In ständiger Alarmbereitschaft

Ein neuer Band beschreibt den teils zer­mür­benden Alltag in der ost­deut­schen Auto­nomen Antifa. Einige Gruppen gab es schon in der DDR

»Warnung, Neo­nazis auch in der DDR«, lautete der Text auf einem Flug­blatt, das in den Mor­gen­stunden des 5. November 1987 in ganz Potsdam ver­klebt wurde. An der Rück­seite des Pots­damer Film­mu­seums erinnert noch heute ein schwarzer Rahmen an die Akti­vi­täten der Auto­nomen Anti­fa­be­wegung in der DDR.

Fast 30 Jahre später…

…ist im Verlag West­fä­li­sches Dampfboot ein Buch her­aus­ge­kommen, das die Geschichte der Antifa in der DDR the­ma­ti­siert. Ein Großteil der 13 Autor_​innen hat eine ost­deutsche Bio­grafie und war zu ver­schie­denen Zeiten in anti­fa­schis­ti­schen Zusam­men­hängen aktiv. Im ersten Kapitel liefert das Grün­dungs­mit­glied der Ost­ber­liner Antifa Dietmar Wolf einen Über­blick über die Geschichte der Auto­nomen Antifa in der DDR, die bereits Anfang der 1980 Jahre in Halle begonnen hatte.

Nach dem Nazi­überfall auf ein Punk­konzert in der Ber­liner Zions­kirche im Oktober 1987 waren die Neo­na­zi­ak­ti­vi­täten auch für die SED nicht mehr zu leugnen gewesen. Wolf beschreibt, wie die Autonome Antifa mit der FDJ in Kontakt trat und ihre Koope­ration anbot. Die Antwort blieb man schuldig. Statt­dessen wurden die Aktivist_​innen von der Polizei abge­führt, wenn sie sich an offi­zi­ellen Kund­ge­bungen betei­ligten.

Als dann nach dem Fall der Mauer einige FDJ- und SED-Poli­tiker für eine Koope­ration gegen die Rechten warben, war die Bereit­schaft von­seiten der Auto­nomen Antifa dafür nicht mehr vor­handen. Der His­to­riker Yves Müller zeigt anhand von Doku­menten aus der Anti­fa­be­wegung auf, dass ein Großteil der west­deut­schen Akti­visten die DDR-Antifa nicht als eigen­ständige Bewegung aner­kannt hat. »Vertreter_​innen der DDR waren trotz Ein­ladung nicht anwesend«, hieß es im Pro­tokoll eines bun­des­weiten Anti­fa­treffens vom 26. Oktober 1991.

Die Klage über die man­gelnde Präsenz von Antifas aus der DDR konnte man in den 1990er Jahren häu­figer hören. Die Gründe werden in dem Buch in ver­schie­denen Kapiteln erörtert. Die enorme Bedro­hungslage, der die ost­deut­schen Antifas in den frühen 1990ern aus­ge­setzt waren, war dabei zentral. An einem Bei­spiel beschreibt der His­to­riker Jakob Warnecke die nahezu wöchent­lichen Nazi­an­griffe auf besetzte Häuser und andere linke Ein­rich­tungen. Daher hatten viele Anti­fa­gruppen gar nicht die Zeit, zu bun­des­weiten Treffen zu fahren. Zeit­zeugen beschreiben im Buch, wie die ständige Alarm­be­reit­schaft viele Akti­visten zer­mürbte.

Ende der 1990er Jahre bekam die Bil­dungs­arbeit eine zunehmend größere Bedeutung in der Anti­fa­be­wegung. Im Buch stellen Betei­ligte ver­schiedene Bei­spiele vor. Marek Winter beschreibt in einem Kapitel, warum sich seit Ende der 1990er Jahre zahl­reiche ost­deutsche Anti­fa­gruppen als anti­deutsch defi­nierten. Aus­schlag­gebend waren die Erfah­rungen, dass die Neo­nazis in manchen Regionen von großen Teilen der Bevöl­kerung unter­stützt wurden, wenn es gegen Migranten und Linke ging. Der Streit über die Haltung zu Israel wurde erst später iden­ti­täts­stiftend für Teile der Anti­fa­be­wegung.

Die Kon­tro­versen, die im Buch the­ma­ti­siert werden, sind im Zeit­alter von Pegida und AfD wieder sehr aktuell. So kann der Band einen Beitrag für die aktuelle Per­spek­tiv­dis­kussion leisten, die heute in der Anti­fa­be­wegung in Ost- und West­deutschland ansteht.

Christin Jänicke, Ben­jamin Paul-Siewert (Hrsg.): 30 Jahre Antifa in Ost­deutschland. Per­spek­tiven auf eine eigen­ständige Bewegung. Verlag West­fä­li­sches Dampfboot, 2017, 210 S., 20 Euro.

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Peter Nowak