Helmut Daher: Antisemitismus, Xenophobie und pathetisches Vergessen. Warum nach Halle vor Halle ist. Westfälisches Dampfboot, Münster 2020, 101 Seiten, 10 Euro,

Kurzzeitgedenken

Peter Nowak über die kol­lektive Gedächt­nis­schwäche und den Anschlag von Hanau

Wir sind von einer Extrem­si­tuation direkt in die nächste gefallen. Auch wenn die Corona-Pan­demie eine welt­weite Krise ist, sind wir Teil davon, und die aktu­ellen Pro­bleme über­lagern alles andere in unserer Stadt“, begründete Hanaus Ober­bür­ger­meister Claus Kaminsky am 2. April, warum eine .…

.… kol­lektive Trau­er­arbeit für die Opfer des ras­sis­ti­schen Terrors vom 19. Februar in der Stadt nicht möglich ist. Derweil haben die Ange­hö­rigen und Freunde in der Corona-Krise Kon­takt­verbot und so nicht einmal die Mög­lichkeit, kol­lektiv zu trauern oder sich gemeinsam gegen Ver­suche des BKA zu wehren, den ras­sis­ti­schen Cha­rakter des Ver­bre­chens wieder infrage zu stellen. Die Medien hatten spä­testens nach der Trau­er­feier vom 4. März die Kameras in Hanau abgebaut. Wie es den Ange­hö­rigen heute geht, inter­es­siert sie nicht. Dafür erfahren wir jetzt viel über Deutsche, die im Zeichen von Corona aus aller Welt heim­geholt werden und meist bekunden, wie glücklich sie sind, wieder in Deutschland zu sein. Da will man über die Opfer von Hanau nichts mehr hören. „Das bisschen Tot­schlag bringt uns nicht gleich um“, tex­teten die Gol­denen Zitronen“ nach den Mord­an­schlägen von Mölln im November 1992. Sie könnten diese Zeile auch nach Hanau geschrieben haben.

Der in Wien lebende Soziologe Helmut Dahmer hat im Januar 2020 im Verlag West­fä­li­sches Dampfboot unter den Titel „Anti­se­mi­tismus, Xeno­phobie und pathi­sches Ver­gessen“ ein Buch mit Texten ver­öf­fent­licht, die einen Erklä­rungs­ansatz für die Unfä­higkeit von Politik und großer Teile der Bevöl­kerung geben, den Zusam­menhang der langen Reihe der anti­se­mi­ti­schen und ras­sis­ti­schen Ver­brechen zu erkennen. „Die kol­lektive Gedächt­nis­schwäche hat eine Vor­ge­schichte: Die wurde in Deutschland im Frühjahr 1945 ein­geübt, als die in Krieg, Raub und Mas­senmord „ver­strickte Volks­ge­mein­schaft durch einen Sprung in die­Amnesie zu sal­vieren suchte“, schreibt Dahmer. Unter den Ein­druck des anti­se­mi­ti­schen Anschlags von Halle hat Dahmer in dem Band Texte zusam­men­ge­stellt, die er seit 1987 zum rechten Terror ver­öf­fent­licht hat. Er beschrieb dort die kurz­fristige Empörung, die fol­gen­losen Trau­er­ze­re­monien, die Eti­ket­tierung der Mord­taten als „zutiefst erschre­ckend“, „bei­spiellos“ und „unbe­greiflich“, der War­nungen vor den Anfängen, denen es zu wehren gilt, bevor das große Ver­gessen beginnt.

Peter Nowak

Erst­ver­öf­fent­li­chungsort:
https://www.konkret-magazin.de/404-aktuelles-heft