Gegen das Arbeitnehmerpatriarchat

Über eine etwas ver­kürzte Geschichte der DGB-Frauen von Sibylle Plogstedt
„Trotz aller gesell­schaft­lichen Fort­schritte: Der Inter­na­tionale Frau­entag hat seine Exis­tenz­be­rech­tigung nicht ver­loren“, hieß es in einer Erklärung des DGB-Bezirks Berlin-Bran­denburg zum 8. März 2013. Das war nicht immer so. 1980 wollte der DGB-Bun­des­vor­stand ver­hindern, dass sich gewerk­schaft­liche Frauen an den Aktionen zum 8.März betei­ligen. Schließlich werde der in der DDR gefeiert und Clara Zetkin, die als wichtige Initia­torin gilt, war nach 1919 Mit­glied der Kom­mu­nis­ti­schen Partei, lautete die Begründung. Nachdem ört­liche gewerk­schaft­liche Initia­tiven die Vor­stands­an­weisung igno­rierten und die Zahl der Besu­che­rInnen gewachsen war, beschloss der DGB, eigene Aktionen zum 8. März zu orga­ni­sieren. Dabei war man aber bemüht, eine neue Geschichte dieses Tages zu kre­ieren. Ein his­to­ri­sches Gut­achten machte darauf auf­merksam, dass der Anlass für den Inter­na­tio­nalen Frau­entag ein Streik von Tex­til­ar­bei­te­rinnen in den USA gewesen ist. Zetkins Rolle in der Durch­setzung des 8. März’ als Kampftag der pro­le­ta­ri­schen Frau­en­be­wegung wurde einfach aus­ge­blendet. Diese heute weit­gehend ver­ges­senen Que­relen um den 8. März im DGB finden sich dan­kens­wer­ter­weise in dem von Sibylle Plogstedt ver­fassten Buch „Wir haben Geschichte geschrieben“ wieder. Die Autorin war als undog­ma­tische Linke in der außer­par­la­men­ta­ri­schen Bewegung aktiv und Mit­be­grün­derin der Frau­en­zeitung Courage. Die hatte, anders als die heute bekanntere Emma, schon früh Kon­takte auch zu Frauen in der Gewerk­schafts­be­wegung gesucht.
Kein Geld für Geschichte
Mit ihrer Geschichte der Frauen im DGB leistet Plogstedt Pio­nier­arbeit. Dabei hatten die DGB-Frau­en­aus­schüsse bereits 1980 den Beschluss gefasst, ihre eigene Geschichte auf­zu­schreiben. Aller­dings ver­fügte die Frau­en­ab­teilung über keinen eigenen Etat. Diese Episode ist durchaus sym­pto­ma­tisch für den Umgang des DGB-Appa­rates mit der eigen­stän­digen Orga­ni­sation der Frauen, wie Plogstedt im Detail nach­weist. Sie geht chro­no­lo­gisch vor und beschreibt die Geschichte der gewerk­schaft­lichen Frauen von der unmit­tel­baren Nach­kriegszeit bis zum Jahr 1990. Dieses Jahr ist tat­sächlich auch für die DGB-Frauen eine Zäsur. Erstmals stehen sie nicht mehr unter der Ägide einer CDU-Frau. Die Ära von Maria Weber war beendet. Dass für mehr als vier Jahr­zehnte ein CDU-Mit­glied für dieses Amt zuständig war, ist kei­neswegs der Wille der DGB-Frauen gewesen. Vielmehr zeigt Plogstedt, wie die sich anfangs dagegen wehrten. Doch der männlich geprägte DGB-Vor­stand wollte zwei „Min­der­heiten“ auf einem Posten unter­bringen: Frauen und CDU/CSU-Mit­glieder mussten in den Füh­rungs­gremien einer Ein­heits­ge­werk­schaft, wie sie die DGB-Spitze ver­stand, berück­sichtigt werden. Die dagegen auf­be­geh­renden Frauen wurden vom zustän­digen Sekretär brüsk zurück­ge­wiesen. „Frauen durften nur im Rahmen der all­ge­meinen Kon­fe­renzen des DGB ent­scheiden, aber die Bun­des­frau­en­kon­ferenz selbst war dort nicht antrags­be­rechtigt“ (S. 95), beschreibt Plogstedt das Dilemma. Die Erwar­tungen des männ­lichen DGB-Vor­stands for­mu­lierte Kollege Karl auf der ersten Frau­en­kon­ferenz des DGB: „Ich bitte Sie Ihre Anträge und Wünsche so zu for­mu­lieren und zu adres­sieren, dass über ihre Kon­ferenz nach­träglich nicht ungünstig beur­teilt wird“ (S. 95). Folge dieser büro­kra­ti­schen Ein­griffe: „Beim zweiten DGB-Kon­gress ver­stummten die Frauen“ (S. 103). Viele in der unmit­tel­baren Nach­kriegszeit aktive DGB-Frauen mel­deten sich bei den Gewerk­schafts­kon­gressen kaum noch zu Wort. Der Kon­flikt innerhalb der DGB-Frau­en­gremien spitzte sich erst Mitte der 60er Jahre wieder zu. Während dort eine Mehrheit für eine Reform des Abtrei­bungs­rechts votierte, lehnte es die Katho­likin Maria Weber aus Gewis­sens­gründen ab, den Beschluss nach Außen zu ver­treten.
