»Oftmals heuchlerisch«

Der Bremer Medi­zin­so­ziologe Wolfgang Hien warnt seit langem davor, die gesund­heit­liche Belastung durch Schad­stoff­emis­sionen der Industrie zu unter­schätzen. Die Auf­regung über die Abgas­tests der deut­schen Auto­bauer ver­kenne die eigent­liche Dimension der Pro­bleme.

Wolfgang Hien ist Arbeits­wis­sen­schaftler und Medi­zin­so­ziologe. Er leitet die For­schungs­stelle Arbeit, Gesundheit und Bio­graphie in Bremen und beschäftigt sich mit Gesund­heits­be­las­tungen innerhalb der Wohn- und Arbeitswelt. Im VSA-Verlag ist sein Buch »Kranke Arbeitswelt« erschienen.
Am 9. Februar hält er im FAU-Lokal in Berlin einen Vortrag zum selben Thema.

Die von deut­schen Auto­mo­bil­kon­zernen in Auftrag gege­benen Stick­stoff­di­oxid­ver­suche haben Schlag­zeilen gemacht. Poli­tiker aller Par­teien äußerten sich ­empört. Die Kon­zern­lei­tungen haben sich inzwi­schen davon ­distan­ziert. Wie glaubhaft sind solche Distan­zie­rungen?
Als Arbeits- und Gesund­heits­wis­sen­schaftler befasse ich mich seit Jahr­zehnten mit Gefah­ren­stoffen und Belas­tungen am Arbeits­platz. Auf mich wirkt die Auf­regung über diesen Fall sehr merk­würdig. Natürlich machen die Chemie- und die Phar­ma­in­dustrie seit mehr als 100 Jahren ent­weder selbst Expe­ri­mente, auch mit Men­schen, oder sie ver­geben ent­spre­chende Auf­träge an Uni­ver­si­täten und andere For­schungs­in­stitute. Das ist erst mal über­haupt nichts Neues. Grund­sätzlich ist es das Interesse der Industrie, her­aus­zu­be­kommen, wie viele Gifte der Mensch ver­kraften kann. Dabei haben die Unter­nehmen stets ver­sucht, der viel wich­ti­geren Frage aus­zu­weichen, was es für die Gesundheit bedeutet, wenn Men­schen schäd­lichen Stoffen oder Giften über Jahre und Jahr­zehnte aus­gesetzt sind.

Können Sie dafür ein Bei­spiel nennen?
Das Problem haben wir auch beim NO², dem Stick­stoff­dioxid. Die Ver­suche der RWTH Aachen, die mit völlig gesunden Per­sonen über wenige Stunden gemacht wurden, sind ziemlich harmlos. Da konnte also gar nichts Schlimmes her­aus­kommen. Die Expo­sition lag weit unterhalb der­je­nigen Werte, die jahr­zehn­telang als maximale Kon­zen­tration am Arbeits­platz Geltung hatte. Dieser Wert lag bis zum Jahr 2008 bei fünf ppm (parts per million), das sind fünf Kubik­zen­ti­meter Gas in einem Kubik­meter Atemluft. In Gewicht umge­rechnet wären das 9,5 Mil­li­gramm pro Kubik­meter. In Aachen wurden junge gesunde Leute maximal 1,5 ppm aus­ge­setzt.

»Die Ver­suche der RWTH Aachen, die mit völlig gesunden Per­sonen während weniger Stunden gemacht wurden, sind ziemlich harmlos. Da konnte also gar nichts Schlimmes her­aus­kommen. Die Expo­sition lag weit unterhalb der­je­nigen, die jahr­zehn­telang als maximale Kon­zen­tration am Arbeits­platz Geltung hatte.«

Der soge­nannte MAK-Wert gibt die maximal zulässige Kon­zen­tration eines Stoffes als Gas, Dampf oder Schweb­stoff in der Luft am Arbeits­platz an, bei der kein Gesund­heits­schaden zu erwarten ist, auch wenn man der Kon­zen­tration in der Regel acht Stunden aus­ge­setzt wird. Der MAK-Richtwert wurde schon vor Jahren ­her­ab­ge­setzt.
Die MAK-Kom­mission hat den Grenzwert 2009 auf ein Zehntel her­un­ter­ge­setzt, von fünf ppm auf 0,5 ppm, weil eben doch nicht aus­zu­schließen ist, dass eine lang­fristige Expo­sition, die darüber liegt, Lun­gen­schäden ver­ur­sacht. Das weiß man längst und in Aachen wurde das erneut bestätigt.

