Willi Hajek (Hg.): Gelb ist das neue Rot. Gewerkschaften und Gelbwesten in Frankreich. Verlag Die Buchmacherei, 100 S., 7,50 €.

Rot-gelb-Westen

Der kürzlich im Verlag »Die Buch­ma­cherei« her­aus­ge­gebene Sam­melband mit dem Titel »Gelb ist das neue Rot« steuert neue Aspekte bei. Das ist dem Her­aus­geber Willi Hajek zu ver­danken, der lange Jahre in Deutschland in gewerk­schaft­lichen Zusam­men­hängen aktiv war und seit einigen Jahren in Mar­seille lebt.

Über die fran­zö­sische Gelb­wes­ten­be­wegung wurden in den letzten Monaten zahl­reiche Bücher ver­öf­fent­licht. Doch der kürzlich im Verlag »Die Buch­ma­cherei« her­aus­ge­gebene Sam­melband mit dem Titel »Gelb ist das neue Rot« steuert neue Aspekte bei. Das ist dem Her­aus­geber Willi Hajek zu ver­danken, der lange Jahre in Deutschland in gewerk­schaft­lichen Zusam­men­hängen aktiv war und seit einigen Jahren in Mar­seille lebt. Er hat gute Kontakt zu Aktivist*innen der Gelb­westen und Gewerk­schaften, deren Texte in dem Buch ver­öf­fent­licht wurden. Die zehn Auf­sätze drehen sich in erster Linie um das .…

.… span­nungs­ge­ladene Ver­hältnis zwi­schen Gewerk­schaften und Gelb­westen. Vor allem aber machen die Bei­träge deutlich, dass die Gelb­wes­ten­pro­teste kei­neswegs aus dem Nichts gekommen sind, wie in vielen Medien immer wieder zu lesen war. Hajek erinnert an die jüngere Geschichte der sozialen Pro­teste in Frank­reich. Da wären die großen Streiks im Jahr 1995 zu nennen, 

ie Frank­reich über Wochen beschäf­tigten. 2016 haben die Platz­be­set­zungen der Bewegung auch in Deutschland für kurze Auf­merk­samkeit gesorgt. Hin­ge­wiesen wird in dem Buch auch auf Texte wie »Der kom­mende Auf­stand« aus dem anar­chis­ti­schen Spektrum und »Empört Euch« von Sté­phane Hessel.
Diese Texte wurden auch in Deutschland vor allem im Feuil­leton links­li­be­raler Medien eifrig dis­ku­tiert. Aktionen wie Nuit Debout wurden, ebenso wie die Gelb­wes­ten­be­wegung, auch in der hie­sigen linken Debatte vor allem sozio­lo­gisch ana­ly­siert, bis man sich dem nächsten Pro­test­phä­nomen zuwendet. Die Stärke der von Hajek her­aus­ge­ge­benen Texte besteht darin, dass sie keine Sicht von außerhalb der Bewegung wie­der­ge­geben. Alle Autor*innen sind an der Basis von Gewerk­schaften aktiv und haben sich sehr früh an den Pro­testen der Gelb­westen beteiligt. Sie beschreiben so sehr gut, warum das Ver­hältnis zwi­schen beiden so schwierig war und teil­weise immer noch ist. Dabei beziehen sie sich nicht nur auf die Ver­hält­nisse in Frank­reich, vieles ist auch auf Deutschland über­tragbar. Da wird von Gewerk­schafts­de­mons­tra­tionen gesprochen, die so bere­chenbar wie harmlos sind. Polizei ist kaum zu sehen, aber auch nur wenige junge Men­schen. Die Demonstrant*innen machen nicht den Ein­druck, dass ihnen ihre Akti­vi­täten Spaß machen. Im Gegensatz dazu stehen die Aktionen der Gelb­westen, die trotz der stän­digen Poli­zei­re­pression im wahrsten Sinne sehr lebendig sind. Auf besetzten Ver­kehrs­kreiseln, den ersten Ver­samm­lungs­orten der Aktivist*innen, wurde Ball gespielt und getanzt. Die Pro­tes­tie­renden dis­ku­tierten an den langen Abenden an der Feu­er­tonne über ihr Leben und über ihre Sicht auf die Welt. Men­schen, die zuvor kon­ser­vativ wählten und die Bewohner*innen der Ban­lieues, der Vororte der fran­zö­si­schen Groß­städte, ver­ach­teten, kamen so zu völlig neuen Erkennt­nissen. Die Poli­zei­gewalt bei den Pro­testen vereint sie mit jenen, die in den Ban­lieues all­täglich dieser Form von Gewalt aus­ge­setzt sind. Auf dieser Grundlage betei­ligten sich Banlieue-Aktivist*innen, die Gerech­tigkeit für von Poli­zei­kugeln getötete Jugend­liche fordern, an den Gelb­wes­ten­pro­testen.
Mehrere der Basisgewerkschaftler*innen sehen in der Gelb­wes­ten­be­wegung eine Suche nach neuen kol­lek­tiven Pro­test­formen, nachdem die Arbeits­ver­hält­nisse immer indi­vi­dua­li­sierter werden und die Zeiten der Groß­fa­briken mit ihren starken Betriebs­ge­werk­schaften der Ver­gan­genheit ange­hören. Diese Pro­bleme kennen auch Gewerkschaftler*innen in Deutschland. Es wäre zu hoffen, dass man nicht immer neue Pro­tes­te­vents aus Frank­reich kon­su­miert und dis­ku­tiert, sondern sich fragt, was sie mit dem eigenen Alltag zu tun haben.


Peter Nowak