver­folgt, wie die linke Stadt­re­gierung in Bar­celona mit einem Streik der Bus­fahrer in der Stadt umge­gangen ist. Auch die Berichte über die internen Wider­sprüche und Macht­kämpfe innerhalb der Podemos-Bewegung in Spanien stoßen auf großes Interesse.

Könnte aus der aktu­ellen Bewegung eine Art fran­zö­sische Podemos ent­stehen?

In der Bewegung gibt es eine starke Abneigung gegen Ver­ein­nah­mungs­ver­suche durch poli­tische Par­teien, Gewerk­schaften und reprä­sen­tative Per­sön­lich­keiten, die diese Bewegung für ihre poli­ti­schen Pro­jekte nutzen wollen. Es gibt ein starkes Bedürfnis, sich vor Ort gesell­schaftlich zu ver­ankern, hand­lungs­fähig zu werden, das soziale Klima und das Kräf­te­ver­hältnis zu ver­ändern. Man will sich nicht reprä­sen­tieren lassen.

In dieser Situation haben Aktive aus dem Umfeld der Gewerk­schaften Sud und CGT die Initiative zur Gründung einer neuen Tages­zeitung ergriffen, die Le progrès social heißt.

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​6​/​1​7​/​5​3​9​0​4​.html

Interview: Peter Nowak

Tarifeinheit: Gesetz ohne Anwendung

Ende 2016 entscheidet Karlsruhe über umstrittene Regelung

»Hände weg vom Streik­recht, für volle gewerk­schaft­liche Akti­ons­freiheit«, lautete im letzten Jahr das Motto einer Kam­pagne von Sparten- und Basis­ge­werk­schaften gegen das Tarif­ein­heits­gesetz. Es sieht vor, dass bei kon­kur­rie­renden Gewerk­schaften in einem Betrieb, nur die Orga­ni­sation mit den meisten Mit­gliedern einen Tarif­vertrag abschließen kann. Den Min­der­hei­ten­ge­werk­schaften bleibt dieses Recht versagt. Dagegen mobi­li­sierten die Kri­tiker, doch ohne Erfolg. Am 22. Mai 2015 beschloss der Bun­destag das Tarif­ein­heits­gesetz.

Heute, ein Drei­vier­teljahr nach Inkraft­treten, ist nicht viel damit pas­siert. »Das Gesetz wurde bisher nicht ange­wendet. Daher planen wir im Augen­blick keine Aktionen«, bestä­tigte Willi Hajek gegenüber »nd«. Der Basis­ge­werk­schafter war im letzten Jahr an der Kam­pagne gegen das Tarif­ein­heits­gesetz beteiligt. »Die Dis­kussion wird wieder auf­flammen, wenn Gewerk­schaften außerhalb des DGB für einen Tarif­vertrag kämpfen«, ist Hajek über­zeugt.

»GDL droht die Ent­machtung«, hatte die »Frank­furter Rund­schau« bald nach der Ver­ab­schiedung des Gesetzes getitelt. Damals befand sich die Lok­füh­rer­ge­werk­schaft in einer Tarif­aus­ein­an­der­setzung mit der Deut­schen Bahn und hatte mehrfach zum Streik auf­ge­rufen. Die GDL konnte letztlich eine Ver­ein­barung durch­setzen, die die Anwendung des Tarif­ein­heits­ge­setzes bis 2018 aus­schließt. Die DGB-Eisen­bah­ner­ge­werk­schaft EVG hat in den meisten Bereichen des Unter­nehmens mehr Mit­glieder.

Spä­testens Ende 2016 wird das Gesetz noch einmal Thema. Dann will das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in Karlsruhe über die Ver­fas­sungs­be­schwerden ent­scheiden, die Spar­ten­ge­werk­schaften wie der Mar­burger Bund, die GDL und der Deutsche Jour­na­lis­ten­verband gegen das Gesetz ein­ge­reicht hatten.

