Antifa Ost … … Erinnerungen an eine angefeindete Bewegung

Eine Gruppe von Punks und alter­na­tiven Jugend­lichen sitzt um einen Tisch an einer Schreib­ma­schine und ist mit der Her­stellung eines Flug­blatts beschäftigt. In einer anderen Szene treffen sich die Jugend­lichen zu einer Dis­kussion, doch ein Teil ver­lässt diese schon nach kurzer Zeit, weil zu viel geredet und zu wenig gehandelt wird.

Die Szenen stammen aus einen Film, der vor 30 Jahren in Potsdam ent­stand. Mit­glieder der Unab­hän­gigen Antifa wollten damit über ihre Arbeit infor­mieren und mehr Mit­streiter gewinnen. Am Freitag des ersten Dezem­ber­wo­chen­endes wurde mit diesem Kurzfilm im Pots­damer Rechen­zentrum die Tagung «30 Jahre Antifa in Ost­deutschland» ein­ge­leitet. Einige der Jugend­lichen aus dem Film gehörten zu den Mit­or­ga­ni­sa­toren.

Die Sozi­al­wis­sen­schaft­lerin Christin Jänicke beschäftigt sich mit der Unab­hän­gigen Antifa in der DDR, weil die in den Büchern über die autonome Anti­fa­be­wegung oft nicht erwähnt wird. «Die Geschichte wurde fast aus­schließlich aus West­per­spektive geschrieben», so Jänicke gegenüber der SoZ. Sie hat vor einigen Monaten gemeinsam mit Ben­jamin Paul-Siewert im Verlag West­fä­li­sches Dampfboot das Buch 30 Jahre Antifa in Ost­deutschland. Per­spek­tiven auf eine eigen­ständige Bewegung her­aus­ge­geben. Seitdem wurde auf zahl­reichen Ver­an­stal­tungen an das 30.Jubiläum der Unab­hän­gigen Antifa in der DDR erinnert und auch die Pots­damer Tagung hätte es ohne das Buch nicht gegeben.

Auf der Auf­takt­ver­an­staltung dis­ku­tierten Refe­renten über die Hin­ter­gründe des anti­fa­schis­ti­schen Enga­ge­ments in einem Staat, der den Anti­fa­schismus zur Staats­doktrin erklärt hatte. Der Theologe und Poli­tik­wis­sen­schaftler David Ber­gerich stellte in seinem Beitrag die allzu simple Vor­stellung von der «bösen» Regierung und der guten Bevöl­kerung in Frage. Er erin­nerte daran, dass die KZ-Über­le­benden in der Regierung einer großen Masse von NS-Mit­läufern in der Bevöl­kerung gegen­über­standen. Das Ver­wenden von NS-Sym­bolen, besonders bei Fuß­ball­spielen, war eine klare Pro­vo­kation gegen die DDR-Regierung und ihre füh­rende Partei. Doch die direkten Opfer waren Jüdinnen und Juden und die wenigen Nicht­deut­schen in der DDR.

Die Film­wis­sen­schaft­lerin Angelika Nguyen berichtete, wie sie in der Schulzeit dem ras­sis­ti­schen All­tags­terror ihrer Mit­schüler aus­ge­setzt war. Während in sal­bungs­vollen Reden die inter­na­tionale Soli­da­rität mit Vietnam beschworen wurde, wurde sie wegen ihrer Her­kunft aus diesem Land beleidigt und gede­mütigt.

Die His­to­ri­kerin und Publi­zistin Annette Leo, die in der End­phase der DDR über die Unab­hängige Antifa berichtet hat, setzte sich sehr dif­fe­ren­ziert mit der Rolle des Anti­se­mi­tismus in der DDR aus­ein­ander. Sie erin­nerte an die Kam­pagne gegen Jüdinnen und Juden Anfang der 50er Jahre, die mit Stalins Tod beendet wurde. Auch die anti­is­rae­lische Politik der DDR und aller War­schauer-Ver­trags­staaten sei nicht frei von anti­se­mi­ti­schen Ele­menten gewesen. Der Mit­be­gründer der Ost­ber­liner Antifa, Dietmar Wolf, ging auf die kurze Geschichte dieser unab­hän­gigen Bewegung in ver­schie­denen Städten der DDR ein. Nach der Wende zer­streuten sich viele Gruppen, doch ihre Mit­glieder blieben aktiv gegen die Neo­na­zi­be­wegung, die seit Herbst 1989 anwuchs.

