Stimme gegen Unterdrückung


Bertold Cahn war Anar­chist und Syn­di­kalist. Nun wird er mit einem Stol­per­stein geehrt

Ich bin „Berthold Cahn – geboren im Mai 1871 in Lan­gen­lonsheim bei Bad Kreuznach, ermordet 1942 im Kon­zen­tra­ti­ons­lager Sach­sen­hausen“. Diese Angaben stehen auf einem kürzlich vor Wad­zeck­straße 4 in der Nähe vom Ber­liner Alex­an­der­platz ver­legten Stol­per­stein für einen Mann, der lange Zeit dort wohnte und zwi­schen 1910 und 1933 zu den bekann­testen Ber­liner Anar­chisten gehörte. „Wie wenige andere hat er in dieser Zeit seine Stimme gegen Unter­drü­ckung und für soziale Gerech­tigkeit erhoben“, erklärte der Poli­tologe Erik Natter bei der Ver­legung des Stol­per­steins.
Cahn trat als Redner auf anar­chis­ti­schen und syn­di­ka­lis­ti­schen Ver­an­stal­tungen mit teil­weise Tau­senden Besu­che­rInnen auf. Am 1. Mai 1924 stand er bei der Pro­test­ver­an­staltung gegen die Ver­folgung der Anar­chisten in der Sowjet­union mit den bekannten Anar­chis­tInnen Rudolf Rocker und Emma Goldman auf der Bühne des Ber­liner Leh­rer­ver­eins­hauses. Der Auto­didakt, der nie eine Uni­ver­sität besucht hatte, publi­zierte in zahl­reichen liber­tären und syn­di­ka­lis­ti­schen Publi­ka­tionen. So war er Her­aus­geber und Redakteur der Freien Generation und des Freien Arbeiters sowie Ver­fasser zahl­reicher Artikel im Syn­di­kalist. Dort kri­ti­sierte er die damals auch in großen Teilen der Arbei­ter­be­wegung popu­lären Eutha­nasie-Kon­zepte. Früh enga­gierte er sich auch gegen den Natio­nal­so­zia­lismus, von dem er als Anar­chist und Jude doppelt bedroht war. Schon 1933 wurde Berthold Cahn nach einer Razzia in seiner Wohnung, bei der man staats­feind­liche Flug­blätter fand, ver­haftet und zu ein­einhalb Jahren Gefängnis ver­ur­teilt. Anschließend wurde er in ein Kon­zen­tra­ti­ons­lager ein­gelie- fert, wo er 1942 ermordet wurde.

Kein Intel­lek­tueller
Jah­relang wurde fälsch­li­cher­weise behauptet, er sei bereits 1938 umge­kommen. Fast hätten die Nazis es geschafft, Cahn aus der Geschichte zu streichen. Es ist der Ber­liner Gustav-Landauer Initiative zu ver­danken, Cahn dem Ver- gessen ent­rissen zu haben. Sie setzt sich für ei- nen Gedenkort für den nach der Nie­der­schlagung der Münchner Räte­re­publik von Sol­daten ermor­deten Anar­chisten Landauer in Berlin ein. „Wir sind bei dem Studium liber­tärer Publi­ka­tionen immer wieder auf Cahn gestoßen“, erklärt Erik Natter, der in dieser Initiative mit­ar­beitet. Bisher sei es nicht gelungen, Ver­wandte von Cahn aus­findig zu machen.
Cahn war kein Intel­lek­tu­eller. Wegen seines anar­chis­ti­schen Enga­ge­ments verlor er oft die Arbeit, lebte zeit­weise am Rande des Exis­tenz­mi­nimums. Das hielt ihn nicht von seinem gewerk­schaft­lichen Enga­gement ab. So ver­suchte er im Verband der „Haus­diener, Packer, Packe­rinnen und Geschäfts­kut­scher Berlin“ die besonders schlecht bezahlten Beschäf­tigten zu orga­ni­sieren. Seine poli­ti­schen Akti­vi­täten trugen ihm schon vor 1933 diverse Haft­strafen ein.

Die Bro­schüre von Erik Natter über das Leben von Berthold Cahn wird am 7. Sep­tember in der Bibliothek der Freien im Haus der Demo­kratie in der Greifs­walder Straße vor­ge­stellt.

aus Taz vom 7.9.2018
Peter Nowak

Revolutionärer Wille

Wie standen Anar­chis­tInnen zur Okto­ber­re­vo­lution in Russland vor hundert Jahren? Einen guten Über­blick über die Debatte liefert der von Philippe Kel­lermann her­aus­ge­gebene Sam­melband «Anar­chismus und Rus­sische Revo­lution».

