Stefan Heinz/Siegfried Mielke: Alwin Brandes, Oppositioneller - Reformer - Widerstandskämpfer. Metropol, 566 S., br., 23 €.

Moderat

Die von Brandes mit­ge­tragene Politik des angeblich »klei­neren Übels« Brüning (gegenüber Hitler) trug zur Ver­elendung der Massen und zum wei­teren Auf­stieg der Nazis bei. Hier hätte man sich eine kri­ti­schere Haltung der Bio­grafen gegenüber ihres Prot­ago­nisten gewünscht.

Eine wenig beachtete Straße erinnert in Berlin-Kreuzberg an Alwin Brandes. Sie führt zur Zen­trale der IG Metall. In der Wei­marer Republik resi­dierte dort der Deutsche Metall­ar­bei­ter­verband (DMV), Brandes Wir­kungs­stätte. Von 1919 bis zur .….

.….. Zer­schlagung der freien Gewerk­schaften am 2. Mai 1933 durch die Nazis war er deren Vor­sit­zender. Sein Name ist jedoch weit­gehend in Ver­ges­senheit geraten, beklagt der der­zeitige IG-Metall-Vor­sit­zende im Vorwort der Bio­grafie von Sieg­fried Mielke und Stefan Heinz.

Die drei Stich­worte »Oppo­si­tio­neller – Reformer – Wider­stands­kämpfer« cha­rak­te­ri­sieren diesen lang­jäh­rigen Gewerk­schafter und SPD-Poli­tiker. Deutsch­landweit bekannt wurde er, als er am 6. April 1919 im Auftrag des SPD-Ver­tei­di­gungs­mi­nisters Gustav Noske, dem selbst ernannten »Bluthund«, von Frei­korps­sol­daten ver­haftet wurde. Der damalige USPD-Poli­tiker Brandes gehörte zu jenen, die Ele­mente des Räte­systems in der jungen Wei­marer Republik ver­ankern wollten. In den Augen der rechten SPD-Führern war er allein darob suspekt. Brandes kam nach wenigen Tagen wieder frei, erzwungen durch die Empörung der Massen, die wie­derum von der Kon­ter­re­vo­lution zur Nie­der­schlagung der letzten Revo­lu­tionäre genutzt wurden. Für Brandes war dies eine Erfahrung, die ihn fortan bewog, sich von allzu radi­kalen Bestre­bungen fern­zu­halten. Er kehrte zur SPD zurück und distan­zierte sich ins­be­sondere von der KPD. Im Buch ist doku­men­tiert, wie Brandes schon in den 1920er Jahren die KPD und NSDAP als Feinde der Demo­kratie bekämpfte. Die KPD sparte daher eben­falls nicht mit Polemik gegen ihn, sah in ihm den Typus des sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Gewerk­schafts­funk­tionärs, der Streiks aus­bremste.

Mit Recht kri­ti­sieren Mielke und Heinz die KPD-Pro­pa­ganda gegen sozi­al­de­mo­kra­tische Gewerkschafter*innen, die eine Zusam­men­arbeit gegen den auf­kom­menden Faschismus erschwerten, reden aller­dings die poli­ti­schen Fehler von Brandes klein. So trug jener ab 1930 die Tole­rie­rungs­po­litik der SPD gegenüber der Not­ver­ord­nungs-Regierung des Zen­trums­po­li­tiker Heinrich Brüning mit und recht­fer­tigte massive Kür­zungen bei Löhnen und Gehältern. »Frei­ge­werk­schaftler wie Brandes hofften, durch eine eher defensive Vor­ge­hens­weise gegenüber den Unter­nehmern und der Reichs­re­gierung die Grund­lagen einer reform­ori­en­tierten Praxis wie Tarif­recht und Par­la­men­ta­rismus über die Krise zu erhalten und als Aus­gangs­punkt für sozi­al­po­li­tische Erfolge in Zeiten bes­serer Kon­junktur nutzen zu können«, lautet der moderate Tadel der Autoren. Die von Brandes mit­ge­tragene Politik des angeblich »klei­neren Übels« Brüning (gegenüber Hitler) trug zur Ver­elendung der Massen und zum wei­teren Auf­stieg der Nazis bei. Hier hätte man sich eine kri­ti­schere Haltung der Bio­grafen gegenüber ihres Prot­ago­nisten gewünscht.

Kri­tisch beäugen sie jenem hin­sichtlich seiner ableh­nenden Haltung zur Frau­en­arbeit in der Metall­branche. Aus­führlich schildern sie seine Geg­ner­schaft zum NS-Régime. Brandes wurde von den Nazis mehrmals ver­haftet und schwer miss­handelt. Für dessen Frei­lassung kämpfte übrigens die kom­mu­nis­tische Exil­presse 1937. Da war nunmehr gar vom »Genossen Brandes« die Rede, der »durch Hitler über­mensch­liches Leid an Körper und Seele ertragen musste«. Der Gewerk­schafter und Sozi­al­de­mokrat blieb dennoch bis zu seinem Tod 1949 ein bein­harter Anti­kom­munist.