Autonomes Zentrum Rozbrat in Poznan droht das Aus

Es wäre ein dramatischer Verlust«

Marek Jaku­bowski und Sta­nislaw Kow­alski haben die Gruppe Postkom gegründet und orga­ni­sieren seit 2012 Ver­an­stal­tungen über die außer­par­la­men­ta­rische Linke in Polen. Am 2. Sep­tember um 16 Uhr ist vor dem Pol­ni­schen Institut in Berlin eine Kund­gebung für das von der Räumung bedrohte autonome Zentrum »Rozbrat« im pol­ni­schen Poznań geplant, die die beiden orga­ni­sieren.

Warum wurde »Postkom« gegründet und womit beschäftigt sich die Gruppe?
Marek Jaku­bowski: Das ist eine Initiative, die sich vor einigen Jahren for­miert hat, weil wir das Gefühl hatten, dass Polen oder über­haupt ganz Ost­europa als Themen bei der Linken in Berlin öffentlich kaum präsent sind. Viele Leute betreiben seit Jahr­zehnten inter­na­tio­na­lis­tische Arbeit in Berlin, beziehen sich aber haupt­sächlich auf die Kämpfe in West­europa oder auf anderen Kon­ti­nenten. Obwohl Polen sehr nah ist und viele pol­nische Men­schen in Berlin leben, gibt es kaum Bezüge zur pol­ni­schen Linken. Wir wollten das ändern, indem wir .…

.….pol­nische Akti­visten ein­laden, damit sie über ver­schiedene Initia­tiven und aktuelle Kämpfe berichten. Ziel ist es, poli­tische und soziale Themen des post­kom­mu­nis­ti­schen Raums in den Fokus zu rücken und inter­es­sierte Men­schen mit­ein­ander zu ver­netzen sowie zum Aus­tausch anzu­regen. In den ver­gan­genen Jahren haben wir zahl­reiche Veran­staltungen und Seminare über Polen und mit Akti­visten aus Polen orga­ni­siert

Warum setzen Sie sich für das derzeit von Räumung bedrohte autonome Zentrum »Rozbrat« in der pol­nischen Stadt Poznań ein?

Jaku­bowski: Beim Rozbrat handelt es sich um eines der wich­tigsten linken poli­ti­schen Zentren in Polen, wo es nur sehr wenige Insti­tu­tionen dieser Art gibt. Das Haus wurde 1994 besetzt und ist nicht nur für die linke poli­tische Bewegung von Bedeutung, sondern auch fester Bestandteil des Kultur­lebens über die Grenzen der Stadt hinaus. Die dro­hende Zwangs­räumung hängt mit der Repri­va­ti­sierung des Geländes zusammen. Dieses wurde 1948 ver­staat­licht, aber beim Übergang zum Kapi­ta­lismus von einem pri­vaten Unter­nehmen über­nommen. Diese Firma nahm hohe Kredite auf und ging vor einigen Jahren bankrott. Die Bank ver­kaufte das Dar­lehen an eine Immo­bilienfirma, die nun den Verkauf des Grund­stücks fordert. Am 15. Mai hat ein Gerichts­voll­zieher einen Schätzwert für das besetzte Grund­stück fest­gelegt, so dass eine Ver­stei­gerung und die Zwangs­räumung drohen. Das Datum der Ver­stei­gerung ist noch nicht bekannt, doch das kann sich schnell ändern. Bereits vor Jahren reichten die Beset­ze­rinnen und Besetzer des Roz­brat Klage ein, um auf der Grundlage offen­sicht­licher Inbe­sitz­nahme die Rechte an dem Grund­stück zu bekommen. Sie beziehen sich dabei auf eine heute noch gültige Regelung aus der pol­ni­schen Volks­re­publik.

Ist das Rozbrat mehr als ein Ort für Sub­kultur?
Jaku­bowski: Im Gegensatz zu manch einem auto­nomen Zentrum in Deutschland handelt es sich beim Rozbrat nicht nur um einen Ort linker Sub­kultur, wo ver­schiedene Ver­an­stal­tungen und Kon­zerte statt­finden, sondern es ist als soziales Zentrum enorm wichtig für die poli­ti­schen Bewe­gungen. Nicht nur poli­tische Initia­tiven nutzen das Rozbrat, es beher­bergt auch die größte anar­chis­tische Bibliothek in Polen und bringt ver­schiedene Genera­tionen der pol­ni­schen Linken zusammen. Wer ins Rozbrat geht, trifft auch viele soge­nannte normale Leute, die aus der Stadt kommen und am Geschehen im Zentrum teil­nehmen. Das Rozbrat könnte somit auch eine Vor­bild­funktion für viele linke Zentren in Deutschland haben.

Gibt es in Poznań eine Soli­da­ri­täts­be­wegung für das Zentrum?
Sta­nislaw Kow­alski: Das Rozbrat ist nach 25 Jahren erfolg­reichen Wirkens aus der Stadt nicht mehr weg­zu­denken und besitzt in Poznań einen ähn­lichen Stel­lenwert wie die Rote Flora in Hamburg, ohne eine tou­ris­tische Attraktion zu sein. Zahl­reiche Kul­tur­schaf­fende aus ganz Polen und Ein­woh­ne­rinnen und Ein­wohner der Stadt haben sich inzwi­schen mit dem Rozbrat soli­da­risch erklärt. Sollte das Zentrum zwangs­ge­räumt werden, wäre das ein dra­ma­ti­scher Verlust für die gesamte Region. Für den 14. Sep­tember ist eine große Soli­da­ri­täts­de­mons­tration in Poznań geplant.