In der anschlie­ßenden Dis­kussion mel­deten sich auch DDR-Bürger zu Wort, die sich kri­tisch zur auto­ri­tären SED-Politik äußerten, aber für eine dif­fe­ren­zierte Sicht­weise warben, wenn es um den Umgang mit Opfern der Shoah in der DDR geht. So berichtete ein Mann, dass er als Stu­die­render in den 80er Jahre mit seinen Kom­mi­li­tonen jüdische Friedhöfe in Berlin betreut und gepflegt habe. Das sei eine offi­zielle, auch von der DDR-Politik geför­derte Aktion gewesen. Auch habe es in der DDR Bücher und Filme gegeben, die den Mas­senmord an den euro­päi­schen Jüdinnen und Juden the­ma­ti­sierten. Nur der Begriff Holo­caust wurde dafür nicht ver­wendet.

Ins­gesamt hätte man den Ver­an­staltern mehr Mut für eine auch kon­tro­verse Debatte gewünscht. Der Mode­rator hat manche Fragen als State­ments qua­li­fi­ziert, die dann nicht weiter dis­ku­tiert wurden. Auch einige Refe­renten wie David Begerich schienen wenig Interesse an einer Dis­kussion ihrer Thesen gehabt zu haben und igno­rierten Nach­fragen aus dem Publikum.

Am Samstag wurden in einer Arbeits­gruppe auch die Kon­flikte mit der West-Antifa ange­sprochen, die dazu führten, dass sich nicht nur die ost­deutsche Antifa separat orga­ni­sierte. Andrej Holm erklärte, dass die radikale Linke in der Ost­deutschland sich in unter­schied­lichen Bereichen vor der west­deut­schen Dominanz und deren «kolo­nialem Ver­halten» schützen wollte. Zur Her­aus­bildung einer eigen­stän­digen ost­deut­schen Linken sei es aller­dings nicht gekommen. Als posi­tives Gegen­bei­spiel nannte Isa­bella Wohmann die Umland-Antifa, wo Ber­liner Gruppen Initia­tiven ohne Metro­po­lenar­roganz unter­stützten.

Die Tagung soll im nächsten Jahr fort­ge­setzt werden. Dann soll die aktuelle Ver­netzung von Initia­tiven im Mit­tel­punkt stehen. Auf https://​afa​-ost​.de/​l​i​t​e​ratur
finden sich zahl­reiche Doku­mente über den Kampf gegen Rechte in der DDR und die Anfänge der Antifa-Ost.

aus: SoZ, Sozia­lis­tische Zeitung Januar 2018

Antifa Ost …

Peter Nowak

Ostdeutsche Antifa blickt zurück

Auf einer Tagung dis­ku­tierten Akti­visten über linke Politik in der DDR- und Wen­dezeit

Eine Gruppe Punks und alter­na­tiver Jugend­licher sitzt um eine Schreib­ma­schine und ist mit der Her­stellung eines Flug­blatts beschäftigt. Die Szene stammt aus einen Kurzfilm, der vor 30 Jahren in Potsdam ent­standen ist. Mit­glieder der damals in der Stadt gegrün­deten »unab­hän­gigen Antifa« wollten damit die Bevöl­kerung über ihre Arbeit infor­mieren.

