Die Gruppe translib nähert sich den Gilets jaunes in der Art der Situationisten

Umherschweifen bei den Gelbwesten

Die Bro­schüre »Une situation excel­lente? Beträge zu den Klas­sen­aus­ein­an­der­set­zungen in Frank­reich« kann über diese Web­seite ange­fordert oder run­ter­ge­lassen werden: aer​gernis​.blog​sport​.de/​2​0​1​9​/​0​7​/​1​3​/​u​n​e​-​s​i​t​u​a​t​i​o​n​-​e​x​c​e​l​l​e​n​t​e​-​p​u​b​l​i​k​a​t​i​o​n​-​u​n​d​-​r​a​d​i​o​b​e​i​t​r​a​e​g​e​-​z​u​r​-​g​e​l​b​w​e​s​t​e​n​b​e​w​e​g​u​n​g/Une situation excel­lente?

In den letzten Wochen war es ruhig geworden um die Bewegung der Gelb­westen in Frank­reich. Doch am 14. Juli, dem fran­zö­si­schen Fei­ertag zum Jah­restag der Revo­lution von 1789, haben sie sich mit ihren Pro­testen wieder bemerkbar gemacht. Sie haben dafür die offi­zi­ellen Reden des fran­zö­si­schen Prä­si­denten genutzt, was ihnen die größt­mög­liche Auf­merk­samkeit garan­tierte. Ein Grund mehr, die kleine Text­sammlung zu lesen, die die Gruppe translib unter dem Titel.…

… »Bei­träge zu den Klas­sen­aus­ein­an­der­set­zungen in Frank­reich« kürzlich her­aus­ge­bracht hat.

Translib ver­steht sich als Teil der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken mit Bezügen zur Situa­tio­nis­ti­schen Bewegung. Die ist in den letzten Jahren zum Lieb­lings­be­zugs­punkt einer aka­de­mi­schen Linken geworden, weil man sich dort gesell­schaftlich gut auf­ge­hoben fühlt. Auch die Situa­tio­nisten waren aka­de­misch geprägt, grenzen sich aber vom bür­ger­lichen Uni­ver­si­täts­be­trieb genauso ab, wie sie sich, anders als die Tra­di­ti­ons­kom­mu­nisten, nicht einfach mit den Arbeitern in der Fabrik gemein machten wollten.

Der Begriff des Umher­schweifens zwi­schen den ver­schie­denen Kämpfen und ihren Milieus wurde von ihnen mit geprägt und war auch eine Her­aus­for­derung für eine Tra­di­ti­ons­linke, die erst einmal von linken Akti­visten ein­for­derte, sie sollen sich selber an die Maschine stellen und die Hände schmutzig machen, bevor sie über pro­le­ta­rische Politik reden wollen. Gegen eine solche Arbei­ter­tü­melei, die nicht selten mit Res­sen­ti­ments gegen die Intel­lek­tu­ellen gespickt war, grenzten sich die Situa­tio­nisten mit Recht ab.

Kritik ist Teil der Solidarität

Mit einem ähn­lichen Ansatz gehen die Translib-Leute auch an die Bewegung der Gelb­westen ran. Sie sind nicht die, die ständig am Kreis­verkehr gestanden haben, aber sie sind auch nicht bür­ger­liche Aka­de­miker, die die Bewegung erfor­schen wollen, um sie besser hand­habbar zu machen. Sowohl bei den Her­aus­gebern wie bei den Autoren der Texte der Bro­schüre ist eine Grund­sym­pathie mit den Gilets jaunes her­aus­zu­lesen.

Kritik, die sich nicht mit dem Adjektiv soli­da­risch schon selber zurück­nimmt, ist für sie nicht ein Angriff auf die Bewegung, sondern ein Zeichen von Soli­da­rität. Und Kritik am realen Erschei­nungsbild ist reichlich vor­handen in den Texten. So schreibt die Sozi­al­wis­sen­schaft­lerin Rona Larimer in ihrem Tagebuch beim Umher­schweifen an den im Winter 2018 besetzten Kreis­ver­kehren der Peri­pherie, dass sie dort mit rechts­las­tigen Männern in einen Disput geriet, die der Aka­de­mi­kerin die Welt erklären wollten.

