Aufklärung über rechte Ideologie in der Sprache

Wahl­er­folge der AFD, Blo­ckade-Aktionen vor Flücht­lings­un­ter­künften, Pegida- und „Nein zum Heim!“-Demonstrationen in vielen Städten. Kein Zweifel, die rechte Bewegung erlebt in den letzten Monaten auch in Deutschland einen Auf­schwung. Dabei ist ihr es gelungen, über ihre kleinen rechten Zirkel hinaus auch in Bevöl­ke­rungs­kreise ein­zu­wirken, die sich nicht zur Rechten zählen würden. Das wird deutlich, wenn sich Men­schen mit Schildern „Wir sind besorgte Bürger und keine Nazis“ an Demons­tra­tionen betei­ligen, die von extremen Rechten orga­ni­siert werden. Doch der rechte Ein­fluss zeigt sich nicht nur auf der Straße, sondern auch im gesell­schaft­lichen Diskurs.

Auf die bisher zu wenig beach­teten rechten Erfolge auf der Ebene der Sprache und der öffent­lichen Debatte macht das „Hand­wör­terbuch rechts­ex­tremer Kampf­be­griffe“ auf­merksam. Es ist als Koope­ra­ti­ons­projekt des Duis­burger Instituts für Sprach- und Sozi­al­for­schung (DISS) und des For­schungs­schwer­punkts Rechtsextremismus/​Neonazismus (FORENA) an der Hoch­schule Düs­seldorf ent­standen. Beide wis­sen­schaft­liche Insti­tu­tionen for­schen seit Län­gerem zu der Frage, wie rechte Kreise mit eigenen Kampf­be­griffen die gesell­schaft­liche Debatte bestimmen. 20 Autor_​innen stellen in infor­ma­tiven Auf­sätzen 25 solcher Begriffe vor, die in der rechten Debat­ten­kultur aktuell eine Rolle spielen. Dazu gehört der „68er“ ebenso wie die „Geschlech­ter­gleich­stellung“, die zu den beson­deren Kampf­be­griffen der Rechten gehören.

Mit­her­aus­geber Fabian Virchow unter­scheidet Typen von rechten Kampf­be­griffen, die unter­schied­liche Funk­tionen haben, deren Abgrenzung aber nicht immer möglich ist. So gibt es Begriffe, die den poli­ti­schen Standort im rechten Lager mar­kieren sollen. Als Bei­spiel führt Virchow “Schuldkult“ an, eine Wort­schöpfung, mit dem die extreme Rechte Gedenk­ver­an­stal­tungen zu NS-Ver­brechen abwertet und ver­höhnt. Andere ori­ginär braune NS-Sprach­schöp­fungen waren später in großen Teilen der Gesell­schaft mit Recht tabui­siert und werden in letzter Zeit von der Rechten wieder reak­ti­viert. Dazu gehören Begriffe wie „deutsche Volks­ge­mein­schaft“ oder der Verweis auf ein „Tau­send­jäh­riges deut­sches Reich“. Vor einiger Zeit waren das noch Codes kleiner rechter Zirkel. In den letzten Monaten wurden sie von Rechts­außen-Poli­tikern der AfD wie Björn Höcke in Reden vor Tau­senden Men­schen ver­wendet. Eine dritte Gruppe von Begriffen ver­weist auf Poli­tik­vor­stell­lungen, die eigentlich nichts mit rechtem Gedan­kengut zu tun haben. Doch im aktu­ellen rechten Diskurs werden Termini wie „Freiheit“ und „Demo­kratie“ immer dann ver­wendet, wenn es darum geht, „Volkes Stimme“ gegen „abge­hobene Poli­tiker“ oder die Eliten in Stellung zu bringen. Darauf gehen Bernhard Steinke und Fabian Virchow in dem Handbuch ein. Eine weitere Begriffs­gruppe, die unter­sucht wird, ist eben­falls außerhalb rechter Kreise ent­standen, wurde aber mitt­ler­weile von Rechts gekapert. Dazu gehören Termini wie Poli­tical Cor­rec­tness oder Isla­mi­sierung. Noch vor einem Jahr­zehnt stand der Begriff „Isla­mi­sierung“ mit der Kritik säku­larer Kräfte am Macht­an­spruch reli­giöser Kräfte in direktem Zusam­menhang. Ben­jamin Kerst zeigt in seinen Aufsatz, wie der „Isla­mismus“ zum Kampf­be­griff der Rechten wurde und durch Pegida eine regel­recht mobi­li­sie­rende Wirkung bekommen hat.

Das infor­mative Hand­wör­terbuch richtet sich an Multiplikator_​innen aus Schule, Sozi­al­arbeit und Gewerk­schaft, aber auch an Journalist_​innen.

Bente Gießelmann, Robin Heun, Benjamin Kerst, Lenard Suermann, Fabian Virchow (Hrsg.): Handwörterbuch rechtsextremer Kampfbegriffe, Wochenschau-Verlag (Schwalbach/Ts.) 2015, 368 Seiten, 24,80 Euro, ISBN 978-3-7344-0155-8

Bente Gieß­elmann, Robin Heun, Ben­jamin Kerst, Lenard Suermann, Fabian Virchow (Hrsg.): Hand­wör­terbuch rechts­ex­tremer Kampf­be­griffe, Wochen­schau-Verlag (Schwalbach/​Ts.) 2015, 368 Seiten, 24,80 Euro, ISBN 978–3‑7344–0155‑8

Peter Nowak