
Sie haben kürzlich ein Praxishandbuch zum Thema Selbstverwaltung veröffentlicht. Was verstehen Sie unter dem Begriff? …
„Kollektive Projekte: »Keimformen des Morgen«“ weiterlesenZeitungsartikel des Journalisten Peter Nowak

Sie haben kürzlich ein Praxishandbuch zum Thema Selbstverwaltung veröffentlicht. Was verstehen Sie unter dem Begriff? …
„Kollektive Projekte: »Keimformen des Morgen«“ weiterlesenAnarchismus wird immer wieder mit Gewalt, Terror und Chaos in Verbindung gebracht. Der Münsteraner Soziologe Bernd Drücke versucht seit vielen Jahren dieses Bild zu korrigieren. Er gibt die Zeitschrift »Graswurzelrevolution« heraus, die ein wichtiges Forum der gewaltfreien libertären Bewegung ist. Dass der Historiker Timothy Snyder in einem »Spiegel«-Interview die Behauptung aufstellte: »Hitler war kein Staatsmann oder Nationalist, sondern ein in rassistischen Theorien denkender Anarchist« ist für Drücke eine besondere Diffamierung von Menschen, die sich für eine herrschaftsfreie Gesellschaft einsetzen.
In dem kürzlich im Unrast-Verlag herausgegebenen Buch »Anarchismus Hoch 3« lässt er Menschen zu Wort kommen, die sich als Anarchisten oder Libertäre verstehen. Es ist der dritte Band einer Trilogie über die aktuelle anarchistische Bewegung. »Ja! Anarchismus« und »Anarchismus Hoch Zwei« hießen die beiden Vorgänger.
Auch im dritten Buch gibt Drücke wieder einen guten Überblick über das anarchistische Milieu. So berichtet Andreas Ess über das letztlich gescheiterte Projekt A. Es war der Versuch, in einer Kleinstadt ein libertäres Milieu zu etablieren, in dem Politik und Alltag verbunden werden. Ess schildert, wie er als Jugendlicher und Arbeiter in einer Kohlenzeche tunlich vermied, als Anarchist aufzutreten, dafür aber jede freie Minute für die anarchistische Arbeit nutzte. Der in Hannover lebende Krankenpfleger Heiko Maiwald hingegen verknüpft Politik und Beruf. Als Aktivist der Basisgewerkschaft FAU kämpft der Krankenpfleger für bessere Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen.
Libertäre Tierrechterinnen werden in dem Buch ebenso vorgestellt wie ein Veteran des gewaltfreien Anarchismus. Mehrere Interviewpartner arbeiteten in libertären Verlagen wie Unrast, Edition Nautilus, Assoziation A und Black Pigeon. Auch die Regisseure Moritz Springer und Marcel Seehuber, die in ihren Anfang 2016 fertig gestellten Film »Projekt A« anarchistische Projekte aus verschiedenen europäischen Ländern dokumentierten, kommen in dem Buch zu Wort.
Vier Interviews widmen sich der anarchistischen Bewegung im Ausland. Ralf Dreis schildert beispielsweise die Situation der Anarchisten in Griechenland und kritisiert die SYRIZA-Regierung scharf. Anett Keller spricht über die oppositionellen Kräfte in Indonesien, die sich bis heute nicht von den Massakern erholt haben, mit denen die Opposition Mitte der 1960er Jahre zerschlagen wurde. Auch Ismail Küpeli nimmt in seinem Türkei-Überblick die gesamte oppositionelle Bewegung in den Blick. »Die sozialen Bewegungen sind noch da, trotz der Repression, trotz des brutalen Vorgehens des Staats«, zieht er ein vorsichtig optimistisches Fazit. Sehr treffend ist auch die Einschätzung des russischen Anarchisten Vadim Damier zum Ukrainekonflikt. »Für uns ist das vor allem ein Machtkampf zwischen den kapitalistischen Oligarchie-Cliquen, die leider imstande waren, die Massen für sich zu qualifizieren«, so Damier. Er lehnt daher die Parteinahme für eine Seite ab.
Mit dem Buch hat Drücke einen wichtigen Beitrag zur Bestandsaufnahme der aktuellen libertären Bewegung geleistet. Die politischen Widersprüche zwischen den Strömungen werden deutlich, aber auch das Potenzial und die Rolle, die die Bewegung für eine außerparlamentarische Linke spielen kann.
https://www.neues-deutschland.de/artikel/1034529.herrschaftsfreiheit-ohne-chaos.html
Peter Nowak
Bernd Drücke, Anarchismus Hoch 3, Utopie, Theorie, Praxis. Unrast Verlag, Münster 2016, 16 Euro, ISBN. 978-389771-219-5
Filmemacher Moritz Springer wurde 1979 in Starnberg geboren. Nach der Schule zog es ihn nach Afrika. Heute lebt er zusammen mit Freunden und Familie auf einem eigenen Hof in der Nähe von Berlin. Mit dem Dokumentarfilmer sprach für »nd« Peter Nowak.
»Projekt A« nimmt mit auf eine Reise zu anarchistischen Projekten in Europa. Er zeichnet ein Bild jenseits des Klischees vom Chaos stiftenden, Steine werfenden Punk. Brennende Autos kommen trotzdem darin vor.