Am ver­gan­genen Freitag wurde mit diesem Kurzfilm im Pots­damer Rechen­zentrum die Tagung »30 Jahre Antifa in Ost­deutschland« ein­ge­leitet. Einige der Jugend­lichen aus dem Film gehörten zu den Mit­or­ga­ni­sa­toren. Für manche war es ein Wie­der­sehen nach vielen Jahren. Auch zahl­reiche junge Men­schen waren aber darüber hinaus zu der Tagung gekommen, die mit über 200 Teil­nehmern gut besucht war. »Ich bin anti­fa­schis­tisch aktiv und ich will mich infor­mieren, wie in der DDR, in der Wen­dezeit und in den 1990er Jahren der Kampf gegen Neo­nazis orga­ni­siert wurde«, sagte ein Besucher, der seinen Namen nicht nennen will, zum »nd«.

Die Sozi­al­wis­sen­schaft­lerin Christin Jänicke wollte sich dagegen mit der unab­hän­gigen Antifa in der DDR beschäf­tigen, weil diese in Büchern über die autonome Anti­fa­be­wegung oft nicht erwähnt werde. »Die Geschichte der Antifa wurde fast aus­schließlich aus West­per­spektive geschrieben«, sagte Jänicke. Sie hat vor einigen Monaten gemeinsam mit Ben­jamin Paul-Siewert im Dampf­boot­verlag das Buch »30 Jahre Antifa in Ost­deutschland, Per­spek­tiven auf eine eigen­ständige Bewegung« her­aus­ge­geben. Seitdem erin­nerten die Autoren auf zahl­reichen Ver­an­stal­tungen an das 30-jährige Jubiläum der unab­hän­gigen Antifa in der DDR. Auch die Tagung am Wochenende hätte es ohne das Buch nicht gegeben. 

Auf der Auf­takt­ver­an­staltung dis­ku­tierten die Teil­nehmer über die Hin­ter­gründe des selbst­or­ga­ni­sierten anti­fa­schis­ti­schen Enga­ge­ments in einem Staat, der den Anti­fa­schismus selbst zur Staats­doktrin erklärt hatte. Der Theologe und Poli­tik­wis­sen­schaftler David Ber­gerich stellte in seinen Beitrag die allzu simple Vor­stellung von der »bösen« Regierung und der »guten« Bevöl­kerung in Frage. Er erin­nerte daran, dass die Über­le­benden der Kon­zen­tra­ti­ons­lager in der Regierung einer großen Masse von NS-Mit­läufen in der Bevöl­kerung gegen­über­standen. 

Das Ver­wenden von NS-Sym­bolen besonders bei Fuß­ball­spielen wäre so eine klare Pro­vo­kation gegen die DDR und ihre füh­rende Partei gewesen. Doch die direkten Opfer waren Juden und die wenigen Nicht­deut­schen in der DDR.

Die Film­wis­sen­schaft­lerin Angelika Nguyen berichtete weiter, wie sie in der Schulzeit dem ras­sis­ti­schen All­tags­terror ihrer Mit­schüler aus­ge­setzt war. Während in sal­bungs­vollen Reden die inter­na­tionale Soli­da­rität mit Vietnam beschworen wurde, habe man sie wegen ihrer Her­kunft aus diesem Land gede­mütigt. 

Die His­to­ri­kerin und Publi­zistin Annette Leo, die in der DDR über die unab­hängige Antifa berichtet hatte, setzte sich weiter dif­fe­ren­ziert mit der Rolle des Anti­se­mi­tismus in der DDR aus­ein­ander. Sie erin­nerte an die Kam­pagne gegen Juden Anfang der 1950er, die mit Stalins Tod beendet wurde. Auch die anti­is­rae­lische Politik der DDR und aller War­schauer-Ver­trags­staaten sei nicht frei von anti­se­mi­ti­schen Ele­menten gewesen. 

Der Mit­be­gründer der Ost­ber­liner Antifa Dietmar Wolf ging derweil auf die kurze Geschichte der unab­hän­gigen Bewegung in den Städten der DDR ein. Nach der Wende zer­streuten sich laut ihm wieder viele Antifa-Gruppen, doch ihre Mit­glieder blieben oft aktiv gegen die seit 1989 anwach­sende Neo­na­zi­be­wegung.

