Matthias Schindler: Vom Triumph der Sandinisten zum demokratischen Aufstand. Die Buchmacherei, 174 S., br., 10 €.

Nicaragua: »So stolz und so bedroht«

Mat­thias Schindler hat mit seiner zor­nigen – sicher nicht in allen Punkten gerechten – Streit­schrift einen Beitrag für die Debatte um die Grenzen der Soli­da­rität mit nominal linken Regie­rungen geliefert.

Im Jahr 1979 ver­trieb die san­di­nis­tische Revo­lution in Nica­ragua den Lang­zeit­dik­tator Somoza. In den fol­genden Jahren wurde das kleine Land in Zen­tral­amerika zum Sehn­suchtsort für Linke in Ost und West. »Ach, kleines Nica­ragua, so stolz und so bedroht, noch brauchst du fremde Hilfe, sonst wär bald eine Hoffnung tot«, textete der DDR-Lie­der­macher Gerhard Schöne. Linke aus aller Welt betei­ligten sich an Soli­da­ri­täts­bri­gaden, halfen bei der Kaffee-Ernte oder beim Bau von Schulen und Gesund­heits­sta­tionen. Auch Mat­thias Schindler hatte sich in den 1980er Jahren an solchen Bri­gaden beteiligt und blieb danach jahr­zehn­telang in der Soli­da­ri­täts­be­wegung mit Nica­ragua aktiv. Jetzt hat der linke Gewerk­schafter ein Buch geschrieben, in dem er.….

.…. mit dem »orte­gu­is­ti­schen Régime«, wie er die aktuelle Regierung des Ehe­paars Ortega nennt, abrechnet.

Schindler beginnt seine Ankla­ge­schrift mit dem Satz »Der 18. April 2018 mar­kiert den Beginn einer neuen poli­ti­schen Zeit­rechnung in Nica­ragua.« An diesem Tag begann in dem mit­tel­ame­ri­ka­ni­schen Land eine Pro­test­be­wegung, die in wenigen Tagen zu einem lan­des­weiten Auf­stand wurde und schließlich mit mas­siver staat­licher Repression nie­der­ge­schlagen wurde. Es gab zahl­reiche Tote und Schwer­ver­letzte, Aktivist*innen wurden ver­haftet oder tauchten unter.

Ein Zitat auf der ersten Seite könnte auch das Leit­motiv des Buches sein. »Der heutige Kampf für Nica­ragua ist ein Kampf um die Erin­nerung und die Geschichte der San­di­nis­ti­schen Revo­lution.« Schindler reka­pi­tu­liert wichtige Etappen dieser Bewegung und geht der Frage nach, warum sie so viele Linke in aller Welt begeistern konnte. Dabei ver­weist er auf die Theo­logie der Befreiung, die in Teilen der Sandinist*innen, wie auch bei ihren Unterstützer*innen, eine größere Rolle spielte als der Mar­xismus. Schindler zeigt aber auch an Bei­spielen auf, wie Theorie und Praxis im dama­ligen Nica­ragua schon sehr früh aus­ein­an­der­fielen.

So hält er es heute für einen großen Fehler, dass über den Machismo des popu­lären san­di­nis­ti­schen Innen­mi­nisters Tomás Borge in den 1980er Jahren in Soli­da­ri­täts­kreisen nur intern gesprochen wurde. Argu­men­tativ setzt sich Schindler mit jenen Linken aus­ein­ander, die die aktuelle Regierung in Managua wei­terhin unkri­tisch ver­tei­digen.

Und er widerlegt Behaup­tungen der Regierung, nach denen es sich bei den nie­der­ge­schla­genen Pro­testen um einen von den USA gesteu­erten Putsch gehandelt habe. Glaub­würdig ist Schindler als linker Kri­tiker, weil er zwi­schen der Regierung Ortega und den Regie­rungen in Vene­zuela und Kuba klar dif­fe­ren­ziert. Er benennt auch in diesen Ländern demo­kra­tische Defizite, wendet sich aber gegen die Régime-Change-Politik der Oppo­sition. Schindler hat mit seiner zor­nigen – sicher nicht in allen Punkten gerechten – Streit­schrift einen Beitrag für die Debatte um die Grenzen der Soli­da­rität mit nominal linken Regie­rungengeliefert.

Peter Nowak