
Für die parlamentarische Politik in Deutschland haben die Widerstandskämpferinnen gegen den NS über die vergangenen Jahre klar an Bedeutung verloren. Das zeigt sich etwa in dem Gedenkstättenkonzept, das der rechtskonservative Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (CDU) vor einigen Wochen vorlegte. »Die politischen Häftlinge, ihr Widerstand und Überlebenskampf stehen nicht mehr im Fokus des Interesses«, schreibt der Bundessprecher der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschistinnen (VVN-BdA) in einer Analyse des neu formulierten Konzeptes.Umso wichtiger wird deshalb Wissensproduktion, die sich mit der Geschichte des Widerstandskampfs befasst. Dazu gehört etwa ein Projekt am Fachbereich Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin (FU), das die politischen Biografien von …
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… Gewerkschafterinnen in der NS-Zeit erforscht, auch um sie nachholend als Widerstandskämpferinnen zu rehabilitieren. Die Buchreihe »Gewerkschafterinnen im Nationalsozialismus« des Metropol-Verlags widmet sich der Thematik ebenfalls: »In überschaubare Einzelprojekte aufgeteilt, soll der Versuch unternommen werden, die vom DGB in den 1950er- und 1960er-Jahren geplanten Projekte einer Ehrentafel bzw. eines Goldenen Buches der Treue, die beide in den Anfängen stecken geblieben sind, zu einem erfolgreichen Abschluss zu führen«, schreibt der Politikwissenschaftler Siegfried Mielke im dritten Band der Reihe, der im Oktober 2025 erschien.
Marginalisierte Kämpferinnen
Die Metropol-Publikation befasst sich also mit einer Gruppe, die in der öffentlichen Debatte gleich zweifach in den Hintergrund gedrängt wurde, wenn es um den NS-Widerstand ging: als Frauen und als Gewerkschafterinnen. Erst durch das Forschungsprojekt ist nun benannt worden, wie stark – auch über Ländergrenzen hinweg – der gewerkschaftliche Widerstand gegen den NS-Staat praktiziert wurde, und zwar in sehr unterschiedlicher Ausprägung.
Besonders »vergessen« waren Frauen im Widerstand: Sie wurden lange Zeit vor allem als Lebensgefährtinnen von männlichen Antifaschisten erwähnt; der eigenständige Beitrag der Widerstandskämpferinnen wird dabei ausgeblendet. Umso erfreulicher ist es, dass uns jetzt ein Band vorliegt, in dem auf über 400 Seiten der Widerstand von Gewerkschafterinnen thematisiert wird. Dort finden sich Biografien von 50 Gewerkschafterinnen, die zum großen Teil bisher weitgehend unbekannt waren.
Es gibt allerdings einige Ausnahmen, etwa Minna Faßhauer, die Volkskommissarin für Bildung im Rat der Volksbeauftragten in der kurzlebigen Sozialistischen Republik Braunschweig nach der Novemberrevolution war. Die Braunschweiger Räterepublik löste sich bereits Ende Februar 1919 auf – aus Angst vor dem Terror der Freikorps, die im Auftrag des SPD-Ministers Gustav Noske die linken Räterepubliken blutig niederschlugen. Doch Faßhauers kurze Zeit als Bildungsministerin hinterließ Spuren. »Auch einige von ihr in der kurzen Amtszeit verantworteten Entscheidungen wie die Einführung der weltlichen Schulaufsicht und eine Neuregelung der Religionsmündigkeit waren weitreichend und leben zum Teil noch heute in gesetzlichen Bestimmungen der Bundesrepublik Deutschland fort«, schreibt der Politikwissenschaftler Rainer Moltmann, der für den Band Faßhauers Biografie verfasst hat.
Die überzeugte Rätekommunistin war in der Weimarer Zeit in der linken Kommunistischen Arbeiterpartei (KAPD) und der Allgemeinen Arbeiterunion aktiv. Als »Anhängerin der rätekommunistischen Idee«, so Moltmann, wurde Faßhauer 1935 verhaftet und ins Frauenkonzentrationslager Moringen überführt. Sie wurde nach wenigen Monaten schwer erkrankt entlassen.
Trotz ihrer angeschlagenen Gesundheit engagierte sich Faßhauer nach dem Ende des NS in der KPD und war in der niedersächsischen Landesleitung für die Frauenarbeit zuständig. Dabei sei sie bis zum Schluss oppositionell geblieben, widersprach etwa laut einem Zeitungsbericht auf einer Frauenversammlung der KPD »in klaren, aber leidenschaftlichen Worten« der angeblich vom Kreisleiter der KPD Heinz Zscherpe vertretenen deutschen Kollektivschuld. Sie erlitt unmittelbar »nach einem Aufruf zu internationaler Verständigung unter den Völkern zur Erhaltung eines dauerhaften Friedens« einen Gehirnschlag und starb am darauffolgenden Tag, dem 28. Juli 1949, im Landeskrankenhaus Braunschweig. Laut Moltmann kam sie durch ihren Tod einem bereits vorbereiteten KPD-Ausschluss zuvor.
