Dario Azzellini: Vom Protest zum sozialen Prozess. Betriebsbesetzungen und Arbei-ten in Selbstverwaltung, VSA-Verlag, Ham-burg 2018, 150 Seiten,12,80 Euro

BETRIEBSBESETZUNGEN UND SELBSTVERWALTUNG

Azzellini ver­wendet in dem Buch durch­gehend den Ter­minus »rück­eroberte Betriebe unter Arbei­te­rIn­nen­kon­trolle« (RBA) und führt den Begriff in der Ein­leitung so ein: »Als RBA werden Betriebe bezeichnet, die zuvor als kapi­ta­lis­ti­sches Unter­nehmen exis­tierten und deren Schließung oder Bankrott zu einem Kampf der Arbei­te­rInnen um eine Über­nahme unter Arbei­te­rIn­nen­selbst­ver­waltung geführt hat«

Seit Jahren beschäftigt sich Dario Azzellini mit der Arbei­te­rIn­nen­selbst­ver­waltung. Jetzt gibt er einen guten Über­blick über selbst­ver­waltete Betriebe in Frank­reich, Italien, Grie­chenland, Bra­silien, Argen­tinien, Vene­zuela, Ex-Jugo­slawien, den USA, der Türkei und Ägypten. Azzellini ver­wendet in dem Buch durch­gehend den Ter­minus »rück­eroberte Betriebe unter Arbei­te­rIn­nen­kon­trolle« (RBA) und führt den Begriff in der Ein­leitung so ein: »Als RBA werden Betriebe bezeichnet, die…

BETRIEBS­BE­SET­ZUNGEN UND SELBST­VER­WALTUNGwei­ter­lesen
Dario Azzellini: Vom Protest Zum sozialen Prozess, Betriebsbesetzungen und Arbeiten in Selbstverwaltung, VSA-Verlag, 150 Seiten, 12,80 euro, isbn: 978-389965-826-2

«Wir haben uns gegen Milliardäre erhoben»

In den letzten Monaten wurde in linken Kreisen wieder ver­stärkt über welt­weite Auf­stände dis­ku­tiert. Dabei fehlt die fast völlige Abwe­senheit der Arbeiter*innenklasse in der medialen Bericht­erstattung über die Pro­teste auf. So ver­dient das Buch von Dario Azzellini «Vom Protest zum sozialen Prozess» besonders Auf­merk­samkeit.

Auf knapp 150 Seiten hat Dario Azzellini einen guten Über­blick über die selbst­ver­wal­teten Betriebe in Frank­reich, Italien, Grie­chenland, Bra­silien, Argen­tinien, Vene­zuela, Ex-Jugo­slawien, den USA, der Türkei und Ägypten gegeben. Azzellini ver­wendet im Buch durch­gehend den Ter­minus «rück­eroberte Betriebe» (RBA) und führt den Begriff in der Ein­leitung so ein: «Als RBA werden Betriebe bezeichnet, die.…

„«Wir haben uns gegen Mil­li­ardäre erhoben»“ wei­ter­lesen
Eine Buchbesprechung zu dem Buch "Vom Protest zum sozialen Prozess. Betriebsbesetzungen und Arbeiten in Selbstverwaltung von Dario Azzelini, erschienen im VSA-Verlag. 150 Seiten.

SELBSTVERWALTETE BETRIEBE

Auf knapp 150 Seiten hat Azzellini einen guten Über­blick über die selbst­ver­wal­teten Betriebe in Frank­reich, Italien, Grie­chenland, Bra­silien, Argen­tinien, Vene­zuela, Ex-Jugo­slawien, der USA, der Türkei und Ägypten gegeben.

In den letzten Monaten wurde in linken Kreisen wieder ver­stärkt über welt­weite Auf­stände dis­ku­tiert. Der Anlass waren anhal­tende Mas­sen­pro­teste auf den ver­schie­denen Kon­ti­nenten. Da werden Pro­teste von Hongkong, Irak, Iran, Ecuador, Chile und Libanon schnell anein­an­der­ge­reiht. Dabei besteht die Gefahr, dass die jewei­ligen Beson­der­heiten der Pro­teste in den Hin­ter­grund treten. Zudem fällt die fast völlige Abwe­senheit der Arbeiteter*innenklasse in der medialen Bericht­erstattung über die Pro­teste auf. Daher ver­dient das Buch von Dario Azzellini mehr Auf­merk­samkeit, dass unter dem Titel Vom Protest zum sozialen Prozess im VSA-Verlag her­aus­ge­geben wurde. Azzellini beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Arbeiter*innenselbstverwaltung und hat dazu gemeinsam mit Oliver Ressler mehrere Filme gedreht. Auf knapp 150 Seiten hat Azzellini einen guten Über­blick über die.….