Anar­chis­tInnen und Bol­schewiki sind feind­liche Brüder. Diese Vor­stellung ist in allen Teilen der Linken weit ver­breitet. Daher war es für viele über­ra­schend, dass bekannte Anar­chis­tInnen aus aller Welt die Okto­ber­re­vo­lution begrüssten und sich am Aufbau der neuen Gesell­schaft in der Sowjet­union betei­ligten.
In 11 Auf­sätzen werden im Sam­melband «Anar­chismus und Rus­sische Revo­lution» die Reak­tionen von Anar­chis­tInnen und Anar­cho­syn­di­ka­lis­tInnen ver­schie­dener Länder auf die Okto­ber­re­vo­lution nach­ge­zeichnet. Die Dif­fe­ren­zierung, der im Titel des Buches nicht Rechnung getragen wird, ist wichtig. Denn die syn­di­ka­lis­tische Bewegung stand in vielen Ländern schon vor 1917 der mar­xis­ti­schen Theorie näher als der anar­chis­ti­schen. Innerhalb der anar­chis­ti­schen Bewegung gab es unter­schied­lichen Strö­mungen. Kel­lermann weist darauf hin, dass viele Anar­chis­tInnen positiv über­rascht waren, dass die Bol­schewiki 1917 den revo­lu­tio­nären Umsturz auf die Tages­ordnung setzten und mit den Eta­tismus der Zweiten Inter­na­tionale brachen. Zudem gehörten die Bol­schewiki zu den Kräften, die den Ersten Welt­krieg von Anfang ablehnten. Dagegen haben nicht nur fast alle Sozi­al­de­mo­kra­tInnen, sondern auch füh­rende Anar­chis­tInnen dar­unter Kro­potkin den Krieg auf der Seite «ihrer» Bour­geoisie begrüsst. Auch in Frank­reich hatten sich erklärte Anar­chis­tInnen 1914 zu natio­na­lis­ti­schen Kriegs­be­für­wor­te­rInnen gemausert. Da ging für viele Anar­chis­tInnen mit der Okto­ber­re­vo­lution die Sonne im Osten auf, wie Franco Ber­tu­locci seinen Aufsatz über die ita­lie­ni­schen Anar­chis­tInnen betitelt. Dabei muss natürlich auch berück­sichtigt werden, dass die Nach­richten über das, was sich im nach­re­vo­lu­tio­nären Russland konkret abspielte, vor 100 Jahren nur sehr spärlich ein­trafen.
Mit diesen Argument begründen mehrere Buch­au­toren, es sind aus­schliesslich Männer, dass viele Anar­chis­tInnen mit den Umbrüchen in Russland sym­pa­thi­sierten. Als Beleg für diese man­gelnden Infor­ma­tionen wird ange­führt, dass viele Anar­chis­tInnen annahmen, die Bol­schewiki hätten ihr Pro­gramm über­nommen. Umge­kehrt haben 1917 die Men­schewiki und andere Geg­ne­rInnen der Okto­ber­re­vo­lution Lenin des Anar­chismus bezichtigt. Bei manchen der Anar­chis­tInnen, wie Rudolf Rocker oder Enrico Mala­testa, die nur kurze Zeit hofften, die Bol­schewiki wären zu Anar­chis­tInnen geworden, lag es an man­gelnden Infor­ma­tionen. Sie wurden auch sehr schnell zu deren vehe­menten Kri­ti­ke­rInnen. Bei anderen hin­gegen, überwog die Hoffnung, dass mit der Okto­ber­re­vo­lution ein neues Kapitel in der revo­lu­tio­nären Bewegung auf­ge­schlagen würde und die alten Gräben von vor 1914 über­wunden werden müssten.
Diese Hoffnung wird am Bei­spiel von Victor Serge gut geschildert. Der US-His­to­riker Mit­chell Abidor beginnt seinen infor­ma­tiven Aufsatz mit dem Satz: «Victor Serge hat immer darauf hin­ge­wiesen, dass er 1919 als Anar­chist nach Sowjet­russland gegangen und als Anar­chist den Bol­schewiki bei­getreten ist.» In dem Aufsatz wird deutlich, dass Serge schon früh Kritik an bestimmten auto­ri­tären Ent­wick­lungen in der Sowjet­union hatte, aber aus Gründen der Soli­da­rität die Sowjet­union ver­tei­digte. So geriet er auch nicht als Anar­chist, sondern als ver­meint­licher Anhänger Trotzkis ins Visier der sowje­ti­schen Staats­organe. Nachdem er schliesslich aus­reisen konnte, wurde er in seinem anar­chis­ti­schen Milieu als Ver­räter betrachtet. Dass er auch nach seinem Bruch mit der KPdSU zu Kron­stadt dif­fe­ren­zierte Ansichten äus­serte, war für viele Anar­chis­tInnen untragbar. Abidor urteilt dif­fe­ren­zierter, in dem er über Serge schreibt: «Dabei machte er deutlich, dass es ver­schie­denste Inter­pre­ta­tionen zum Kron­stadt­auf­stand geben würde.» Serge hatte auch als kla­rerer Gegner der Bol­schewiki seit Ende der 1920er Jahre nicht ver­gessen, dass an den Häu­ser­wänden des dama­ligen Petersburg «Tötet die Juden» stand, um gegen die Bol­schewiki zu mobi­li­sieren. Mit solchen Anti­bol­sche­wis­tInnen wollte sich Serge nie gemein machen und das spricht für ihn.