Am Samstag wurden in einer Arbeits­gruppe auch die Kon­flikte zwi­schen west­deut­schen und ost­deut­schen Anti­fa­schisten, die zu einer sepa­raten Orga­ni­sierung führten, ange­sprochen. Der Stadt­so­ziologe Andrej Holm erklärte, dass sich die radikale Linke in den ver­schie­denen Bereichen vor der west­deut­schen Dominanz und deren »kolo­nialen Ver­halten« schützen wollte. Zur Her­aus­bildung einer eigen­stän­digen ost­deut­schen Linken sei es aller­dings nicht gekommen. 

Als posi­tives Gegen­bei­spiel benannte Isa­bella Wohmann die »«Umland-Antifa, wo Ber­liner Gruppen Initia­tiven ohne »Metro­po­lenar­roganz« unter­stützten. Die Tagung soll im nächsten Jahr mit wei­teren Treffen fort­ge­setzt werden.

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Peter Nowak

Antifa: Wie gegen eine AfD vorgehen, die sich in Parlament und Gesellschaft etabliert?

Jetzt könnten die feh­lenden Bezüge zu Streiks und sozialen Kämpfen zum Problem werden

Die rechts­na­tionale AfD ist auf ihren Han­no­ve­raner Par­teitag noch ein Stück weiter nach rechts gerückt. So hatte der rechts­kon­ser­vative Ber­liner AfD-Vor­sit­zende Gerd Paz­derski keine Chance und Gauland bot sich als großer Einiger der Partei an. Er gilt schon lange als Protegé des rechten Flügels.

Der Rechtsruck wird wei­ter­gehen, solange die Partei trotzdem Wahl­er­folge hat. Bisher haben ihr die regel­mä­ßigen medialen Skan­da­li­sie­rungen nicht geschadet. Da geht es nicht um Björn Höcke, dessen Par­tei­aus­schluss wohl nicht mehr zur Debatte steht, auch wenn sich der Par­teitag damit nicht befasst hat. Erst vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass sich AfD-Poli­tiker aus der zweiten Reihe an rechten Foren betei­ligen, in denen offene Neo­na­zi­po­si­tionen ver­treten werden.

Da wurde auch erstmals der Name der AfD-Lan­des­vor­sit­zenden von Schleswig Hol­stein, Doris von Sayn-Witt­gen­stein, genannt, die trotzdem auf dem Par­teitag fast zur Co-Spre­cherin neben Meuthen gewählt worden wäre. Der eigent­liche Streit innerhalb der AfD wird auch nicht zwi­schen Rechts­ex­tremen und weniger extremen Rechts­kon­ser­va­tiven aus­ge­tragen, sondern zwi­schen den einen, die aus der AfD eine völ­kische Bewegung machen und nur als stärkste Kraft in eine Regierung ein­treten wollen – sie haben sich vor kurzen in Leipzig zur Compact-Kon­ferenz in Leipzig getroffen, dessen Motto »Oppo­sition heißt Wider­stand« lautete. Daneben gibt es die anderen, die auch als Min­der­hei­ten­partei mit Union und FDP die poli­tische Land­schaft nach rechts ver­schieben wollen.

Die beiden nach der Bun­des­tagswahl aus­ge­tre­tenen AfD-Mit­glieder Petry und Pretzell sind da die bekann­testen Expo­nenten dieser Realo­fraktion. Pretzell ist wei­terhin Mit­glied der ultra­rechten Par­tei­en­for­mation Europa der Nationen und der Freiheit im EU-Par­lament gemeinsam mit FPÖ und Front National. Das macht deutlich, dass es bei dem Streit ums Mit­re­gieren und nicht um die Abgrenzung nach rechts­außen geht.

