Dario Azzellini: Vom Protest Zum sozialen Prozess, Betriebsbesetzungen und Arbeiten in Selbstverwaltung, VSA-Verlag, 150 Seiten, 12,80 euro, isbn: 978-389965-826-2

«Wir haben uns gegen Milliardäre erhoben»

In den letzten Monaten wurde in linken Kreisen wieder ver­stärkt über welt­weite Auf­stände dis­ku­tiert. Dabei fehlt die fast völlige Abwe­senheit der Arbeiter*innenklasse in der medialen Bericht­erstattung über die Pro­teste auf. So ver­dient das Buch von Dario Azzellini «Vom Protest zum sozialen Prozess» besonders Auf­merk­samkeit.

Auf knapp 150 Seiten hat Dario Azzellini einen guten Über­blick über die selbst­ver­wal­teten Betriebe in Frank­reich, Italien, Grie­chenland, Bra­silien, Argen­tinien, Vene­zuela, Ex-Jugo­slawien, den USA, der Türkei und Ägypten gegeben. Azzellini ver­wendet im Buch durch­gehend den Ter­minus «rück­eroberte Betriebe» (RBA) und führt den Begriff in der Ein­leitung so ein: «Als RBA werden Betriebe bezeichnet, die.…

.…. zuvor als kapi­ta­lis­ti­sches Unter­nehmen exis­tierten und deren Schliessung oder Bankrott zu einem Kampf der Arbeiter*innen um eine Über­nahme unter Arbeiter*innenselbstverwaltung geführt hat»

Die Kolleg*innen machten einen Prozess durch, den Azzellini bei allen von ihm beschrie­benen Betriebe beob­achtet hat: «Im Laufe des Kampfes ent­wi­ckeln und über­nehmen die meisten Betriebe ega­litäre und direkt­de­mo­kra­tische Prak­tiken und Struk­turen und bauen Bezie­hungen zu anderen sozialen Bewe­gungen und kämp­fenden Arbeiter*innen auf». Der Autor beschreibt den langen Kampf der Beleg­schaft gegen die dro­hende Schliessung, der bei den ver­blie­benen Arbeiter*innen zu einen gestei­gerten Selbst­be­wusstsein geführt hat: «Wir haben uns gegen Mil­li­ardäre erhoben. Sie haben gesagt, dass wir ver­rückt sind. Aber letztlich hat sich unser Wahnsinn aus­ge­zahlt», wird im Buch ein Beschäf­tigter zitiert.

Behauptung auf dem Markt

Aller­dings ver­schweigt das Buch auch die Nie­der­lagen nicht. Ein trau­riges Bei­spiel ist der Phar­ma­be­trieb Jugoremdija in im ser­bi­schen Zren­janin. Nach 2007 gelang es den Arbeiter*innen, den von den Eigen­tümern in einen betrü­ge­ri­schen Bankrott geführten Betrieb in Eigen­regie zu führen. Doch in der Beleg­schaft kam es zu Span­nungen zwi­schen Beschäf­tigten, die noch aus frü­heren Zeiten Anteile an der Fabrik besassen und anderen, die dort nur ihre Arbeits­kraft ver­kauften. Als dann die Banken keine Kredite mehr gaben, musste der Betrieb Insolvenz anmelden und steht unter gericht­licher Zwangs­ver­waltung. Auch in der Tex­til­fabrik Kazova Tekstil in Istanbul eska­lierte ein Streit zwi­schen einigen Beschäf­tigten und einer von anderen Teilen der Beleg­schaft unter­stützten kom­mu­nis­ti­schen Gruppe, welche die Arbeiter*innen in ihrem Kampf sehr unter­stützte. Die von der tür­ki­schen Regierung ange­drohte Repression hat diese Aus­ein­an­der­setzung natürlich ver­stärkt.

Doch auch erfolg­reiche RBA wie Scop Ti müssen sich auf den Markt behaupten. Azzellini geht auf diese Pro­ble­matik ein und for­mu­liert sehr vor­sichtig, «dass die RBA weder ihre Bezie­hungen zum Markt noch zum Staat auf­lösen können». Daher ist es auch etwas zweck­op­ti­mis­tisch, wenn der Autor nur wenige Kapitel später schreibt: «Die Arbeits­kraft der Arbeiter*innen eines RBA wird durch und für das Kol­lektiv genutzt. Arbeit hört auf, eine Last zu sein und wird zu einem Synonym der Würde, des Selbst­be­wusst­seins und der Selbst­ent­faltung». Da hätte man sich bei der Lektüre des Buches gewünscht, dass Azzellini auf diese All­tags­pro­bleme von selbst­ver­wal­teten Fabriken im Kapi­ta­lismus noch aus­führ­licher eingeht.