SELBST­VER­WALTETE BETRIEBEwei­ter­lesen
Dario Azzellini (2019): „Vom Protest zum sozialen Prozess. Betriebsbesetzungen und Arbeiten in Selbstverwaltung“. VSA-Verlag Hamburg, 150 Seiten, 12,80 Euro, ISBN 978-389965-826-2

Beziehungsweise Betriebsbesetzung

Peter Nowak über ein neues Buch zu Betriebs­be­set­zungen als sozialen Bewe­gungen

In den letzten Monaten wurde in linken Kreisen wieder ver­stärkt über welt­weite Auf­stände dis­ku­tiert. Der Anlass waren anhal­tende Mas­sen­pro­teste auf den ver­schie­denen Kon­ti­nenten. Da werden Pro­teste in Hongkong, Irak, Iran, Ecuador, Chile Libanon schnell anein­an­der­ge­reiht. Dabei besteht die Gefahr, dass die jewei­ligen Beson­der­heiten der Pro­teste in den Hin­ter­grund treten. Zudem fällt die fast völlige Abwe­senheit der Arbei­te­rIn­nen­klasse in der medialen Bericht­erstattung über die .….

„Bezie­hungs­weise Betriebs­be­setzung“ wei­ter­lesen
In vielen Ländern gehen Menschen auf die Straße. Aber es lohnt sich genauer hinzusehen, was die Ziele sind

Der Mythos von den weltweiten Kämpfen

»Dieser sym­pa­thische Kar­neval kann mich nicht beein­drucken. (…) Wir haben auf der einen Seite einen Staat den Not­wen­dig­keiten des welt­weiten Marktes unter­worfen und auf der anderen eine Pro­test­be­wegung popu­lärer Allüre mit vager, schüch­terner, natio­na­lis­ti­scher Vision, gestrickt aus fal­schen Parolen, dessen ein­ziger, auf par­la­men­ta­ri­scher Ebene orga­ni­sierter Teil die extreme Rechte ist. (…) Es handelt sich um einen Kon­flikt, der zwei Prot­ago­nisten gegen­über­stellt – ohne poli­tische Kon­sistenz und ohne Träger einer ega­li­tären Zukunft zu sein.« Aus Alain Badiou »Die kom­mu­nis­tische Hypo­these«

US-Prä­sident Trump wurde in einem Essay im Deutsch­landfunk unter die sozio­lo­gisch noch unbe­kannte Kate­gorie der Kil­ler­clowns sub­su­miert. Doch er hat noch Freunde. »Make Hongkong great again«, skan­dierten Demons­tranten vor der US-Bot­schaft in Hongkong, schwenkten US-Fahnen und ließen Trump hoch­leben. Die Parole ist nicht neu. Kappen mit dem Slogan, die dem Trump-Wahl­kampf nach­emp­funden wurde, gibt es schon lange zu kaufen. Noch älter ist die Parole »Make Great Britain again«. Damit wird deutlich, dass ein Teil der Pro­test­be­wegung in Hongkong .….

„Der Mythos von den welt­weiten Kämpfen“ wei­ter­lesen
Decio Machado / Raúl Zibechi: Die Macht ergreifen, um die Welt zu ändern? Eine Bilanz der lateinamerikanischen Linksregierungen. Realität der Utopie 4. Übersetzt von Raul Zelik, Bertz + Fischer, Berlin 2019, 220 Seiten, 12 Euro, ISBN 978-3-86505-755-6

Linke Alternativen?

Der Stel­lenwert der Basis­be­we­gungen im boli­va­ri­schen Vene­zuela bleibt in dem Buch von Machado/​Zibechi offen. Sie erwähnen die Arbeiten von Dario Azzellini, der in ver­schie­denen Büchern und Filmen eine starke Rolle dieser linken Basis­be­we­gungen fest­ge­stellt hat. Da wäre eine genauere Analyse ebenso ange­bracht.