Die Pro­bleme der AfD-Gegner

Nun ist es für die Gegner der AfD keine ange­nehme Situation, wenn man den Par­teitag einer Partei ver­hindern will, die in manchen Bun­des­ländern stärkste Partei ist. Das macht schon einen Unter­schied zur NPD, die eben ihr NS-Aroma zu deutlich ver­strömte. Die AfD hin­gegen hat mitt­ler­weile deutlich gemacht, dass man Rechts­außen sein und trotzdem Wahlen gewinnen kann. Trotzdem zeigte sich das Bündnis Ras­sismus ist keine Alter­native, das wesentlich gegen den AFD-Par­teitag mobi­li­siert, zufrieden mit dem Ergebnis:

»Mehr als 7.000 Men­schen setzten zum AfD-Bun­des­par­teitag in Han­nover ein deut­liches Zeichen gegen den Rechtsruck in Deutschland. In ihren spon­tanen Aktionen, Blo­ckaden und in der Groß­de­mons­tration ließen sich die Anti­fa­schis­tinnen und Anti­fa­schisten nicht von einem über­zo­genen und bru­talen Poli­zei­einsatz ein­schüchtern«, schrieb der Bündnis-Sprecher Jan Sperling.

Doch für die Antifa-Bewegung werden sich einige Fragen stellen, wenn es der AfD gelingt, sich län­ger­fristig in den Par­la­menten und mehr noch in den öffent­lichen Dis­kursen zu eta­blieren. Das macht schon jetzt bemerkbar.

Wenn bei den Pro­testen gegen die geplante Schließung von Siemens-Zen­tralen auch die AfD beteiligt ist und damit durchaus bei einigen der Beschäf­tigten auf Zustimmung stößt, dann ist das ein Zeichen, dass sich auch auf der Straße und sogar in manchen Fabriken eine rechte Pro­test­kultur zu eta­blieren beginnt.

Wenn eine von Zwangs­räumung bedrohte Ulmer Familie, deren Schicksal die Publi­zistin Gabriele Göttle sehr bewegend in der Taz por­trä­tiert, am Schluss über die »Asyl­be­werber« und »Aus­länder« hetzt, dann wird deutlich, wie tief die sozi­al­ras­sis­tische Ideo­logie ins Bewusstsein auch der poor People ein­ge­drungen ist. Hieraus speist sich der Erfolg der AfD und von Pegida.

Mit Rechten reden?

Ist es dann über­haupt sinnvoll, Sym­pathie für den Kampf gegen die Ver­treibung einer Familie her­zu­stellen, die sich ihre soziale Situation ras­sis­tisch erklärt und der als Lösung auch nur »weniger Aus­länder« ein­fällt, könnte man fragen. Und was würde Ulrike Sommer von der Initiative »Ras­sismus ist keine Alter­native« darauf ant­worten? Sie hat schließlich in einem Interview mit dem Neuen Deutschland auf die Frage, ob man mit Rechten reden soll, so geant­wortet:

»Mit Rechten reden«, wie es momentan von manchen gefordert wird, ist also nichts für Sie?
Nein, das ist ein grund­le­gender Fehler. Statt mit wollen wir über sie reden. Unsere Argu­mente richten sich nicht an die über­zeugten Brand­stifter, die in der Bevöl­kerung vor­handene auto­ritäre Ansichten und Vor­ur­teile arti­ku­lieren. Sie richten sich an alle, die die ras­sis­tische, sexis­tische Pro­pa­ganda der AfD nicht mehr ertragen wollen und das Gefühl haben, ihrem Auf­stieg hilflos zusehen zu müssen. Wir wollen klar­machen, dass die AfD mit uns nicht unwi­der­sprochen eine Bühne bekommt.

Ulrike Sommer vom »Bündnis Natio­na­lismus ist keine Alter­native«

Die poli­tische Stoß­richtung des State­ments ist völlig korrekt. Dass heute durch den Stand der Pro­duk­ti­ons­kräfte die Mittel vor­handen wären, weltweit eine Situation zu schaffen, wo niemand mehr hungern und an heil­baren Krank­heiten sterben muss, ist zutreffend. Nur fehlt hier ein wich­tiger Hinweis: Die kapi­ta­lis­tische Pro­fit­ge­sell­schaft ist eine reale Schranke für die Umsetzung dieser Vor­stellung. Diese Aus­lassung aber ist fol­gen­reich.

