Karl Meyerbeer: Worüber wir streiten müssen. Konflikte, Spaltungen und Gemeinsamkeiten in der radikalen Linken, Unrast, Münster 2026, 140 Seiten, 12 Euro, ISBN 978-3-89771-052.8

Wenn sich Linke spalten

Viele GWR-Leser*innen werden der Kritik an insurrektionalistischen Aufrufen zum Straßenkampf teilen, die Meyerbeer in einem Kapitel behandelt. Dort weist er auch darauf hin, dass es hier oft darum geht, Druck abzulassen, um dann die restliche Zeit im kapitalistischen Alltag umso besser zu funktionieren. Da kann dann eine Riotnacht die Funktion der Fastnacht übernehmen, wo die Untertan*innen auch mal für einen Tag Dampf ablassen durften, weil sie dann die übrige Zeit umso angepasster waren

Über die gesellschaftliche Linke und ihre Tendenz zur Spaltung gibt es viele Kalauer. Einer findet sich auf den ersten Seiten des schmales Bandes, das kürzlich im Unrast-Verlag unter dem Titel „Worüber wir streiten müssen“ erschienen ist. In 16 Kapiteln befasst sich der belesene Karl Meyerbeer mit …


… Konfliktlinien in der gesellschaftlichen Linken, die schnell zu Gräben werden können. Im ersten Kapitel geht es um die Spaltung der Internationalen Arbeiterassoziation (IAA), die meist nur als Erste Internationale bekannt ist….
Jedes Kapitel wird mit Merksätzen eingeleitet. Da findet sich auch der eingangs erwähnte Kalauer aus dem Spielfilm „Das Leben des Brian“: „Es gibt Typen, die wir noch mehr hassen als die Römer. Die verdammten Judäische-Volksfront-Mistkerle!“, wird Monty Python zitiert. Der ständige Streit zwischen der Judäischen Volksfont, der Populären Front und der Volksfront von Judäa aus dem Film wird gerne auf die innerlinken Streitigkeiten übertragen, weil es dort oft auch um sehr kleine Gruppen geht, die nur minimale Differenzen haben. Aber genau die führen dann zu den oft langandauernden Konflikten. Es wird dann so getan, als ob die innerlinken Kontrahent*innen mehr bekämpft werden müssen als der gemeinsame, viel stärkere Gegner. Im „Leben des Brian“ waren es die Römer. Hinter dem Pseudonym Karl Meyerbeer verbirgt sich ein Aktivist der außerparlamentarischen Linken Thüringens, der in den vergangenen Jahren schon häufiger mit Essays und Diskussionsbeiträgen zu gesellschaftlichen Themen hervorgetreten ist. Auch sein jüngstes Buch ist gut lesbar, weil der Verfasser nicht nur aus vielen Büchern und Zeitungsbeiträgen zitiert, auch Texte aus der Graswurzelrevolution werden verwendet, sondern erfreulicherweise auch Ironie und Spaß versteht. Schon der Verweis auf das „Leben des Brian“ ist ein gutes Beispiel dafür. Im Anschluss befasst sich der Autor differenziert mit den Konflikten der Ersten Internationale. Einen Grund für die Spaltung der Ersten Internationalen seht er im großen Ego der drei
männlichen Protagonisten Michael Bakunin, Karl Marx und Pierre-Joseph Proudhon. Aber er geht auch auf die Differenzen in ihren Theoriemodellen ein. Da hätte er noch konkreter werden und sich beispielsweise mit der Frage befassen können, ob der Antisemitismus und die Frauenfeindlichkeit von Proudhon nicht auch schon zu Zeiten der Ersten Internationale Gründe für
eine Trennung gewesen wären. Bei seinem Streifzug durch die linke Spaltungsgeschichte betont Meyerbeer, dass es solche begründeten Trennungen immer wieder gegeben hat und auch weiter geben wird. Er macht an mehreren Stellen deutlich, dass ein erfolgreicher Ruf nach der linken Einheit ohne theoretische Klärungen nicht von Dauer sein kann. Aber er betont auch, dass nötige Trennungen nicht zu einer Feindschaft führen müssen, sondern zu einer Zusammenarbeit in bestimmten Fragen führen können. Leider sind solche Beispiele rar. Vielleicht gibt es sie öfter, aber es wird weniger darüber berichtet, weil sie nicht spektakulär genug sind. Meyerbeer gibt viele Anregungen zu notwendigen Trennungen, die begrenzte Kooperation nicht ausschließt. Zudem weist er darauf hin, dass man Parolen oft nicht so ernst nehmen soll. So tragen heute Menschen T-Shirts mit der Aufschrift „Arbeit ist Scheisse“, um in ihren anstrengenden Lohnarbeitstag zumindest noch deutlich zu machen, dass sie sich ein anderes Leben vorstellen können. Viele GWR-Leserinnen werden der Kritik an insurrektionalistischen Aufrufen zum Straßenkampf teilen, die Meyerbeer in einem Kapitel behandelt. Dort weist er auch darauf hin, dass es hier oft darum geht, Druck abzulassen, um dann die restliche Zeit im kapitalistischen Alltag umso besser zu funktionieren. Da kann dann eine Riotnacht die Funktion der Fastnacht übernehmen, wo die Untertaninnen auch mal für einen Tag Dampf ablassen durften, weil sie dann die übrige Zeit umso angepasster waren. Es finden sich viele weitere kluge Überlegungen in Meyerbeers Buch. Am Ende können die Leser*innen sogar noch einen Text machen.
Peter Nowak

Erstveröffentlichungsort:
https://www.graswurzel.net/gwr/