Keine Ver­ein­nahmung
In den Buch wird deutlich, dass viele über­zeugte Kom­mu­nis­tInnen der ersten Stunde vorher Teil der syn­di­ka­lis­ti­schen und anar­chis­ti­schen Bewegung waren. Das wird am Bei­spiel von Spanien, den USA, Frank­reich, aber auch der Schweiz im Detail nach­ge­zeichnet. So beschreibt Werner Portmann die für vor­wärts-Lese­rInnen sicher inter­es­santen Anfänge der kom­mu­nis­ti­schen Bewegung in der Schweiz und zitiert dabei aus den Erin­ne­rungen des Zürcher Arztes Fritz Brup­bacher, der sich dort selbst als Sozialist mit anar­chis­ti­schen Adern beschreibt. «Man merkte sehr gut, dass das meiste, was unter dem Titel Anar­chismus gegangen, einfach revo­lu­tio­närer Wille war, und als im Bol­sche­wismus eine Lehre auf­tauchte, die das revo­lu­tionäre Element ent­hielt, dass in der Sozi­al­de­mo­kratie nicht ent­halten war, so wurden die schein­baren Anar­chisten und Syn­di­ka­listen mit Leib und Seele Bol­sche­wisten.» Das schreib der Mit­be­gründer und lang­jährige Aktivist der Kom­mu­nis­ti­schen Partei der Schweiz noch nach dem Bruch mit der Sowjet­union Anfang der 1930er Jahre. Anders als der Schweizer Anar­chist Werner Portmann spricht Brup­bacher auch 1935 nicht davon, dass sich die Anar­chis­tInnen haben «vom Bol­sche­wismus ver­ein­nahmen lassen».
Das ist nicht das einzige Bei­spiel, wo in dem Buch die über­wiegend anar­chis­ti­schen Autoren einen Ton in den Text bringen, der den Anar­chis­tInnen und Syn­di­ka­lis­tInnen von vor 100 Jahren nicht gerecht wird. Sie hätten sich wegen fal­scher Infor­ma­tionen oder aus fehl­ge­lei­teten Idea­lismus für ein poli­ti­sches Projekt ver­ein­nahmt lassen, das ihren ursprüng­lichen Inten­tionen von Anfang an ent­ge­gen­ge­standen habe. Der Zeit­zeuge Brup­bacher schreibt dem­ge­genüber noch seinen Bruch mit den Bol­schewiki über die Monate nach der Okto­ber­re­vo­lution in der Schweiz: «Es war die Zeit, wo sogar die paar Anar­chisten, die der Krieg noch übrig gelassen hatte, sich dem totalen Bol­sche­wismus zuwandten.» Es war auch die Zeit, als der Anar­cho­kom­munist Erich Mühsam seine Akti­vi­täten in der Baye­ri­schen Räte­re­publik als Rechen­schafts­be­richt an den Genossen Lenin adres­sierte. Er war damals in Bayern selber am Aufbau einer nicht­ka­pi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft beteiligt und stand wie viele Linke, seien es Kom­mu­nis­tInnen, Anar­chis­tInnen oder Syn­di­ka­lis­tInnen vor ähn­lichen Pro­blemen.

