Bernd Drücke (Hg.): Die Kriegslogik durchbrechen! Graswurzelrevolutionäre Stimmen zum Gaza-Krieg. Mit einem Geleitwort von Moshe Zuckermann. Verlag Graswurzelrevolution, Münster 2025, 128 Seiten, 14,90 Euro

»Keine Feinde sein«

»Krieg, Hass, Tod und unendliche Leiderfahrungen müssen nicht das letzte Wort im israelisch-palästinensischen Konflikt bleiben«, äußert Bernd Drücke im Vorwort eine Hoffnung. »Das gilt nicht nur für die geschundene Gaza-Bevölkerung, sondern auch für die jüdisch-israelische Bevölkerung«, ergänzt der in Jerusalem lebende Soziologe Moshe Zuckermann in seinem kurzen Geleitwort Am 30. Mai 2026, um 14 Uhr, stellt Bernd Drücke das Buch im Rahmen der Linken Buchtage im Mehringhof in der Gneisenaustraße 2a in BerlinKreuzberg vor und lädt zur Diskussion ein

Am 27. September 2025 fand in Berlin die größte Demonstration für ein Ende des Gaza-Kriegs statt. Doch manchen Antimilitarist*innen fehlte bei den Reden, auf den Transparenten und auf den Flugblättern eine deutlichere Absage auch an die Hamas. Einige von ihnen hatten sich am Berliner Lustgarten zu einer kleinen Kundgebung versammelt. Dort konnte man Redner*innen hören, die darüber berichteten, dass jüdische Menschen für die Politik Israels in Berlin
und anderen Städten angegriffen und für die Haltung der israelischen Regierung verantwortlich gemacht wurden. Dabei betonten diese Redner*innen auf der kleinen Kundgebung, dass sie …

… selbst sowohl die Politik der ultrarechten israelischen Regierung als auch die Angriffe der Hamas klar verurteilten. Solche nachdenklichen Stimmen zwischen den Stühlen haben es oft schwer, sich Gehör zu verschaffen – zwischen all den Lautsprechern mit ihren lauten Parolen.Solche nachdenklichen Stimmen kommen auch in dem Buch mit dem programmatischen Titel »Die Kriegslogik durchbrechen« zu Wort. Der Unterti-
tel »Graswurzelrevolutionäre Stimmen zum Gaza-Krieg« dürfte zunächst stutzig machen. Das Adjektiv hat zwei Bedeutungen: Die Metapher »Graswurzelbewegung« steht für eine Organisierung an der Basis jenseits staatlicher Strukturen. Graswurzelrevolution (GWR) ist zudem der Name einer seit über 50 Jahren bestehenden Monatszeitung, die für Antimilitarismus sowie Staats- und Machtkritik steht. Die Autor*innen der GWR lehnen Kriege und Gewalt auf allen Seiten ab. Genau von diesen Grundsätzen sind die im Band versammelten Texte geleitet, der vom verantwortlichen Redakteur der GWR, Bernd Drücke, herausgegeben wurde. Die überwiegende Mehrzahl der Beiträge erschien in den letzten Jahren in der GWR. Sie eint eine Konstante: Es sind Stimmen, die von den Regierenden auf beiden Seiten ignoriert, marginalisiert und oft sogar verfolgt werden. »Krieg, Hass, Tod und unendliche Leiderfahrungen müssen nicht das letzte Wort im israelisch-palästinensischen Konflikt bleiben«, äußert Bernd Drücke im Vorwort eine Hoffnung. »Das gilt nicht nur für die geschundene Gaza-Bevölkerung, sondern auch für die jüdisch-israelische Bevölkerung«, ergänzt der in Jerusalem lebende Soziologe Moshe Zuckermann in seinem kurzen Geleitwort. Mehrfach kommt in dem Band Swetlana Nowoshenowa zu Wort, die die Organisation Palestinians and Jews for Peace gegründet hat. »Wir müssen keine Feinde sein«, lautet ihr zentrales Motto. Dafür muss sie sich immer wieder Vorwürfe anhören, sie sei eine »selbsthassende Jüdin«. Mit diesem Schmähbegriff setzt sich Nowoshenowa in einem Beitrag des Bandes auseinander. Er gehört längst zum Repertoire eines neuen Antisemitismus, von dem jüdische Menschen betroffen sind, die sich gegen die Kriegstrommeln wenden. Doch noch gefährlicher sind die Islamisten der Hamas, die mit Einschüchterung und Gewalt gegen Palästinenser*innen vorgehen, die aus der Kriegslogik aussteigen wollen. Umso höher ist der Mut von Combatants for Peace zu bewerten, die im Buch vorgestellt werden. Es sind ehemalige Kämpfer – wie der frühere IDF-Soldat Chen Alon und der ehemalige militante Palästinenser Ahmed Helou –, die heute für ein gemeinsames Miteinander im Nahen Osten eintreten. Natürlich kommt auch das Hamas-Pogrom vom 7. Oktober 2023 in verschiedenen Beiträgen zur Sprache. Dabei wird berichtet, dass auch Palästinenser*innen und Beduinen zu den Menschen gehörten, die bereits in den ersten Stunden Hilfe für Verletzte organisierten. Es macht Mut, diese Texte von Menschen zu lesen, die sich von der scheinbar übermächtigen Kriegslogik nicht verhärten lassen. Die Lektüre sei auch allen empfohlen, die in diesem Konflikt vor lauter Geo- und Machtpolitik die Menschen nicht mehr sehen. Das gilt für Teile der propalästinensischen Seite, wo manche im Hamas-Pogrom vom 7. Oktober 2023 etwas Fortschrittliches sehen wollen. Das gilt ebenso für jene, die bis heute die Kriegspolitik der israelischen Regierung bedingungslos verteidigen und sich damit auch gegen große Teile der jüdischen Bevölkerung in Israel und weltweit stellen. Auch in der VVN-BdA und in der Zeitung antifa wurde in letzter Zeit kontrovers über den Nahostkonflikt diskutiert. Dort ist jedoch meist das Bemühen erkennbar, zu differenzierten Positionen zu gelangen. So schrieb Mathias Wörsching in der antifa-Ausgabe vom Januar/Februar 2026: »Als Friedenssymbol trage ich einen Anstecker mit der israelischen und der
palästinensischen Fahne. Durch die Kombination hoffe ich zu verdeutlichen, dass ich das Existenzrecht beider Seiten anerkenne und die menschenveracht-
enden (leider politisch derzeit bestimmenden) Kräfte auf beiden Seiten ablehne.« Das ist genau die Intention, die auch das Buch bestimmt.

Peter Nowak

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