Horst Stowasser war nicht nur Autor diverser Bücher über Anarchismus, sondern auch an einem praktischen Versuch beteiligt, libertäre Strukturen in den Alltag zu integrieren. Bezieht sich der Titel Ihres Films auf dieses »Projekt A«?
Der Titel unseres Films ist dem entliehen. 1985 brachte Stowasser mit Mitstreitern ein Büchlein in Umlauf, das für die Idee warb, Anarchismus ganz konkret in einer Kleinstadt umzusetzen. Vier Jahre später ging es in drei Orten tatsächlich an die Realisierung, wobei Neustadt an der Weinstraße das wohl erfolgversprechendste und größte Projekt war. Die am Projekt A beteiligten Menschen gründeten dort Kneipen, kleine Läden und Handwerksbetriebe. Das war ein spannender Versuch, der leider im Großen gescheitert ist, von dem aber viele selbstverwaltete Strukturen übrig geblieben sind. Als wir Stowasser kennenlernten, war er gerade dabei, an einer Wiederbelebung von Projekt A zu arbeiten. Leider starb er 2009 ganz überraschend.
Was bedeutete das für den Film?
Es war ein großer Rückschlag. Wir waren damals noch in der Planungsphase. Eigentlich sollte Stowasser eine große Rolle in dem Film spielen. Nach seinem Tod fragten wir uns, ob wir den Film überhaupt machen sollten. Es war uns dann aber schnell klar, dass in dem Thema soviel Potenzial steckt, dass wir auch ohne ihn den Film machen wollten.
Nach welchen Kriterien haben Sie entschieden, welche Projekte Sie besuchen?
Wir verfolgen zwei Ansätze mit dem Film: Auf der einen Seite wollen wir eine Einführung in die Theorie des Anarchismus geben und einen Eindruck vermitteln, was Anarchisten wollen und wie sie sich organisieren. Und zwar in einer Sprache, die auch für die Leute von nebenan funktioniert. Auf der anderen Seite wollten wir zeigen, wie Menschen ihre Vision einer anderen Welt im Hier und Jetzt versuchen zu leben. Wir haben dann Themenblöcke gesucht, die wir mit Anarchismus verbinden, und die auf bestimmte Länder aufgeteilt. So stellen wir zum Beispiel für Anarchosyndikalismus die Gewerkschaft CGT vor, die mit ca. 60 000 Mitgliedern in Spanien eine wichtige Rolle spielt.
Der Film will ein Bild von Anarchie jenseits der Klischees vom Chaos stiftenden, Steine werfenden Punk zeichnen. Dennoch zeigen Sie auch brennende Autos in Athen. Wird da nicht das Klischee wieder bedient?
Die Szene war nicht gestellt, sondern während eines Generalstreiks passiert. Wir sind Filmemacher und zeigen die Realität. Gerade im Athener Stadtteil Exarchia werden die unterschiedlichen Facetten anarchistischer Aktivitäten deutlich. Da sind die Leute, die einen ehemaligen Parkplatz besetzt und dort einen selbstverwalteten Nachbarschaftsgarten gestaltet haben. Dort kracht es aber auch häufig und es gibt Straßenschlachten mit der Polizei. Im Film kommentiert eine der Protagonistinnen die Szene und sagt, dass sie die Diskussion über Gewalt müßig findet. Man müsse über die Ursachen der Gewalt sprechen und über die wirklich wichtigen Probleme. Die Gewalt ist real, sie ist ein Teil des Alltags in Exarchia, sie auszublenden wäre nicht ehrlich.
Der Film endet mit dem Münchner Kartoffelkombinat, das sich selbst gar nicht als anarchistisch versteht. Haben Sie das bewusst an den Schluss gesetzt, um gesellschaftlich breiter anschlussfähig zu sein?
Uns geht es um einen Brückenschlag. Es hilft nichts, wenn wir in unseren abgeschlossenen Zirkeln bleiben. Wir wollen mit dem Film auch Menschen ansprechen, die sich noch nicht mit Anarchismus auseinander gesetzt haben. Wir müssen uns möglichst viele Bereiche des Lebens zurückerobern. Das Kartoffelkombinat produziert Lebensmittel und zahlt faire Löhne. Es arbeitet an der Transformation von Eigentum zu Gemeingütern und wirtschaftet nicht profit-, sondern bedürfnisorientiert – wohl gemerkt orientiert an den Bedürfnissen der Genossenschaftsmitglieder und nicht von Shareholdern. Dieser Charakter ist entscheidend und nicht, ob sie sich selbst Anarchismus auf die Fahne schreiben.
Welchen Eindruck haben Sie nach dem Besuch der unterschiedlichen Projekte von der anarchistischen Bewegung?
Ich war sehr beeindruckt von der Vielfalt. Jedes Projekt beinhaltet einen Erkenntnisgewinn für mich. Jedes einzelne macht deutlich, was wir erreichen können, wenn wir uns organisieren. Interessant wird es allerdings dann, wenn wir uns fragen, wie wir die verschiedenen Projekte miteinander vernetzten und wie größere gesellschaftliche Strukturen aussehen könnten. Die CGT, aber auch die CIC in Katalonien sind interessante Beispiele. Ich bin gespannt, wie sich das in den nächsten Jahren entwickelt.
http://www.neues-deutschland.de/artikel/1002784.was-wir-erreichen-koennen.html
Interview: Peter Nowak