Cornelius Castoriadis: Die büro kratische Gesell schaft. Aus ge wählte Schriften, Bd. 10. Verlag Edition AV, 560 S., geb., 34 €.

Die Wandlung eines linken Denkers

Nach seinem Abschied vom Marxismus bekam die russische Frage, die Castoriadis bis zum Lebensende beschäftigte, eine andere Bedeutung- War es zunächst die Frage, wieso die proletarische Revolution zur Herrschaft der Bürokratie werden konnte, machte er sich in Texten aus den 80er Jahren Gedanken darüber, ob die Nato einem Angriff des Warschauer Paktes standhalten könne. Hatte er zunächst über Trotzkist*innen gespottet, die in der Sowjetunion noch etwas Verteidigenswertes sehen wollten, so teilte er in seinen späteren Texten gegen jene aus, die für eine Entspannungs- und Verständigungspolitik gegenüber dem Osten eintraten.

Vor 40 Jahren wurde Cornelius Castoriadis in jenen linken Kreisen viel gelesen, fie sich für eine sozialistische Theorie jenseits von Stalinismus und Sozialdemokratie interessierten. Der in Griechenland geborene Autodidakt, der kein abgeschlossenes Universitätsstudium hatte, begann seine politische Sozialisation in der …

… trotzkistischen Bewegung seines Heimatlandes Griechenland. Verfolgt von den 1948 im griechischen Bürgerkrieg siegreichen Monarchisten, aber auch der damals unterlegenen prosowjetischen kommunistischen Strömung, ging Castoriadis ins französische Exil. Er wurde bald zu einem wichtigen Theoretiker der linkskommunistischen Gruppe »Socialisme ou barbarie« (Sozialismus oder Barbarei). Obwohl er seit den späten 40ern eine Menge theoretischer Texte verfasst hat, war sein Name lange Zeit unbekannt. Er musste wegen seines unsicheren Aufenthaltsstatus in
Frankreich unter Pseudonym veröffentlichen. Erst nachdem er französischer Staatsbürger geworden war, publizierte er unter seinem richtigen Namen. Bis zu seinem Tod 1997 in Paris veröffentlichte er noch zahlreiche Texte und hielt philosophische Vorlesungen. Bis heute gibt es in Deutschland einen treuen Kreis von Anhängerinnen von Cornelius Castoriadis. In der Edition AV hat Harald Wolf kürzlich den zehnten Band mit ausgewählten Schriften herausgegeben. Wer sich über die Gedankenwelt des Castoriadis informieren will, dem sei die Lektüre dieses Bandes gleich aus mehreren Gründen empfohlen. Darin findet sich ein von ihm und der Gruppe »Sozialismus oder Barbarei« verwendeter Schlüsselbegriff. Sie bezeichneten das System der Sowjetunion, aber auch Chinas und der osteuropäischen Gesellschaften als bürokratischen Kapitalismus. Damit nahmen sie Trotzkis Theorie auf, gingen aber darüber hinaus. Trotzki sah in den 1930er Jahren die Herrschaftsschicht in der Bürokratie der Sowjetunion, die es mit einer politischen Revolution zu entmachten gelte. Er sprach von einem degenerierten Arbeiterstaat mit einer sozialistischen Wirtschaft, in der es kein kapitalistisches Privateigentum gebe. Castoriadis und seine Genossinnen hingegen verneinten, dass es in der Sowjetunion noch sozialistische Elemente gäbe. Dabei bezieht er sich auf Marx und Engels: »Es geht also bei der Untersuchung der sowjetischen Ökonomie wie bei jeder anderen Ökonomie darum, wie sich – hinter und jenseits der juristischen Verschleierung – Produktion und Verteilung tatsächlich vollziehen. Anders gesagt: Wer leitet die Produktion und verfügt folglich über den Produktionsapparat und wer produziert davon?« Castoriadis grenzte sich allerdings auch von Theorien ab, die von einem Staatskapitalismus in der Sowjetunion ausgingen, der sich nicht von der übrigen kapitalistischen
Welt unterscheide. Demgegenüber betonte er die Eigenständigkeit des bürokratischen Kapitalismus, der weder Sozialismus noch Privatkapitalismus sei. In der Sowjetunion und den verbündeten Staaten sei ebenso wie in der kapitalistischen Welt eine proletarische Revolution nötig, war Castoriadis noch bis in die 50er Jahren überzeugt. Doch setzte dann auch bei ihm eine Rechtswende ein. Nach seinem Abschied vom Marxismus bekam die russische Frage, die Castoriadis bis zum Lebensende beschäftigte, eine andere Bedeutung- War es zunächst die Frage, wieso die proletarische Revolution zur Herrschaft der Bürokratie werden konnte, machte er sich in Texten aus den 80er Jahren Gedanken darüber, ob die Nato einem Angriff des Warschauer Paktes standhalten könne. Hatte er zunächst über Trotzkist*innen gespottet, die in der Sowjetunion noch etwas Verteidigenswertes sehen wollten, so teilte er in seinen späteren Texten gegen jene aus, die für eine Entspannungs- und Verständigungspolitik gegenüber dem Osten eintraten. So rührt das späte Interesse an seinen Schriften auch daher, dass ihn manche als linken
Befürworter westlicher Aufrüstung in Stellung brachten. Castoriadis bestritt solche Bestrebungen und warnte davor, den Totalitarismusbegriff zu weit auszudehnen und die Sowjetunion mit dem NS-Regime gleichzusetzen.
In manchen der dokumentierten Texte findden sich dennoch solche Bezüge. So ist dieser Band auch eine Einladung, Castoriadis kritisch zu lesen, seine Stärken und Schwächen zu erkennen.

Peter Nowak