Rolf Geffken ist zuver­sichtlich, dass das Tarif­ein­heits­gesetz gekippt wird. In einer im VAR-Verlag erschie­nenen Bro­schüre unter dem Titel »Streik­recht, Tarif­einheit, Gewerk­schaften« hat der Arbeits­rechts­anwalt Argu­mente für seine Position zusam­men­ge­tragen. Er weist den Mono­pol­an­spruch des DGB zurück. Eine ein­heit­liche Gewerk­schafts­be­wegung könne im Tarif­kampf durchaus von Vorteil sein. Doch die müsse von den Mit­gliedern getragen an der Basis ent­stehen und könne nicht durch gesetz­liche Maß­nahmen ver­ordnet werden, betont Geffken.

Folgen die Richter seiner Argu­men­tation, könnte das Tarif­ein­heits­gesetz juris­tisch gestoppt werden. Die Mobi­li­sierung dagegen hatte auch dar­unter gelitten, dass Vor­stände der DGB-Ein­zel­ge­werk­schaften außer der Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di, der NGG und der GEW das Tarif­ein­heits­gesetz unter­stützt hatten. Die Gegen­kam­pagne wurde von Gewerk­schafts­linken, den Spar­ten­ge­werk­schaften aber auch Basis­ge­werk­schaften wie der Freien Arbei­ter­union (FAU) getragen.

Die Ber­liner FAU-Sekre­tärin Jana König weist gegenüber »nd« darauf hin, dass es neben der Tarif­einheit zahl­reiche Mög­lich­keiten gibt, Gewerk­schafts­rechte ein­zu­schränken. So wurde der Ber­liner FAU Ende März unter Androhung von bis zu 250 000 Euro Strafe oder ersatz­weiser Haft von bis zu sechs Monaten für die amtie­rende Sekre­tärin untersagt, den Namen eines Restau­rants in Berlin-Mitte zu nennen, von dem ein Gewerk­schafts­mit­glied aus­ste­hende Löhne ein­fordert.

Peter Nowak

Streikrecht ist ein Grundrecht

Der Streit um die gesetzliche Regelung der Tarifeinheit nimmt kein Ende / Im April soll demonstriert werden

»Wo ein Streik regle­men­tiert oder gar ver­boten ist, handelt es sich um reine Dik­ta­turen.« Diese dras­tische Ein­schätzung stammt von dem ehe­ma­ligen ÖTV-Vor­sit­zenden Heinz Kluncker aus den 70er Jahren. Daran erinnern »Linke Haupt­amt­liche in ver.di« in einer Erklärung nicht ohne Grund.

Aktuell will die Bun­des­re­gierung das Streik­recht regle­men­tieren, und der DGB-Vor­stand und ein großer Teil der Ein­zel­ge­werk­schaften stimmen dem von der Bun­des­ar­beits­mi­nis­terin Andrea Nahles (SPD) am 5. März in den Bun­destag ein­ge­brachten Tarif­ein­heits­gesetz sogar zu.

Nach den Vor­stel­lungen der Bun­des­re­gierung kann ein Tarif­vertrag nur dann Anwendung im Betrieb finden, wenn die ver­trags­schlie­ßende Gewerk­schaft die Mehrheit der Mit­glieder hat. Spar­ten­ge­werk­schaften, die nur in ein bestimmtes Segment der Beschäf­tigten ver­treten, wären dadurch im Nachteil. Denn, wenn sie nicht tarif­ver­trags­fähig sind, sinkt auch ihre Ver­hand­lungs­macht.