Vor einigen Jahren wurde der Wider­stand von Mietern aus der Sto­larska-Straße in Poznań gegen ihre Ver­treibung auch in Berlin bekannt. Wie ist dort die Situation?
Kow­alski: Das Haus in der Sto­larska-Straße, dessen Mieter von der Wohn­mafia belästigt wurden und sich dagegen gewehrt haben, steht bis heute leer. Die Mieter sind umge­zogen, manche von ihnen haben Sozi­al­woh­nungen erhalten. Die für die Beläs­tigung Ver­ant­wort­lichen sind nach einem über sechs Jahre andau­ernden Prozess zu Gefäng­nis­strafen von zwei Jahren ver­ur­teilt worden.

Das blieben nicht die ein­zigen Mie­ter­pro­teste in Poznań. Wann begann dort die Mie­ter­be­wegung?
Kow­alski: Als Ende der neun­ziger Jahre erstmals mas­senhaft Men­schen zwangs­geräumt wurden, bil­deten das Rozbrat und die Federacja Anarchist­yczna (Anar­chis­tische Föde­ration) die Grundlage der Mie­ter­be­wegung. Unter dem Motto »Poznań Miasto dla Ludzi« (Poznań, Stadt für die Men­schen) wurden die ersten Räu­mungs­blo­ckaden orga­ni­siert. 2011/2012 wurde auf Initiative von Akti­visten aus dem Rozbrat zusammen mit ent­schlos­senen Mietern aus einem Wohnhaus, das ent­mietet werden sollte, der Mie­ter­verein »Wie­l­ko­polskie Sto­war­zy­szenie Loka­torów« (WSL) gegründet. Dut­zende Räu­mungen konnten seitdem ver­hindert werden.

Gibt es ähn­liche Mie­ten­pro­teste auch außerhalb von Poznań oder ist die Stadt in Polen eine Aus­nahme?
Kow­alski: Natürlich gibt es auch anderswo Mie­ter­pro­teste, bei­spiels­weise in War­schau. Solche Pro­teste sind aber zurzeit noch auf die pol­ni­schen Groß­städte beschränkt. Dabei ist vor allem das Thema Repri­va­ti­sierung aktuell und wichtig. Ähnlich wie in Deutschland ver­suchen Mieter, sich zu ver­netzen.

In Poznań ist die anar­cho­syn­di­ka­lis­tische Basis­ge­werk­schaft Inic­jatywa Pra­cow­nicza (Arbei­ter­initiative, IP) in der dor­tigen Amazon-­Fi­liale aktiv. Gibt es Kon­takte zum Zentrum?
Kow­alski: Man kann sagen, dass die sozialen Kämpfe, die mit der Tätigkeit der IP ver­bunden sind, auch fest mit dem Zentrum ver­knüpft sind. Vor 15 Jahren hat sich die IP sogar im Rozbrat gegründet.

Gibt es Kon­takte zwi­schen den unter­schiedlichen Kämpfen wie Mie­ter­initia­tiven und Basis­ge­werk­schaften in Poznań?
Kow­alski: Man muss sagen, dass die linke Bewegung jen­seits der Sozial­demokratie in Polen sehr klein ist und Akti­visten zwangs­läufig in den wenigen ver­blie­benen linken Zentren nicht nur in Kontakt mit­ein­ander treten, sondern auch auf­ein­ander ange­wiesen sind. Häufig haben sich Aktive deshalb nicht nur auf ein Thema spe­zia­li­siert, sondern sind in unter­schied­lichen Bereichen tätig. Rozbrat ist ein Para­de­bei­spiel dafür. Eine Basis­ge­werk­schaft wie die IP unter­stützt bei­spiels­weise nicht nur Kämpfe im gewerkschaft­lichen Bereich, sondern enga­giert sich auch für sozialen Femi­nismus, Anti­fa­schismus und Kli­ma­ge­rech­tigkeit.

Haben Linke in Poznań Pro­bleme mit Rechten und Neo­nazis?
Kow­alski: Abge­sehen von der national-kon­ser­va­tiven Regierung (gebildet von der Partei Prawo i Spra­wi­ed­liwość, Recht und Gerech­tigkeit, PiS, Anm. d. Red.) und ihrer Mehrheit im Par­lament, tritt der außer­par­la­men­ta­rische Teil der extremen Rechten wesentlich aggres­siver als früher in Erscheinung. Das äußert sich darin, dass nicht nur Ver­an­stal­tungen dieses Milieus zuge­nommen haben, sondern auch gewalt­tätige Angriffe, wie zuletzt im Juli im ost­pol­ni­schen Białystok auf eine LGBTIQ-Demons­tration. Das Rozbrat war immer wieder Ziel von neo­fa­schis­ti­schen Angriffen, die aber erfolg­reich abge­wehrt werden konnten. Es ist zu befürchten, dass diese Bedrohung nicht kleiner wird. Im Oktober sind Par­la­ments­wahlen. Auch wenn nicht damit zu rechnen ist, dass die extreme Rechte den Einzug ins Par­lament schafft, wird das nicht zur Beru­higung der Lage führen, sondern dazu, dass die Rechten ihre Akti­vi­täten im mili­tanten Bereich fort­setzen.

Interview: Peter Nowak