So wird der falsche Ein­druck erweckt, es läge schlicht am Willen von Poli­tikern mit der Umsetzung einer glo­balen Umver­teilung zu beginnen. Wer hin­gegen, wie Sarah Wagen­knecht und Co., einen Sozi­al­staat im natio­nalen Rahmen pro­pa­giert, wird fast schon inAfD-Nähe gestellt. Dabei besteht das Problem doch in erster Linie darin, dass sie nicht über den Kapi­ta­lismus hinaus denken können und wollen und daher eben keine Vor­stellung von einer glo­balen Eman­zi­pation jen­seits natio­naler Reform­pro­gramme haben.

Leer­stelle Kapi­ta­lis­mus­kritik

Wenn Ulrike Sommer vom anti­na­tio­nalen Bündnis kein Wort dazu sagt, dass ihre Vor­stel­lungen im Kapi­ta­lismus eben nicht umzu­setzen sind, mag das auch daran liegen, dass man mög­lichst keine Bünd­nis­partner ver­graulen will. Dadurch werden aber auch Illu­sionen erzeugt, man könnte sich die Mühe sparen, den Kapi­ta­lismus theo­re­tisch ver­stehen und prak­tisch über­winden zu müssen, wenn man das schöne Leben für alle erreichen will.

Die Leer­stelle Kapi­ta­lis­mus­kritik, die sich in vielen Erklä­rungen der aktu­ellen anti­fa­schis­ti­schen Bewegung findet, hat auch Folgen für den Umgang mit den Men­schen, die ras­sis­tische und andere AfD-kom­pa­tible Ideo­logeme ver­treten, wie bei­spiels­weise die erwähnte, von Zwangs­räumung bedrohte Ulmer Familie, die Göttle por­trä­tiert hat. Und das war richtig.

Denn die Soli­da­rität mit der Familie gegen ihre Ver­treibung bietet die Chance, dass sie auch ihr Weltbild ändert. Aller­dings muss dann auch das ras­sis­tische Weltbild benannt und kri­ti­siert werden. Schließlich ist da die Ulmer Familie keine Aus­nahme. Das ist in einer kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft nicht ver­wun­derlich. Die Men­schen ver­halten sich sozi­al­chau­vi­nis­tisch und damit gemäß der kapi­ta­lis­ti­schen Logik, die auf Aus­grenzung basiert.

Mit einer mora­lisch grun­dierten Ras­sis­mus­kritik kommt man da nicht weit. Die beste Antifa-Akti­vität bestünde darin, in den Stadt­teilen der armen Bevöl­kerung Basis­arbeit zu machen, von Räumung bedrohte Men­schen wie die erwähnte Ulmer Familie sowie Aktionen auf Job­centern und in Betrieben zu unter­stützen. Der Begriff »arme Men­schen«, der oft einen mit­lei­digen Ton bekommt, wird hier im Sinne des Autors und Erwerbs­lo­sen­ak­ti­visten Harald Rein ver­wendet, der kürzlich das Buch Wenn arme Men­schen sich nicht mehr fügen ver­öf­fent­licht hat und damit auf das Poor-People-Movement in eng­lisch­spra­chigen Ländern rekur­riert.


Soziale Kämpfe wären die beste Antifa-Arbeit

Nur in kon­kreten Kämpfen gäbe es die reale Mög­lichkeit, dass die Men­schen ihre ras­sis­tische und sozi­al­chau­vi­nis­tische Haltung ändern. Dafür gibt es in der Geschichte aller Länder viele Bei­spiele. Didier Eribon erin­nerte in seinen in Deutschland viel­zi­tierten Buch »Rückkehr nach Reims« an eine Beob­achtung des Phi­lo­sophen Sartre:

Vor dem Streik ist der fran­zö­sische Arbeiter spontan ras­sis­tisch und traut Ein­wandern nicht über den Weg, während des Streiks aber ver­schwinden diese nied­rigen Emp­fin­dungen. Da herrscht Soli­da­rität und wenn auch nur par­tielle oder vor­über­ge­hende.

