Titus Engelschall/ Elfriede Müller/ Krunoslav Stojakovic: Revolutionäre Gewalt. Ein Dilemma. Mandelbaum, 298 S., br., 20 €.

Zwingend und emanzipatorisch

Gewalt sei nie eine gute Lösung; manchmal könne man auf sie aber im Kampf für den Fort­schritt nicht ver­zichten, erklärte Elfriede Müller bei der Buch­vor­stellung in Berlin. Sie bezog sich dabei auf die undog­ma­tische Sozia­listin Carola Bloch, die 1988 erklärte: »Also ich glaube, dass man ganz ohne Gewalt nicht aus­kommt.«

Wie hältst du es mit der Gewalt? Diese Frage beschäftigt Linke seit Dez­ennien. Mehr­heitlich unter­scheiden sie explizit zwi­schen Gewalt gegen Sachen und gegen Men­schen. Zu allen Zeiten gab es unter Linken aber auch Anhänger*innen der totalen Gewalt­freiheit. Deren Protagonist*innen waren über­zeugt, dass .….

.…..

.… mit Gewalt keine eman­zi­pative Gesell­schaft errichtet werden könne. Doch selbst Gewalt­freie gingen zuweilen militant vor, zer­störten bei­spiels­weise in den USA Waf­fen­lager und ließen sich danach wider­standslos von der Staats­gewalt fest­nehmen.

Dass oft eine klare Trennung in Gewalt­freie und Anhänger*innen revo­lu­tio­närer Gewalt nicht möglich war, zeigt das Cover eines Buches, das sich mit dem Dilemma »Gewalt« befasst. Es zeigt das letzte Foto von Sal­vador Allende vor dem Prä­si­den­ten­palast in der chi­le­ni­schen Haupt­stadt San­tiago am Morgen des 11. Sep­tember 1973, als der faschis­tische Putsch gegen den demo­kra­tisch gewählten sozia­lis­ti­schen Prä­si­denten begann. Neben ihm sind bewaffnete Männer zu sehen, die Leib­garde des Prä­si­denten. Auch Allende, der stets für einen gewalt­freien Weg zum Sozia­lismus ein­ge­treten ist, hat eine Waffe in der Hand. Sie war ihm bei einem Staats­besuch von Fidel Castro über­reicht worden. Die Szene bringt die Position der Herausgeber*innen des Buches, Titus Engel­schall, Elfriede Müller und Kru­noslav Sto­ja­ković, gut zum Aus­druck, die es sich nicht leicht gemacht haben mit ihrer Bewertung von revo­lu­tio­närer Gewalt in der Geschichte.

Sie sei nie eine gute Lösung; manchmal könne man auf sie aber im Kampf für den Fort­schritt nicht ver­zichten, erklärte Elfriede Müller bei der Buch­vor­stellung in Berlin. Sie bezog sich dabei auf die undog­ma­tische Sozia­listin Carola Bloch, die 1988 erklärte: »Also ich glaube, dass man ganz ohne Gewalt nicht aus­kommt.« Ihre Position unter­mauern die Autor*innen ins­be­sondere, aber nicht nur in dem aus­führ­lichen Kapitel über die Allende-Regierung in Chile. Allende ist immer wieder auf die Oppo­sition zuge­gangen, um einen blu­tigen Bür­ger­krieg im Land zu ver­hindern. Doch seine Gegner gingen nicht darauf ein, zielten mit Unter­stützung der USA auf den blu­tigen Sturz der linken Regierung und die Zer­schlagung jeg­licher linker Oppo­sition. Noch wenige Wochen vor dem Putsch waren fast eine Million Men­schen in Chile zur Ver­tei­digung der Allende-Regierung auf die Straße gegangen. Sie konnten den faschis­ti­schen Staats­streich nicht ver­hindern, da sie nicht bewaffnet waren.

Nicht nur anhand des in den 70er Jahren in der trans­na­tio­nalen Linken viel dis­ku­tierten chi­le­ni­schen Bei­spiels zeigen die Autor*innen, dass von Linken pro­kla­mierte Gewalt­freiheit mit­unter an ihre Grenzen stößt. Sie unter­suchen die Rolle der Gewalt an elf his­to­ri­schen Fällen. Dazu gehört auch der Wider­stand gegen den deut­schen Faschismus und dessen Satrapen. »Ange­sichts der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Gewalt­herr­schaft war der Einsatz von Gewalt von­seiten des Wider­stands zwingend und eman­zi­pa­to­risch«, wird hier betont. Anders als etwa in der Fran­zö­si­schen oder der Rus­si­schen Revo­lution sei es im Kampf gegen Hitler und Kon­sorten aber nicht zu einer Ver­selbst­stän­digung der Gewalt gekommen.

Zu Russland bemerken sie: »Den Bol­schewiki war es nicht gelungen, die Kon­ti­nuität der bür­ger­lichen Geschichte zu sprengen. Dennoch sollte das Resultat nicht mit dem Prozess ver­wechselt werden, denn der Staats­terror hob die revo­lu­tionäre Gewalt und die revo­lu­tionäre Haltung der Bol­schewiki zwar auf, machte sie aber nicht unge­schehen.«

Aus­führlich widmen sich die Autor*innen auch der heute fast ver­ges­senen Revo­lution in Haiti, als zwi­schen 1789 und 1825 Sklav*innen und farbige Zwangsarbeiter*innen die Pos­tulate der Fran­zö­si­schen Revo­lution von Freiheit, Gleichheit, Brü­der­lichkeit in die Rea­lität umsetzen wollten und sich selbst befreiten. Das Buch ist eine Fund­grube auch für aktuelle Dis­kus­sionen.