Abqua­li­fi­zierung linker Gewerk­schaf­te­rInnen
Plogstedt hat eine Orga­ni­sa­ti­ons­ge­schichte der Frauen im DGB geschrieben, die man ohne his­to­ri­sches Vor­wissen lesen kann. Man ent­deckt dort manche lange ver­gessene Episode der DGB-Geschichte und stößt auf manche zu Unrecht ver­gessene Dis­kussion. So wird an Claudia Pinls 1977 erschienene Schrift „Das Arbeit­neh­mer­pa­tri­archat“ erinnert, die präzise die anti­fe­mi­nis­ti­schen Strö­mungen in den männ­lichen DGB-Funk­tio­när­s­e­tagen beschrieb. Manche Gewerk­schaf­terin bemerkte schon launig, dass das Ausmaß des gewerk­schaft­lichen Anti­fe­mi­nismus größer sei als die Abwehr gegenüber Frauen in bür­ger­lichen Orga­ni­sa­tionen. Es ist Plogstedts Ver­dienst, in ihrem Buch an diese Debatten zu erinnern. Aller­dings sollten auch die kri­ti­schen Punkte in ihrem Buch nicht ver­gessen werden.
Mit der Kon­zen­tration auf die Orga­ni­sa­ti­ons­ge­schichte kommt die gewerk­schaft­liche Basis­be­wegung, die immer auch von vielen aktiven Frauen getragen wurde, deutlich zu kurz. So wird bei­spielswiese Fasia Jansen, die im Ruhr­gebiet jahr­zehn­telang viele gewerk­schaft­liche Kämpfe begleitet hat, dar­unter die Streiks für die 35-Stunden-Woche, wird in dem Buch gar nicht erwähnt.
Immerhin wird in einem kleinen Kapitel auf die Streiks der Heinze- und Pierburg-Frauen für gleiche Löhne für gleich­wertige Arbeit hin­ge­wiesen.
Könnte die Kon­zen­tration auf die gewerk­schaft­liche Orga­ni­sa­ti­ons­ge­schichte viel­leicht auch damit zu tun haben, dass in den Streik­be­we­gungen auch Kom­mu­nis­tInnen oder Links­so­zia­lis­tInnen aktiv waren? Denn die werden im Buch ent­weder gar nicht oder nur negativ erwähnt. Das zeigte sich an Plogstedts Dar­stellung Kalt­stellens der Gewerk­schafts­se­kre­tärin Karin Roth. Die spätere SPD-Spit­zen­funk­tio­närin Anke Fuchs brachte die Gründe gut auf den Punkt: „Karin Roth wollte zu meiner Zeit bei mir ein­ge­stellt werden. Die war mir aber zu links. Die habe ich nicht genommen“ (S. 376). Plogstedt teilt die Ansicht von Fuchs und anderen Roth-Kri­ti­ke­rInnen: „Roth zählte damals zu den Hoff­nungs­trä­ge­rinnen der tra­di­tio­nellen Linken in der IG-Metall. Kaum jemand war so umstritten wie sie“ (S. 376). Der Ter­minus tra­di­tio­nelle Linke war damals zu einem Kampf­be­griff geworden, mit den Gewerk­schafts­mit­glie­derInnen bezeichnet wurden, die für eine klas­sen­kämp­fe­rische Gewerk­schafts­po­litik ein­traten und dabei auch zu Bünd­nisse mit Grup­pie­rungen links von der SPD bereit waren. Dazu gehörte Karin Roth, die seit 1972 SPD-Mit­glied war, in den 80er Jahren aber noch enge Kon­takte auch zu linken Initia­tiven außerhalb der SPD hatte. Erst in den 90er Jahren trat auch Karin Roth den Marsch durch sozi­al­de­mo­kra­tische Orga­ni­sa­tionen an, war für einige Jahre Sena­torin in Hamburg und danach Staats­se­kre­tärin in der rot-grünen Bun­des­re­gierung.
Plogstedt zeigt in ihrer Geschichte der DGB-Frauen auch, welch ein­ge­schränktes Ver­ständnis von Ein­heits­ge­werk­schaft in der Funk­tio­när­s­etage von Anfang an domi­nierte. Während in der Gestalt von Maria Weber die christ­de­mo­kra­tische und christ­so­ziale Kom­po­nente auf der Füh­rungs­ebene in einer Person ver­treten war, galten Link­so­zia­lis­tInnen oder gar Kom­mu­nis­tInnen als Kräfte von außen, die die Gewerk­schaften ver­ein­nahmen wollten und daher bekämpft werden müssen. Dass sie genauso Teil der Ein­heits­ge­werk­schaft DGB sein könnten wie Sozial- und Christ­de­mo­kra­tInnen, kam der DGB-Führung gar nicht in den Sinn und Plogstedt teilt diese Lesart weit­gehend. So hat Plogstedt neben der Geschichte der DGB-Frauen auch eine Geschichte des DGB-Appa­rates geschrieben, die man kri­tisch lesen sollte.

