
Wer regelmäßig Zeitung liest, kennt Georg Seeßlen wegen sei- ner kulturkritischen Texte. Er publiziert regelmäßig in Taz, Freitag, Jungle World, Zeit und anderen Medien. Der Aufstieg des Trumpismus ist seit Jahren Gegenstand seiner Artikel. So ist es nicht verwunderlich, dass Seeßlen innerhalb weniger Monate gleich zwei Bücher im Verlag Bertz und Fischer veröffentlicht hat, die sich mit …
… Donald Trump und seinem zeitweiligen Protegé Elon Musk befassen.
auch nur ein kapitalist
Schon in dem Band „Trump & Co.“ spielt Musk eine wichtige Rolle. Doch es ist klar, dass sich der Großkapitalist nicht einfach unter das Kürzel Co. subsumieren lässt. So ist es nur konsequent, dass Seeßlen im vergangenen Oktober gleich noch bei Bertz und Fischer ein Buch nachlegte, das sich allein mit den verschiedenen Facetten von Musk befasst und über 100 Seiten dicker als das Trump-Buch ist. Nun könnte man denken, das Buch sei bereits veraltet. Schließlich haben sich Trump und Musk längst getrennt. Tatsächlich konnte Seeßlen auf einigen Seiten im Kapitel „Der Rückzug“ noch auf diese Entwick- lung eingehen. Er kommt zu dem Schluss: „Der Rückzug von Elon Musk veränderte die Konstellation dramatischer, als es zunächst den Anschein hat. Die unverhohlene Kleptokratie des Trump-Clans und seiner Entourage hatte nun alles Visionäre verloren.“ Hier spricht der Kulturkritiker Seeßlen. In Wahrheit stehen sowohl Trump als auch Musk für die Kleptokratie im Spätkapitalismus.Zudem ist der offene Streit zwischen beiden einer Art feindlicher Koexistenz gewichen. Musk gehörte zu den Kapitalisten, die Trump bei seinem China-Besuch im Mai begleiteten. Mitte Juli wurde bekannt, dass Musk das Energieunternehmen APR Energy gekauft hat, um die Energiezufuhr seiner Rechenzentren zu sichern. Auch dabei hat Musk Unterstützung durch die US-Regierung bekommen, was deutlich macht, dass die Männerfreundschaft zwischen Trump und Musk vorbei sein mag, die Kumpanei der Großkapitalisten aber weitergeht.
Eloquent und kurzweilig
Das ist ein Grund mehr, das Buch über Musk zu lesen. Zumal Seeßlen ein eloquenter Schreiber und kurzweilig zu lesen ist. Mit seinen pro- funden Kenntnissen in der Literatur, vor allem aber in der Filmkunst bereichert er seine Texte ungemein. So kommt er in seinem Psychogramm über Musk zu Schlüssen, die auf den ersten Blick erstaunlich sind. „Der Fluchtpunkt für den jungen Elon Musk war nicht die Bibel, die er wiederum als chaotisch und wider- sprüchlich empfand, sondern das Universum der Science-Fiction, die futuristische Traumwelt, in der aus dem Jungen aus der falschen Familie der autarke technokratische Held wurde und in der nicht der Glaube, sondern die Rakete ihn aus dem Elend seines Alltags führen würde.“ Man kann kritisieren, dass sich Seeßlen etwas zu tief in die Psyche des kind- lichen Elon einfühlt und dann oft auf Mutmaßungen anstelle von Fakten angewiesen ist. In diese Kategorie gehört die folgende Spekulation: „Und wie sehr ist die Verbindung von Donald Trump und Elon Musk – der vergebliche Versuch, Vater und Sohn zu synchronisieren – eine Herausforderung an den Rest der Welt, die heim- lich erwartete Strafe zu vollziehen?“ In ein solches wildes Psychologisie- ren verfällt Seeßlen öfter auf den ersten 60 Seiten. Doch dann überwiegt die materialistische Analyse über den Aufstieg eines Großkapitalisten in den USA. In fünf Kapiteln geht der Autor auf die Projekte ein, die Musk dazu gemacht haben: Tesla, SpaceX, Twitter, Neuralink und die Boring Company. Bei letzterer han- delt es sich um ein Unternehmen für Tunnelbau und Infrastruktur. Der Journalist Steve Rose schreibt in der Wochenzeitung Freitag über eine Pro- befahrt im Musk-Tunnel in Las Vegas:
„Es ist bezeichnend, dass die einzigen Orte, die Musks Boring-Vision über- nommen haben, sowohl kommerziell als auch politisch mit ihm verbunden sind.“ Hier geht es also um handfeste Interessen und nicht um ein Kind- heitstrauma.
