Helge Döhring Anarcho-Syndikalistinnen. Deutschsprachige Frauen im historischen Anarcho-Syndikalismus. Edition AV, Bodenburg 2025, 400 Seiten, 24 Euro, ISBN 978-3-86841

Anarcho-Syndikalistinnen

Einige der vom Syndikalismusforscher vorgestellten Frauen wurden von Gisela Notz schon in der Graswurzelrevolution porträtiert, dazu gehört Etta Federn, die durch ihre in der Spanischen Revolution gemachten Erfahrungen mit dem Pazifismus gebrochen hat.

Wilhelm Schroers ist einer von wenigen Anarchosyndikalisten, nach dem heute ein Gebäude in Deutschland benannt ist. Im Kulturhaus Wilhelm Schroers ist die Volkshochschule Delmenhorst untergebracht, die Schroers mitgegründet hat. Im Archiv dieser Volkshochschule finden sich verschriftlichte Zeitschrifteninterviews mit Schroers. „Zwischen den Fragen und Antworten unterbrechen eckige Klammern diese Unterhaltung: (Martha mit Kuchen)“, schreibt Helge Döhring auf Seite 153 in seinem jüngst im Verlag Edition AV veröffentlichten Buch „Anarcho-Syndikalistinnen“. Dort hat der Historiker 30
deutschsprachige …

… Anarchist*innen und Anarchosyndikalist innen porträtiert. Es sind überwiegend wenig bekannte Aktivistinnen wie Martha Schroers. Auch im anarchistischen und anarchosyndikalischen Milieu werden die Frauen oft nur erwähnt, wenn sie Kaffee und Kuchen bereitstellen, während die Männer interviewt werden, wie bei Martha Schroers.Döhring hat nun aufgeschrieben, welch wichtige Rolle Martha Schroers bei der Sexualaufklärung in Delmenhorst über viele Jahre spielte. „Nach 1945 organisierten sich Martha und Wilhelm Schroers nicht mehr in anarchosyndikalistischen Zusammenhängen, sondern bei der SPD, blieben aber dort auch kritische Zeitgenossinnen.“ So trat Martha Schroers aus der SPD wieder aus, weil die Partei einen Unvereinbarkeitsbeschluss zur Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) durchsetzen wollte. Hier wird die Gemengelage besonders interessant. Eine langjährige Anarchosyndikalistin organisiert sich nach 1945 in der SPD und verlässt die Partei wieder, weil sie die Ausgrenzung der VVN nicht akzeptierten kann, in der vor allem kommunistische Widerstandskämpferinnen organisiert waren.

Die vergessene Geschichte der Föderation freiheitlicher Sozialisten

Die Biographie von Martha Schroers ist nicht untypisch, wie im Buch deutlich wird. „Die meisten der ehemaligen FAUD- und nunmehrigen FFSMitglieder organisierten sich gleichzeitig in der SPD, den DGB-Gewerkschaften, den
Kommunalparlamenten und als Betriebsräte, um dort in verantwortlichen Stellen als Vorbildfiguren im Sinne föderalistischanarchistischer Ideen tätig zu
werden“ (S. 291), beschreibt Döhring die Entwicklung vieler Anarchosyndikalistinnen aus der Weimarer Republik in der Nachkriegs-BRD. Sie orientierten sich an Rudolf Rockers Schrift „Die Möglichkeit einer anarchistischen und syndikalistischen Bewegung“ von 1945. Dort schätzte Rocker die Wiederbelebung der von den Nazis zerschlagenen syndikalistischen Organisationen als unrealistisch ein und empfahl die Mitarbeit in den DGB-Gewerkschaften. Rockers Überlegungen erfolgten nach den Erfahrungen des NSFaschismus, der sämtliche Organisationen der Arbeiterinnenbewegung zerschlagen und ihre Mitglieder mit Terror überzogen hatte. Nicht wenige der ehemaligen Anarcho-Syndikalistinnen, die dieser Linie nach 1945 folgten, engagierten sich in der
Föderation freiheitlicher Sozialisten (FFS), einer seit 1947 existierenden Nachfolge-Organisation der anarchosyndikalistischen Freien Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD). Die FFS löste sich 1970 auf, auch weil sie kaum jüngere Mitglieder hatte. Die Neoanarchistinnen der 1970er und 1980er Jahre kannten diese Organisation nicht und hatten wenig Interesse an der Geschichte des Anarchosyndikalismus, der wenig mit Revolutionsromantik zu tun hat. Es ist deshalb zu begrüßen, dass, u. a. nach Uwe Timm, nun auch Helge Döhring die FFS-Geschichte wieder in Erinnerung ruft. Viele der von Döhring porträtierten Frauen stehen in dieser Tradition. Dazu gehört Gretel Leinau. Grete Saballa wiederum machte sich um die Büchergilde verdient, die sich der Verbreitung progressiver Literatur im proletarischen Milieu widmete. Wir erfahren von Grete Weber, einer engen Vertrauten von Zenzl und Erich Mühsam. Anders als Milly Witkop-Rocker sind nur wenige der im Buch porträtierten Frauen prominent. Unter dem Pseudonym „Frau Coltan“ trat Emma Goldman, die bekannteste Anarchistin, in den letzten Monaten der Weimarer Republik auf einer Veranstaltungsreise in verschiedenen deutschen Städten auf. Wir erfahren aus der Korrespondenz mit den Veranstalterinnen von Goldmans Wunsch nach einem Einzelzimmer, aber auch
von den finanziellen Problemen der Veranstalter*innen. Doch Emma Goldman war bescheiden und verlangte keine großen Honorare.Einige der vom Syndikalismusforscher vorgestellten Frauen wurden von Gisela Notz schon
in der Graswurzelrevolution porträtiert, dazu gehört Etta Federn, die durch ihre in der Spanischen Revolution gemachten Erfahrungen mit dem Pazifismus gebrochen hat. Am Schluss stellt Döhring ehemalige Anarcho-Syndikalistinnen vor, die sich später dem Parteikommunismus zugewandt haben. Dazu gehören Maria Strecker, Berta Lask und Agnes Smedley. Sie seien vom Parteikommunismus geschluckt worden, so Döhring. Das ist aus anarchosyndikalistischer Sicht natürlich kritikwürdig. Doch warum Döhring Berta Lask vorwirft, mit ihrer Hinwendung zur KPD zu einer „Marionette
männlicher autoritär-kommunistischer Methoden“ (S. 328) geworden zu sein, ist nicht nachzuvollziehen. Vielleicht hat sie ganz eigenständig ihren politischen Standpunkt geändert. Es fällt auf, dass Döhring oft nicht zwischen Stalinismus und Marxismus unterscheidet. Mehrmals grenzt er sich harsch allgemein von den Marxistinnen ab. Da sind die Biographien der Frauen zum Glück wesentlich differenzierter. Nicht wenige arbeiteten auch in antifaschistischen Organisationen und Bündnissen mit Sozialistinnen und Kommunist*innen zusammen. Aller Kritik zum Trotz hat Döhring mit „Anarcho-Syndikalistinnen“ eine wichtige Arbeit zur Rolle der Frauen in der anarchosyndikalistischen Bewegung vorgelegt.
Peter Nowak

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