express-Ausgabe 7–8/2014

http://​www​.express​-afp​.info/​n​e​w​s​l​e​t​t​e​r​.html
Peter Nowak
Sibylle Plogstedt, Wir haben Geschichte geschrieben, Zur Arbeit der DGB-Frauen (1945- 1990), Psy­cho­sozial-Verlag, Gießen 2013, 519 Seiten, 19,90 Euro, ISBN: 978–3‑83792318–6

Ein langer Weg zum Frauenkampftag

Sibylle Plogstedt legte eine lesenswerte Geschichte der DGB-Frauen vor

Der Weg zur Eman­zi­pation der DGB-Frauen in der eigenen Orga­ni­sation war ein stei­niger. Büro­kra­tische Hin­der­nisse und ideo­lo­gische Dif­fe­renzen galt es zu über­winden.

»Trotz aller gesell­schaft­lichen Fort­schritte: der Inter­na­tionale Frau­entag hat seine Exis­tenz­be­rech­tigung nicht ver­loren«, heißt es in einer Erklärung des DGB-Bezirks Berlin-Bran­denburg zum 8. März. Das war nicht immer so. 1980 wollte der DGB- Bun­des­vor­stand durch­setzen, dass sich gewerk­schaft­liche Frauen nicht an den Aktionen zum 8.März betei­ligen. Schließlich werde der in der DDR gefeiert und Clara Zetkin, die als wichtige Initia­torin gilt, war Mit­glied der Kom­mu­nis­ti­schen Partei. Nachdem ört­liche Initia­tiven die Vor­stands­an­weisung igno­rierten und die Zahl der Besu­che­rinnen gewachsen war, beschloss der DGB eigene Aktionen zum 8. März zu orga­ni­sieren.

Dabei war man aber bemüht, den Tag von Clara Zetkin zu trennen. Ein his­to­ri­sches Gut­achten machte darauf auf­merksam, dass der Anlass für den Inter­na­tio­nalen Frau­entag ein Streik von Tex­til­ar­bei­te­rinnen in den USA gewesen ist. Die heute weit­ge­henden ver­ges­senen Que­relen um den 8. März im DGB ver­danken wir dem Buch »Wir haben Geschichte geschrieben«, dass Sibylle Plogstedt her­aus­ge­geben hat. Die Autorin war als undog­ma­tische Linke in der außer­par­la­men­ta­ri­schen Bewegung aktiv und Mit­be­grün­derin der Frau­en­zeitung Courage.

