Streiken geht auch anders

Der Streik migran­ti­scher Arbei­te­rinnen bei einem Auto­mo­bil­zu­lie­ferer im Jahr 1973 erhält zum Jubiläum wieder Auf­merk­samkeit.

Wer an Streiks in Deutschland denkt, dem kommen bunte Plas­tik­leibchen, Tril­ler­pfeifen, hohle DGB-Rhe­torik und Tarif­ab­schlüsse in den Sinn, die man nur mit viel Mühe als Erfolg ver­kaufen kann. Dass auch in Deutschland Arbeits­kämpfe möglich sind, die anders ver­laufen, zeigt der Pierburg-Streik. 1973 streikten die Arbei­te­rinnen beim Auto­mo­bil­zu­lie­ferer Pierburg im nord­rhein-west­fä­li­schen Neuss für die Abschaffung aller Leicht­lohn­gruppen, die dafür sorgten, dass Frauen weniger als Männer ver­dienten, und für eine Erhöhung des Stun­den­lohns um eine Mark.

Wie groß das Interesse an dem Streik damals war, zeigt sich an den zahl­reichen Büchern und Filmen, die sich dem Aus­stand widmen. Anfang der acht­ziger Jahre, als ein Großteil der Linken seinen Abschied vom Pro­le­tariat nahm, geriet auch der Pierburg-Streik in Ver­ges­senheit. Doch nun macht ein Buch mit dem Titel »Wilder Streik, das ist Revo­lution«, das im Ber­liner Verlag »Die Buch­ma­cherei« erschienen ist, wieder auf den Arbeits­kampf auf­merksam. Der Her­aus­geber Dieter Braeg, damals einer der oppo­si­tio­nellen Betriebsräte in dem Unter­nehmen, hat das anste­hende Jubiläum zum Anlass genommen, einige Doku­mente erneut zu ver­öf­fent­lichten.

Dazu gehört auch der 40minütige Film »Pierburg – ihr Kampf ist unser Kampf«, der immer noch sehenswert ist, vor allem aus einem Grund: Es ist sinnvoll, daran zu erinnern, dass es in Deutschland auch Kämpfe von Lohn­ab­hän­gigen gab, die sich nicht in den von den DGB-Vor­ständen vor­ge­ge­benen Bahnen bewegen. Bei Pierburg war das der Fall: »Wilder Streik, das ist Revo­lution« – so begründete der Neusser Poli­zei­prä­sident Günther Knecht damals den Einsatz von knüp­pelnden Poli­zisten gegen die Strei­kenden.

Braegs Ein­schätzung, der Pierburg-Streik sei ein Bei­spiel für »eine andere deutsche Arbei­te­rinnen- und Arbei­ter­be­wegung«, kann man aller­dings Skepsis ent­ge­gen­bringen. Mit einer viel grö­ßeren Berech­tigung kann der Streik als Bei­spiel für einen selbst­or­ga­ni­sierten Kampf migran­ti­scher Frauen ange­führt waren. Sie traten nicht nur gegen den Unter­nehmer Alfred Pierburg an, der eine ein­fluss­reiche Stellung in der Kriegs­wirt­schaft des Natio­nal­so­zia­lismus inne gehabt hatte und in der Bun­des­re­publik Träger zahl­reicher Orden inklusive des Bun­des­ver­dienst­kreuzes war. Die Doku­mente verdeut­lichen auch, wie die strei­kenden Frauen mit dem Ras­sismus der im NS sozia­li­sierten Vor­ar­beiter kon­fron­tiert wurden. »Ihr seid doch das auf­säs­sigste Pack, was mir je unter­ge­kommen ist, ihr Scheiß­weiber«, schrie einer der Pierburg-Vor­ar­beiter eine grie­chische Beschäf­tigte an und drohte ihr mit Schlägen, weil sie sich beim Betriebsrat über die Arbeits­be­din­gungen beschwert hatte. Die Doku­mente zeigen aber auch die Ignoranz mancher Betriebsräte, denen die Pflege der Trikots der fir­men­ei­genen Fuß­ball­mann­schaft wich­tiger war als die Inter­es­sen­ver­tretung der Kol­le­ginnen. Auch die Taktik der IG-Metall-Führung wird deutlich. Sie tat alles, um den Streik wieder in die insti­tu­tio­nellen Bahnen zu lenken, und die Justiz überzog die oppo­si­tio­nellen Betriebsräte mit lang­wie­rigen Gerichts­pro­zessen.

Dieter Braeg ordnet den Pierburg-Streik in das poli­tische Geschehen jener Jahre ein. Mit den Sep­tem­ber­streiks von 1969 begann ein Auf­be­gehren von Lohn­ab­hän­gigen, die sich nicht mehr von DGB-kon­formen Instanzen ver­treten lassen wollten. Daran waren migran­tische Beschäf­tigte feder­führend beteiligt. Höhe­punkt waren der Streik und die Besetzung der Kölner Ford-Werke im August 1973. Als die Polizei die Fabrik mit Gewalt räumte, zahl­reiche Strei­kende festnahm und mehrere migran­tische Arbeiter als angeb­liche Rädels­führer abschieben ließ, titelte die Bild-Zeitung: »Deutsche Arbeiter kämpfen Ford frei«. Zuvor hatten Bür­ger­wehren die Strei­kenden mehrmals ange­griffen. So wurde unter tat­kräf­tiger Mit­hilfe von Betriebs­räten der pro­le­ta­rische Eigensinn gebrochen.

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Peter Nowak


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