Gerhard Hanloser: Die andere Querfront. Skizzen des antideutschen Betrugs Münster: Unrast, 2019. 343 S., 18 Euro

Kritik der antideutschen Strömung

Es handelt sich nicht um Betrug, sondern um eine Anpassung ehe­ma­liger Linker an die Zumutung von Staat, Nation und Kapital, die bekanntlich in der Ver­gan­genheit nicht nur Anti­deutsche prak­ti­ziert haben. Doch Han­loser zeigt auf 340 Seiten, dass diese Strömung die Inte­gration in das herr­schende System oft besonders perfekt voll­zogen hat

Über die anti­deutsche Strömung ist schon viel geschrieben worden. Bereits 2004 hat der Publizist Gerhard Han­loser mit dem von ihm her­aus­ge­ge­benen Sam­melband Wir war’n die Anti­deut­schesten der deut­schen Linken eine in großen Teilen fun­dierte Kritik an der Ent­wicklung der anti­deut­schen Strömung ver­öf­fent­licht. In dem Band schrieben ver­schiedene AutorInnen, die nach 1989 .…

.….der anti­deut­schen Strömung zumindest in Teilen nahe­standen, deren spä­teren poli­ti­schen Weg aber ablehnten. Spä­testens nach den isla­mis­ti­schen Anschlägen vom Sep­tember 2001 ist das poli­tische Milieu, dass sich oft diffus mit dem Label «anti­deutsch» schmückte, dif­fun­diert. Ein Teil – dazu gehörten die AutorInnen des Bandes von 2004 – hat sich über­haupt nicht mehr darauf bezogen. Aber die AutorInnen haben damals auch aner­kannt, dass die Ablehnung von Deutschland nicht nur im Wen­de­herbst 1989 gute Gründe hatte. Das hebt auch Han­loser in seinem aktu­ellen Buch positiv hervor. «In den Anfangs­jahren der 90er Jahre war die anti­deutsche Kritik also noch eine Form radi­ka­li­sierter, linker Politik ange­sichts einer sie über­rol­lenden his­to­ri­schen Ent­wicklung», schreibt er im ersten Kapitel. Man kann der anti­deut­schen Linken auch kon­ze­dieren, dass auch Teile der Linken, die nie etwas mit ihr zu tun haben wollten, Begriffe wie Volk und Nation hin­ter­fragen. Man kann ihr auch zugu­te­halten, dass zumindest ein kleiner Teil der Linken immun gegen die schwarz­rot­goldene Fah­nen­schwen­kerei geblieben ist, die spä­testens seit der Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft 2006 von einem Großteil der Grünen und Links­li­be­ralen völlig selbst­ver­ständlich akzep­tiert wird. Ein kleiner Teil der Anti­deut­schen ging aller­dings immer weiter nach rechts, pries den dama­ligen US-Prä­si­denten Bush als «Man of Peace», applau­dierte allen Kriegen der USA, um dann auch in Deutschland sogar mit AfD-Poli­tikern gemeinsam gegen Isla­mismus zu demons­trieren. Gegen diese Rechts­an­ti­deut­schen, wie sich der Flügel um die Zeit­schrift Bahamas heute selber nennt, pole­mi­siert Gerhard Han­loser in seinen vor einigen Monaten im Unrast-Verlag her­aus­ge­kom­menen Buch sehr treffend. Sein Titel ist zwei­facher Hin­sicht unglücklich. Nicht jedes Abzweigen nach rechts sollte gleich mit his­to­ri­schen Begriffen wie Quer­front auf­ge­laden werden. Noch unglück­licher ist der Unter­titel, denn es handelt sich nicht um Betrug, sondern um eine Anpassung ehe­ma­liger Linker an die Zumutung von Staat, Nation und Kapital, die bekanntlich in der Ver­gan­genheit nicht nur Anti­deutsche prak­ti­ziert haben. Doch Han­loser zeigt auf 340 Seiten, dass diese Strömung die Inte­gration in das herr­schende System oft besonders perfekt voll­zogen hat. Gelungen ist das Buch, wo Han­loser auf Grund von eigenen Erfah­rungen und Hin­ter­grund­wissen beschreibt, wie sich Teile des anti­deut­schen Milieus von ihren eigenen staats- und natio­nal­kri­ti­schen Pos­tu­laten ver­ab­schie­deten. Es ist kein Zufall, dass ein Großteil seiner Bei­spiele in Freiburg ange­siedelt sind. Schließlich hat sich Han­loser in dieser Stadt poli­tisch links sozia­li­siert und die erste Kon­takte mit sich selbst als anti­deutsch ver­ste­henden Gruppen gehabt. Han­loser kri­ti­siert die Reste der Anti­deut­schen von einem liber­tären Stand­punkt aus oft treffend. Doch leider arbeitet er auch manchmal mit dem Holz­hammer und ver­zichtet auf Dif­fe­ren­zie­rungen. Dass zeigt sich an seiner Kritik an der femi­nis­ti­schen Publi­zistin Ingrid Strobl, die Anfang der 90er Jahre ihre eigene anti­zio­nis­tische poli­tische Geschichte kri­tisch hin­ter­fragte. Sie hat sich dabei kei­neswegs bedin­gungslos hinter die israe­lische Regierung gestellt, sondern her­aus­ge­ar­beitet, dass Israel sowohl Zufluchtsort der Shoah-Über­le­benden ist, als auch ein Natio­nal­staat, der für die Besat­zungs­po­litik ver­ant­wortlich ist. Strobl hat Anfang der 90er Jahre mit erklärten Anti­zio­nis­tInnen, wie drei dama­ligen Gefan­genen des anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Wider­stands, in der Zeit­schrift Konkret kon­trovers über die Haltung der Linken zu Israel dis­ku­tiert. Eine solche Debatte wäre später von beiden Seiten nicht mehr möglich gewesen.