Die hatte anders als die heute bekanntere Emma schon früh Kon­takte auch zu Frauen in der Gewerk­schafts­be­wegung gesucht. Mit ihrer Geschichte der Frauen im DGB leistete Plogstedt Pio­nier­arbeit. Dabei hatten die DGB-Frau­en­aus­schüsse bereits 1980 den Beschluss gefasst, ihre eigene Geschichte auf­zu­schreiben. Aller­dings ver­fügte die Frau­en­ab­teilung über keinen eigenen Etat. Diese Episode ist durchaus sym­pto­ma­tisch für den Umgang des DGB-Appa­rates mit der eigen­stän­digen Orga­ni­sation der Frauen, wie Plogstedt nach­weist.

Sie geht chro­no­lo­gisch vor und beschreibt die Geschichte der gewerk­schaft­lichen Frauen von der unmit­tel­baren Nach­kriegszeit bis zum Jahr 1990. Dieses Jahr ist tat­sächlich auch für die DGB-Frauen eine Zäsur. Erstmals stehen die DGB-Frauen nicht mehr unter der Ägide von CDU-Frauen. Dass mehr als vier Jahr­zehnte Mit­glied von CDU/CSU für dieses Amt zuständig waren, ist aller­dings nicht der Wille der DGB-Frauen gewesen.

Vielmehr zeigt Plogstedt auf, wie die sich sogar dagegen wehrten. Doch der männlich geprägte DGB-Vor­stand wollte in ihren Augen zwei Min­der­heiten in einen Posten unter­bringen: Frauen und CDU/CSU-Mit­glieder mussten in den Füh­rungs­gremien einer Ein­heits­ge­werk­schaft berück­sichtigt werden. Die dagegen auf­be­geh­renden Frauen wurden vom zustän­digen Sekretär brüsk zurück­ge­wiesen. Plogstedt beschreibt die Folgen dieser büro­kra­ti­schen Ein­griffe. Viele in der unmit­tel­baren Nach­kriegszeit aktive DGB-Frauen mel­deten sich bei Gewerk­schafts­kon­gressen kaum noch zu Wort. Der Kon­flikt innerhalb der Frau­en­gremien spitzte sich erst Mitte der 1960er Jahre wieder zu. Während dort eine Mehrheit für eine Reform des Abtrei­bungs­rechts votierte, lehnte es die Christ­so­ziale Maria Weber aus Gewis­sens­gründen ab, den Beschluss nach Außen zu ver­treten.

Sibylle Plogstedt hat eine Orga­ni­sa­ti­ons­ge­schichte der Frauen im DGB geschrieben, die man ohne his­to­ri­sches Vor­wissen lesen kann und sollte. Eine ähn­liche Geschichte des FDGB wäre wün­schenswert, denn der wird in dem Buch recht undif­fe­ren­ziert abqua­li­fi­ziert.

Sibylle Plogstedt, Wir haben Geschichte geschrieben, Zur Arbeit der DGB-Frauen 1945- 1990, Psy­cho­sozial-Verlag, 519 Seiten, 19,90 Euro