Unter dem Motto »Hände weg vom Streik­recht« ruft ein Bündnis linker Gewerk­schaf­te­rInnen für den 18. April zu einer bun­des­weiten Demons­tration nach Frankfurt am Main auf. Die Initiative dazu hat eine Arbeits­gruppe ergriffen, die sich auf einer Akti­ons­kon­ferenz am 24. Januar in Kassel gegründet hat. Zu den Unter­stützern der Demons­tration gehören neben der anar­cho­syn­di­ka­lis­ti­schen Basis­ge­werk­schaft Freie Arbei­ter­union (FAU), die Lok­füh­rer­ge­werk­schaft GDL und ver­schiedene links­ge­werk­schaft­liche Initia­tiven. Von den acht DGB-Mit­glieds­ge­werk­schaften findet sich keine unter den Unter­stüt­ze­rInnen der Demons­tration, die sich gegen das Tarif­ein­heits­ge­setzt posi­tio­niert haben. »Wir haben über diese Demons­tration kei­nerlei Infor­ma­tionen«, erklärte eine Mit­ar­bei­terin der Pres­se­stelle der Gewerk­schaft Erziehung und Wis­sen­schaft (GEW), die sich von Anfang gegen das Tarif­ein­heits­gesetz stellte.

Die GEW unter­stützt gemeinsam mit der NGG eine Unter­schrif­ten­sammlung der Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di gegen das Gesetz. Doch obwohl sich die Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft seit Jahren klar gegen die Tarif­einheit aus­spricht, ist diese Frage orga­ni­sa­ti­ons­intern nicht unum­stritten, wie Erdogan Kaya von der linken Basis­gruppe ver.di-aktiv auf der Ber­liner Mobi­li­sie­rungs­ver­an­staltung für die Demons­tration in der letzten Woche erklärte. Er machte darauf auf­merksam, dass ver.di.-GewerkschafterInnen bei­spiels­weise bei der Luft­hansa das Tarif­ein­heits­gesetz unter­stützen. Anders als bei ver.di sind in der IG Metall die Gegner der Initiative in der Min­derheit.

Dazu gehört Günther Triebe vom Ber­liner IG Metall Orts­vor­stand, der auf der Ver­an­staltung gesprochen hat. Der Basis­ge­werk­schafter Willi Hajek erin­nerte in seinen Abschluss­beitrag an eine Äußerung des dama­ligen DGB-Vor­sit­zenden Michael Sommer, der sich 2012 gegen den Gene­ral­streik spa­ni­scher Gewerk­schafter aus­ge­sprochen und ihnen den Rat gegeben hat, dass in Kri­sen­si­tua­tionen Gewerk­schafter und Arbeit­geber koope­rieren sollen. Genau von diesem Geist der Sozi­al­part­ner­schaft sei auch das Tarif­ein­heits­gesetz geprägt. Hajek hat schon Pläne über die Demons­tration hinaus. Wenn am 21. und 22. Mai das Tarif­ein­heits­gesetz in zweiter und dritter Lesung im Bun­destag beraten und ver­ab­schiedet wird, soll auf einer Alter­na­tiv­ver­an­staltung darüber dis­ku­tiert werden, wie das Grund­recht auf Streik durch­ge­setzt werden kann.

Peter Nowak

Tour de France mit Renault

Das Renault-Werk in Bou­logne-Bil­lan­court war einst die Hochburg der Arbei­ter­be­wegung in Frank­reich. Heute erinnert man sich dort weh­mütig der alten Zeiten.

»Hier war schon morgens vor Schicht­beginn die Hölle los«, sagt Emma­nuelle Dupuy. Sie steht auf dem Vor­platz der Fabrik in Bou­logne-Bil­lan­court in unmit­tel­barer Nähe von Paris. Heut­zutage kann man auf­grund der dichten Ver­kehrs­ver­bin­dungen zur fran­zö­si­schen Haupt­stadt so dicht, dass man gar nicht mehr erkennen, dass es sich um einen eigenen Ort handelt. Auf den ersten Blick wirkt der Ort mit seinen umwelt­ge­recht gebauten Bun­galows, für die viel Glas und Holz ver­wendet wurde, wie einer jener Orte der Medien- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­in­dustrie, die in den ver­gan­genen Jahr­zehnten am Rande vieler Groß­städte der Welt aus dem Boden geschossen sind.

