Wilder Streik der Migrantinnen


Vor 40 Jahren traten Arbei­te­rinnen von Pierburg in den Aus­stand – ein Buch ver­sammelt Zeit­zeugen und Doku­mente

Eine Mark mehr Lohn und die Abschaffung der Leicht­lohn­gruppe lau­teten die zen­tralen For­de­rungen eines Streiks, der vor 40 Jahren die damalige Linke jen­seits aller Dif­fe­renzen mobi­li­sierte. Es waren über­wiegend migran­tische Frauen, die bei der Auto­zu­be­hör­firma Pierburg in Neuss in den Arbeits­kampf getreten sind ohne auf die Gewerk­schafts­bü­ro­kratie zu warten und sogar erfolg­reich haben. Dabei hat der im Natio­nal­so­zia­lismus wie in der BRD erfolg­reiche Unter­neh­mer­pa­triarch Alfred Pierburg die strei­kenden Frauen hart bekämpft. Unter­stützt wurde er dabei von den Neusser Poli­zei­prä­si­denten Günther Knecht, der die Knüp­pel­ein­sätze gegen die strei­kenden Frauen mit dem Satz recht­fer­tigte. „Wilder Streik, das ist Revo­lution“.
Dieses Zitat wurde zum Titel für einen Doku­men­tenband über den Pierburg-Streik, das der damalige oppo­si­tio­nelle Betriebsrat des Unter­nehmens Dieter Braeg kürzlich im Ber­liner Verlag „Die Buch­ma­cherei“ her­aus­ge­geben hat. Er hat dort zahl­reiche zeit­ge­nös­sische Berichte über den Streik und den 40minütigen Film „Ihr Kampf ist unser Kampf“ erneut zusam­men­ge­stellt.

Hinter der Ein­schätzung von Dieter Braeg, der Pierburg-Streik sei ein Bei­spiel für „eine andere deutsche Arbei­te­rinnen – und Arbei­ter­be­wegung“ muss aller­dings ein großes Fra­ge­zeichen gesetzt werden. Mit einer viel grö­ßeren Berech­tigung könnte der Streik als Bei­spiel für einen selbst­or­ga­ni­sierten Kampf migran­ti­scher Frauen ange­führt waren. Die in dem Buch auf­ge­führten Doku­mente machen deutlich, wie die im Natio­nal­so­zia­lismus sozia­li­sierten Vor­ar­beiter auf den Kampf der Frauen reagierten. „Ihr seit doch das auf­säs­sigste Pack, was mir je unter­ge­kommen ist“, ihr Scheiß­weiber“, schrie einer der Pierburg-Vor­ar­beiter eine grie­chische Beschäf­tigte an und drohte ihr mit Schlägen, weil sie sich bei dem Betriebsrat über die Arbeits­be­din­gungen beschwert hatte. Die Doku­mente zeigen auch, die Ignoranz mancher Betriebsräte, denen die Pflege der Trikots der fir­men­ei­genen Fuß­ball­mann­schaft wich­tiger als die Inter­es­sen­ver­tretung der Kol­le­ginnen war. Die IG-Metall-Führung ver­suchte den Streik in insti­tu­tio­nelle Bahnen zu lenken. Nachdem der Aus­stand erfolg­reich abge­schlossen war, überzog das Unter­nehmen vier oppo­si­tio­nelle Betriebsräte mit lang­wie­rigen Gerichts­pro­zessen, bei denen sie sich für Soli­da­ri­täts­be­suche bei anderen Betrieben recht­fer­tigen mussten. Braeg ordnet den Pierburg-Streik in den poli­ti­schen Kontext jener Jahre ein. Mit den Sep­tem­ber­streiks von 1969 begann ein Auf­be­gehren von Lohn­ab­hän­gigen, die sich nicht mehr in DGB-kon­forme Ver­tre­tungs­in­stanzen pressen lassen wollten. Daran waren migran­tische Beschäf­tigte feder­führend beteiligt. Höhe­punkt war der Streik und die Besetzung der Kölner Ford­werke im August 1973. Als die Polizei die Fabrik mit Gewalt räumte, zahl­reiche Strei­kende festnahm und mehrere der migran­ti­schen Akti­visten als angeb­liche Rädels­führer abschieben ließ, titelte die Sprin­ger­presse: „Deutsche Arbeiter kämpfen Ford frei“.
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Peter Nowak

Braeg Dieter, Wilder Streik, Der Streik der Arbei­te­rinnen bei Pierburg in Neuss 1973, Die Buch­ma­cherei, ISBN 978–3‑00–039904‑6, 13, 50 Euro
Der Her­aus­geber stellt das Buch und den Film am Samstag, 06. Juli, um 15 Uhr im Ber­liner Mehringhof Gnei­sen­austr. 2a vor

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