Éric Hazan, Die Dynamik der Revolte, Über vergangene und kommende Aufstände, Unrast, 128 S., ISSBN: 9783897712683, 12,80 Euro

Wider den linken Geschichtspessimismus

Vielleicht kann man auch weniger prosaisch sagen, dass Hazans historische Exkurse dazu beitragen können, einer gerade in der aktivistischen Linken verbreiteten Theorie- und Geschichtslosigkeit entgegenzutreten.  Denn, der von ihm beklagte historische Pessimismus führt auch zu einem Anwachsen des Irrationalismus, wie er in Teilen der Umweltbewegung, etwa bei Extinction-Rebellion, aber auch mit der Zunahme von Verschwörungstheorien in der Corona-Krise verstärkt zu beobachten ist. 

Die anarchistisch-insurrektionalistische Schrift  „Der kommende Aufstand“ ist in den letzten Jahren auch in Deutschland viel diskutiert worden, vor allem im linksliberalen Feuilleton. Weniger bekannt ist der französische Herausgeber des Textes, Eric Hazan. Dabei ist der 1936 in Paris Geborene als Gründer des Verlags „La Fabrique Editions“ eine wichtige Institution der außerparlamentarischen Linken in Frankreich. Der Unrast-Verlag hat nun unter dem Titel „Die Dynamik der Revolte“ einen Text herausgegeben, den Hazan bereits …..

….. 2015 in Frankreich veröffentlichte. Damit schrieb er gegen den Pessimismus einer Linken an, die sich eher das Ende der Menschheit als ein Ende des Kapitalismus vorstellen kann. 

Dabei wendet er sich vor allem an Menschen, die man nicht davon überzeugen muss, dass der gegenwärtige Zustand auf der Welt unvernünftig ist und dazu beiträgt, dass menschliches Leben bald in vielen Teilen der Erde aus ökologischen Gründen  nicht mehr möglich sein könnte. 

Doch auch viele dieser Linken können sich eine ganz anders eingerichtete Gesellschaft kaum vorstellen. Hazan schreibt dagegen an, in dem er einige der Argumente aufgreift, die viele gegen einen erfolgreichen Aufstand anführen. Dazu gehört das Lamento über die unpolitische Jugend, die kein Interesse an gesellschaftlichen Fragen habe. Dass diese Klage nicht erst im Internetzeitalter aufgekommen ist, macht Hazan mit Verweis auf einen Artikel aus der französischen Tageszeitung Le Monde vom 30. April 1968 deutlich. ,Am Vorabend der Ereignisse, die weltweit als Pariser Mai in die Geschichte eingegangen sind, wird dort unter der Überschrift ‚Wenn Frankreich sich langweilt‘ über eine apathische Jugend gespottet, die sich weder von nah noch von fern „an den großen Erschütterungen, die die Welt bewegen“ beteiligt.

Hazan will auch mit der Vorstellung aufräumen, dass sich revolutionäre Brüche lange ankündigen und akribisch vorbereitet werden müssten. So weist er historisch gut begründet den späteren stalinistischen Mythos zurück, die Oktoberrevolution wäre von der vorausschauenden Führung einer disziplinierten Partei zum Sieg geführt worden. Hazan belegt, dass eine Stärke der Bolschewiki in den entscheidenden Monaten der Jahre 1917 eine lebhafte interne Debatte war:„ Der Oktoberaufstand wurde also lanciert und angeführt von der bolschewistischen Partei. Aber – und dieses Aber verändert alles – diese Partei hat nichts gemein mit der Partei, die sie später geworden ist. Auch wenn sie konspirativ organisiert ist, ist sie alles andere als diszipliniert, sie ist in keiner Weise bürokratisch“ (S. 79). Hazans Lob der Bolschewiki dafür, dass sie 1917 eben nicht die Partei war, zu der sie im Marxismus-Leninismus stilisiert wurde, ist schon deshalb wichtig, weil viele Leute diesen Unterschied nicht mehr kennen. Hazan betrachtet es gerade vor dem Hintergrund der Entwicklung in der Sowjetunion als Fehler, wenn linke Bewegungen auf die Eroberungen der Staatsmacht setzen. Er betont, dass der revolutionäre Moment in der Zerschlagung der alten Macht besteht, nach der eben nicht das Chaos ausbricht, das immer wieder herbeigeredet wird. Kenntnisreich setzt sich Hazan auch mit dem Scheitern der revolutionären Phase 1918-1923 in Deutschland auseinander. Er benennt die Rolle der Sozialdemokratie als Vorreiter der Konterrevolution, aber auch die katastrophalen Fehleinschätzungen der jungen Kommunistischen Partei und der Kommunistischen Internationale (KI). Auch hier verweist Hazan darauf, dass die KI Anfang der 1920er Jahre noch ein Zusammenschluss gleichberechtigter Parteien war, die die Weltrevolution vortreiben wollten. Bald sollte sie als Instrument der sowjetischen Außenpolitik revolutionäre Bestrebungen abwürgen. Im letzten Kapitel wird Hazan literarisch, wenn er bekundet: „In dem Buch habe ich versucht, die relative Ruhe, die den historischen Aufbrüchen vorangeht, zu nutzen, um eine Art Synthese der Fallen, die den Weg der vergangenen Revolutionen begleiten, mit den Momenten des Gelingens und der Hoffnung herzustellen“ (S. 110).

Vielleicht kann man auch weniger prosaisch sagen, dass Hazans historische Exkurse dazu beitragen können, einer gerade in der aktivistischen Linken verbreiteten Theorie- und Geschichtslosigkeit entgegenzutreten. Denn der von ihm beklagte historische Pessimismus führt auch zu einem Anwachsen des Irrationalismus, wie er in Teilen der Umweltbewegung, etwa bei Extinction-Rebellion, aber auch mit der Zunahme von Verschwörungstheorien in der Corona-Krise verstärkt zu beobachten ist. 

Erstveröffentlichungsort:
https://www.labournet.de/express/