Nicht über alle der in dem Buch porträtierten Gewerkschafterinnen gibt es so viel zu berichten. Das liegt eben daran, dass Arbeiterinnen viel weniger Spuren in der Geschichtsschreibung hinterlassen. Oft bleiben der politische Weg und die gesamte weitere Biografie der Porträtierten nach dem Ende des NS offen. Dennoch werden auch Entwicklungstendenzen deutlich, so etwa, dass einige langjährige Sozialdemokratinnen der Weimarer Republik wie Gertrud Fistel nach 1945 den Weg in die SED mitgingen.
Ein breites Spektrum
Es ist ein großes Plus von »Gewerkschafterinnen im Nationalsozialismus«, dass dort so unterschiedliche Autorinnen publizieren. So konnte mit Gisela Notz eine Pionierin der feministischen Geschichtsschreibung für zwei Beiträge gewonnen werden. Sie liefert ein bewegendes Porträt der kommunistischen Gewerkschafterin Gertrud Piter, die im Alter von 34 Jahren im September 1933 von SS-Männern im KZ Brandenburg ermordet wurde.
Piter sei bis heute nicht vergessen, schreibt Notz: Anlässlich ihres 85. Todestages am 22. September 2018 hätten havelländische Antifaschist*innen eine Gedenkaktion für die Widerstandskämpferin organisiert, »bei der sie vor dem Haus, in dem Gertrud Piter ermordet worden war, zu ihrem Wohnhaus zogen«. Die zweite von Notz porträtierte Gewerkschafterin ist Ida Fleischbein, die im Zentralverband der Hotel-, Restaurant- und Caféangestellten aktiv war und die Gastgehilfen-Zeitung mit herausgab, die sich klar gegen das NS-Regime positionierte.
Das politische Spektrum der porträtierten Gewerkschafterinnen ist breit; neben Mitgliedern der SPD und der KPD finden sich auch Parteilose. So ist mit Marie Guthörle eine Gewerkschafterin porträtiert, die bei der linkssozialdemokratischen Gruppierung »Neu Beginnen« aktiv war und sich erst nach 1945 in der SPD engagierte. Die Leipzigerin Anna Götze war Anarchosyndikalistin und gemeinsam mit ihrem Sohn Ferdinand in der Freien Arbeiterunion (FAUD) aktiv. Ihre Wohnung in Leipzig war ein wichtiger Treffpunkt für FAUD-Aktivist*innen. Während der NS-Zeit wurde Götze in viele Zuchthäuser und schließlich ins Konzentrationslager Ravensbrück verschleppt, wo ihr – »bis zum Skelett abgemagert« – im April 1945 während des Todesmarsches die Flucht gelang.
Die Kooperation im Widerstand prägte auch die weiteren politischen Aktivitäten von Anna Götze. »Sie schloss sich der KPD und nach der Vereinigung mit der SPD der SED an, wurde Mitglied des Demokratischen Frauenbundes, des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes und der VVN«, schreiben Siegfried Mielke und Elisa Zenk in ihrem Porträt. Sie vermuten, dass Götze wegen ihrer jahrelangen FAUD-Tätigkeit keine Chance auf gehobene Funktionen in der DDR hatte und daher darauf verzichtete. Das könnte auch an ihrem Alter gelegen haben, Götze war Jahrgang 1875. Allerdings blieben auch viele der porträtierten Sozialdemokratinnen nach 1945 in der BRD und Westberlin ohne gehobene Funktionen.
Feministische Erinnerungspolitik
Natürlich gibt es viele weitere wenig bekannte Gewerkschafterinnen, die gegen die nationalsozialistische Herrschaft kämpften. So nennt der vorliegende dritte Band etwa die Widerstandskämpferin und Textilgewerkschafterin Else Niewiera lediglich in einer Fußnote. Die sozialistische Widerstandskämpferin Maria Grollmuß, die im KZ Ravensbrück gestorben ist, wird gar nicht erwähnt, obwohl die Historikerin Birgit Sack eine detaillierte Biografie vorgelegt hat, die auch auf Grollmuß’ Gewerkschaftsaktivitäten eingeht. »Gewerkschafterinnen im Nationalsozialismus« leistet einen wichtigen Beitrag für eine antifaschistische und feministische Erinnerungspolitik. Es ist zu hoffen, dass weitere Bände folgen. Peter Nowak
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1196706.widerstand-im-ns-von-kaempfenden-frauen.html