Es ist kaum ein Jahr­zehnt her, da machten sich nicht wenige Men­schen hier­zu­lande Hoff­nungen auf einen neuen welt­weiten linken Auf­bruch, der von Latein­amerika ausgeht. Schließlich hatten sich dort Ende der 1990er Jahre Ent­wick­lungen abge­spielt, die unter­schied­lichen Spektren der Linken Hoffnung machten. In Bra­silien wurden die Sozialdemokrat*innen stärkste Partei und mit Lula wurde ein Metall­ar­bei­ter­ge­werk­schaftler, der gegen die Mili­tär­herr­schaft aktiv war, Prä­sident. Auch in Uruguay und Ecuador gab es scheinbar nach Mas­sen­de­mons­tra­tionen pro­gressive Regierungsbündnisse.In Vene­zuela schien die Regierung von Hugo Chávez sogar .…

„Linke Alter­na­tiven?“ wei­ter­lesen
ne kritische Bilanz der lateinamerikanischen Linksregierungen. Von Peter Nowak

Von Macht ergriffen

Decio Machado/​Raúl Zibechi: Die Macht ergreifen, um die Welt zu ändern? Eine Bilanz der latein­ame­ri­ka­ni­schen Links­re­gie­rungen. Über­setzung von Raul Zelik. Bertz + Fischer, 220 S., brosch., 12 €.

Nachdem Hugo Chavez 1998 seine erste Wahl gewonnen hatte, geriet der Neo­li­be­ra­lismus in Latein­amerika in die Defensive. Wie Domi­no­steine fiel eine rechte Regierung nach der anderen. In den beiden größten Ländern des Sub­kon­ti­nents wurden diese durch mehr oder minder sozi­al­de­mo­kra­tische Regie­rungen ersetzt, während in Vene­zuela, Ecuador oder Bolivien Kräfte an die Macht kamen, die sich noch weiter links ver­or­teten. Inzwi­schen aber läuft der Roll-Back. Argen­tinien und Bra­silien sind gekippt – und nicht nur in Vene­zuela stehen jene Links­re­gie­rungen unter Druck. Sicher spielt dabei eine massive äußere Ein­fluss­nahme eine wichtige Rolle. Doch sollte das nicht den Blick auf die Praxis dieser Regie­rungen in den ver­gan­genen anderthalb Dekaden ver­stellen. In Buchform haben nun Raúl Zibechi und Decio Machado eine solche Bilanz vor­gelegt – und zwar aus einer.…

„Von Macht ergriffen“ wei­ter­lesen

Darf man noch mit der bolivarianischen Revolution solidarisch sein?

Der Druck auf die Links­partei zeigt, wie eng die Grenzen derer sind, die immer eine offene Gesell­schaft pro­pa­gieren – Ein Kom­mentar

Die links­li­berale Taz hat sich in den letzten Monaten besonders als Ver­tei­di­gerin der Offenen Gesell­schaft pro­fi­liert. Sie steht in Front­stellung einer­seits zu den ver­schie­denen rechts­po­pu­lis­ti­schen Anwand­lungen von Trump bis Erdogan. Aber genauso gegen alle Ver­suche, eine linke Alter­native gegen die Rechten auch gegen den kapi­ta­lis­ti­schen Nor­mal­zu­stand zu finden.

Für einen solchen Ausweg stand seit 1998 Vene­zuela nach der Regie­rungs­über­nahme durch den Links­na­tio­na­listen Chavez. Nach einem Putsch­versuch und einem Unter­neh­mer­streik radi­ka­li­sierte sich ein Teil der boli­via­ni­schen Basis, aber auch deren Leit­figur Chavez. Er sprach sogar vom Sozia­lismus des 21. Jahr­hun­derts, doch der Erfinder dieses Begriffes Heinz Dietrich will heute nicht mehr gerne an diese kurze Freund­schaft mit der boli­va­ri­an­schen Revo­lution erinnert[1] werden. Denn Vene­zuela hat heute nicht viele Freunde.

Die Linke will Helden ohne Fehl und Tadel

Die Zeit, als das Land als Wunschbild vieler Linker galt, sind lange vorbei. In den Zeiten, in denen das Land unter dem nied­rigen Ölpreis leidet, die boli­va­ria­nische Bour­geoisie ihr häss­liches Gesicht zeigt, das nicht zu dem Utopia linker Blü­ten­träume passt, kurz: seit auch in Vene­zuela der linken Euphorie die Mühen der Ebene folgten, will man sich nicht mehr gerne als Freund der boli­va­ria­ni­schen Revo­lution outen.

