Wirtschaftsliteratur Die vergessene Gewerkschafterin Paula Thiede erhält endlich eine verdiente Biografie

Eine Pionierin des Arbeitskampfs

„Frau Berlin“ – Paula Thiede Vom Arbei­terkind zur Gewerk­schafts­vor­sit­zenden Uwe Fuhrmann UKV 2019, 227 S., 17 €, ISBN-13: 9783867649056

Sie war die erste Vor­sit­zende einer gemischt­ge­schlecht­lichen Gewerk­schaft weltweit. Trotzdem war über Paula Thiede bisher sehr wenig bekannt. Nun hat der His­to­riker Uwe Fuhrmann die erste Bio­grafie der Ber­liner Arbei­terin her­aus­ge­bracht. Thiede wurde 1870 geboren und erlag in unru­higen Zeiten, im März 1919, mit nur 49 Jahren einer schweren Erkrankung. Dass nach Paula Thiede der Platz vor der Bun­des­zen­trale der Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft Verdi in Berlin benannt wurde, moti­vierte die Gewerk­schaft, sich genauer .…

.….mit dem Leben dieser Frau zu befassen. Uwe Fuhrmann kon­zi­pierte dar­aufhin das For­schungs­projekt „Klasse und Geschlecht um 1900“. Die Bio­grafie ist das erste Ergebnis dieser Arbeit, welche mit Thiedes Leben auch die Geschichte der Frauen in der frühen Ber­liner Gewerk­schafts­be­wegung erzählt.

Der Titel Frau Berlin mag zunächst irri­tieren, dabei han­delte es sich um Thiedes Geburts­namen. „Berlin“ bezog sich auf das Dorf, aus dem ihre Vor­fahren in die damals wach­sende Metropole Berlin gekommen waren. Fuhrmann beschreibt die schweren Arbeits- und Lebens­be­din­gungen dieser Men­schen, die von der Land­wirt­schaft nicht mehr leben konnten und in Berlin in den boo­menden Fabriken zunächst fast völlig rechtlos waren. Auch Paula Thiede ver­armte nach dem Tod ihres ersten Mannes. Mit zwei kleinen Kindern musste sie in eine Armen­wohnung umziehen. Dort starb eine ihrer Töchter.

Fuhrmann beschreibt die ersten Orga­ni­sa­ti­ons­ver­suche, an denen Frauen beteiligt waren: Besonders die Buch­dru­cke­rinnen und Buch­drucker waren Pio­nie­rInnen im Kampf um Arbeits­zeit­ver­kürzung und mehr Lohn. Thiede wurde Mit­glied des „Vereins der Arbei­te­rinnen an Buch- und Stein­druck-Schnell­pressen“, der 1890 von 450 Kol­le­ginnen gegründet wurde.

Das Sozia­lis­ten­gesetz war noch in Kraft, sodass ein Verbot immer möglich war und die Arbeit extrem behin­derte. Auch die finan­zi­ellen Mittel waren äußerst begrenzt. Fuhrmann beschreibt die dama­ligen internen Que­relen der Gewerk­schaft, in die auch Paula Thiede invol­viert war. Sie war Anhän­gerin eines zen­tra­lis­ti­schen Gewerk­schafts­mo­dells, gegen das die Loka­listen – die heute fast voll­ständig ver­ges­senen Ver­fechter eines föde­ra­lis­ti­schen Orga­ni­sa­ti­ons­mo­dells, heftig oppo­nierten. Doch Thiedes Auf­stieg in der Gewerk­schaft konnten sie nicht bremsen. Am 30. Mai 1898 wurde sie Vor­sit­zende des neu gegrün­deten Vereins der gra­phi­schen Arbei­te­rinnen und Arbeiter Deutsch­lands. Auch nach ihren Rück­tritt 1902 spielte sie bis zu ihrem frühen Tod eine wichtige Rolle in der Gewerk­schaft, wenn sie auch mit ihren Kan­di­da­turen und Anträgen im männlich domi­nierten Gewerk­schaftsbund häufig schei­terte.

Uwe Fuhrmann stellt die Frage, warum eine der Pio­nie­rinnen der Gewerk­schafts­be­wegung so gründlich ver­gessen wurde. Noch zu Beginn der 1920er Jahre ehrte der Verband der gra­phi­schen Hilfs­ar­bei­te­rInnen Paula Thiede mit einem Denkmal auf dem Zen­tral­friedhof Berlin-Fried­richs­felde. Das Ver­gessen setzte erst später ein.

Die Stellung als Frau mit pro­le­ta­ri­schem Hin­ter­grund ohne echte Berufs­aus­bildung hat sicher auch in den Jahren nach 1945 eine „Wie­der­ent­de­ckung“ erschwert. Die zweite Frau­en­be­wegung suchte zudem ihre Tra­di­ti­ons­linien nicht bei den Gewerk­schafts­frauen. Umso erfreu­licher, dass nun Uwe Fuhrmann, 100 Jahre nach ihrem Tod, Paula Thiede und mit ihr das frühe gewerk­schaft­liche Enga­gement von Frauen dem Ver­gessen ent­rissen hat.