Das führte nun bei ihr nicht dazu, die Bewegung rechts liegen zu lassen, sondern die Kräfte zu stärken, die einen ganz anderen Ansatz haben. Denn ein Großteil der Gilets jaunes sind Frauen und auch migran­tische Kämpfe spielten regional eine wichtige Rolle.

Die Her­aus­geber betonten, dass sie eben kein ein­heit­liches Bild der Gilets jaunes malen, sondern die Bewegung in ihrer Wider­sprüch­lichkeit zeigen. Seit die Gelb­westen im Herbst 2018 das erste Mal in Erscheinung getreten sind, streiten sich Linke in Frank­reich und Deutschland, ob es sich um eine rechte oder linke Bewegung handelt. Für translib ist die Frage schon falsch gestellt.

Sie sehen das Auf­treten der Gilets jaunes als Folge der Nie­der­lagen der Gewerk­schafts­be­wegung auch in Frank­reich. In den letzten Jahren war es bei den großen Streiks nicht gelungen, den Angriff auf die sozialen Rechte zu stoppen. Bei den Prot­ago­nisten der Gelb­westen handelt es sich um Men­schen, die oft nie gewerk­schaftlich orga­ni­siert waren und keine Hoff­nungen in die poli­ti­schen Par­teien von links bis rechts haben.

Gewerkschaftsdistanz überhöht

In den doku­men­tierten Bei­trägen der Bro­schüre wird die Ablehnung der Gewerk­schaften aller­dings oft etwas überhöht. Darin zeigt sich eben auch die Sicht der Autoren mit ihrer bio­gra­phi­schen und poli­ti­schen Gewerk­schafts­ferne. So wird öfter der Begriff der »ritu­ellen Gewerk­schafts­ak­tionen« ver­wendet, von denen sich die Gilets jaunes ver­ab­schieden hätten.

Nur waren auch in der Ver­gan­genheit die von fran­zö­si­schen Basis­ge­werk­schaften getra­genen Kämpfe längst nicht so rituell, sondern haben teil­weise das Land mit Blo­cka­de­ak­tionen lahm­gelegt. Die betonte Distanz zu gewerk­schaft­lichen Kämpfen wird von den Autoren dann selbst in Frage gestellt, wenn sie beklagen, dass die Gelb­westen wenig Macht und Ein­fluss haben, weil sie eben nicht ihre Arbeits­plätze besetzen können. Die Kreis­ver­kehre, eigentlich unwirt­liche Orte, wurden dann zum Ort der Begegnung und der Treffen.

Dort lernten sich unter­schied­liche Milieus, die vorher wenig Gemein­sam­keiten hatten, oft erstmals kennen. Gerade, wenn es um eine Ver­ste­tigung der Gelb­westen geht, ist eine Koope­ration mit den Basis­ge­werk­schaften dafür eine wichtige Vor­aus­setzung.

Samuel Hayat zeigt in seinem Aufsatz »Die Gelb­westen und die Frage der Demo­kratie« wie wichtig eine solche Kon­vergenz der Kämpfe auch auf ideo­lo­gi­schen Gebiet ist. Er beschreibt, dass sich viele Gelb­westen noch immer als Bürger bzw. Citoyen begreifen. Hayat zeigt auch auf, wo ein solches Bewusstsein für den modernen Kapi­ta­lismus kom­pa­tibel wird:

Die citoy­ennis­tische Politik zehrt vom gerecht­fer­tigten Über­druss an der Par­tei­po­litik und von der langen Geschichte des demo­kra­ti­schen Ver­langens; sie zehrt aber auch von den Para­digmas der Exper­ten­re­gierung, durch all jene, die Politik (politics) durch eine Reihe tech­ni­scher Maß­nahmen ersetzen wollen, die Neo­li­be­ralen an vor­derster Front.

