Mein größter Schatz ist mein Arbeitsplatz!

Eine Studie erklärt, warum viele Amazon-Beschäftigte von den Streiks nichts halten

Der Arbeits­kampf beim Online­ver­sand­handel Amazon ist Gegen­stand ver­schie­dener Unter­su­chungen geworden. Dabei stehen meist die Beschäf­tigten im Mit­tel­punkt, die sich gemeinsam mit der Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di dafür ein­setzen, dass für Amazon die Tarif­be­din­gungen des Ein­zel­handels gelten.

Die Sozi­al­wis­sen­schaft­lerin Sabrina Api­cella hat in ihrer kürzlich von der Rosa Luxemburg-Stiftung ver­öf­fent­lichten Studie »Amazon in Leipzig. Von den Gründen, (nicht) zu streiken« die Blick­richtung geändert. »Warum streiken einige Amazon-Beschäf­tigte in Leipzig, während sich die Mehrheit nicht an den Streiks beteiligt?« lautete ihre Fra­ge­stellung. Dazu hat die Sozi­al­wis­sen­schaft­lerin einen Fra­ge­bogen aus­ge­ar­beitet, den sie im August 2014 vor den Ein­gängen des Amazon-Ver­sand­zen­trums in Leipzig ver­teilte. 132 Fra­ge­bögen kamen aus­ge­füllt zurück.

Unter ihnen war das Ver­hältnis zwi­schen Befür­wortern und Gegnern des Arbeits­kampfes fast aus­ge­glichen. 65 Beschäf­tigte gaben an, nie an einem Streik teil­ge­nommen zu haben. 55 der Befragten hatten sich dagegen an allen bis­he­rigen Arbeits­kämpfen beteiligt.

Api­cella hebt in der Inter­pre­tation der Ergeb­nisse hervor, dass Beschäf­tigte, die tag­täglich mit den gleichen Arbeits­be­din­gungen kon­fron­tiert sind, zu völlig unter­schied­lichen Ein­schät­zungen über ihre Arbeits­be­din­gungen kämen. Während die streik­be­reiten Kol­legen die akri­bi­schen Kon­trollen im Arbeits­alltag von Amazon als ent­wür­digend wahr­nehmen, werden sie von den Streik­gegnern ver­teidigt. »Es ist das gute Recht vom Arbeit­geber zu kon­trol­lieren«, wird ein vier­zig­jäh­riger Holger in der Studie zitiert.

Nicht nur bei der Frage nach Kon­trollen hat Api­cella bei den Streik­gegnern eine starke Iden­ti­fi­kation mit dem Unter­nehmen fest­ge­stellt. So erklären Holger und ein wei­terer Mit­ar­beiter Tobias, sie seien stolz bei einem bekannten Unter­nehmen zu arbeiten, »das alle kennen und bei Ran­kings gut abschneidet«. Die Bericht­erstattung über die Arbeits­kämpfe aber auch die öffent­liche The­ma­ti­sierung der Arbeits­be­din­gungen bei Amazon werden von den Streik­gegnern als Angriff auf das von ihnen geschätzte Unter­nehmen inter­pre­tiert.

Mehrere der von Api­cella Befragten betonten, dass die Zufrie­denheit der Amazon-Kunden für sie an erster Stelle stehe. »Wir ver­suchen immer alles, um unsere Kunden glücklich zu machen, und, (dass) sie recht­zeitig ihre Artikel erhalten«, macht sich Streik­gegner Holger die Amazon-Phi­lo­sophie zu Eigen. Den streik­wil­ligen Kol­legen unter­stellt er neben Habgier auch Faulheit. »Ich habe mein Ein­kommen, meiner Familie geht es gut, mir geht es gut.« Ansonsten müsse jeder zusehen, wie er zu etwas komme und wo er bleibe, fast Holger zusammen. Anders als beim streik­be­reiten Teil der Beleg­schaft kommt Soli­da­rität in seinem Weltbild nicht vor.

Im Fazit ihrer Unter­su­chung hebt Api­cella hervor, dass die poli­tische Ein­stellung und ein Klas­sen­be­wusstsein bei der Frage, ob Men­schen zu Arbeits­kämpfen bereit sind oder nicht, eine zen­trale Rolle spielen. Die Unter­su­chung habe ergeben, dass niedrige Gehälter und man­gelnde Son­der­zu­wen­dungen durch Amazon keinen ent­schei­denden Ein­fluss auf die Kampf­be­reit­schaft haben.

Die Studie kann her run­ter­ge­laden werden:

https://​www​.rosalux​.de/​p​u​b​l​i​c​a​t​i​o​n​/​4​2​2​5​8​/​a​m​a​z​o​n​-​i​n​-​l​e​i​p​z​i​g​.html

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​2​0​9​8​2​.​m​e​i​n​-​g​r​o​e​s​s​t​e​r​-​s​c​h​a​t​z​-​i​s​t​-​m​e​i​n​-​a​r​b​e​i​t​s​p​l​a​t​z​.html

Peter Nowak

Kom­mentar zur Rezension:

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​2​1​0​8​8​.​u​e​b​e​r​l​e​b​e​n​s​k​a​m​p​f​-​p​r​e​k​a​r​i​t​a​e​t​.html

Von Sebastian Kleiner

05.08.2016

Überlebenskampf Prekarität

Sebastian Kleiner über die Gründe mangelnder Streikbereitschaft von Amazon-Mitarbeitern

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung hat in einer Studie die man­gelnde Streik­be­reit­schaft von Amazon-Mit­ar­beitern unter­sucht. Das Fazit: Poli­tische Ein­stellung und Klas­sen­be­wusstsein spielen eine zen­trale Rolle, ob Men­schen zu Arbeits­kämpfen bereit sind – oder nicht. Niedrige Löhne und man­gelnde Son­der­zu­wen­dungen haben dagegen kaum Ein­fluss.

Tränen standen in den Augen vieler Beschäf­tigter, die am 29. Dezember 14 mit mir zusammen im Amazon-Lager in Brie­selang mit­ge­teilt bekamen, keinen neuen Arbeits­vertrag zu bekommen. Immer wieder hatten die Geschäfts­leitung und Vor­ge­setzte damit gelockt, dass bei ent­spre­chender Leistung im Weih­nachts­ge­schäft eine Über­nahme möglich sei. Alle zwei Wochen wurde die eigene Arbeits­leistung kon­trol­liert, die Geschwin­digkeit gemessen und nach Fehlern gesucht. Dabei wurde die eigene Leistung nicht nur mit dem Durch­schnitt im Lager ver­glichen, sondern auch mit der Leistung derer, die gleich­zeitig ange­fangen hatten. Wie groß die Chancen für eine Über­nahme standen, war einfach aus­zu­rechnen. Die Ent­scheidung, an einem Streik teil­zu­nehmen oder nicht, fiel ent­spre­chend aus. Im Über­le­bens­kampf Pre­ka­rität sind poli­tische Ein­stellung und Klas­sen­be­wusstsein ein Luxus, den sich nicht jeder leisten kann.

Hinweis auf Labournet:

http://​www​.labournet​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​g​w​/​k​a​m​p​f​/​k​a​m​p​f​-​a​l​l​/​s​t​u​d​i​e​-​a​m​a​z​o​n​-​i​n​-​l​e​i​p​z​i​g​-​v​o​n​-​d​e​n​-​g​r​u​e​n​d​e​n​-​n​i​c​h​t​-​z​u​-​s​t​r​e​i​k​e​n​/​?​c​a​t​=8158