Neue Gesell­schaft
In dem leider nur noch anti­qua­risch erhält­lichen Stan­dardwerk «Auf­stand der Räte» beschreibt der His­to­riker Michael Seligmann wie die Anhänger-Innen der baye­ri­schen Räte­re­publik mit dem Hass der alten Mächte kon­fron­tiert waren, die mit Mord­hetze und Anti­se­mi­tismus den Verlust ihrer Pri­vi­legien ver­hindern wollten. In dieser Situation sprach sich sogar der Libertäre Gustav Landauer, zeit­lebens ein scharfer Kri­tiker des Mar­xismus, für eine Zensur der kon­ter­re­vo­lu­tionäre Presse aus. Der strikte Gegner von Gewalt wurde nach der Zer­schlagung der baye­ri­schen Räte­re­publik von einer ent­fes­selten Sol­da­teska ebenso erschlagen, wie viele andere Ver­tei­di­ge­rInnen der neuen Gesell­schaft, egal ob sie sich Anar­chis­tInnen, Kom­mu­nis­tInnen oder einfach Arbei­te­rInnen nannten, die nicht länger schlimmer als Tiere behandelt werden wollten. Ist es da ver­ständlich, dass viele Anar­chis­tInnen und Syn­di­ka­lis­tInnen die Räte­re­publik ver­tei­digten, die den Kräften der Reaktion stand gehalten haben?

Philippe Kel­lermann (Hrsg.): Anar­chismus und Rus­sische Revo­lution. Dietz-Verlag, Berlin 2017, 416 Seiten, 29.90 Euro.

aus: Vor­wärts, 18.5.2018

Revo­lu­tio­närer Wille


Peter Nowak


Artikel doku­men­tiert in Schat­ten­blick:


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Klassenbrüder in Spitzbergen

Syn­di­ka­listen gibt es in den ent­le­gensten Teilen der Welt, ein Buch widmet sich ihrer Geschichte

»Die Syn­di­ka­lis­tische Föde­ration Spitz­bergens sendet von den ark­ti­schen Regionen den Klas­sen­brüdern in allen Ländern ihre brü­der­lichen Grüße und hofft auf den Durch­bruch des Syn­di­ka­lismus unter dem Pro­le­tariat in aller Welt.« Die 1925 von Koh­le­ar­beitern im hohen Norden geäu­ßerten Hoff­nungen haben sich nicht erfüllt. Aber das Bei­spiel macht deutlich, dass die syn­di­ka­lis­tische Strömung der Gewerk­schafts­be­wegung selbst in den ent­le­gensten Teilen der Welt bei den Arbeiter_​innen auf Zustimmung gestoßen ist. Daran erinnert der Bremer His­to­riker Helge Döhring in seiner Ein­führung in den »Anarcho-Syn­di­ka­lismus«. 

Der Titel des Buches ist etwas miss­ver­ständlich, denn Döhring schildert darin auch die tiefen Kon­flikte der Syndikalist_​innen mit Teilen der anar­chis­ti­schen Strö­mungen. Die Grund­sätze des Syn­di­ka­lismus fasst Döhring so zusammen: »Syn­di­ka­lismus beginnt dort, wo sich auf öko­no­mi­scher Ebene Men­schen zusam­men­schließen, um sich im Alltag gegen­seitig zu helfen, mit dem Ziel, der Aus­beutung der Men­schen ein Ende zu bereiten.« Damit teilen sie auch die Ziele der mar­xis­ti­schen Arbeiter_​innenbewegung. Doch im Gegensatz zu ihnen lehnen die Syndikalist_​innen zen­tra­lis­tische Struk­turen ab und favo­ri­sieren Streiks und Klas­sen­kämpfe statt Kun­gel­runden mit den Bossen. 