Wo müsste die Kritik ansetzen?
Der eigent­liche Skandal liegt erstens darin, dass Hun­der­tau­sende Men­schen am Arbeits­platz über Jahr­zehnte einer tat­sächlich schä­di­genden Kon­zen­tration aus­ge­setzt waren, obwohl es seit Jahr­zehnten Kritik an der alten Grenz­wert­setzung gab. Zweitens ist es ein Skandal, dass Mil­lionen Men­schen, vor allem Kinder, chro­nisch Kranke und Alte, an stark befah­renen Straßen nicht nur acht Stunden am Tag und 40 Stunden in der Woche, sondern rund um die Uhr mit erheb­lichen Kon­zen­tra­tionen belastet sind, was sta­tis­tisch gesehen mit Sicherheit Schäden ver­ur­sacht. Der eigent­liche Skandal ist, dass hier seit Jahr­zenten ein Mas­sen­ex­pe­riment an Men­schen vor­ge­nommen wird. All das haben kri­tische Wis­sen­schaftler seit langem the­ma­ti­siert.

Wie haben Politik und Unter­nehmen auf diese Kritik reagiert?
Die Reaktion war immer ver­halten. Man ent­gegnete uns: Wir leben halt nun mal in einem Indus­trieland, ein Zurück zur Natur kann es nicht geben, Kol­la­te­ral­schäden gibt es immer. Dass man sich jetzt plötzlich aufregt, ist oftmals heuch­le­risch, manchmal viel­leicht aber auch eine erste Erkenntnis, nach welcher Logik die Dinge bei uns laufen.

Sind die 25 Pro­banden, die sich den Abgas­tests unter­zogen haben, über­haupt reprä­sen­tativ?
Es geht hier um toxi­ko­lo­gische For­schungen, es ist der Versuch, erste Anzeichen einer schä­di­genden Wirkung beim Men­schen zu ermitteln. Man kann der­artige Tests durchaus mit wenigen Leuten machen, je nach Ver­suchs­aufbau kann das schon ­Erkennt­nisse bringen. Wichtig wäre, Befind­lich­keits­stö­rungen genau wahr­zu­nehmen.

Es gibt Hun­derte von aggres­siven Lob­by­gruppen«

Die Lob­by­ver­ei­nigung »Euro­päische For­schungs­ver­ei­nigung für Umwelt und Gesundheit im Trans­port­sektor« (EUGT), die die Tests ver­an­lasst hatte, wurde im ver­gan­genen Jahr auf­gelöst. Kommt die Maß­nahme zu spät?
Es gibt Hun­derte von aggres­siven Lob­by­gruppen, die man alle gerne auf­lösen kann. Zumindest aber müsste aus Steu­er­mitteln den unab­hän­gigen Ver­bänden und kri­ti­schen Wis­sen­schaftlern das Hun­dert­fache an Zuwen­dungen gegeben werden, damit auch sie Lob­by­arbeit im Sinne der Men­schen und des Schutzes ­ihrer Gesundheit leisten können.

Ist es die Regel, dass kon­zernnahe Lob­by­or­ga­ni­sa­tionen solche Tests machen?
Das kommt leider häufig vor und wird von den Kon­zernen geheim­ge­halten. Gerade bei Pes­ti­ziden weiß man seit Jahr­zehnten, dass besorg­nis­er­re­gende Daten geheim gehalten werden. Bas­agran, ein früher ver­wen­detes Pes­tizid der BASF, hat in höheren Dosie­rungen im Tier­versuch Krebs erzeugt. Das kam erst heraus, nachdem eine US-ame­ri­ka­nische Bür­ger­initiative eine Klage auf ihr right to know gewonnen hat. Von Gly­phosat ist das Gleiche durch­ge­si­ckert, auch dieser Stoff erzeugt Krebs. Die zustän­digen Behörden, in diesem Fall das Bun­des­in­stitut für ­Risi­ko­be­wertung, ein Teil des frü­heren Bun­des­ge­sund­heitsamts, be­wegen sich im Strom einer indus­trie­hö­rigen Toxi­ko­logie und geben sich mit For­schungs­er­geb­nissen auf Basis geheim­ge­hal­tener Daten zu­frieden.