Doch Bil­lan­court war einst das Herz des for­dis­ti­schen Frank­reich. Hier hatte das Renault-Stammwerk seinen Sitz. Vor Schicht­beginn ver­sam­melten sich hier jeden Morgen Tau­sende Beschäftige auf dem Platz. Dupuy war eine von ihnen: »Hier waren überall kleine Cafés, wo wir uns morgens um sechs Uhr erst einmal einen café calva, einen Kaffee mit viel Rum, geneh­migten, bevor wir durch das Tor schritten, hinter dem das Fabrik­system mit Fließband und Stechuhr regierte«, erinnert sie sich. »Das war eher Rum mit Kaffee«, berichtigt Robert Kosmann seine frühere Kol­legin lachend. Die beiden ehe­ma­ligen Renault-Beschäf­tigten sind längst pen­sio­niert. Heute sind sie nach Bil­lan­court gekommen, weil sie einer Gruppe von Basis­ge­werk­schaftern aus Deutschland etwas von der Zeit ver­mitteln wollen, als hier noch der Renault vom Band lief.

»Tour de France« nennt sich diese all­jähr­liche ein­wö­chige Erkun­dungs­fahrt ins Paris der sozialen Revolten und Arbeits­kämpfe. »Unsere Besuche begannen in den neun­ziger Jahren«, sagt der Basis­ge­werk­schafter Willi Hajek, der die sozialen Bewe­gungen Frank­reichs gut kennt. 1995 begeis­terte der große Streik der Eisen­bahner in Frank­reich auch in Deutschland viele Gewerk­schafter. Schließlich war­teten die fran­zö­si­schen Kol­legen nicht, bis ihnen ein Gewerk­schafts­vor­stand das Signal zum Kampf gab. Sie grün­deten Streik­ko­mitees und ent­schieden dort gemeinsam über den Ablauf und die Dauer ihres Arbeits­kampfes. Damals fragten sich auch manche Gewerk­schafter hier­zu­lande, wann sie auch in Deutschland endlich fran­zö­sisch reden lernen, erst einmal mit den eigenen Gewerk­schafts­vor­ständen, die selbst­or­ga­ni­sierte Kämpfe behindern, und dann mit den Bossen, wenn es um den Kampf um höhere Löhne und Arbeits­zeit­ver­kürzung geht. »Kämpfen wie in Frank­reich«, lautete damals eine häufige Parole.

Ohne Zeit­zeugen wie Emma­nuelle Dupuy und Robert Kosmann wäre von der langen Geschichte von Renault nur das legendäre Tor zu sehen, durch das alle Arbeiter schreiten mussten. Neben einer Wer­be­tafel, auf der die modernsten Lofts und Workspaces für die Arbeit im Inter­net­zeit­alter beworben werden, wirkt es wie ein Muse­ums­stück aus einer längst ver­gan­genen Epoche. Und doch bestimmte es jahr­zehn­telang für Dupuy, Kosmann und viele Tau­sende Men­schen den Alltag. Hinter dem Tor begann für sie nicht nur die Welt der Fließ­bänder und Stech­uhren, die den Takt der Arbeit bestimmten. Für sie war die Fabrik auch ver­bunden mit aktiven Betriebs­zellen der Gewerk­schaft, die mit roten Fahnen durch das Tor mar­schierten, wenn sie wieder einmal einen Arbeits­kampf beschlossen hatten. Das kam bei Renault sehr häufig vor. Schließlich trug das Werk lange Zeit den Bei­namen »rote Festung«. Für die einen war es ein Kom­pliment, für die anderen eine Drohung.

Auf vielen Fotos sieht man die Arbei­ter­kol­lektive, die sich auf dem Vor­platz ver­sammelt hatten. Oft begann der Aus­stand mit einer lauten Demons­tration über das Fabrik­ge­lände. Kampf­pa­rolen wurden gerufen und die noch unent­schlos­senen Kol­legen auf­ge­fordert, sich dem Streik anzu­schließen. Am Ende einer solchen Demons­tration gab es nur wenige, die sich dem Arbeits­kampf ver­wei­gerten. Schließlich spielten in der Fabrik nicht nur zu Streik­zeiten poli­tische und gewerk­schaft­liche Themen eine wichtige Rolle.

