Stefan Heinz/Siegfried Mielke: Alwin Brandes, Oppositioneller - Reformer - Widerstandskämpfer. Metropol, 566 S., br., 23 €.

Moderat

Die von Brandes mit­ge­tragene Politik des angeblich »klei­neren Übels« Brüning (gegenüber Hitler) trug zur Ver­elendung der Massen und zum wei­teren Auf­stieg der Nazis bei. Hier hätte man sich eine kri­ti­schere Haltung der Bio­grafen gegenüber ihres Prot­ago­nisten gewünscht.

Eine wenig beachtete Straße erinnert in Berlin-Kreuzberg an Alwin Brandes. Sie führt zur Zen­trale der IG Metall. In der Wei­marer Republik resi­dierte dort der Deutsche Metall­ar­bei­ter­verband (DMV), Brandes Wir­kungs­stätte. Von 1919 bis zur .….

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Gewerkschafter und Nazigegner

Handbuch stellt 95 Biografien von Häftlingen der KZ Sachsenhausen und Oranienburg vor

Ein For­schungs­projekt der Freien Uni­ver­sität Berlin beschäftigt sich seit einigen Jahren mit der Geschichte von Wider­stand, Ver­folgung und Emi­gration.

Aktive Gewerk­schafter gehörten 1933 mit zu den ersten, die von den Faschisten ver­folgt wurden. Oft waren sie sogar schon in der Wei­marer Zeit Polizei und Unter­nehmen ver­dächtig, besonders wenn sie sich für die Rechte ihre Kol­legen ein­setzten. So konnten die Behörden ab 1933 vielfach auf bereits ange­legte Akten zurück­greifen.

Nach 1945 enga­gierten sich Gewerk­schafter, die die Befreiung vom Faschismus erlebt hatten, in Anti­fa­aus­schüssen und grün­deten die Gewerk­schaften wieder. Oft starben sie aber viel zu früh infolge der Ent­beh­rungen durch ihre Ver­folgung und ihre Haft in Kon­zen­tra­ti­ons­lagern. Auch die schlechten Lebens­be­din­gungen in der Arbei­ter­klasse spielten dabei eine Rolle. Etliche solcher Gewerk­schafter sind leider heute ver­gessen. Daher ist es besonders ver­dienstvoll, dass seit einigen Jahren an der Freien Uni­ver­sität Berlin das For­schungs­projekt »Gewerkschafter/​innen im NS-Staat. Ver­folgung – Wider­stand – Emi­gration« den oft namen­losen Ver­folgten ein Gesicht gibt. Ein kürzlich im Metro­pol­verlag ver­öf­fent­lichtes Handbuch stellt die Bio­grafien von 95 Gewerk­schaftern vor, die in den KZ Sach­sen­hausen und Ora­ni­enburg inhaf­tiert waren.

Die Bio­grafien sind sehr inter­essant und lebendig geschrieben. Dabei war die Quel­lenlage oft schwierig. Schließlich sind Gewerk­schafter in der Regel keine Per­sonen des öffent­lichen Inter­esses gewesen. Daher wurden oft auch die Ver­neh­mungs­akten der poli­ti­schen Polizei und der Gestapo her­an­ge­zogen. Wenn es möglich war, wurden noch andere Doku­mente benutzt. Dazu gehören auch die Berichte, die die Gewerk­schafter nach 1945 in Ost- wie West­deutschland geschrieben haben, um als Ver­folgte des Nazi­re­gimes aner­kannt zu werden. Erfreulich ist, dass die Autoren der Bei­träge hier weder eine bloße Hel­den­ge­schichte des Wider­stands schreiben, noch den Kampf gegen die Nazis im Nach­hinein klein­reden wollen.

Die Leser lernen Men­schen in all ihren Wider­sprüchen kennen, mit ihrem Mut und poli­ti­schem Willen, aber auch mit ihren Zweifeln, Ängsten und Fehlern. Gerade das macht die Lektüre so anregend. Gleich bei Paul Albrecht, der ersten vor­ge­stellten Person, werden diese Wider­sprüche deutlich. Als junger Mann war er in der anar­cho­syn­di­ka­lis­ti­schen Jugend Thü­ringens aktiv, wech­selte Ende der 1920er zur KPD und enga­gierte sich in der Revo­lu­tio­nären Gewerk­schafts­op­po­sition. Nach dem Reichs­tags­brand am 28. Februar 1933 wurde er inhaf­tiert und miss­handelt. Am 1. Juni 1933 wurde er ins Kon­zen­tra­ti­ons­lager gebracht. Nach seiner Frei­lassung leistete er weiter Wider­stand. Zwi­schen 1945 und 1949 war Albrecht als Landrat von Genthin im Zuge der Boden­reform an der Auf­teilung von Groß­grund­besitz beteiligt. Doch nachdem einige Briefe bekannt wurden, die er 1938 geschrieben hatte, als er mit seiner geschie­denen Ehefrau einen Sor­ge­rechts­streit um den Sohn führte, verlor Albrecht sein Amt und wurde aus der SED aus­ge­schlossen. In den Briefen hatte er erklärt, mitt­ler­weile auf den Boden des Dritten Reiches zu stehen. Er warf dort seiner Frau vor, weiter mit Juden zu ver­kehren. Erst viele Jahre später, nachdem Albrecht Selbst­kritik geübt hatte, wurde er wieder in die SED auf­ge­nommen, bekam aber nur noch Ver­wal­tungs­posten beim Freien Deut­schen Gewerk­schaftsbund (FDGB).

Es ist unver­ständlich, dass die For­schungs­stelle noch immer ohne große finan­zielle Mitteln aus­kommen muss und ohne das ehren­amt­lichen Enga­gement vieler Stu­denten und Wis­sen­schaftler ihre wichtige Arbeit nicht fort­setzen könnte.

Mielke Sieg­fried, Stefan Heinz (Hrsg.): Gewerk­schafter in den Kon­zen­tra­ti­ons­lagern Ora­ni­enburg und Sach­sen­hausen, Bio­gra­fi­sches Handbuch, Band 4, Metropol, 870 Seiten, 36 Euro

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