Lob der Lagerfeuer-Initiative

Vom Sturm auf die Gip­felorte zur Blo­ckade – der libertäre Teil der glo­ba­li­sie­rungs­kri­ti­schen Bewegung

Während die glo­ba­li­sie­rungs­kri­tische Bewegung in der Flaute ist, scheint das Interesse an der Zeit zu wachsen, als inter­na­tionale Polit­Gipfel von län­der­über­grei­fenden Mas­sen­pro­testen begleitet waren. So hat der Laika-Verlag gerade einen Film von Verena Vargas wieder aus­ge­graben, die den Son­derzug von Glo­ba­li­sie­rungs­kri­tikern zu den G8-Pro­testen nach Evian im Juni 2003 begleitet hatte. In »evain­naive« zeigt Vargas auch, wie in zahl­reichen Plena in einem spe­zi­ellen Waggon die direkte Demo­kratie auf die Probe gestellt wurde. Für den israe­li­schen Sozi­al­wis­sen­schaftler und Anar­chisten Uri Gordon sind diese Ver­suche von Selbst­or­ga­ni­sierung Bei­spiele für aktuelle anar­chis­tische Theorie und Praxis.

Der Mit­be­gründer der Anar­chists against the Wall, die sich gegen Krieg und Besat­zungen wenden, war Anfang des Jahr­tau­sends in Europa unterwegs und betei­ligte sich an glo­ba­li­sie­rungs­kri­ti­schen Aktionen auf dem ganzen Kon­tinent. Seine Erfah­rungen hat er in dem Buch »Hier und Jetzt« zusam­men­ge­fasst, das auf Deutsch im Nau­tilus Verlag erschienen ist. Darin ver­bindet sich eine sym­pa­thi­sie­rende Bin­nen­sicht auf die libertäre Strömung der Bewegung mit deren wis­sen­schaft­licher Ein­ordnung.

Im Mit­tel­punkt stehen die län­der­über­grei­fenden Netz­werke, die über mehrere Jahre unter dem Label »dissent« fir­mierten. Auch wenn sich viele der Akti­visten nicht als Anar­chisten bezeichnen, ori­en­tieren sie sich in der poli­ti­schen Praxis an liber­tären Grund­sätzen. Dazu zählt Gordon, dass sie statt For­de­rungen an Regie­rungen zu richten, auf direkte Aktionen setzten. So wurde in der ersten Phase der glo­ba­li­sie­rungs­kri­ti­schen Bewegung der Sturm auf die Gip­felorte pro­pa­giert. Nachdem der Versuch im Jahr 2001, die rote Zone beim G8-Gipfel in Genua zu erreichen, einen mas­siven Poli­zei­einsatz mit einem toten Demons­tranten und vielen Schwer­ver­letzten zur Folge hatte, ver­legten sich die liber­tären Zusam­men­hänge auf Blo­ckaden der Zufahrtswege zu den Gip­fel­orten. Sowohl 2003 in Evian als auch 2005 im schot­ti­schen Gle­neagles betei­ligten sich Zehn­tau­sende an dieser Akti­onsform.

Auch die Unter­bringung der Demons­tranten während der mehr­tä­gigen Gip­fel­pro­teste war an anar­chis­ti­schen Grund­sätzen ori­en­tiert. So wurden in den Pro­test­camps libertäre Bereiche auf­gebaut, in denen das Zusam­men­leben als Kommune im Klein­format prak­ti­ziert werden sollte. Dass die häu­figen Plena manch über­zeugten Anar­chisten ver­graulten, wird auch bei Gordon the­ma­ti­siert. Aus­führlich widmet er sich darüber hinaus den infor­mellen Macht­un­ter­schieden in anar­chis­ti­schen Netz­werken und plä­diert für eine Reha­bi­li­tierung der »Lager­feu­er­initia­tiven«, womit ähnlich dem Knei­pen­ge­spräch nach Polit­treffen das gemüt­liche Bei­sam­mensein an der Feu­er­tonne gemeint ist. An diesen Orten werden Netz­werke geschmiedet und Akti­ons­ideen kon­kre­ti­siert. Dort können Men­schen zu Wort kommen, die sich in Plena nicht durch­setzen können oder wollen.

Gordon rela­ti­viert auch die Bedeutung des Internets für die Bewegung. Die dissent-Netz­werke stützten sich meist auf Gruppen, deren Mit­glieder lange befreundet waren und die in der gemein­samen Arbeit Erfah­rungen gesammelt hatten. »Das inter­net­ge­stützte Net­working ist nur der abs­trak­teste Aus­druck der tat­säch­lichen und mit rich­tigem Leben erfüllten Pro­zesse, bei denen Koope­ration und gegen­sei­tiges Ver­trauen vor Ort auf­gebaut wurden.«

Gordon zeigt in seinem Buch auch die Grenzen anar­chis­ti­scher Praxis auf. Daher ist es auch für Leser inter­essant, die mit dem von ihm pro­pa­gierten Konzept des Bio­re­gio­na­lismus, nachdem sich die Men­schen im Ein­klang mit der Natur in kleinen Regionen ver­netzen sollen, ebenso wenig iden­ti­fi­zieren können wie mit seinen posi­tiven Bezügen auf einen vor allen in den USA pro­pa­gierten Pri­mi­tiv­an­ar­chismus, der Technik und die Zivi­li­sation zum Feind erklärt.

Gordon Uri: Hier und Jetzt, Anar­chis­tische Praxis und Theorie. Aus dem Eng­li­schen von Sophia Deeg, Nau­tilus Verlag, 256 S., 18 €

Attac, Gip­fel­stürmer und Stra­ßen­kämpfer. DVD und Buch, Bibliothek des Wider­stands, Laika Verlag, 24,90 €.

Peter Nowak

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