Die Rolle der RBA in Vene­zuela

Das gilt auch für das Kapitel zu den rück­eroberten Betrieben in Vene­zuela. Schliesslich gehörte Azzellini zu den wenigen Forscher*innen, die bei der Beur­teilung des boli­va­ri­schen Pro­zesses nach dem Regie­rungs­an­tritt von Chávez das Augenmerk auf die Selbst­or­ga­ni­sation von Teilen der Bevöl­kerung in den Stadt­teilen aber auch in den Fabriken gelegt hat. Gerade in einer Zeit, in der fast in allen Medien nur von der Krise in Vene­zuela die Rede ist, stellt sich die Frage, welche Rolle diese Ansätze von Selbst­or­ga­ni­sation der Bevöl­kerung heute in Vene­zuela spielen und ob sie nicht dafür gesorgt haben, dass der rechte Régime-Change dort anders als in Bolivien bisher ver­hindert wurde. Daher ent­täuscht es etwas, wenn das ent­spre­chende Kapitel mit dem Satz ein­ge­leitet wird: «In Vene­zuela ist die Situation wie­derum ganz anders und viel zu komplex, um hier umfassend dar­ge­stellt werden zu können.» Diese Kritik schmälert aller­dings nicht das Ver­dienst von Azzellini, in ein Buch einen Über­blick über die selbst­ver­wal­teten Betriebe gegeben zu haben.

Lohn­arbeit oder Commons?

Im dritten Kapitel beschäftigt sich der Autor mit der Frage, ob es sich bei der in den rück­eroberten Betrieben geleis­teten Arbeit um «Commons» handelt. Dabei handelt es sich um gemein­schaftlich her­ge­stellte Pro­dukte und Res­sourcen, die nicht dem kapi­ta­lis­ti­schen Ver­wer­tungs­zwang unter­worfen sind. Hier liefert der Autor auch mit Verweis auf den Arbeits­be­griff von Marx wichtige Bau­steine für eine weitere Dis­kussion. Schliesslich betont Azzellini klar: «Lohn­arbeit an und für sich kann nicht als Praxis des Com­moning orga­ni­siert werden.» Daraus ergibt sich die Frage, ob diese Aussage nicht auch für die selbst­ver­wal­teten Betriebe gilt, solange sie für den kapi­ta­lis­ti­schen Markt pro­du­zieren müssen. Für Dis­kus­si­ons­stoff dürfte auch das letzte Kapitel sorgen, in dem er die selbst­ver­wal­teten Betriebe in den Zyklus der glo­balen Pro­teste des letzten Jahr­zehnts ein­ordnet. Damit zeigt er nicht nur die Rolle der in der Debatte oft ver­nach­läs­sigten Kämpfe in den Betrieben auf. In einer Fussnote macht eine wichtige Ein­schränkung bei der Frage, welche Bewe­gungen dazu gehören: «So gehört das Bei­spiel des Maidans in der Ukraine, einer Platz­be­setzung, die in eine natio­nal­chau­vi­nis­tische bis faschis­tische Mobi­li­sierung abkippte, nicht in diese Reihe. Die Aner­kennung der Gleichheit bei aller Unter­schied­lichkeit ist eine der wesent­lichen Grund­lagen der neuen glo­balen Bewegung. Ras­sis­tische, faschis­tische oder natio­nal­chau­vi­nis­tische Parolen waren auf allen anderen Plätzen aus­ge­schlossen. Am Maidan waren sie von Beginn an (mino­ritär) präsent und wurden tole­riert. Insofern war der Maidan nicht Aus­druck der neuen glo­balen Bewegung.»

Das ist eine wichtige Klar­stellung, in einer Zeit, in der in machen linken Debat­ten­bei­träge wieder von der glo­balen sozialen Bewegung von Hongkong über Ecuador, dem Iran, Irak, Libanon geschwärmt wird. Dabei wird eben aus­ge­blendet, dass es sich dabei auch um ten­den­ziell rechte, wie in Hongkong pro­ko­lo­nia­lis­tische Bewe­gungen handeln kann.

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