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Peter Nowak

»Ich schrieb mich selbst auf Schindlers Liste«

Die Geschichte von Hilde und Rose Berger
Kürzlich hat der Gie­ßener Psy­cho­sozial-Verlag einen Inter­viewband mit der Lebens­ge­schichte der mitt­ler­weile ver­stor­benen Hilde und Rose Berger ver­öf­fent­licht und damit das Schicksal der jüdi­schen Familie Berger in den Fokus der Öffent­lichkeit gerückt. Der Band enthält mehrere Inter­views, die die Geschwister zwi­schen 1978 und 1997 in den USA gaben, sowie einen von Hilde Berger 1980 ver­fassten Bericht über ihr Leben und ihre poli­ti­sches Enga­gement in Berlin. Schon früh befanden sie sich in Oppo­sition zum streng reli­giösen Vater und dem deutsch­na­tio­nalen Klima an ihrer Schule. Zunächst enga­gierten sie sich in einer zio­nis­ti­schen Jugend­or­ga­ni­sation, wo sie die Schriften von Marx und Engels ken­nen­lernten. Rose, Hilde und Hans Berger wurden Mit­glieder der Kom­mu­nis­ti­schen Jugend­or­ga­ni­sation, gerieten aber bald in Oppo­sition zu den auto­ri­tären Orga­ni­sa­ti­ons­struk­turen, die Kritik ver­un­mög­lichten.
Nach ihren Aus­schluss aus der KP-Jugend enga­gierten sich die drei Geschwister mit Freun­dInnen in einer trotz­kis­ti­schen Orga­ni­sation und bauten nach 1933 deren ille­galen Orga­ni­sa­ti­ons­struk­turen in Berlin auf. Hier böte sich sicherlich Material zum Weit­erfor­schen an. Denn noch immer ist die trotz­kis­tische Wider­stands­be­wegung gegen den NS wenig bekannt. Hilde Berger liefert auch einige Bei­spiele vom unver­ant­wort­lichen Handeln der KPD, die noch im Frühjahr 1933 die Namen oppo­si­tio­neller Kom­mu­nis­tInnen, die als Kon­ter­re­vo­lu­tionäre bezeichnet werden, in ihren Publi­ka­tionen ver­öf­fent­lichte. Natürlich kamen auf diese Weise auch die Nazis und die Polizei an die Daten.“Mein Bruder und ich hatten Angst, dass die Kom­mu­nisten unsere Namen ver­öf­fent­lichten. Also beschlossen wir, woanders hin­zu­ziehen“, erin­nerte sich Hilde Berger.
Dass Hans Berger 1936 ver­haftet und nach der Ver­büßung seiner sechs­jäh­rigen Haft­strafe in Auschwitz ermordet wurde, war aller­dings nicht auf diese Denun­ziation der Sta­li­nisten sondern auf das Ein­schleusen eines Spitzels in die Orga­ni­sation zurück­zu­führen. Regina Berger konnte nach Frank­reich fliehen und über­lebte die deutsche Besatzung in der Ille­ga­lität. Ihre Schwester entkam nach meh­reren Gefäng­nis­auf­ent­halten in Deutschland nach Polen, wo sie bald von den deut­schen Häschern ein­geholt wurde. Im KZ Plaszow musste sie als Schreib­kraft Oskar Schindlers berühmt gewordene Liste abtippen und konnte sich und einigen Freun­dInnen das Leben retten. Dort traf sie auch auf den spä­teren Krupp-Manager Berthold Beitz als Teil der deut­schen Admi­nis­tration. Als die Rote Armee näher­rückte, bekam sie eine Unter­haltung von SS-Männern mit, nach der die dort auf­ge­lis­teten Gefan­genen in den tsche­cho­slo­wa­ki­schen Ort Brünnltiz gebracht werden sollen. „Mir wurde klar, dass dieser Brünnlitz-Transport bessere Über­le­bens­chancen hatte als die anderen Trans­porte. Deshalb trug ich mich, Kuba und einige andere enge Freunde eben­falls auf diese Trans­port­liste ein“, erinnert sich Hilde Berger.
Ein Kri­tik­punkt soll bei dem ansonsten ver­dienst­vollen Buch ange­bracht werden. Der Her­aus­geber Reinhard Hesse kri­ti­siert Hilde Berger als rigoros, weil sie sich nach 1945 geweigert hatte, Berthold Beitz einen Per­sil­schein aus­zu­stellen. Sie erkannte an, dass er Leben von Juden gerettet hat, erin­nerte sich aber auch seine anti­se­mi­tische Gespräche und seiner Bereit­schaft, von den Geret­teten, Geschenke anzu­nehmen. Im Doku­men­tenteil des Buches ist der Brief­wechsel zwi­schen Berger und Beitz von 1948 abge­druckt. Nachdem sich Berger geweigert hat, ihn zu ent­lasten, drohte Beitz, „mit ihnen müsste jemand mal richtig „deutsch“ reden“. Diese Unver­schämtheit gegenüber einer Frau, die knapp den deut­schen Ver­nich­tungswahn überlebt und einen großen Teil ihrer Ange­hö­rigen und Freunde ver­loren hat, wird von Hesse nicht etwa zurück­ge­wiesen sondern ver­teidigt. Dafür darf sich Beitz in der Ein­leitung gespreizt darüber aus­lassen, dass Hilde Berger sich nicht in seine „kom­plexe und dilem­ma­tische Lage“ hin­ein­ver­setzen konnte. Sich in die Lage von Hilde Berger hin­ein­zu­ver­setzen, kam den Eli­te­men­schen Beitz der schon 1948 von seinen neuen Kar­rie­re­chancen in der Nach­kriegs­re­publik schwärmte, natürlich nicht in den Sinn. Dafür bekam Beitz kürzlich auf einem Staats­be­gräbnis Lob von Politik und Wirt­schaft. Die Bergers waren bis zum Erscheinen dieses Buches ver­gessen.