Che Guevara wird ja auch nur deshalb so verehrt, weil er so jung starb wie angeblich einst Jesus und an Sal­vador Allende wird vor allem wegen seines Wider­stands gegen die Put­schisten erinnert. Über die linke Praxis schweigt man dann bei beiden eher, seien es die von Che Guevara ver­ant­wor­teten Hin­rich­tungen nach der kuba­ni­schen Revo­lution oder Allendes Schwanken zwi­schen einer refor­mis­ti­schen und einer revo­lu­tio­nären Politik. Die Linke will ihre Helden ohne Fehler und Wider­sprüche und ist da sehr christlich. Des­wegen hat der Che ‑Guevara-Kult auch etwas sehr Reli­giöses. Da ist die Haltung der Links­partei zu loben, die dem boli­va­ria­ni­schen Vene­zuela auch in schwie­rigen Zeiten die Soli­da­rität nicht auf­kündigt.

In ihrer auf dem letzten Par­teitag ver­ab­schie­deten Resolution[2] wird an einige Aspekte erinnert, die heute in der Vene­zuela-Bericht­erstattung der meisten Medien kaum eine Rolle spielen. So heißt es dort:

Die gegen­wärtige öko­no­mische und soziale Situation in Vene­zuela ist ange­spannt. Die Ursachen dafür liegen aber nicht vor­rangig in Fehlern der Regierung Maduro, wie es viele Medien schreiben. Tat­sache ist: Die vene­zo­la­ni­schen Bour­geoise hat das cha­vis­tische Projekt nie akzep­tiert, sie hat nie ver­wunden, dass Hugo Chávez ihr den Zugriff auf die Ölrente weg­ge­nommen hat, um mit ehr­gei­zigen Sozi­al­pro­grammen die Armut im Land zu bekämpfen. Ebenso hat sie es bis heute nicht geschafft, die Prä­si­denten Chávez und Maduro auf demo­kra­ti­schem Wege abzu­lösen. Der Putsch der Olig­archie von 2002 brach unter dem mas­siven Wider­stand der ärmsten Teile der Bevöl­kerung und loyaler Militärs zusammen.

Die Linke

Kri­tische Fragen an die Freunde der boli­va­ria­ni­schen Revo­lution sind ange­bracht

Nun kann man sicher darüber streiten, ob in der Erklärung nicht die Ver­ant­wortung der vene­zo­la­ni­schen Regie­rungen für die gegen­wärtige Krise einen zu geringen Stel­lenwert ein­nimmt.

Warum ist Vene­zuela mehr als 15 Jahre nach Beginn der boli­va­ria­ni­schen Revo­lution noch immer so stark vom Erdöl abhängig? Warum gibt es keinen Kampf gegen die boli­va­ria­nische Bour­geoisie? Warum werden Kapi­ta­listen noch immer in Vene­zuela hofiert? Warum wurden die ersten Ansätze von Rätestrukturen[3], wie sie der Publizist Dario Azzelini[4] sehr gut her­aus­ge­ar­beitet hat, nicht wei­ter­ent­wi­ckelt? Warum ist das Par­lament, das sich zu einem Macht­zentrum der Feinde der boli­va­ria­ni­schen Revo­lution geworden ist, nicht schon längst in die Schranken gewiesen worden? Und schließlich: Warum behandelt auch die gegen­wärtige vene­zo­la­nische Regierung, linke Kri­tiker der gegen­wär­tigen Ent­wicklung, die den boli­va­ria­ni­schen Prozess wei­ter­ent­wi­ckeln wollen genauso als Gegner wie die Rechten, die zurück zu den Zeiten vor Chavez wollen? Solche kri­ti­schen Frage wären an die zu stellen, die sich heute auf die Seite von Vene­zuelas Regierung stellen.

Dabei könnte an Gedanken des in der letzten Zeit leider ver­stummten exzel­lenten Kenners der boli­va­ria­ni­schen Revo­lution Azzelini ange­knüpft werden, der bereits vor einigen Jahren die Pro­bleme des Umge­stal­tungs­pro­zesses benannt[5] hat:

In Vene­zuela wurde ein »Aufbau von zwei Seiten« begonnen, der sowohl Stra­tegien und Her­an­ge­hens­weisen »von unten« wie »von oben« umfasst. Also sowohl solche, die eher in der kon­sti­tu­ie­renden Macht, den Bewe­gungen, der orga­ni­sierten Bevöl­kerung die zen­trale Kraft der Ver­än­derung sehen, als auch solche, die diese in der kon­sti­tu­ierten Macht, im Staat und den Insti­tu­tionen sehen.

