Das Argument 344: 35 Jahre Westdeutsche Einheit. Antikommunismus, Neoliberalismus, Bellizismus. Argument-Verlag 2026, 240 S., br., 20 €.

Argument-Sound« für die Krisenstimmung

Mitte Januar 2026 stellten Lukas Meisner, Anna Chiara Mezzasalma und Nikita Zagvozdkin als die neue Generation das von ihnen konzipierte Argumentheft 344 in der Bibliothek der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin vor. Meisner, der in den letzten Jahren schon mit seiner Streitschrift »Medienkritik ist links« für Diskussionen sorgte, bekräftigte, dass er das Argument weiter in einer Linie des pluralen Marxismus sieht, dabei aber ausdrücklich auch leninistische Positionen mit einbezieht. »

Von der Krise der Printmedien sind linke Publikationen besonders hart getroffen. Schließlich mussten diese schon immer mit einem schmalen Budget auskommen. Aktuell trifft daher viele Zeitschriften das Aus – ob die Printausgabe der »Konkret« oder jüngst das Wiener »Tagebuch«. Aus Berlin kommt hingegen eine erfreuliche Nachricht: Eine Publikation, die sich aus dezidiert linker Perspektive Politik und Kultur widmet und fast ein Jahr nicht mehr erschienen ist, wird in neuer Folge herausgegeben. Es handelt sich …

… um »Das Argument«, eine Zeitschrift mit einer langen linken Tradition in der BRD, von der jüngst das neueste Heft unter neuer Herausgeberschaft erschien.

Die neue Linke

Gegründet wurde »Das Argument« 1959 mitten im Kalten Krieg von einen Kreis von Akademiker*innen und Student*innen, die sich im Protest gegen die unter dem rechtskonservativen Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauss drohende Atombewaffnung der Bundeswehr politisiert hatten. So wurde die Zeitschrift zum wichtigen Selbstverständigungsmedium einer außerparlamentarischen Linken jenseits von Sozialdemokratie und Stalinismus. Zu den Mitbegründer*innen gehörte die an der Freien Universität Berlin lehrende Philosophin Margherita von Brentano, die sich schon in den 1950er Jahren mit dem Antisemitismus nicht nur in Forschung und Lehre, sondern auch auf Kundgebungen auseinandersetzte. Als im Zuge der außerparlamentarischen Bewegung die akademische Linke zu einem gesellschaftspolitischen Faktor wurde, gewann auch »Das Argument« an Gewicht als Publikationsorgan für viele Autor*innen. Neben den vier Ausgaben der Zeitschrift im Jahr gab der Argumentverlag das »Historisch-kritische Wörterbuch des Marxismus« und sogar eine eigene Krimireihe heraus. Der Markenkern des Projekts lag in der Theorieproduktion. Den Argument-Autor*innen ist es etwa zu verdanken, dass die »Gefängnishefte« von Gramsci ins Deutsche übersetzt und viel diskutiert wurden. Dass das Hegemoniekonzept des italienischen Kommunisten bald auch dazu diente, den Weg mancher linken Akademiker*innen in die reformistische Mitverwaltung des kapitalistischen Staats theoretisch zu unterfüttern, kann man weder Gramsci noch den Argument-Herausgeber*innen um Frigga und Fritz Haug vorwerfen. Ab den 1980er Jahren wurde »Das Argument« zum Forum einer eurokommunistischen Linken, die weder in der BRD noch in Westberlin eine parteipolitische Heimat hatte und sich für Positionen des pluralen Marxismus öffnete. Zudem bildete sich um Frigga Haug ein Kreis von Publizistinnen, die Feminismus und Marxismus verbinden wollten. Ihnen ist unter dem Oberbegriff Pluraler Marxismus eine Theoriearbeit zu verdanken, die sich vom Haupt- und Nebenwiderspruchsdenken verabschiedet hat. Daran können junge Linke, die sich heute organisieren und die Welt erklären und begreifen wollen, anknüpfen.

Dass eine solche Tradition fortleben kann, war lange Zeit nicht klar. Noch im Mai 2024 stand »Das Argument« vor dem Aus. Wolfgang Fritz Haug äußerte damals im Gespräch mit dem »nd« schwachen Optimismus: »Ein Funke Hoffnung ist da, er glüht noch. Es gibt befähigte Interessenten der nächsten, ja sogar übernächsten Generation.«

