Dario Azzellini: Vom Protest zum sozialen Prozess. Betriebsbesetzungen und Arbei-ten in Selbstverwaltung, VSA-Verlag, Ham-burg 2018, 150 Seiten,12,80 Euro

BETRIEBSBESETZUNGEN UND SELBSTVERWALTUNG

Azzellini ver­wendet in dem Buch durch­gehend den Ter­minus »rück­eroberte Betriebe unter Arbei­te­rIn­nen­kon­trolle« (RBA) und führt den Begriff in der Ein­leitung so ein: »Als RBA werden Betriebe bezeichnet, die zuvor als kapi­ta­lis­ti­sches Unter­nehmen exis­tierten und deren Schließung oder Bankrott zu einem Kampf der Arbei­te­rInnen um eine Über­nahme unter Arbei­te­rIn­nen­selbst­ver­waltung geführt hat«

Seit Jahren beschäftigt sich Dario Azzellini mit der Arbei­te­rIn­nen­selbst­ver­waltung. Jetzt gibt er einen guten Über­blick über selbst­ver­waltete Betriebe in Frank­reich, Italien, Grie­chenland, Bra­silien, Argen­tinien, Vene­zuela, Ex-Jugo­slawien, den USA, der Türkei und Ägypten. Azzellini ver­wendet in dem Buch durch­gehend den Ter­minus »rück­eroberte Betriebe unter Arbei­te­rIn­nen­kon­trolle« (RBA) und führt den Begriff in der Ein­leitung so ein: »Als RBA werden Betriebe bezeichnet, die…

.… zuvor als kapi­ta­lis­ti­sches Unter­nehmen exis­tierten und deren Schließung oder Bankrott zu einem Kampf der Arbei­te­rInnen um eine Über­nahme unter Arbei­te­rIn­nen­selbst­ver­waltung geführt hat« (S.8). Vorbild für viele der vor­ge­stellten Betriebe war Argen­tinien. Dort wurden während der Krise um 2001 gleich mehrere Betrie-be besetzt. Die Kol­le­gInnen machten einen Prozess durch, den Azzellini bei allen von ihm beschrie­benen Betrieben beob­achtet hat: »Im Laufe des Kampfes ent­wi­ckeln und über­nehmen die meisten Betriebe ega­litäre und direkt­de­mo­kra­tische Prak­tiken und Struk­turen und bauen Bezie­hungen zu anderen sozialen Bewe­gungen und kämp­fenden Arbei­te­rInnen auf.« (S.9) Besonders aktiv ist die Beleg­schaft der Sei­fen­fabrik Vio​.me in Grie­chenland, deren Pro­dukte mitt­ler­weile ebenso in Deutschland bestellt werden können, wie die Biotees der RBA Scop Ti, vorher Fralib in der Nähe von Mar­seille. Azzellini beschreibt den langen Kampf der Beleg­schaft gegen die dro­hende Schließung, der bei den ver­blie­benen Arbei­te­rInnen zu einem gestei­gerten Selbst­be­wusstsein geführt hat: »Wir haben uns gegen Mil­li­ardäre erhoben. Sie haben gesagt, dass wir ver­rückt sind. Aber letztlich hat sich unser Wahnsinn aus­ge­zahlt«, wird im Buch ein Beschäf­tigter zitiert (S.28).Doch um über­leben zu können, müssen sich die Betriebe auf dem Markt behaupten. Azzellini geht auf diese Pro­ble­matik ein und for­mu­liert sehr vor­sichtig, »dass die RBA weder ihre Bezie­hungen zum Markt noch zum Staat auf­lösen können« (S.111). Schade, dass er auf die All­tags­pro­bleme von selbst­ver­wal­teten Fabriken im Kapi­ta­lismus nicht noch aus­führ­licher eingeht. Das gilt auch für das Kapitel zu den rück­eroberten Betrieben in Vene­zuela. Schließlich hat Azzellini bei der Beur­teilung des boli­va­ria­ni­schen Pro­zesses nach dem Regie­rungs­an­tritt von Chavez das Augenmerk auf die Selbst­or­ga­ni­sation von Teilen der Bevöl­kerung in den Stadt­teilen, aber auch in den Fabriken gelegt. Gerade in einer Zeit, in der fast in allen Medien nur von der Krise in Vene­zuela die Rede ist, stellt sich die Frage, welche Rolle diese Ansätze von Selbst­or­ga­ni­sation der Bevöl­kerung heute in dem Land spielen. Daher ent­täuscht es etwas, wenn das ent­spre­chende Kapitel mit dem Satz ein­ge­leitet wird: »In Vene­zuela ist die Situation wie­derum ganz anders und viel zu komplex, um hier umfassend dar­ge­stellt werden zu können« (S.87). Diese Kritik schmälert aller­dings nicht Azzel­linis Ver­dienst, in seinem Buch einen guten Über­blick über selbst­ver­waltete Betriebe zu geben. Peter Nowak