Doch Döhring zeigt auch an zahl­reichen Bei­spielen auf, dass Syndikalist_​innen häufig Kom­pro­misse machten, wenn sie ein­fluss­reicher wurden. Besonders in Schweden ist die mächtige syn­di­ka­lis­tische Gewerk­schaft in den Staats­ap­parat inte­griert. Das führte immer wieder zu Spal­tungen und Streit zwi­schen den Anhänger_​innen der reinen Lehre und angeb­lichen Revisionist_​innen. Darin sind sich die mar­xis­tische und die syn­di­ka­lis­tische Bewegung ähnlich. Als syn­di­ka­lis­ti­schen Revi­sio­nismus bezeichnet Döhring die Ansätze des späten Rudolf Rocker. Der wich­tigste Kopf des deutsch­spra­chigen Syn­di­ka­lismus näherte sich nach 1945 der Sozi­al­de­mo­kratie an. Anders als in den spa­nisch­spra­chigen Ländern und Teilen Skan­di­na­viens blieb der Syn­di­ka­lismus in Deutschland mino­ritär. 

Das letzte »Per­spek­tiven« über­schriebene Kapitel des Buches ist leider etwas kurz geraten. Dort pro­gnos­ti­ziert Döhring, dass die Syndikalist_​innen von dem Rückgang der for­dis­ti­schen Groß­in­dustrie und dem damit ver­bun­denen Bedeu­tungs­verlust der DGB-Gewerk­schaften pro­fi­tieren könnten. Dabei beruft er sich auf his­to­rische Erfah­rungen, nach denen syn­di­ka­lis­tische Gewerk­schaften in den Bereichen an Ein­fluss gewonnen haben, in denen Zen­tral­ge­werk­schaften ent­weder gar nicht oder nur schwach präsent waren. So haben sich etwa Arbeitsmigrant_​innen in den USA und anderen Ländern ver­stärkt in syn­di­ka­lis­ti­schen Gewerk­schaften orga­ni­siert. Ein Grund dafür liegt in den Hürden, die ihnen die meisten eta­blierten Gewerk­schaften stellten. 

Auch die Arbeits­kämpfe, die in Deutschland in den letzten Jahren von der syn­di­ka­lis­ti­schen Freien Arbeiter Union (FAU) geführt wurden, fanden in Branchen statt, in denen die DGB-Gewerk­schaften kaum ver­treten sind. Das trifft für die Kinos ebenso zu wie für die Fahrradkurier_​innen. Leider ist Döhring auf diese aktu­ellen Kämpfe nicht detail­lierter ein­ge­gangen und hat in der Lite­ra­tur­liste die Bücher, die über diese neuen Arbeits­kämpfe erschienen sind, nicht auf­ge­führt. Trotzdem ist seine gut ver­ständ­liche Ein­führung in die syn­di­ka­lis­tische Arbeiter_​innenbewegung zu emp­fehlen. 

Helge Döhring: Anarcho-Syn­di­ka­lismus. Ein­führung in die Theorie und Geschichte einer inter­na­tio­nalen sozia­lis­ti­schen Arbei­ter­be­wegung, 228 S., 16 €.

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Peter Nowak

Interviewt die Rechten, wo Ihr sie trefft?

Über den Drang linker und libe­raler Autoren und Redak­tionen, mit Per­sonen aus dem Umfeld der AfD und der Neuen Rechten ins Gespräch zu kommen

Der links­re­for­me­rische Publizist Thomas Wagner hat kürzlich unter dem Titel »Die Angstmacher«[1] ein Buch her­aus­ge­bracht, das mit dem Anspruch auf­tritt, ganz neue Erkennt­nisse vor allem über die Neue Rechte und die 68er-Bewegung zu liefern. So heißt es in den Verlagsinformationen[2].

Mit dem Auf­kommen der AfD droht die Neue Rechte breite bür­ger­liche Schichten zu erfassen. Wer sind ihre Ide­en­geber, und worin haben sie ihre Wurzeln? Thomas Wagner stellt erst­malig heraus, wie wichtig »1968« für das rechte Lager war, weil es einen Bruch in der Geschichte des radi­kal­rechten poli­ti­schen Spek­trums mar­kiert, der bis heute nach­wirkt. Das zeigen unter anderem die Gespräche, die Wagner mit den Prot­ago­nisten und Beob­achtern der Szene geführt hat, dar­unter Götz Kubit­schek, Ellen Kositza, Martin Sellner, der inzwi­schen ver­storbene Henning Eichberg, Alain de Benoist, Falk Richter und Frank Böckelmann. Wagners Buch liefert eine span­nende Über­sicht über die Kräfte und Strö­mungen der Neuen Rechten und ihre Ursprünge.