Mitte Januar 2026 stellten Lukas Meisner, Anna Chiara Mezzasalma und Nikita Zagvozdkin als die neue Generation das von ihnen konzipierte Argumentheft 344 in der Bibliothek der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin vor. Meisner, der in den letzten Jahren schon mit seiner Streitschrift »Medienkritik ist links« für Diskussionen sorgte, bekräftigte, dass er das Argument weiter in einer Linie des pluralen Marxismus sieht, dabei aber ausdrücklich auch leninistische Positionen mit einbezieht. »Marx muss durch Marxismen erweitert beziehungsweise vertieft werden, etwa in Hinblick auf feministische, antikoloniale, ökologische Fragen, aber neue Marxismen oder Post-Marxismen müssen mittels Marx daran erinnert werden, dass Begriffe wie Arbeiterinnenklasse oder Kommunismus so wenig antiquiert sind wie allgemein die Kritik der politischen Ökonomie«, hatte Meisner bereits im März 2025 im »nd«-Interview das Festhalten am Theoriestrang des Argument betont.

Der Titel der Argumentausgabe 344 ist programmatisch: »35 Jahre Westdeutsche Einheit. Antikommunismus, Neoliberalismus, Bellizismus«. Mit diesen drei Ismen grenzt sich »Das Argument« von einem linksliberalen Milieu ab, das sich in Sachen Kriegstüchtigkeit und Verteufelung jeglicher Kommunismusvorstellung als totalitär kaum von denen unterschiedet, gegen die »Das Argument« seit 1959 angeschrieben hat. Auf diese Kontinuität weist Meisner im Editorial der aktuellen Ausgabe hin, wenn er daran erinnert, dass die Herausgeber*innen vor 67 Jahren aus der Bewegung »Kampf dem Atomtod« kommen. Meisner ist der derjenige, der für das Projekt eines neuen »Arguments« brennt. Das zeigte sich bei seiner engagierten Vorstellung ebenso wie in den vier teilweise langen Beiträgen und einer Rezension, mit denen der Philosoph in der aktuellen Folge vertreten ist.

Die neue Folge

In der neuen Folge wird auch die Dreiteilung des Hefts in literarische Texte, politische oder philosophische Analysen und einen umfangreichen Rezensionsteil übernommen, für die »Das Argument« seit der Gründung steht. Der Literaturteil beginnt mit einem Poem der Schriftstellerin Stephanie Bart: »Nach 35 Jahren Restauration der Politik des Kapitals tut bitter Not gesunde Ernährung für die Menschen in Deutschland«, lautet der erste Abschnitt. Gesunde geistige Nahrung für Menschen, die sich noch eine Welt jenseits von Staat, Kapital und Nation vorstellen können, liefert die Ausgabe auf 240 Seiten.

Daniela Dahn und Mandy Tröger zeigen in ihren Texten auf, wie die kapitalistische Übernahme der DDR den Aufstieg einer populistischen Rechten in der ehemaligen DDR begünstigte. Tröger arbeitet gut heraus, wie eine Kritik, die die Treuhand im Wesentlichen als westdeutsche Fremdherrschaft und nicht als Institution für die Durchsetzung kapitalistischer Restauration begreift, der AfD argumentativ den Weg bereitet. Raul Zelik beschreibt in seinem Essay über eine Bauruine auf Kuba, die einmal als das Symbol für eine revolutionäre Utopie galt, den Sozialismus als unerfülltes Zukunftsversprechen, das auch an den eigenen spießigen Bürokrat*innen gescheitert ist. Es sind anregende Beiträge, doch es bleibt die Frage, was die Klammer ist, die die unterschiedlichen Beiträge verbindet.

Wer das Heft liest, braucht Zeit. Manche der theoretischen Texte sind schwer verdaulich. Dazu gehört der Einleitungstext von Lukus Meisner, der unter den Titel »Vorläufiges zum Argument-Marxismus in loser Folge« an die soziologischen und philosophischen Debatten anknüpft, die der Argument-Verlag in seinen Hochzeiten in den späten 1970er und 1980er Jahren ausgelöst hat. Nun muss sich zeigen, ob sich im Jahre 2026 ein linkes Publikum findet, das mit dem »Argument-Sound« – ein Begriff, der bei der Vorstellung des Bandes mehrmals gefallen ist – angesprochen wird. Davon wird abhängen, ob »Das Argument« angesichts der schwierigen Lage linker Publizistik Erfolg haben wird. Wünschenswert wäre das natürlich.