Wirtschaftsliberale, rechte und ganz rechte
Dabei ist natürlich nicht uninteressant, dass zu Musks Jugendidolen Robert A. Heinlein gehört, ein Science- Fiction-Autor, der „den libertären Geist des Kapitalismus in der Nachfolge von Ayn Rand“ verkörpert, wie Seeßlen schreibt. Es ist die Ultrakapitalistin Rand, die posthum zum Idol von Argentiniens rechtslibertärem Präsidenten Javier Milei wurde, der wiederum ein großer Bewunderer von Musk ist. Doch Rand, Milei und Musk haben Fans bis in die FDP und ihre Jugendorganisation. Deshalb sollte uns auch nicht in erster Linie die Frage beschäftigten: „Wie verrückt ist Elon Musk?“ So lautet eine Kapitelüberschrift in dem Buch. Eher wäre doch zu fragen: Ist der Muskis- mus nicht eine Periode des Spätkapitalismus wie vor 100 Jahren der Fordismus? Dessen Namensgeber war der Antisemit und Hitler-Finanzier Henry Ford.
Es ist wichtig, Musk in die Geschichte des Kapitalismus einzuordnen. Nur dann ist es auch möglich, ihn adäquat zu bekämpfen. „Elon Musk ist der Mann, der uns in die Zukunft bringt, nicht obwohl, sondern weil seine Un- ternehmen nach den Gesetzen des al- ten Kapitalismus gar nicht funktionieren dürften“, schreibt Seeßlen.
Etwas enttäuschend ist das letzte Kapitel, das sich mit Szenarien eines möglichen Niedergangs des Muskismus befasst. Da betont Seeßlen, dass Musk die freie Marktwirtschaft vernichtet, als ob nicht schon zu Zeiten von Henry Ford der Kapitalismus der Trusts und Konzerne begonnen hätte. Dort und an anderen Stellen im Buch finden sich noch die Illusionen des Autors über einen gezähmten Kapitalismus, der das Gegenmodell zur Herrschaft von Musk und Co. sein soll. So hofft Seeßlen auf eine demokratische Zivilgesellschaft, die in den USA auch den McCarthyismus in den 1950er Jahren überwunden hat. „Es ist weniger die liberale – gar linke – Gegenbewegung als eine allgemeine Besinnung auf die verlorenen Grundwerte nebst einiger mutiger Männer und Frauen, die erkennen, mit wem man es zu tun hat, mit halbfaschistischen Hampelmännern“, resümiert Seeßlen.
Die gegenkräfte bleiben blass
Die Gegenkräfte im Tesla-Werk bei Berlin kommen Seeßlen allerdings nicht in den Blick. Weder die Waldbesetzung, die im Herbst 2024 illegal ge- räumt wurde, noch die AnwohnerInnen, die sich gegen die Tesla-Fabrik mit ihrem hohen Wasserverbrauch aussprachen, wie es Heidemarie Schroeder in ihrem Buch „Eine Gigafabrik in Grünheide“ sehr anschaulich beschreibt. Da ist schließlich noch die IG Metall, die bei der Betriebsratswahl im Teslawerk wie eine feindliche Organisation behandelt wurde. Ein Vertreter der IG Me- tall wurde vom Betriebsleiter mit der Polizei aus dem Werk geworfen. Diese Gewerkschaftsfeindlichkeit nach dem Drehbuch eines Elon Musk wird auch von vielen anderen Kapitalisten unterstützt, die die Macht nicht mit Gewerkschaften – und seien sie noch so sozialpartnerschaftlich orientiert– teilen wollen. Auch wenn Seeßlen über diese Aspekte wenig schreibt, so liefert sein Buch wichtige Elemente der Geschichte des Muskismus und seines Namensgebers. ■
Peter Nowak