Was hat die Neue Rechte mit der 68er-Bewegung zu tun?

Nun gibt es aller­dings schon viel Lite­ratur, die sich damit beschäftigt, dass die außer­par­la­men­ta­rische Rechte sich einige Akti­ons­formen der 68er-Bewegung ange­eignet und auch den ita­lie­ni­schen Theo­re­tiker Antoni Gramsci und dessen Hege­mo­nie­konzept stu­diert hat, der aller­dings kein 68er war. Nur sagt das wenig über die völlig kon­trären Inhalte beider Bewe­gungen aus.

Ver­wir­render wird das Ganze noch, wenn Wagner den Grün­dungs­mythos einer außer­par­la­men­ta­ri­schen Rechten auf den 21. Mai 1970 legt. Damals ran­da­lierten Rechte jeg­licher Couleur in Kassel gegen das Treffen von Willi Brandt mit dem DDR-Poli­tiker Willi Stoph. Die Ablehnung der Aner­kennung der DDR und damit die zumindest zeit­weilige Akzeptanz der deut­schen Teilung einte Rechts­kon­ser­vative, Ver­trie­be­nen­funk­tionäre und Neo­nazis. Sie grün­deten die »Aktion Wider­stand« und schrien Parolen wie »Brandt an die Wand«.

Neben Brandt und anderen Ent­span­nungs­po­li­tikern hassten sie die 68er-Bewegung in all ihren Aus­prä­gungen. Sie sahen sich sogar als Stoß­trupp gegen die Ideen der 68er-Bewegung und fei­erten den Dutschke-Atten­täter.

Die NPD hat in diesen Kreisen damals rapide an Ein­fluss nicht aus ideo­lo­gi­schen Gründen ver­loren, sondern weil sie den Einzug in den Bun­destag 1969 knapp ver­fehlt hat. Die Neue Rechte steht also nicht im Kontext der 68er-Bewegung, sondern ist eine ihrer größten Feinde. Doch ein Buch ver­kauft sich allemal besser, wenn nun auch ein linker Autor die 68er und die Rechte von heute irgendwie in Ver­bindung bringt. Poli­tisch ist das so falsch, wie wenn man die NSDAP mit der Novem­ber­re­vo­lution kurz­schließt und nicht erwähnt, dass die Vor­läufer der Nazis in jenen Frei­korps bestanden, die Tod­feinde der Revo­lu­tionäre waren. Sie waren in den Jahren 1918/19 an vielen Mas­sakern und Erschie­ßungen von auf­stän­di­schen Arbeitern beteiligt.

Tabu­bruch: Frag die Rechten

Eine weitere ver­kaufs­för­dernde Maß­nahme besteht dahin, Tabu­brüche zu insze­nieren. Dazu gehören im Fall von Wagner aus­führ­liche Inter­views mit füh­renden Ver­tretern der Neuen Rechten in und außerhalb der AfD. »Damit haben Sie fast gegen so einen links­li­be­ralen Konsens ver­stoßen und mit den Rechten gesprochen. Hat das etwas gebracht«, wird Wagner von einem NDR-Jour­na­listen gefragt[3]. Die Antwort wirft weitere Fragen auf:

Mir hat es gebracht, genauer zu ver­stehen, wer was wo von wem gelernt hat – also zunächst ein his­to­ri­sches Interesse, wie es wirklich gewesen ist. Wenn man ver­steht, wie diese Pro­vo­ka­ti­ons­me­thoden funk­tio­nieren, und dass es ganz ähn­liche Pro­vo­ka­ti­ons­me­thoden sind, die auch von der Neuen Linken seit den 60er-Jahren ver­wendet wurden, dass man dann viel­leicht die Mög­lichkeit hat, gelas­sener darauf zu reagieren – und nicht so hys­te­risch wie es derzeit zum Teil der Fall ist.

Thomas Wagner

Zunächst einmal hat Wagner Recht, wenn er sich gegen manche anti­fa­schis­tische Kurz­schluss­re­aktion wendet, die jede Pro­vo­kation eines AfD-Poli­tikers so auf­bläst, dass sie erst richtig bekannt wird und damit der Rechts­partei eher nützt. Zudem bedeuten auch zwei­stellige Wahl­er­geb­nisse für die AfD noch keine Wie­derkehr von Wei­marer Ver­hält­nissen. Doch Wagners Argu­men­tation ist nicht schlüssig.