»Ich schrieb mich selbst auf Schindlers Liste«. Die Geschichte von Hilde und Rose Berger, (Hrg. Reinhold Hesse), Gießen, Psy­cho­sozial Verlag, 2013, 223 Seiten, 19,90 Euro
aus:
Sozia­lis­tische Zeitung/​SoZ, November 2013,
http://​www​.sozonline​.de/​2​0​1​3​/​1​1​/​i​n​h​a​l​t​-​s​o​z​-​1​1​2​0​1​3​/​#​m​o​r​e​-8816
Peter Nowak

Wenig beachtet

Aktuelle Debatten der sozi­al­psy­cho­lo­gi­schen NS-For­schung

Warum hat ein Großteil der deut­schen Bevöl­kerung selbst als das Ende des Hit­ler­re­gimes abzu­sehen war, keinen Wider­stand geleistet?  Diese Frage beschäftigt die his­to­rische For­schung seit Jahr­zehnten. Im Gegensatz zu Erklä­rungs­an­sätzen, die Hitlers angeb­liches Cha­risma oder die Repression dafür ver­ant­wortlich machen werden sozi­al­psy­cho­lo­gische Erklä­rungs­an­sätze noch immer zu wenig beachtet. Das im Psy­cho­sozial-Verlag erschienene Buch „Volks­ge­mein­schaft, Täter­schaft und Anti­se­mi­tismus“ gibt einen auch für Laien guten Über­blick über die aktuelle Debatte der sozi­al­psy­cho­lo­gi­schen NS-For­schung. In acht Auf­sätzen dis­ku­tieren Wis­sen­schaftler der Arbeits­ge­mein­schaft Poli­tische Psy­cho­logie an der Leibnitz Uni­ver­sität Han­nover his­to­rische Fragen. So setzt sich der Sozi­al­wis­sen­schaftler Sascha Howard kri­tisch mit Götz Alys viel­dis­ku­tierter These vom NS-Sozi­al­staat für deutsche Volks­ge­nossen aus­ein­ander. Dem­ge­genüber betont Howard, dass es bei NS-Volks­ge­mein­schaft gerade nicht um eine mate­rielle Ega­lität ging: „Anstelle von Gleichheit wurde Homo­ge­nität erzeugt, die soziale Rea­lität war von Aus­grenzung gekenn­zeichnet, vom Fort­be­stand sozialer Ungleichheit etwa in Bezug auf die Real­löhne als auch von neuen Ungleich­heiten, die sich aus der ras­sis­ti­schen Politik ergaben“.

Die Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lerin Isa­belle Han­nemann zeichnet die femi­nis­tische Debatte über die Rolle der Frau im NS nach. Im Zentrum ihres Bei­trags steht „der Zick­zackkurs der his­to­ri­schen Frau­en­for­schung und die Frage, warum man deutsche Frauen zunächst als Unschuldige, gar als Opfer patri­ar­chaler Umstände oder lediglich als Mit­tä­te­rinnen betrachtete, obwohl einige bereits im Bergen-Belsen-Prozess 1945 als Täte­rinnen hin­ge­richtet wurden.“ Es ist wohl auch ein Aus­druck für Her­ab­setzung weib­licher Wis­sen­schafts­tä­tigkeit, dass die His­to­ri­ke­rin­nen­de­batte über die Rolle der Frau im NS anders als die von Ernst Noltes Thesen ange­stoßene His­to­riker­de­batte öffentlich kaum wahr­ge­nommen wurde. Mehrere Auf­sätze im Buch setzen sich mit der These, die NS-Täter seien ganz normale Staats­bürger gewesen, aus­ein­ander. Als Bei­spiel für „die Bana­li­sierung des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­bre­chens im Zeichen des Nor­ma­li­täts­dogmas“ setzt sich der Sozio­lo­gie­pro­fessor Rolf Pohl kri­tisch mit den Thesen des Sozi­al­wis­sen­schaftlers Harald Welzer aus­ein­ander, der es ablehnt, die NS-Politik nach einer „Nach­kriegs­moral“ zu be- und ver­ur­teilen. Pohl erinnert diese Argu­men­tation an die Ver­tei­di­gungs­linie des ehe­ma­ligen baden würt­tem­ber­gi­schen Minis­ter­prä­si­denten Fil­binger, der erklärte, was damals recht war, kann heute nicht Unrecht sein. Über anti­se­mi­tische Feind­bilder, die ebenso wie die Volks­ge­mein­schafts­ideo­logie den Natio­nal­so­zia­lismus über­dauert haben, infor­miert der Psy­chologe Sebastian Winter mit Rück­schriften auf Schriften von Mar­garete Mit­scherlich und Klaus The­weleit.

