In Berlin-Kreuzberg verschwindet der Name eines preußischen Offiziers aus dem Straßenbild. Dafür gibt es jetzt den Eva-Mamlok-Platz.

Jüdische Antifaschistin ersetzt Marschall Vorwärts

Gerson schloss sich dieser Gruppe um Mamlok an. Am 30. September 1941 wurden Eva Mamlok, Inge Gerson und Inge Lewinsohn wegen des Besitzes und der Weitergabe verbotener Bücher denunziert und ins Gefängnis eingeliefert. Nach Berners späteren Erinnerungen wurden die drei Frauen wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode verurteilt. Die Urteile seien aber in lebenslängliche Haft im Konzentrationslager umgewandelt worden.

Am Freitag wurde in Berlin-Kreuzberg der Blücherplatz in Eva-Mamlok-Platz umbenannt. Damit verschwindet ein preußischer Generalfeldmarschall aus dem Straßenbild, der im hohen Alter von zuletzt mehr als 70 Jahren durch Siege über Napoleons Truppen berühmt wurde. Blüchers Spitzname war »Marschall Vorwärts«. Im Militär verharmloste der Spruch »Er geht ran wie Blücher« lange Zeit die sogenannte Vorwärtsverteidigung. Sie war mit dem Tod vieler Soldaten bei Sturmangriffen verbunden. Eva Mamlok ist eine Antifaschistin, die sich bereits in jungen Jahren engagierte. Anfang der 1930er Jahre stieg sie auf das Dach des …

… Warenhauses Tietz am Halleschen Tor. Dort schrieb sie die Parole »Nieder mit Hitler«. Mamlok wurde festgenommen, war aber noch keine 14 Jahre alt und damit noch nicht strafmündig.

Überliefert ist diese mutige antifaschistische Intervention durch Inge Berner, geborene Gerson. Sie war Mitglied der jüdisch-kommunistischen Wiedrstandsgruppe von Herbert Baum, die 1942 einen spektakulären Brandanschlag auf die Propagandaausstellung »Das Sowjetparadies« im Lustgarten verübte. Zahlreiche Mitglieder der Herbert-Baum-Gruppe wurden hingerichtet. Inge Gerson hatte die Gruppe wegen politischer Differenzen zu diesem Zeitpunkt schon verlassen und entging so der Repression. Als Jüdin musste sie allerdings Zwangsarbeit leisten und lernte dabei Eva Mamlok kennen, die mit einem Kreis junger Frauen Widerstand gegen die Nazis leistete. Diese jungen Frauen verteilten von den Faschisten verbotene Literatur und malten antifaschistische Parolen an Häuserwände.

Gerson schloss sich dieser Gruppe um Mamlok an. Am 30. September 1941 wurden Eva Mamlok, Inge Gerson und Inge Lewinsohn wegen des Besitzes und der Weitergabe verbotener Bücher denunziert und ins Gefängnis eingeliefert. Nach Berners späteren Erinnerungen wurden die drei Frauen wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode verurteilt. Die Urteile seien aber in lebenslängliche Haft im Konzentrationslager umgewandelt worden.

Bis heute fehlen Dokumente zu den Urteilen. Die wenigen Informationen über Eva Mamlok und ihre Gruppe stammen von Inge Berner, deren Erinnerungen in hohem Alter jedoch lückenhaft waren. So bleiben die Gründe für die seinerzeit seltene Umwandlung der Todesurteile in lebenslängliche Haft unklar. Laut Inge Berner hat sich ihr nicht-jüdischer Onkel erfolgreich dafür eingesetzt. Nach anderen Berichten konnte Mamloks Mutter einen Beamten bestechen und damit erreichen, dass Eva Mamlok und ihren Mitstreiterinnen die Hinrichtung erspart blieb.

Unstrittig ist das weitere Schicksal der Antifaschistinnen. Sie wurden im Januar 1942 in das Ghetto Riga deportiert und nach dessen Auflösung in das KZ Riga-Kaiserwald verlegt. 1944 wird Mamlok ins KZ Stutthof verlegt. Dort stirbt sie am 23. Dezember im Alter von 26 Jahren. Die offizielle Todesursache lautet »allgemeine Körperschwäche«.

Nur Inge Gerson überlebte. Doch ihre Aussagen blieben lange Zeit unveröffentlicht. In Berlin befasste sich seit 2003 ein Forschungsprojekt mit dem Leben von Mamlok. Von Juni bis September 2024 war im Kreuzberg-Museum die Ausstellung »Die Gruppe Eva Mamlok – Widerstandsgeschichten« zu sehen. Dort war sehr akribisch dokumentiert, was von Leben und Tod der mutigen Antifaschistin bekannt ist. Auch die Lücken in der Biografie wurden nicht verschwiegen.

Der nun nach Eva Mamlok benannte Platz ist für eine solche Ehrung sehr passend. Ganz in der Nähe befand sich das Kaufhaus Tietz, auf das die jugendliche Eva Mamlok in der Nazizeit geklettert war. Peter Nowak