"Stino. Von West nach Ost – durch Berlin 1990" (260 Seiten, 18 Euro) von Antonio Porète ist im Selbstverlag erschienen und kann über www.berlin1990.de bestellt werden. Am 22. Januar stellt der Autor um 19 Uhr das Buch im DemoZ in der Wilhelmstraße 45/1 in Ludwigsburg vor.

Stino Hausbesetzer

Auch die aktu­ellen Bewoh­ne­rInnen der Lie­big­straße 34 haben in Berlin im Januar einen ent­schei­denden Gericht­termin. Ihr Pacht­vertrag wurde vom aktu­ellen Eigen­tümer gekündigt. Ver­hand­lungen lehnt dieser ab. Obwohl er keinen der aktuell im Haus Woh­nenden mehr kennt, ist es für Porète selbst­ver­ständlich, dass er zur Soli­da­rität mit ihnen aufruft. Schließlich hat er in dem Haus gelernt, wie man sich wehren kann. Das macht er immer noch, wie vor 30 Jahren, freundlich, humorvoll und irgendwie stink­normal.

Dem bunten Eckhaus im Ber­liner Stadtteil Fried­richshain sieht man auf den ersten Blick an, dass dort Men­schen leben, die mit bür­ger­licher Nor­ma­lität nicht viel zu tun haben wollen. Auf zahl­reichen Trans­pa­renten und Fahnen, die an den Haus­wänden der Lie­big­straße 34 ange­bracht sind, stehen Parolen gegen Poli­zei­re­pression und Gen­tri­fi­zierung. Zudem ist gleich an meh­reren Stellen zu lesen, wie sich die Bewoh­ne­rInnen selber ver­stehen. »L34 – anarcho-queer­fe­mi­nis­ti­sches Haus­projekt«, heißt es dort. Davor steht Antonio Porète (Name geändert), ein .…

.….freund­licher Mann mitt­leren Alters, der so gar nicht zu dem bunten Haus mit dem anar­chis­ti­schen Flair passt. Man könnte ihn für einen der vielen Berlin-Besucher halten, die auch mal einen Abstecher in die anar­chis­ti­schen Gefilde Berlins machen. Doch das ist Vor­urteil.