Die neue Generation

Dass eine solche Tradition fortleben kann, war lange Zeit nicht klar. Noch im Mai 2024 stand »Das Argument« vor dem Aus. Wolfgang Fritz Haug äußerte damals im Gespräch mit dem »nd« schwachen Optimismus: »Ein Funke Hoffnung ist da, er glüht noch. Es gibt befähigte Interessenten der nächsten, ja sogar übernächsten Generation.«

Mitte Januar 2026 stellten Lukas Meisner, Anna Chiara Mezzasalma und Nikita Zagvozdkin als die neue Generation das von ihnen konzipierte Argumentheft 344 in der Bibliothek der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin vor. Meisner, der in den letzten Jahren schon mit seiner Streitschrift »Medienkritik ist links« für Diskussionen sorgte, bekräftigte, dass er das Argument weiter in einer Linie des pluralen Marxismus sieht, dabei aber ausdrücklich auch leninistische Positionen mit einbezieht. »Marx muss durch Marxismen erweitert beziehungsweise vertieft werden, etwa in Hinblick auf feministische, antikoloniale, ökologische Fragen, aber neue Marxismen oder Post-Marxismen müssen mittels Marx daran erinnert werden, dass Begriffe wie Arbeiterinnenklasse oder Kommunismus so wenig antiquiert sind wie allgemein die Kritik der politischen Ökonomie«, hatte Meisner bereits im März 2025 im »nd«-Interview das Festhalten am Theoriestrang des Argument betont.

Der Titel der Argumentausgabe 344 ist programmatisch: »35 Jahre Westdeutsche Einheit. Antikommunismus, Neoliberalismus, Bellizismus«. Mit diesen drei Ismen grenzt sich »Das Argument« von einem linksliberalen Milieu ab, das sich in Sachen Kriegstüchtigkeit und Verteufelung jeglicher Kommunismusvorstellung als totalitär kaum von denen unterschiedet, gegen die »Das Argument« seit 1959 angeschrieben hat. Auf diese Kontinuität weist Meisner im Editorial der aktuellen Ausgabe hin, wenn er daran erinnert, dass die Herausgeber*innen vor 67 Jahren aus der Bewegung »Kampf dem Atomtod« kommen. Meisner ist der derjenige, der für das Projekt eines neuen »Arguments« brennt. Das zeigte sich bei seiner engagierten Vorstellung ebenso wie in den vier teilweise langen Beiträgen und einer Rezension, mit denen der Philosoph in der aktuellen Folge vertreten ist.

Die neue Folge

In der neuen Folge wird auch die Dreiteilung des Hefts in literarische Texte, politische oder philosophische Analysen und einen umfangreichen Rezensionsteil übernommen, für die »Das Argument« seit der Gründung steht. Der Literaturteil beginnt mit einem Poem der Schriftstellerin Stephanie Bart: »Nach 35 Jahren Restauration der Politik des Kapitals tut bitter Not gesunde Ernährung für die Menschen in Deutschland«, lautet der erste Abschnitt. Gesunde geistige Nahrung für Menschen, die sich noch eine Welt jenseits von Staat, Kapital und Nation vorstellen können, liefert die Ausgabe auf 240 Seiten.

Daniela Dahn und Mandy Tröger zeigen in ihren Texten auf, wie die kapitalistische Übernahme der DDR den Aufstieg einer populistischen Rechten in der ehemaligen DDR begünstigte. Tröger arbeitet gut heraus, wie eine Kritik, die die Treuhand im Wesentlichen als westdeutsche Fremdherrschaft und nicht als Institution für die Durchsetzung kapitalistischer Restauration begreift, der AfD argumentativ den Weg bereitet. Raul Zelik beschreibt in seinem Essay über eine Bauruine auf Kuba, die einmal als das Symbol für eine revolutionäre Utopie galt, den Sozialismus als unerfülltes Zukunftsversprechen, das auch an den eigenen spießigen Bürokrat*innen gescheitert ist. Es sind anregende Beiträge, doch es bleibt die Frage, was die Klammer ist, die die unterschiedlichen Beiträge verbindet.

Wer das Heft liest, braucht Zeit. Manche der theoretischen Texte sind schwer verdaulich. Dazu gehört der Einleitungstext von Lukus Meisner, der unter den Titel »Vorläufiges zum Argument-Marxismus in loser Folge« an die soziologischen und philosophischen Debatten anknüpft, die der Argument-Verlag in seinen Hochzeiten in den späten 1970er und 1980er Jahren ausgelöst hat. Nun muss sich zeigen, ob sich im Jahre 2026 ein linkes Publikum findet, das mit dem »Argument-Sound« – ein Begriff, der bei der Vorstellung des Bandes mehrmals gefallen ist – angesprochen wird. Davon wird abhängen, ob »Das Argument« angesichts der schwierigen Lage linker Publizistik Erfolg haben wird. Wünschenswert wäre das natürlich.

Das Argument 344: 35 Jahre Westdeutsche Einheit. Antikommunismus, Neoliberalismus, Bellizismus. Argument-Verlag 2026, 240 S., br., 20 €.