Angry Workers: Class Power! Über Produktion und Aufstand. Münster: Unrast, 2022. 525 S., 24 Euro

Produktion und Aufstand

Ein Beitrag zur Klassentheorie: Im Kapitel «Die Macht der Klasse und ihre ungleiche Entwicklung» beschreiben sie detailliert, welche Teile der Mittelschicht in Zeiten des Aufstands gezügelt werden müssen. «Die Mittelschicht hat politisches Gewicht und kann sich eines repressiven Apparats bedienen … Die beste Weise, ihren Einfluss zu minimieren, ist es, sie von der essenziellen Produktion und Distribution abzukoppeln». In einem revolutionären Prozess müssen sie gezwungen werden, «sich gerne als Gleiche produktiv in die Gesellschaft einzubringen».

«Im Jahr 2014 entschieden wir uns, in ein Arbeiterviertel West-Londons zu ziehen. Wir hatten das dringende Bedürfnis, aus der kosmopolitischen Blase auszubrechen und unsere Politik im Alltagsleben der Arbeiter:innenklasse zu verankern.» Mit diesem Bekenntnis leitet die Gruppe Angry Workers ihr kürzlich erschienenes Buch Class Power! Über Produktion und Aufstand ein.  «Diejenigen, die Kategorien mögen, können uns als Linkskommunisten einordnen. Das mag wenigen etwas sagen, und es ist nicht wirklich wichtig, dass unseren Verständnis von revolutionärer Politik auf der Selbstorganisation der Arbeiterklasse beruht», beschreiben die Autor:innen den Ausgangspunkt ihres Engagements. «Als Arbeiter:innen müssen wir gemeinsam den Arbeitsprozess, die Spaltungslinien, die Position des Unternehmens in der Zulieferkette, die rechtliche Situation und den hierarchischen Gewerkschaftsapparat verstehen, um uns effektiv und selbstständig gegen die Bosse zu organisieren.» Diesen Anspruch lösen die Angry Workers …

… mit den drei Untersuchungen über die Arbeitswelt, die im Buch veröffentlicht sind, gut ein. Sehr detailliert beschreiben sie dort Fabriken, ihre Rolle in der aktuellen Ökonomie, die Zusammensetzung der Belegschaft.
«Warum stehen die Menschen nicht für ihre Rechte ein?» Diese Frage stellt sich eine Aktivistin der Angry Workers, die längere Zeit in der Lebensmittelfabrik Bakkavor arbeitete. Viele Kol­leg:innen hatten einen indischen Migrationshintergrund. Dort startete sie ihre Organisationsversuche und wurde dabei von ihren Genoss:innen außerhalb der Fabrik durch das Verteilen regelmässiger Flugschriften sowie eines Informationsblattes unterstützt. Trotzdem zogen die Angry Workers nach einem Jahr ein ernüchterndes Fazit: «Wir stießen mit unseren Aktivitäten … an eine Wand aus Beton. Weder die Flugblätter noch unser Mitteilungsblatt hatten viel bewirkt.» Daraufhin engagierte sich die Kollegin in der GMB, einer Gewerkschaft, die sich stark auf Organizingprojekte stützt. Auch hier waren die Ergebnisse ernüchternd. Dabei lag das Problem nicht in einem Gewerkschaftsvorstand, der Basisaktivitäten hemmen würde.
Zum Konflikt kam es mit einer Gruppe von männlichen Gewerkschaftern, die sich lange kannten und in der linken Neueinsteigerin eine Bedrohung ihrer Macht sahen.
An verschiedenen Stellen im Buch wird die politische Agenda der Angry Workers deutlich, etwa bei der Polemik gegen diejenigen auf der Linken, die Lebensmittelkonzerne generell verteufeln und auf die angeblich besonders gesunde und natürliche bäuerliche Subsistenzwirtschaft setzen. «In die Verteufelung der Großkonzerne stimmen wir nicht mit ein. Sie bieten auch Möglichkeiten. Anstatt von einer kleinbürgerlichen Schicht (Kleinunternehmern, Kleinhändlern und Bauern) und ihrer konservativen politischen Lobby beherrscht zu werden, liegt die moderne Lebensmittelindustrie in den Händen von Abertausenden global vernetzten Arbeiter:innen, die unter denselben, immer schlechter werdenden Bedingungen arbeiten», verteidigen die Angry Workers die Großproduktion im Lebensmittelbereich gegen manche linke Romantik. Sie sehen gerade im boomenden Lebensmittelsektor wie allgemein in der Logistikindustrie die Basis für einen neuen weltweiten Aufschwung einer transnationalen Arbeiter:innenbewegung.
«Wenn wir uns moderne Lagerhäuser und die Logistik des Lebensmittelhandels ansehen … kommen wir auch zur Frage der Automatisierung, und damit – neben der Aufregung rund um die zunehmende Bedeutung des Dienstleistungssektors – zu einem weiteren ideologischen Hype, der uns glauben machen will, dass manuelle Arbeit im Kapitalismus in den nächsten zwei Generationen verschwunden sein wird», argumentieren die Angry Workers.
Ähnlich nehmen sie die weitverbreitete Ideologie des demokratischen Sozialismus auseinander, die vor allem in der kurzen Zeit, als Jeremy Corbyn die ­Labour Party führte, große Teile der Linken in Großbritannien erfasst hatte. Im Kapitel über revolutionäre Strategie formulieren die Angry Workers ein kommunistisches Programm, das sehr an Texte der Bolschewiki in ihrer Aufstandsphase erinnert.
Im Kapitel «Die Macht der Klasse und ihre ungleiche Entwicklung» beschreiben sie detailliert, welche Teile der Mittelschicht in Zeiten des Aufstands gezügelt werden müssen. «Die Mittelschicht hat politisches Gewicht und kann sich eines repressiven Apparats bedienen … Die beste Weise, ihren Einfluss zu minimieren, ist es, sie von der essenziellen Produktion und Distribution abzukoppeln». In einem revolutionären Prozess müssen sie gezwungen werden, «sich gerne als Gleiche produktiv in die Gesellschaft einzubringen». Peter Nowak