Samuel Hayat

Ähnlich hatte schon der Soziologe Thomas Wagner vor mehr als 10 Jahren den Hang zu Exper­ten­runden und Tech­no­kra­ten­re­gie­rungen kri­ti­siert. Auch die Vor­liebe für Volks­be­fra­gungen und Refe­renden wurde von Wagner bereits als durchaus mit den Kapi­tal­in­ter­essen kom­pa­tibel erkannt. Wenn Hayat am Ende seines Auf­satzes daran erinnert, dass die Linken 1848 nicht den Einzug der Massen in die Politik gefordert haben, um »über diese oder jene Maß­nahme abstimmen zu lassen, sondern um eine Klas­sen­po­litik, den Sozia­lismus zu ver­wirk­lichen: im Interesse der Pro­le­ta­rie­rinnen und gegen die Bour­geoisie«, dann benennt er Fragen, die sich im Jahr 2019 neu stellen.

Der US-Soziologe Joshua Clover will in seinem Aufsatz auf­zeigen, dass die Aus­ein­an­der­set­zungen in Frank­reich wie aus dem Bil­derbuch seiner These ent­sprechen, dass die Zeit der Riots mit dem Ende der for­dis­ti­schen Arbei­ter­be­wegung gekommen ist. Aller­dings ist Clover auch so ehrlich, gleich am Beginn seines Textes den Leser darüber zu infor­mieren, dass er wenig Ahnung über die kon­kreten Aus­ein­an­der­set­zungen in Frank­reich dieser Tage hat.

Gegen jeden Antisemitismus

Das ist bei den Juives et Juifs revo­lu­ti­onn­aires anders, einer Gruppe jüdi­scher Linker, die in einem Aufruf eine scharfe Kritik an den anti­se­mi­ti­schen Vor­fällen bei Aktionen der Gelb­westen leisten.

Auch sie nutzen ihren Text aber nicht, um die Bewegung rechts liegen zu lassen, sondern sie wollen damit eine Eman­zi­pation innerhalb der Bewegung befördern. Damit hebt sich die fran­zö­sische Debat­ten­kultur angenehm von mancher Dis­kussion in der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken in Deutsch­lands ab.

Da hat man öfter den Ein­druck, es ginge nicht darum, einen gemein­samen Eman­zi­pa­ti­ons­prozess zu befördern, der auch zu Tren­nungen führen muss, bei­spiels­weise von Anti­se­miten und Sexisten. Bei manchen Debatten in Deutschland hat man oft den Ein­druck, eine Pro­test­ver­sammlung würde mit einem Sozio­lo­gie­se­minar ver­wechselt, bei dem es nicht um poli­tische Kritik, sondern um Unge­nügend-Noten für Referate oder Haus­ar­beiten geht. Die zusam­men­ge­stellten Texte sind vor allem deshalb lesenswert, weil sie diesen Gestus nicht ver­mitteln.

Wurden die Gilets Jaunes jetzt nicht genug beforscht?

»Unser Ziel ist es, der eher schwachen und unmo­ti­vierten Aus­ein­an­der­setzung mit der Gelb­wes­ten­be­wegung innerhalb der Linken etwas Papier in die Hand zu geben«, schreiben die Her­aus­geber im Vorwort. Aller­dings sind die Gelb­westen von der aka­de­mi­schen Linken durchaus beforscht worden.

Allein in dem Raum an der Ber­liner Hum­bold­tuni­ver­sität, in dem die Her­aus­geber kürzlich ihre Bro­schüre vor­stellten, gab es in den letzten Monaten zwei weitere durchaus anre­gende Ver­an­stal­tungen zu den Gilets jaunes.

Unter dem Titel »Winter is coming« hatte bereits 2017 Sebastian Lotzer Texte von den sozialen Kämpfen in Frank­reich vor den Gelb­westen im Bahoe-Verlag her­aus­ge­bracht. Viel­leicht gibt es jetzt doch genügend Texte, um auch mal zu einer prak­ti­schen Soli­da­rität zu kommen.

Bei­spiels­weise, wenn es wieder Repression gegen die Gelb­westen gibt oder all­gemein gegen den von der euro­päi­schen Mitte so hoch­ge­lobten Macro­nismus. Viele der Grünen und Libe­ralen nehmen es den Gelb­westen schließlich übel, dass sie gegen Macron und nicht gegen einen Orbán oder Putin pro­tes­tieren. Hier ergäbe sich viel Raum für Inter­ven­ti­ons­mög­lich­keiten.

Peter Nowak

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