Brunner Markus, Lohl Jan, Pohl Rolf, Winter Sebastian (Hg.), Volks­ge­mein­schaft, Täter­schaft und Anti­se­mi­tismus, Bei­träge zur psy­cho­ana­ly­ti­schen Sozi­al­psy­cho­logie des Natio­nal­so­zia­lismus und seiner Nach­wir­kungen;

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​5​6​2​9​.​w​e​n​i​g​-​b​e​a​c​h​t​e​t​.html

Peter Nowak


Sozialpsychologische NS-Forschung

Warum hat die NS-Volks­ge­mein­schaft bis zum Schluss funk­tio­niert? Das Buch »Volks­ge­mein­schaft, Täter­schaft und Anti­se­mi­tismus« gibt in acht Auf­sätzen einen auch für Laien ver­ständ­lichen Über­blick über die sozi­al­psy­cho­lo­gische For­schung. Im Gegensatz zu Götz Alys These vom NS-Sozi­al­staat für deutsche Volks­ge­nos­sInnen betont Sascha Howard, dass es bei der Volks­ge­mein­schaft nicht um eine mate­rielle Ega­lität ging: »Anstelle von Gleichheit wurde Homo­ge­nität erzeugt, die soziale Rea­lität war von Aus­grenzung gekenn­zeichnet, vom Fort­be­stand sozialer Ungleichheit etwa in Bezug auf die Real­löhne als auch von neuen Ungleich­heiten, die sich aus der ras­sis­ti­schen Politik ergaben.« Isa­belle Han­nemann schreibt über den »Zick­zackkurs der his­to­ri­schen Frau­en­for­schung und die Frage, warum man (deutsche Frauen) zunächst als Unschuldige, gar als Opfer patri­ar­chaler Umstände oder lediglich als Mit­tä­te­rinnen betrachtete, obwohl einige bereits im Bergen-Belsen-Prozess 1945 als Täte­rinnen hin­ge­richtet wurden.« Mehrere Auf­sätze setzen sich mit der These aus­ein­ander, die NS-Täter seien ganz normale Staats­bürger gewesen. Als Bei­spiel für »die Bana­li­sierung des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­bre­chens im Zeichen des Nor­ma­li­täts­dogmas« setzt sich Rolf Pohl kri­tisch mit dem auch bei Linken beliebten Harald Welzer aus­ein­ander. Pohl erinnert Welzers Wei­gerung, die NS-Politik an einer »Nach­kriegs­moral« zu messen, an die Ver­tei­di­gungs­linie des ehe­ma­ligen baden-würt­tem­ber­gi­schen Minis­ter­prä­si­denten Fil­binger (CDU): »Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein.«
 
 
Markus Brunner u.a. (Hg.): Volks­ge­mein­schaft, Täter­schaft und Anti­se­mi­tismus. Bei­träge zur psy­cho­ana­ly­ti­schen Sozi­al­psy­cho­logie des Natio­nal­so­zia­lismus und seiner Nach­wir­kungen. Psy­cho­sozial Verlag, Han­nover 2011. 252 Seiten, 24,90 EUR

http://​www​.akweb​.de/​a​k​_​s​/​a​k​5​6​2​/​3​0.htm

Peter Nowak