Dario Azzelini
Daran anknüpfend wäre die Frage zu stellen, ob aktuell in Vene­zuela die Kräfte von unten noch kor­ri­gierend ein­greifen und auch gegen die neue Bour­geoisie einen Kampf führen können.

In dieser Demo­kratie nicht ange­kommen?

Doch wenn der Inland-Redakteur der links­li­be­ralen Taz Martin Reeh, der noch in den frühen 1990er Jahren selber noch auf der Suche nach Wegen jen­seits der bür­ger­lichen Demo­kratie war, der Links­partei wegen ihrer Vene­zuela-Reso­lution vor­wirft, nicht im Club der Demo­kraten zu sein, sollte die Gescholtene das als Aus­zeichnung ver­stehen.

Reeh schreibt in dem Kommentar[6]: »Teile der Links­partei sind immer noch nicht voll­ständig in der Demo­kratie ange­kommen. Und deshalb ver­tei­digen sie Maduro, ihren Bruder im Geiste.«

Das ist die Sprache von einem, der seine eigenen Träume von der Gesell­schaft jen­seits der bür­ger­lichen Demo­kratie begraben hat und für den es nun keine Alter­native mehr geben darf. Deshalb wird jeder gemaß­regelt, der sich nicht mit in den Käfig der bür­ger­lichen Demo­kratie ein­sperren lassen will.

Reeh wird wissen, dass sich vor 100 Jahren hinter dem Banner der bür­ger­lichen Demo­kratie jene ver­sammelt hatten, die die Revo­lution der Arbeiter und Sol­daten im Blut ertränkt haben. Es waren die Eberts und Noskes, die Rosa Luxemburg, Karl Lieb­knecht und tau­sende Arbeiter ermorden ließen, weil sie noch nicht in der bür­ger­lichen Demo­kratie ange­kommen waren.

Es waren vor 100 Jahren die Bol­schewiki, die die Sowjet­macht als Alter­native zur bür­ger­lichen Demo­kratie errich­teten. Damals gab es die Alter­native Räte oder bür­ger­liches Par­lament und hinter letz­terem verbarg sich die Reaktion. Heute zeigt sich in Vene­zuela, dass die Frage nach einer Alter­native zur bür­ger­lichen Revo­lution noch immer aktuell ist. Die in der letzten Woche gewählte ver­fas­sungs­ge­bende Ver­sammlung ist gegenüber dem vene­zo­la­ni­schen Par­lament die fort­schritt­li­chere Variante, weil die bisher benach­tei­ligten und dis­kri­mi­nierten Teile der Gesell­schaft dort besonders berück­sichtigt werden, dar­unter Arbeiter und Indi­genas. Dagegen gehen die Pri­vi­le­gierten des Landes auf die Straße, weil sie um ihre Pri­vi­legien fürchten und alle, die sich über die Riots von Hamburg vor einigen Wochen auf­geregt haben, loben in Vene­zuela die Gewalt der Rechten auf der Straße, die für den größten Teil der Toten der letzten Wochen ver­ant­wortlich sind.

Für die Taz, die sich doch sonst immer so die Ver­tei­digung von Min­der­heiten auf die Fahne schreibt, ist das keine Zeile wert. Doch es wäre eben nicht unde­mo­kra­tisch, sondern im Gegenteil ein gesell­schaft­licher Fort­schritt, wenn die Ver­fas­sungs­ge­bende Ver­sammlung in Vene­zuela das Par­lament ersetzt. Die Frage, wie viele Men­schen die jewei­ligen Insti­tu­tionen gewählt haben, ist insofern neben­sächlich, weil gesell­schaft­licher Fort­schritt immer eine Sache von bewussten Min­der­heiten war, die eine klare Per­spektive hatten. Das war 1789 bei der fran­zö­si­schen Revo­lution ebenso wie 1917 in Russland. Die Frage, ob eine Insti­tution den gesell­schaft­lichen Fort­schritt reprä­sen­tiert, erweist sich eben nicht an der Zahl der abge­ge­benen Stimmen, sondern an den Inhalten, die dort ver­treten werden.

