Ein langer Weg zum Frauenkampftag

Sibylle Plogstedt legte eine lesenswerte Geschichte der DGB-Frauen vor

Der Weg zur Eman­zi­pation der DGB-Frauen in der eigenen Orga­ni­sation war ein stei­niger. Büro­kra­tische Hin­der­nisse und ideo­lo­gische Dif­fe­renzen galt es zu über­winden.

»Trotz aller gesell­schaft­lichen Fort­schritte: der Inter­na­tionale Frau­entag hat seine Exis­tenz­be­rech­tigung nicht ver­loren«, heißt es in einer Erklärung des DGB-Bezirks Berlin-Bran­denburg zum 8. März. Das war nicht immer so. 1980 wollte der DGB- Bun­des­vor­stand durch­setzen, dass sich gewerk­schaft­liche Frauen nicht an den Aktionen zum 8.März betei­ligen. Schließlich werde der in der DDR gefeiert und Clara Zetkin, die als wichtige Initia­torin gilt, war Mit­glied der Kom­mu­nis­ti­schen Partei. Nachdem ört­liche Initia­tiven die Vor­stands­an­weisung igno­rierten und die Zahl der Besu­che­rinnen gewachsen war, beschloss der DGB eigene Aktionen zum 8. März zu orga­ni­sieren.

Dabei war man aber bemüht, den Tag von Clara Zetkin zu trennen. Ein his­to­ri­sches Gut­achten machte darauf auf­merksam, dass der Anlass für den Inter­na­tio­nalen Frau­entag ein Streik von Tex­til­ar­bei­te­rinnen in den USA gewesen ist. Die heute weit­ge­henden ver­ges­senen Que­relen um den 8. März im DGB ver­danken wir dem Buch »Wir haben Geschichte geschrieben«, dass Sibylle Plogstedt her­aus­ge­geben hat. Die Autorin war als undog­ma­tische Linke in der außer­par­la­men­ta­ri­schen Bewegung aktiv und Mit­be­grün­derin der Frau­en­zeitung Courage.

Die hatte anders als die heute bekanntere Emma schon früh Kon­takte auch zu Frauen in der Gewerk­schafts­be­wegung gesucht. Mit ihrer Geschichte der Frauen im DGB leistete Plogstedt Pio­nier­arbeit. Dabei hatten die DGB-Frau­en­aus­schüsse bereits 1980 den Beschluss gefasst, ihre eigene Geschichte auf­zu­schreiben. Aller­dings ver­fügte die Frau­en­ab­teilung über keinen eigenen Etat. Diese Episode ist durchaus sym­pto­ma­tisch für den Umgang des DGB-Appa­rates mit der eigen­stän­digen Orga­ni­sation der Frauen, wie Plogstedt nach­weist.

Sie geht chro­no­lo­gisch vor und beschreibt die Geschichte der gewerk­schaft­lichen Frauen von der unmit­tel­baren Nach­kriegszeit bis zum Jahr 1990. Dieses Jahr ist tat­sächlich auch für die DGB-Frauen eine Zäsur. Erstmals stehen die DGB-Frauen nicht mehr unter der Ägide von CDU-Frauen. Dass mehr als vier Jahr­zehnte Mit­glied von CDU/CSU für dieses Amt zuständig waren, ist aller­dings nicht der Wille der DGB-Frauen gewesen.

Vielmehr zeigt Plogstedt auf, wie die sich sogar dagegen wehrten. Doch der männlich geprägte DGB-Vor­stand wollte in ihren Augen zwei Min­der­heiten in einen Posten unter­bringen: Frauen und CDU/CSU-Mit­glieder mussten in den Füh­rungs­gremien einer Ein­heits­ge­werk­schaft berück­sichtigt werden. Die dagegen auf­be­geh­renden Frauen wurden vom zustän­digen Sekretär brüsk zurück­ge­wiesen. Plogstedt beschreibt die Folgen dieser büro­kra­ti­schen Ein­griffe. Viele in der unmit­tel­baren Nach­kriegszeit aktive DGB-Frauen mel­deten sich bei Gewerk­schafts­kon­gressen kaum noch zu Wort. Der Kon­flikt innerhalb der Frau­en­gremien spitzte sich erst Mitte der 1960er Jahre wieder zu. Während dort eine Mehrheit für eine Reform des Abtrei­bungs­rechts votierte, lehnte es die Christ­so­ziale Maria Weber aus Gewis­sens­gründen ab, den Beschluss nach Außen zu ver­treten.

Sibylle Plogstedt hat eine Orga­ni­sa­ti­ons­ge­schichte der Frauen im DGB geschrieben, die man ohne his­to­ri­sches Vor­wissen lesen kann und sollte. Eine ähn­liche Geschichte des FDGB wäre wün­schenswert, denn der wird in dem Buch recht undif­fe­ren­ziert abqua­li­fi­ziert.

Sibylle Plogstedt, Wir haben Geschichte geschrieben, Zur Arbeit der DGB-Frauen 1945- 1990, Psy­cho­sozial-Verlag, 519 Seiten, 19,90 Euro

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Peter Nowak


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