Lange Zeit war das Renault-Werk eine Hochburg der CGT, der der Kom­mu­nis­ti­schen Partei Frank­reichs nahe­ste­henden Gewerk­schaft. Zahl­reiche Arbeiter enga­gierten sich in den Betriebs­zellen von CGT und FCP. Das war die Welt der kom­mu­nis­ti­schen Gewerk­schafter, deren Tod der Fil­me­macher Chris Marker in seinem berühmten Film »Rot liegt in der Luft« eine Sequenz gewidmet hat. Für diese Generation aktiver Arbeiter war das Enga­gement in der Gewerk­schaft und in Par­tei­be­triebs­zellen ein wich­tiger Teil ihres Lebens. Die Fabrik wurde als Gesell­schaft im Minia­tur­format ver­standen.

In den sieb­ziger Jahren, als der Film von Chris Marker die linke Öffent­lichkeit beschäf­tigte, war dieser Arbei­ter­typus auch bei Renault bereits in die Min­derheit geraten. Die durch den gesell­schaft­lichen Auf­bruch von 1968 sozia­li­sierte Arbei­ter­ge­neration war nicht mehr davon über­zeugt, dass sich im Betrieb die Gesell­schaft im Kleinen abbildet, und sie stellte sich auch die Frage, ob sie in einer Gesell­schaft leben will, die wie eine Fabrik orga­ni­siert ist. Sie hin­ter­fragte das linke Arbeits­ethos und die Hier­ar­chien in den Gewerk­schaften. Für diese Men­schen war der Femi­nismus kein Neben­wi­der­spruch mehr und Öko­logie kein Mit­tel­stands­problem. Sie orga­ni­sierten sich in linken Gruppen wie der Gauche Pro­lé­ta­rienne, der pro­le­ta­ri­schen Linken, die nach dem Mai 1968 auch bei Renault Anhänger fand. Schnell geriet diese junge Betriebs­linke mit der CGT in Kon­flikt, die ihre Hege­monie im Werk von links bedroht sah.

Im Film »Reprise« von Hervé Le Roux steht eine junge Arbei­terin im Mit­tel­punkt, die sich am Ende eines Streiks weigert, die Arbeit wie­der­auf­zu­nehmen und sich wieder dem Takt der Stechuhr zu unter­werfen. Auf der einen Seite stehen Mit­glieder der CGT, die sie zum Betreten der Fabrik bewegen wollen, auf der anderen Seite bestärken Mit­glieder ver­schie­dener linker Oppo­si­ti­ons­gruppen die Frau in ihren Ent­schluss, nicht zur Arbeit zurück­zu­kehren. Diese Aus­ein­an­der­setzung spielte sich vor den Toren der Fabrik Wonder in Saint-Ouen ab. Aber sie steht für ein Muster, das sich in den sieb­ziger Jahren vor vielen Fabrik­stand­orten wie­der­holte, auch vor dem Eingang von Renault.

Die beiden Kol­legen können sich an viele solcher Situa­tionen erinnern. »Hier standen die CGT-Redner, die die Arbeiter auf­for­derten, sich nicht von ultra­linken Pro­vo­ka­teuren beein­flussen zu lassen«, erinnert sich Dupuy an Aus­ein­an­der­setzung über das Ende eines Arbeits­kampfes bei Renault und zeigt auf den großen Platz. »Auf der anderen Seite standen die Redner von ver­schie­denen linken Gruppen, die an die Kol­legen appel­lierten, sich nicht von den Refor­misten der CGT in die Irre führen zu lassen und den Kampf mit einem eigenen Komitee fort­zu­setzen.« Die Aus­ein­an­der­setzung wurde per Megaphon und mit großer Laut­stärke aus­ge­tragen. Einige Über­eifrige auf beiden Seiten sparten dabei auch nicht mit Schimpf­wörtern und Ver­bal­in­jurien in die Richtung der jeweils anderen Seite.

