
Es sind oft nur kurze Meldungen, die darüber berichten, wie Geflüchtete durch Neonazis, aber auch durch Polizist*innen Gewalt erfahren oder sogar getötet werden. Die Antirassistische Initiative (ARI) in Berlin sorgt seit 32 Jahren dafür, dass solche Fälle systematisch erfasst werden. Jetzt hat sie den mittlerweile fünften Band ihrer Langzeitdokumentation …
… »Bundesdeutsche Flüchtlingspolitik und ihre tödlichen Folgen« vorgelegt, der auch zum Download zur Verfügung steht. Er schildert Todesfälle im Zeitraum von 2021 bis 2024.
Das ARI-Team schaut genauer hin, berichtet über das, was oft nicht mal in Zeitungen steht: wenn zum Beispiel Menschen sich im Abschiebegewahrsam das Leben nehmen, weil sie die Vorstellung von einer Rückkehr in ein Land nicht ertragen, in dem sie verfolgt werden oder auf der Straße leben müssen. Die Initiative hat die Fälle von 499 Menschen erfasst, die sich angesichts ihrer drohenden Abschiebung selbst töteten oder bei dem Versuch starben, der Deportation zu entgehen. Die Zahl derer, die sich selbst verletzten, aber überlebten, ist weitaus größer: Von mehr als 6500 Fällen weiß die Initiative.
Viele der in den letzten Jahren dokumentierten Fälle betreffen Menschen, die aufgrund der kaum vorhandenen Möglichkeiten, legal ins Land zu kommen, Schleuser für den Transport in Lkw oder Vans bezahlten und von diesen eingeschlossen zurückgelassen wurden oder bei Verfolgungsjagden mit der Polizei verletzt wurden.
Ein besonders dramatischer Fall ereignete sich im Oktober 2023 im Landkreis Mühldorf am Inn (Bayern). Als die Bundespolizei am frühen Morgen einen Kastenwagen auf der Autobahn 94 kontrollieren will, beschleunigt der Fahrer, rast davon. An einer Ausfahrt prallt der für neun Personen ausgelegte Wagen gegen eine Leitplanke und überschlägt sich. Darin befanden sich 22 Geflüchtete, vor allem aus Syrien und der Türkei. Von ihnen sterben bei dem Unfall sieben, unter ihnen ein sechsjähriges Mädchen. Die anderen 15 wurden teils schwer verletzt.
Mittlerweile hat die ARI die Dokumentation auch im Internet ausgebaut. Dort kann man sich auf einer interaktiven Landkarte einen Überblick verschaffen, unter anderem auch über Verletzungen und Todesfälle an Deutschlands Grenzen.
Die Recherchearbeit der ARI begann, nachdem im August 1994 mindestens neun tamilische Geflüchtete beim versuchten Grenzübertritt in der Neiße ertrunken waren. Gemeinsam mit deren Hinterbliebenen ist damals der Film »Tod in der Neiße« entstanden. »Mitarbeiter*innen der ARI beschlossen damals, am Thema zu bleiben, zumal klar war, dass es sich bei der Anzahl der Toten lediglich um die Spitze eines Eisbergs handeln konnte«, schreibt die Initiative.
In den letzten 31 Jahren kamen neue Menschen dazu, andere gingen. Sie sorgten ehrenamtlich dafür, dass diese einzigartige Dokumentation entstehen konnte, in der eine Menge Recherchearbeit steckt, wie Elke Schmidt gegenüber »nd« betont. Zeitungen müssen ausgewertet und Politiker*innen, meist von Linkspartei und Grünen, kontaktiert werden: Sie wurden und werden gebeten, Anfragen zu den Todesumständen von Geflüchteten zu stellen.
»Die Ergebnisse dieser Recherchearbeit sind von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich«, betont Schmidt. Aus Baden-Württemberg kämen zum Beispiel schnell Rückmeldungen, mit denen das kleine Rechercheteam weiterarbeiten kann. Aus anderen Bundesländern kommen spärliche oder gar keine Antworten. Wie sich die Zusammensetzung eines Parlaments auf die Rückmeldungen auf die Anfragen auswirkt, macht Schmidt am Beispiel von Brandenburg deutlich: Weil seit den Landtagswahlen 2024 weder Grüne noch Die Linke im Potsdamer Parlament vertreten sind, bekommt man weniger Daten.
Auf der ARI-Homepage findet sich auch eine vom Umbruch-Bildarchiv aus Berlin-Kreuzberg erstellte Fotogalerie. Sie zeigt einen Gedenkort für die Opfer von Rassismus und Polizeigewalt, den Unbekannte am 26. August 2020 am Berliner Oranienplatz errichtet hatten. Im August 2021 erkannte die Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg mehrheitlich den Stein als Gedenkort an. Wie die Fotos zeigen, wurde er in den letzten Jahren zu einem Ort des Gedenkens wie auch des Protests gegen Rassismus und Polizeigewalt, zu dem meist die Geflüchteten selbst mobilisieren.
Aktueller Report online: https://ari-dok.org/uploads/mini_cms/publications/BRD-GRENZEN1993-2024_2025-07.pdf