Die blu­tigen Mumien der Ver­gan­genheit stehen hinter dem ven­zo­la­ni­schen Par­lament

Aktuell gehört zu den vehe­menten Gegnern der boli­va­ri­an­sichen Revo­lution unter dem Banner der Ver­tei­digung des Par­la­ments auch die Regierung von Bra­silien, die im letzten Jahr mittels eines Par­la­ments­put­sches und einer reak­tio­nären Mas­sen­be­wegung eine gewählte, gemä­ßigte sozi­al­de­mo­kra­tische Regierung aus dem Amt geputscht hat und nun ver­sucht, mit Lula eine weitere bekannte Per­sön­lich­keiten dieser sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Ära zu kri­mi­na­li­sieren, um so seine Kan­di­datur für die nächsten Prä­si­den­ten­wahlen zu ver­hindern. Denn, die alten Mächte in Bra­silien fürchten, etwas von ihrer Macht und ihren Pri­vi­legien abgeben zu müssen, wenn Lula die nächsten Wahlen gewinnt, wie es alle Umfragen vor­her­sagen.

Auch die argen­ti­nische Regierung, die die soziale Bewegung im eigenen Land kri­mi­na­li­siert, gehört zu des Ver­tei­digern der vene­zo­la­ni­schen Par­la­ments gegen die neue ver­fas­sungs­ge­bende Ver­sammlung. In Vene­zuela selber melden sich blut­be­su­delte Gestalten aus der Ära vor Chavez wieder zu Wort und wittern Mor­genluft. Dar­unter sind Poli­tiker, die für das Caracaszo[7] genannte Blutbad ver­ant­wortlich, bei dem während eines Auf­stands der Armen in Caracas tau­sende Men­schen im Jahr 1989 ermordet[8] wurden. Im Wider­stand gegen dieses Mas­saker liegen auch die Wurzeln vieler linker Orga­ni­sa­tionen, die später die boli­va­ria­nische Revo­lution getragen haben.

Nun melden sich die Mumien aus der Ver­gan­genheit wieder zurück, die für das Mas­saker ver­ant­wortlich waren und wollen wieder ihren in den letzten Jahren ver­lo­renen Ein­fluss zurück­ge­winnen. Die LINKE sollte es daher als Aus­zeichnung ver­stehen, wenn ihr bescheinigt wird, dass sie in dieser Demo­kratie noch nicht ange­kommen ist und hof­fentlich nie ankommt.

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Peter Nowak
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[1] http://​www​.marxist​.com/​h​e​i​n​z​-​d​i​e​t​e​r​i​c​h​-​c​o​n​s​t​i​t​u​t​i​o​n​a​l​-​r​e​f​e​r​e​n​d​u​m​2​2​1​1​0​7.htm
[2] https://​www​.die​-linke​.de/​p​a​r​t​e​i​/​p​a​r​t​e​i​s​t​r​u​k​t​u​r​/​p​a​r​t​e​i​t​a​g​/​h​a​n​n​o​v​e​r​s​c​h​e​r​-​p​a​r​t​e​i​t​a​g​-​2​0​1​7​/​b​e​s​c​h​l​u​e​s​s​e​-​u​n​d​-​r​e​s​o​l​u​t​i​o​n​e​n​/​n​e​w​s​/​s​o​l​i​d​a​r​i​t​a​e​t​-​m​i​t​-​v​e​n​e​z​uela/
[3] http://​www​.azzellini​.net/​b​u​c​h​b​e​i​t​r​a​e​g​e​/​k​o​m​m​u​n​a​l​e​-​r​a​e​t​e​-​v​e​n​e​zuela
[4] http://​www​.azzellini​.net
[5] http://​www​.azzellini​.net/​a​k​a​d​e​m​i​s​c​h​e​-​v​e​r​o​e​f​f​e​n​t​l​i​c​h​u​n​g​e​n​/​v​e​n​e​z​u​e​l​a​-​d​i​e​-​k​o​n​s​t​i​t​u​i​e​r​e​n​d​e​-​m​a​c​h​t​-​b​e​w​egung
[6] http://​www​.taz​.de/​K​o​m​m​e​n​t​a​r​-​L​i​n​k​s​p​a​r​t​e​i​-​u​n​d​-​V​e​n​e​z​u​e​l​a​/​!​5​4​3​2305/
[7] http://​www​.vene​logia​.com/​a​r​c​h​i​v​o​s​/​9563/
[8] http://​www​.ipsnews​.net/​2​0​0​9​/​0​2​/​v​e​n​e​z​u​e​l​a​-​w​o​u​n​d​-​s​t​i​l​l​-​g​a​p​i​n​g​-​2​0​-​y​e​a​r​s​-​a​f​t​e​r​-​l​s​q​u​o​c​a​r​a​c​a​z​o​rsquo