Gele­gentlich blieb es nicht dabei. Der Ord­ner­dienst der CGT war dafür bekannt, dass er Kri­tiker der Vor­stands­linie auch mit Gewalt von Aktionen abhielt. Aber auch die linken Kon­kur­renten, oft mao­is­ti­scher Pro­ve­nienz, gingen kör­per­lichen Aus­ein­an­der­set­zungen nicht aus dem Weg, wenn es gegen die ver­hassten »Sozi­al­im­pe­ria­listen« ging. Ein Großteil der Arbeiter stand zwi­schen den ver­fein­deten Fronten und sah sich das Schau­spiel kom­men­tarlos an, erinnern sich die beiden Gewerk­schafter. Solche Epi­soden scheinen heute ebenso aus einer anderen Epoche zu stammen wie das Renault-Tor. Dupuy und Kosmann müssen darüber lachen, wenn sie ver­wundert fest­stellen, wie über­zeugt doch alle Betei­ligten waren, die Gesell­schaft auf ihrer Seite zu haben.

Heute ist die rote Arbei­ter­festung Renault geschleift. Die Betriebs­ge­bäude sind längst abge­rissen. Neben dem Tor sind als stei­nerne Zeug­nisse noch einige Ver­wal­tungs­ge­bäude sowie Büsten der Fir­men­gründer in Bil­lan­court zu finden. Das Renault-Museum, das Zeug­nisse der Firma von der Gründung 1898 bis zur Gegenwart doku­men­tiert, hat sein Domizil in einem modernen glä­sernen Gebäude, das perfekt zum neuen Bil­lan­court als Standort der Medien- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­branche passt. Die Tafeln geben einen aus­führ­lichen Ein­blick in die tech­nische, aber auch die soziale und gesell­schaft­liche Ent­wicklung dieses Auto­mo­bil­kon­zerns. Natürlich wird die Fir­men­ge­schichte zur Eloge auf den Fir­men­gründer und seiner Familie.

Der Weih­nachts­abend 1898 war für Louis Renault ein uner­war­teter Erfolg. Gleich zwölf seiner »Autochen« sollte er den betuchten Kunden liefern. »Natürlich fängt Louis umgehend mit der Pro­duktion an, und selbst­ver­ständlich steht es außer Frage, dass die Brüder nun ein eigenes Unter­nehmen gründen werden«, heißt es da. Hatte er nicht min­destens einen Monteur dabei?, möchte man da im Sinne von Bertolt Brechts »lesendem Arbeiter« fragen.

Dass schließlich auch die gewerk­schaft­lichen und sozialen Kämpfe in der Aus­stellung ihren Platz finden, kann sich die Geschichts­kom­mission der ehe­ma­ligen Renault-Beschäf­tigten zugute halten. Dupuy und Kosmann sind dort seit Jahren tätig. Erst dort haben sie sich ken­nen­ge­lernt. Sie arbei­teten nicht nur in ver­schie­denen Abtei­lungen, sie waren auch in unter­schied­lichen Gruppen der radi­kalen Linken orga­ni­siert, Dupuy in einer trotz­kis­ti­schen Gruppe und Kosmann in der Gauche Pro­le­ta­rienne. Doch diese Unter­schiede spielen heute für die beiden keine Rolle mehr. In der Geschichts­kom­mission arbeiten auch Kol­le­ginnen und Kol­legen mit, die der CGT und anderen Gewerk­schaften ange­hörten. Sie wollen ver­hindern, dass die Geschichte von Renault in dem Museum als eine Erzählung wage­mu­tiger Unter­neh­mer­per­sön­lich­keiten und bahn­bre­chender tech­ni­scher Erfin­dungen prä­sen­tiert wird. Ein Gang durch die umfang­reiche Aus­stellung zeigt, dass ihnen das an vielen Stellen gelungen ist. Auf meh­reren Tafeln wird aus­führlich die große Streik­be­wegung von 1936 gezeigt, als die Arbeiter während der Volks­front­re­gierung durch spontane Mas­sen­streiks große soziale Errun­gen­schaften wie bezahlten Urlaub erkämpften. Auch die Aus­ein­an­der­setzung bei Renault nach dem Auf­bruch von 1968 wird in Bild und Text aus­führlich doku­men­tiert.