Jean-Paul Sartre

Eribon bestätigt diese Ein­schätzung aus eigenen Erfah­rungen und erin­nerte an die Parole der späten 1960er Jahre »Fran­zö­sische Arbeiter, ein­ge­wan­derte Arbeiter, ein Boss, ein Kampf«, die selbst bei kleinen Streiks eine Rolle spielen. Sartres Beob­achtung müsste aus­ge­weitet werden. Seine Beob­achtung gilt für alle Länder und der Streik könnte auch ein Zahltag im Job­center oder eine ver­hin­derte Zwangs­räumung sein.

Es ist klar, dass die Antifa-Bewegung in Deutschland in ihrer heu­tigen Ver­fassung eine solche Aufgabe nicht leisten kann, schon ganz einfach deshalb, weil sie in den Stadt­teilen, in denen die armen Men­schen wohnen, kaum ver­treten ist. Auch in den Haupt­schulen ist die Antifa kaum ver­treten. Doch das größte Problem besteht darin, dass in großen Teilen der Antifa-Bewegung gar nicht das Bewusstsein dafür besteht, dass der soziale Kampf mit den armen Men­schen die Rechten stoppen kann.

Das wurde auch auf einer Pots­damer Tagung am Wochenende deutlich, die sich dem 30-jäh­rigen Jubiläum der Unab­hän­gigen Antifa in der DDR widmete, die sich gegen die auch dort sich ent­wi­ckelnde Neonazi-Bewegung gegründet hatte. Während sich die sehr infor­mative Auf­takt­dis­kussion der Situation in der DDR widmete, ging es in den Work­shops am Samstag um die Gegenwart.

Auch hier spielte die Frage, wie es gelingen kann, die armen Men­schen in den abge­hängten Stadt­teilen zu gewinnen, kaum eine Rolle. Kämpfe im Betrieb, im Job­center und dem Stadtteil als Teil des Kampfes gegen Rechts kamen auch dort nicht vor. Dabei hat die Mit­or­ga­ni­sa­torin der Tagung und Mit­her­aus­ge­berin des im Dampfboot-Verlag her­aus­ge­ge­benen Buches 30 Jahre Antifa in Ost­deutschland, Christin Jänicke, darauf hin­ge­wiesen, dass es sich um eine links­ra­dikale Bewegung handelt, die eine Distanz zu allen Par­teien hatte.

Es ist aber auch in vielen Teilen eine links­li­berale Bewegung, die in ihrer berech­tigten Kritik an der Tra­di­ti­ons­linken gleich alle Streiks und sozialen Kämpfe mit ent­sorgen will oder ihnen zumindest fern­steht. Manche sehen sogar den Klas­sen­kampf als überholt an. Das wird aber in einer Zeit zu einem Problem, wo der Kampf gegen Rechts eben gerade heißen müsste, in diese Kämpfe zu inter­ve­nieren.

Soll man also mit Rechten reden? Nicht wenn es sich um ihre Ideo­logen und Funk­tionäre wie Götz Kubit­schek und Co. handelt, zu deren Rit­tergut in letzter Zeit viele auch sich links ver­ste­hende Autoren pilgern und am Mythos mit­stricken. Wenn es aber um soziale Bewe­gungen oder Streiks geht, sollte eine anti­fa­schis­tische Bewegung Teil der Kämpfe sein und dort dann auch Ras­sismus, Anti­se­mi­tismus und andere anti-eman­zi­pative Ideo­logeme kri­ti­sieren.

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Peter Nowak

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In ständiger Alarmbereitschaft

Ein neuer Band beschreibt den teils zer­mür­benden Alltag in der ost­deut­schen Auto­nomen Antifa. Einige Gruppen gab es schon in der DDR

»Warnung, Neo­nazis auch in der DDR«, lautete der Text auf einem Flug­blatt, das in den Mor­gen­stunden des 5. November 1987 in ganz Potsdam ver­klebt wurde. An der Rück­seite des Pots­damer Film­mu­seums erinnert noch heute ein schwarzer Rahmen an die Akti­vi­täten der Auto­nomen Anti­fa­be­wegung in der DDR.

Fast 30 Jahre später…

„In stän­diger Alarm­be­reit­schaft“ wei­ter­lesen