Wenn er wirklich der Meinung ist, dass die Neuen Rechten die Erben 68er sind, wäre das ja kaum Grund für Gelas­senheit. Schließlich haben die 68er kul­turell die Republik ver­ändert – und es ist kei­neswegs beru­higend, wenn das der Apo von Rechts auch gelänge. Denn Wagner sieht völlig von den unter­schied­lichen Ziel­stel­lungen ab. Die Rechten wollen die letzten Reste von 68 aus der Gesell­schaft tilgen, die es ja sowieso nur auf kul­tu­rellem Gebiet gab. Es wurden nur die Teile des 68er-Auf­bruchs adap­tiert, die dem Kapi­ta­lismus nützen.

Zudem ist nicht erkennbar, warum Wagner mit den Rechten reden muss, um ihre Stra­tegie und Taktik zu ver­stehen. Denn solche Inter­views sind zunächst und vor allem Selbst­dar­stel­lungen. Das zeigt sich an dem Gespräch mit Ellen Kositza[4], einer der Theo­re­ti­ke­rinnen der Neuen Rechten in der Wochen­zeitung Freitag. »Es geht sehr launig und zivi­li­siert zu in der Aus­ein­an­der­setzung mit der Rechten. Gab es eine bestimmte Sorte Tee und Kuchen dazu?« fragte eine Leserin sehr treffend.

Denn obwohl der Freitag-Jour­nalist Michael Angele seine Distanz zu den Rechten in seinen Fragen deutlich werden ließ, gelang es nicht, die medi­en­er­fahrene Kositza wirklich grund­legend aus der Reserve zu locken. Dabei bot sie genügend Anknüp­fungs­punkte, wo sie die Vor­stellung der Gleichheit aller Men­schen als lang­weilig bezeichnete und sich damit nicht nur gegen Men­schen aus anderen Ländern, sondern auch gegen Lohn­ab­hängige wandte, die sich gewerk­schaftlich für ihre Inter­essen ein­setzen: »Ich denke auch, das heutige Pro­le­tariat ist nicht, was es war. Heute sehe ich da dicke Men­schen mit Plas­tik­über­zügen am Leib und Tril­ler­pfeife im Mund vor mir. Da emp­finde ich wenig Soli­da­rität.«

Diese Plau­derei über das Land­leben im Harz jeden­falls sagt weniger über die Rechte aus als ein Buch, in dem Autorinnen und Autoren deren Stra­tegie und Taktik ana­ly­sieren und in den gesell­schaft­lichen Kontext rücken.


Hätte die Welt­bühne Hitler inter­viewen sollen, um das 3. Reich zu ver­hindern?

Es wird so getan, als würde der Auf­stieg der Rechten dann gestoppt, wenn wir die nur aus­führlich inter­viewen und auch in linken und libe­ralen Medien selber zu Wort kommen lassen.

Hätte man die Nazis von der Macht fern­halten können, wenn Hitler und Co. auch in der Welt­bühne, einer bekannten links­li­be­ralen Zeitung der Wei­marer Republik, zu Wort gekommen wären, muss man sich hier fragen. Dabei waren damals Gespräche zwi­schen NSDAP-Mit­gliedern und ent­schie­denen Nazi­gegnern Teil der poli­ti­schen Kultur. Nicht nur die KPD betei­ligte sich an öffent­lichen Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tungen mit Nazis, die nach genauen Rege­lungen abliefen und trotzdem oft in Saal­schlachten endeten. Auch Anar­chisten wie Rudolf Rocker und Erich Mühsam betei­ligten sich zwi­schen 1930 und 1933 an Dis­kus­sionen mit den Nazis in und außerhalb der NSDAP, wie eine kürzlich von der Initiative für ein Gustav-Landauer-Denkmal in Berlin[5] erstellte Bro­schüre zur Geschichte des Anar­chismus in Berlin-Kreuzberg[6] mit Quellen belegt.

Diese Gespräche waren also nicht einfach einer Wende der KPD zum Natio­na­lismus hin geschuldet, sondern gehörten zur poli­ti­schen Kultur der Nazi­gegner vor 1933. Nur hat sie die Nazis nicht von der Macht fern­ge­halten. Daraus sollten die Gegner der Rechten von heute ihre Schlüsse ziehen. Inter­viewt die Rechten, wo er sie trefft, ist zumindest keine anti­fa­schis­tische Stra­tegie.