Doch für Dupuy und Kosmann ist klar, damit die Kämpfe bei Renault und in anderen Fabriken nicht nur im Geschichts­museum landen, braucht es Orga­ni­sa­tionen und poli­tische Zusam­men­schlüsse, die sich auch mit der Frage befassen, was davon heute noch aktuell ist. Daher war Kosmann viele Jahre Koor­di­nator der Soli­daires Industrie. Noch heute ist er oft in dem kleinen Gewerk­schaftsbüro. In den Räumen sitzen Männer und Frauen unter­schied­lichen Alters, die die heu­tigen Klas­sen­kämpfe in Frank­reich koor­di­nieren. Pakete mit Pla­katen und Flug­blättern sind in dem engen Gang gestapelt. Auch in den Büros liegt Pro­pa­gan­da­ma­terial in großen Mengen. Gerade holt ein junger Mann einen Stapel Plakate ab, auf denen für eine Demons­tration gegen die Pri­va­ti­sierung der fran­zö­si­schen Bahn mobi­li­siert wird. Sie beginnt mit großem Lärm an der Bas­tille, dem tra­di­tio­nellen Ver­samm­lungsort von Linken und Gewerk­schaftern. Man staunt über die vielen Böller, die dort von Gewerk­schaftern gezündet werden. Die Basis­ge­werk­schaft Sud Rail ist mit einem großen Trans­parent ver­treten, auf dem zum unbe­fris­teten Gene­ral­streik auf­ge­rufen wird. Der Slogan »grève recon­duc­tible« wird auf dem Weg durch die Pariser Innen­stadt ständig skan­diert. Manche Pas­santen stimmen mit ein und heben die Faust zum Gruß. Aber es gibt auch viele, die kaum einen Blick auf die Arbei­ter­de­mons­tranten werfen und schnell in den Ein­kaufs­zentren ver­schwinden. Über­sehen und überhört werden kann die Demons­tration nicht. Immer wieder werden Böller geworfen und die Leucht­fa­ckeln vieler Demons­tra­ti­ons­teil­nehmer erzeugen viel roten Nebel.

Neben den sozialen Pro­testen gehört für viele Gewerk­schafter anti­fa­schis­tische Arbeit nicht erst seit dem Erfolg des Front National bei der Euro­pawahl auf die poli­tische Tages­ordnung. Sebastian von Sud Rail breitet ein aktu­elles Flug­blatt aus, das er mit seinen Kol­legen an den Arbeits­plätzen, aber auch in den Brief­kästen der Stadt­teile ver­teilt, in denen viele Arbeiter und Men­schen mit geringem Ein­kommen wohnen. Gerade in diesen Bezirken haben die Rechts­po­pu­listen bei den Wahlen viele Stimmen gewonnen. Im Flug­blatt wird unter den Stich­worten Ungleichheit, Anti­se­mi­tismus, Sexismus, Homo­phobie, hys­te­ri­scher Sicher­heits­diskurs, Natio­na­lismus und Ras­sismus die Gefahr der Rechten auf­ge­zeigt und für einen offen­siven gewerk­schaft­lichen Anti­fa­schismus geworben. Der Auf­stieg der Ultra­rechten, ebenso wie die staat­lichen Angriffe auf erkämpfte Errun­gen­schaften, etwa die 35-Stunden-Woche, machen aber auch deutlich, dass die Zeiten für eine offensive Gewerk­schafts­po­litik auch in Frank­reich schwie­riger geworden sind. Die Parole »Sprechen wir mit den Bossen Fran­zö­sisch« wird heute auch kämp­fe­ri­schen Gewerk­schaftern in Deutschland nicht mehr so leicht über die Lippen gehen wie vor 20 Jahren. Aber die Tour de France machte auch deutlich, dass die Tra­dition des kämp­fe­ri­schen, auf­stän­di­schen Frank­reichs heute nicht nur im Renault-Museum aus­ge­stellt ist.

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​4​/​3​3​/​5​0​3​9​8​.html

Peter Nowak