Der Politikwissenschaftler Carsten Prien kritisiert das Sozialistische Büro aus Sicht Rudi Dutschkes.

Räte, Netz, Partei

Carsten Prien: Räte­partei: Zur Kritik des Sozialis- tischen Büros. Oskar Negt und Rudi Dutschke. Ein Beitrag zur Orga­ni­sa­ti­ons­de­batte. Ousia-Lese­kreis-Verlag, 190 S., ISBN: 978–3‑94457–063‑1, 19 €.

Mit dem Poli­to­logen Wolf Dieter Narr ist Mitte Oktober ein wich­tiger Prot­agonist des Sozia­lis­ti­schen Büros gestorben. Die Geschichte dieser 1969 gegrün­deten und bis in die 90er Jahre aktiven, netz­förmig struk­tu­rierten Orga­ni­sation ist heute – zu Unrecht – weit­gehend ver­gessen. Dabei spielte sie eine wichtige Rolle, nachdem sich der Sozia­lis­tische Deutsche Stu­den­tenbund 1969 auf­gelöst hatte. Aktivist*innen der Außer­par­la­men­ta­ri­schen Oppo­sition (Apo), die nicht den Weg in die spät­sta­li­nis­ti­schen K‑Gruppen antreten wollten, trafen dort auf ältere .…

.…. Linkssozialist*innen und Antimilitarist*innen. Es ist ein Ver­dienst des Poli­tik­wis­sen­schaftlers Carsten Prien, dass das 50. Grün­dungs­ju­biläum des Sozia­lis­ti­schen Büros nun nicht gänzlich uner­wähnt geblieben ist. Unter dem Titel »Räte­partei« hat er eine kurze Geschichte des Büros her­aus­ge­geben. In seiner selbst­er­klärten Funktion als theo­re­ti­scher Nach­lass­ver­walter des cha­ris­ma­ti­schen Apo-Akti­visten Rudi Dutschke kri­ti­siert Prien darin das Sozia­lis­tische Büro aus dessen Sicht.

Erst 1976 ein­ge­treten, wollte Dutschke die Mit­glieder des Büros für sein Projekt einer Par­tei­gründung gewinnen, das Apo-Aktivist*innen und Umwelt­be­wegte mit­ein­ander ver­binden sollte. Zur selben Zeit begann, bekämpft von allen im Bun­destag ver­tre­tenen Par­teien, der Auf­stieg der außer­par­la­men­ta­ri­schen Anti­atom­kraft­be­wegung.

Im Buch wurden Zeich­nungen rekon­struiert, die Dutschke mit Freund*innen bei seinen inten­siven Dis­kus­sionen über das Modell einer Räte­partei ange­fertigt hatte. Diese zeigen auch, wie abs­trakt und theo­re­tisch das Projekt war; einen geschäfts­füh­renden Arbeits­aus­schuss sollte es ebenso geben wie einen Dele­gier­tenrat, regionale Zentren und Arbeits­felder. Doch Dutschkes Pläne stießen im Sozia­lis­ti­schen Büro auf Kritik. Vor allem ältere Genoss*innen sahen die Stärke ihrer Orga­ni­sation darin, für Men­schen mit und ohne Par­tei­zu­ge­hö­rigkeit offen zu sein. Von Prien wird dieser Kon­flikt sehr par­teiisch dar­ge­stellt – bei ihm ist Dutschke immer im Recht, seine Kritiker*innen werden teils unsachlich abge­watscht. Auch im Dutsch­kismus scheint Kritik am Ide­en­geber nicht erwünscht.

So wird der Psy­cho­lo­gie­pro­fessor Peter Brückner »zum Ver­treter einer orga­ni­sa­ti­ons­feind­lichen, hedo­nis­ti­schen Linken« gestempelt, weil er für die Selbst­or­ga­ni­sation und gegen die Gründung einer neuen Partei argu­men­tierte. Völlig aus­ge­blendet wird da- bei Brückners wichtige Rolle im soge­nannten Deut­schen Herbst nach 1977, als er die ge- for­derte Distan­zierung von Gruppen der ra- dikalen Linken ver­wei­gerte und des­wegen so- gar seine Pro­fessur ver­lieren sollte.

Plau­sibel ist hin­gegen die vor­ge­brachte Kritik an dem im Sozia­lis­ti­schen Büro ein­fluss­reichen Phi­lo­sophen Oskar Negt. Dem spä­teren kul­tur­po­li­ti­schen Berater von Bun­des­kanzler Gerhard Schröder wird zu Recht vor­ge­worfen, schon in den 70er Jahren wie ein Sozi­al­de­mokrat ohne Par­teibuch agiert zu haben. Doku­men­tiert wird das durch bei­gefügte Brief­wechsel zwi­schen Dutschke und Negt.

Doch auch die von Prien nicht geteilten Argu­mente der Gegner*innen einer Par­tei­gründung sind bis heute nach­voll­ziehbar. Die links­kom­mu­nis­tische Gruppe »Kritik und Klas­sen­kampf« hat kürzlich in ihrem Beitrag »Der kom­mende Auf­prall« die netz­förmige Struktur des Büros aus­drücklich als Modell für heutige Orga­ni­sie­rungs­an­sätze am Arbeits­platz und im Stadtteil her­an­ge­zogen. Mit der Zeitung »express« exis­tiert noch immer eine vom Sozia­lis­ti­schen Büro initi­ierte »Zeitung für Betriebs- und sozia­lis­tische Gewerk­schafts­arbeit«, in der zunehmend auch jüngere Linke mit­ar­beiten.

Peter Nowak