»Keine Bühne für die AfD und die Neue Rechte«

Einen anderen Weg gehen Künstler, die sich in einem Offenen Brief dagegen wenden, dass Ver­treter der AfD und der Neuen Rechten zu Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tungen in Theater und andere Kul­tur­ein­rich­tungen ein­ge­laden werden. Sie haben sich in Offenen Briefen[7] dagegen gewandt, dass den Rechten so eine Bühne geboten wird.

Diese Initiative hat eine große Resonanz[8] erfahren und wie­derum zu Debatten[9] geführt. In der Jungle World haben zwei der Künstler, die den Offenen Brief initiiert haben, ihre Wei­gerung, den Rechten eine Bühne zu bieten, noch einmal verteidigt[10].

»Ich denke, man sollte sich einem vor­geb­lichen Dialog mit den Rechten ver­weigern. Erstens ist dazu schon viel gesagt worden und die Posi­tionen sind klar. Zweitens sollte das Völ­kische auch nicht dis­ku­tierbar werden. Ich sehe das eher als unpro­duktive Debatte. Wer etwas davon hat, sind die Rechten: Sie bekommen eine Bühne und somit auch die Legi­ti­mation, ihre Parolen und Thesen zu ver­breiten«, erklärt die Thea­ter­re­gis­seurin Kon­stanze Schmitt[11]. Das gilt nicht nur für das Theater, sondern ist auch eine Kritik an libe­ralen und linken Autoren und Medien, die unbe­dingt mit Rechten reden wollen.

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Peter Nowak
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[1] http://​www​.aufbau​-verlag​.de/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​/​d​i​e​-​a​n​g​s​t​m​a​c​h​e​r​.html
[2] http://​www​.aufbau​-verlag​.de/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​/​d​i​e​-​a​n​g​s​t​m​a​c​h​e​r​.html
[3] https://​www​.ndr​.de/​k​u​l​t​u​r​/​T​h​o​m​a​s​-​W​a​g​n​e​r​-​u​e​b​e​r​-​s​e​i​n​-​B​u​c​h​-​D​i​e​-​A​n​g​s​t​m​a​c​h​e​r​,​j​o​u​r​n​a​l​9​6​4​.html
[4] https://​www​.freitag​.de/​a​u​t​o​r​e​n​/​m​i​c​h​a​e​l​-​a​n​g​e​l​e​/​d​i​e​-​r​e​c​h​t​e​-​i​n​-​d​e​r​-​r​ichte
[5] https://​gustav​-landauer​.org/​b​l​o​g​s​/​d​e​n​k​m​a​l​i​n​i​t​i​ative
[6] https://​gustav​-landauer​.org/​c​o​n​t​e​n​t​/​v​e​r​a​n​s​t​a​l​t​u​n​g​-​a​u​f​-​d​e​n​-​s​p​u​r​e​n​-​e​i​n​e​r​-​v​e​r​g​e​s​s​e​n​e​n​-​p​o​l​i​t​i​s​c​h​e​n​-​b​e​w​e​g​u​n​g​-​d​i​e​-​a​n​a​r​c​h​i​s​t​ische
[7] https://​natio​na​lis​mu​sist​kei​ne​al​ter​native​.net/​o​f​f​e​n​e​r​-​b​r​i​e​f​-​a​n​-​d​a​s​-​t​h​a​l​i​a​-​t​h​e​a​t​e​r​-​k​e​i​n​e​-​b​u​e​h​n​e​-​f​u​e​r​-​d​i​e​-​a​f​d​-​k​e​i​n​-​p​o​d​i​u​m​-​f​u​e​r​-​r​a​s​s​i​s​t​e​n​-​l​a​d​e​t​-​b​a​u​m​a​n​n​-aus/
[8] https://nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=13646:kritik-an-geplanter-diskussionsveranstaltung-mit-afd-chefideologen-in-zuerich&catid=126:meldungen‑k&Itemid=100089
[9] http://www.zeit.de/2017/10/zuerich-afd-marc-jongen-auftritt-proteste/seite‑2
[10] https://​jungle​.world/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​7​/​3​4​/​i​s​t​-​d​a​s​-​e​i​n​-​h​u​n​g​e​r​-​n​a​c​h​-​r​e​a​l​itaet
[11] http://​www​.kon​stan​ze​schmitt​.net/