Sie haben in Ihrem Buch »Kranke Arbeitswelt« viele Bei­spiele kon­zern­naher Wis­sen­schaft auf­ge­listet. Können Sie ein besonders Auf­fäl­liges nennen?
Ein ekla­tantes Bei­spiel ist das Asbest. Hier ver­sucht eine starke Lobby, unter­stützt von einigen wenigen weltweit füh­renden Wis­sen­schaftlern, Weiß­asbest als harmlos dar­zu­stellen oder zumindest als weniger schädlich, als nicht oder nur in geringem Maß krebs­er­zeugend. Diese Lobby ver­sucht, das Rad der Geschichte ­zurück­zu­drehen und die momentan gül­tigen Grenz­werte auf­zu­heben. Zum Glück haben sich ver­ant­wor­tungs­volle Wis­sen­schaftler offen gegen diese Lobby gestellt und auf­ge­zeigt, dass deren Argu­men­tation und angeb­liche Daten keine Basis be­sitzen. Es gibt nach­weisbare Fälle, bei denen zuweilen viel Geld im Spiel ist. Ich habe dazu eine tie­fer­ge­hende Unter­su­chung über die Ver­stri­ckung füh­render Arbeits­me­di­ziner mit der Tabak­in­dustrie gemacht. Es ging um das Pas­siv­rauchen, auch um die Belas­tungen etwa in Woh­nungen, wo Kinder besonders expo­niert sind.

Ist die Wis­sen­schaft von der Wirt­schaft kor­rum­piert?
Nein, es geht aber um ein Denken, in dem viele Wis­sen­schaftler, Arbeits- und Umwelt­me­di­ziner ver­fangen sind, was dazu führt, dass sie auch ohne Bestechung sehr industrie­nah ein­ge­stellt sind. Dazu gibt es ein aktu­elles Bei­spiel: Geschäfts­führer der EUGT war Michael Spallek, der zuvor Leiter des Gesund­heits­schutzes der VW-Abteilung Nutz­fahr­zeuge war. Er hat zur Jah­res­tagung der Deut­schen Gesell­schaft für Arbeits- und Umwelt­me­dizin einen Vortrag ange­meldet, der akzep­tiert wurde und den er zusammen mit einem Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaftler an recht pro­mi­nenter Stelle halten wird. Der Titel: »N0x-Risi­ko­kom­mu­ni­kation. Klärung eines Vexier­bildes«. Dazu heißt es im Abs­tract: »›Vor­zeitige Todes­fälle‹ durch N0x-Emis­sionen sind nur ein theo­retisches Kon­strukt und ohne prak­tische oder reale Bedeutung für das Indi­viduum.«

Welche Rolle spielen gesund­heits­schäd­liche Stoffe in der Arbeitswelt?
Expo­si­tionen in der Arbeitswelt sind höher als die in der sons­tigen Umwelt. Diese Aussage gilt freilich nur hier­zu­lande, nicht für die Schwel­len­länder und Länder der Dritten Welt, wo Kinder auf regel­rechten Gift­müll­de­ponien spielen. In den Indus­trie­na­tionen wird mit vielen neuen Stoff­sys­temen han­tiert, Epo­xid­harzen, Iso­cya­naten, Nano­par­tikeln, die nur unzu­rei­chend auf Lang­zeit­wir­kungen unter­sucht sind. Auch hier findet ein Men­schen­versuch in grö­ßerem Maßstab statt, der nicht nach drei Stunden endet, sondern der ein Arbeits­leben lang läuft, das schon mit 45 oder 55 zu Ende sein kann wegen arbeits­be­dingter Krankheit oder vor­zei­tigem arbeits­be­dingtem Tod.

Interview von Peter Nowak

Erst­ver­öf­fent­li­chungsort:
https://jungle.world/artikel/2018/06/oftmals-heuchlerisch