Anfang der 1990er nannte man ihn Stino. Foto: privat


In den letzten DDR-Monaten ent­standen unge­ahnte Frei­räume

Denn im Osten Berlins war nach der Mau­er­öffnung der kurze Sommer der Anarchie aus­ge­brochen. Die Macht der SED war ver­schwunden, doch die DDR bestand noch bis zum 3. Oktober 1990 weiter. In dieser Zwi­schenzeit ent­standen Frei­räume, die woanders längst keine Chancen mehr hatten. Innerhalb weniger Wochen wurden weit über 100 Häuser in Ost­berlin besetzt. Mit poli­zei­lichen Räu­mungen war nicht zu rechnen, aber wegen der ver­mehrten Angriffe der damals schon starken Neo­na­zi­szene wurden die besetzten Häuser mit Fall­türen aus­ge­stattet.
Porète erinnert sich noch sehr gut, wie er mit anderen Beset­ze­rInnen in der Lie­big­straße 34 eine Falltür ein­baute, die sie auf der Straße gefunden hatten. Es war die Zeit, als fast täglich die Büros leer­ge­räumt wurden, in denen die vielen Vereine und Orga­ni­sa­tionen des DDR-Systems ihren Sitz hatten. Das Inventar landete meistens auf der Straße. »Ganz viele Beset­ze­rInnen haben sich dort bedient«, sagt Porète.
Er hatte sich schnell in dieser Szene ein­gelebt, nachdem die ersten Hem­mungen über­wunden waren. »Es war die pure Woh­nungsnot, die mich zu den Haus­be­setzern trieb«, betont er. Für wenige Monate hatte er in West­berlin zur Unter­miete gelebt und gehofft, schnell ein eigenes Zimmer zu finden. Doch das sollte sich schon vor fast 30 Jahren als schwierig erweisen. Als der Tag seines Auszugs näher rückte und er keine neue Bleibe gefunden hatte, erin­nerte er sich an die Erzählung eines Kom­mi­li­tonen, der von den vielen leeren Häuser und Woh­nungen im Osten Berlins schwärmte.
»Ich war schon poli­tisch inter­es­siert, aber ein Haus zu besetzen, hatte ich mich dann doch nicht getraut«, beschreibt Porète die anfäng­lichen Hem­mungen. Zudem ist er indi­vi­dua­lis­tisch ver­anlagt und nicht der Kol­lek­tiv­mensch, der stun­denlang auf Plenen über Gott und die Welt dis­ku­tiert. Dass er trotzdem zum Haus­be­setzer wurde, lag auch daran, dass es damals so einfach war.
Im Frühling und Sommer 1990 trafen sich regel­mäßig Woh­nungs­su­chende und besich­tigten leer­ste­hende Häuser. Doch ein­ge­laden wurden sie nicht wie heute von Mak­le­rInnen, die gab es damals noch nicht in Ost­berlin. Nach jeder dieser Erkun­dungen wurde die Gruppe der Woh­nungs­su­chenden kleiner und die Zahl der besetzten Häuser und Woh­nungen größer. Am 20. Juli 1990 hatte schließlich auch Porète in der Lie­big­straße 34 gerade noch recht­zeitig eine Bleibe gefunden. Wenige Tage später wurde auch im Osten die soge­nannte Ber­liner Linie ein­ge­führt, nach denen Neu­be­set­zungen innerhalb von 24 Stunden geräumt werden sollen.
Linke Dogmen und Tabus miss­achtet – oha!
Porètes Beset­zerzeit währte etwas mehr als drei Monate. Das ist auch der Zeitraum, über den er in seinem Buch schreibt. Es ist ver­gnüglich zu lesen, weil sich Porète darin als einen jungen Naiven beschreibt, der von vielen linken Dogmen keine Ahnung hat. Immer wieder miss­achtet er auch Tabus, die in der linken Szene auf­ge­stellt werden. Dazu gehört das Credo, dass man sich von Poli­ti­ke­rInnen fern­zu­halten habe, weil die ja das System reprä­sen­tieren, das man ablehnt.
Porète erzählt etwa, wie er zufällig mit dem dama­ligen SPD-Bür­ger­meister von Fried­richshain Helios Men­diburu ins Gespräch kam. Dass er ihn dann auch bei manchen zufäl­ligen Begeg­nungen demons­trativ grüßte, irri­tierte manchen Mit­be­set­ze­rInnen. Das aber machte Porète sichtlich Freude, und so ist das Buch auch im guten Sinne das Dokument eines Men­schen, der auch über sich selbst und die eigene Szene lachen kann.
Das Buch endet wie Porètes Beset­zer­bio­graphie mit der Räumung der Mainzer Straße, einer Häu­ser­zeile in Fried­richshain, im November 1990. Wenige Wochen nach der Wie­der­ver­ei­nigung war damit der kurze Sommer der Ost­ber­liner Beset­ze­rInnen zu Ende. Porète beschreibt das Klima jener Tage, das stun­den­lange Warten auf die aus ganz Deutschland anrü­ckenden Poli­zei­kräfte und die mit Falsch­be­haup­tungen gar­nierte Hetze vieler Medien über die Beset­ze­rInnen. Er erinnert aber auch die ver­geb­lichen Ver­suche zahl­reicher Bewoh­ne­rInnen in der Mainzer Straße, durch Ver­hand­lungs­an­gebote die Eska­lation noch zu stoppen.
Zu den Poli­ti­ke­rInnen, die diese Ver­mitt­lungs­ver­suche unter­stützten, gehörten neben Bür­ger­meister Men­diburu auch Mit­glieder der DDR-Oppo­si­ti­ons­be­wegung wie Bärbel Bohley. Doch vom Ber­liner Senat war niemand zu Ver­hand­lungen bereit. »Die wollten räumen. Das Ver­trauen in dieses neue Deutschland hat nun spürbar einen Riss bekommen«, erinnert sich Porète an diese Zeit. Wie viele andere zog er sich danach aus der Beset­zer­be­wegung zurück, lebte noch einige Zeit in einer Ber­liner Miet­wohnung, bis er der Stadt end­gültig den Rücken kehre.
Im besetzten Haus hat er gelernt, sich zu wehren
Seit Jahren lebt er wieder in einer schwä­bi­schen Heimat und arbeitete lange als Soft­waren­ent­wickler in einer mit­tel­stän­di­schen Firma in Fellbach. Doch die wenigen Wochen in der Ber­liner Haus­be­set­zer­be­wegung hat er nicht ver­gessen. »Dort habe ich gelernt, dass es lohnt, zu wider­sprechen und um seine Rechte zu kämpfen«, sagt Porète.
Das hat durchaus seinen Preis. Seit Jahren ist Porète in Arbeits­ge­richts­pro­zesse ver­wi­ckelt, weil er sich gegen schlechte Arbeits­be­din­gungen und Arbeits­hetze wehrte. Mehrere Pro­zesse hatte er gewonnen. Doch dann begann das Mobbing. Er wurde von seinen Kol­le­gInnen iso­liert. »Mein Arbeits­platz bestand aus einem Kan­ti­nen­tisch, einem Kan­ti­nen­stuhl und einem ver­al­teten PC ohne Inter­net­an­schluss«, berichtet Porète. Prompt folgte die nächste Kün­digung, weil er einen eigenen Router ange­schlossen hatte. Am 14. Januar 2020 wird ab 9.15 Uhr vor dem Stutt­garter Lan­des­ar­beits­ge­richt darüber ver­handelt. Ein Soli­da­ri­täts­kreis ruft zum Besuch des Pro­zesses auf.

Peter Nowak