Die Jour Fixe Initiative entlarvt Antikommunismus und Antisemitismus

Erst kürzlich hat die rechts­kon­ser­vative pol­nische Regierung die Umbe­nennung zahl­reicher Straßen und Plätze beschlossen. Dar­unter solche, die Namen jüdi­scher Wider­stands­kämpfer tragen, die von den Nazis ermordet wurden. Die öffent­liche Erin­nerung an sie soll aus­ge­löscht werden, weil sie Kom­mu­nis­tInnen waren. Aber nicht nur in Polen gehört der Anti­kom­mu­nismus bis heute zur wir­kungs­mäch­tigen Ideo­logie. Anti­kom­mu­nismus gab es lange vor der Okto­ber­re­vo­lution von 1917. Und er hat auch das Ende der Sowjet­union über­dauert.

Einen soliden theo­re­ti­schen Ein­blick in die unter­schied­lichen Aspekte der anti­kom­mu­nis­ti­schen Ideo­logie liefert ein von der Jour Fixe Initiative Berlin her­aus­ge­ge­benes Buch. Seit Jahren widmet sich dieser Kreis mit Ver­an­stal­tungen und Buch­ver­öf­fent­li­chungen der Wei­ter­ent­wicklung linker Theorie. Diesem Anspruch wird auch das neue Buch gerecht.

Im ersten Aufsatz begründen Elfriede Müller, Margot Kampmann und Kru­noslav Sto­ja­kovic, wieso das Ende der Sowjet­union und der anderen nomi­nal­so­zia­lis­ti­schen Staaten eine neue Welle des Anti­kom­mu­nismus aus­gelöst hat und über­wunden geglaubte tota­li­ta­ris­mus­theo­re­tische Kon­zepte wieder aus den Schub­läden geholt wurden. Die Autoren und Autorinnen sehen in der neo­li­be­ralen Ideo­logie einen Anti­kom­mu­nismus, der leugnet, dass es eine Gesell­schaft gibt. Doch ihr Aufsatz endet opti­mis­tisch: »Darum ist es wich­tiger denn je, die Idee des Kom­mu­nismus mit kon­kretem Inhalt zu füllen: als Ver­sprechen einer Zukunft, für die es sich zu leben und zu kämpfen lohnt«.

Michael Koltan zeigt auf, dass Libe­ra­lismus his­to­risch immer mit Anti­kom­mu­nismus, nicht aber mit Freiheit ver­knüpft war. Er begründet das mit einem his­to­ri­schen Exkurs, der ins Frank­reich des 19. Jahr­hun­derts führt, wo der liberale Poli­tiker Francois Guizot feder­führend an der Nie­der­schlagung des Lyoner Weber­auf­standes und einige Jahr­zehnte später der Pariser Kommune beteiligt war. Marx hat ihn im Kom­mu­nis­ti­schen Manifest namentlich als einen der­je­nigen erwähnt, die das Gespenst des Kom­mu­nismus jagen.

Michael Brie beschäftigt sich mit der Phi­lo­sophie von Thomas Hobbes. Dessen Held war der Besitz­bürger, der sein Eigentum ver­teidigt. Im Gegensatz dazu benennt Brie die früh­so­zia­lis­tische Bewegung der Digger, die sich für ein Kol­lek­tiv­ei­gentum an Land und Boden ein­setzten und mas­siver staat­licher Ver­folgung aus­ge­setzt waren.

Klaus Holz befasst sich mit der unheil­vollen Sym­biose Anti­se­mi­tismus und Anti­kom­mu­nismus in der NS-Ideo­logie. Er ver­weist zudem auf die Ver­suche des Theo­logen Adolf Sto­ecker, der schon in den 1870er Jahren eine anti­se­mi­tische Partei mit Anhang unter den Arbeitern zu gründen ver­suchte. Die Ber­liner Sozi­al­de­mo­kratie sorgte dafür, dass dieses Projekt schei­terte. Holz geht auch auf den Kon­flikt zwi­schen Sto­ecker und dem eben­falls anti­se­mi­ti­schen His­to­riker Heinrich von Treit­schke ein, ein Natio­nal­li­be­raler, der im Gegensatz zu Sto­ecker kein Interesse daran hatte, die Arbei­ter­schichten in seine Aus­ein­an­der­setzung mit den Juden ein­zu­be­ziehen. Doch gerade die Gruppe um Sto­ecker wurde zum Vorbild für die völ­kische Bewegung, zu der die NSDAP gehörte. Am Schluss seines Auf­satzes geht Holz auf die aktu­ellen rechts­po­pu­lis­ti­schen Strö­mungen ein, die sich als Ver­tei­diger Israels im Kampf gegen den Islam auf­spielen und trotzdem wei­terhin zen­trale Ele­mente des his­to­ri­schen Anti­se­mi­tismus tra­dieren. »Der Rechts­po­pu­lismus nutzt das her­kömm­liche Arsenal, d. h. er kri­ti­siert den Wirt­schafts­li­be­ra­lismus nicht, sondern nutzt ihn nur als Beleg für seine anti­li­be­ralen Feind­bilder: Uni­ver­sa­lismus, Indi­vi­dua­lismus, Anti­na­tio­na­lismus.«

Im letzten Kapitel widmet sich der Sozi­al­wis­sen­schaftler Enzo Tra­verso dif­fe­ren­ziert dem Sta­li­nismus, der mehr war als eine bloße Negierung der Ideen der Okto­ber­re­vo­lution. Ähnlich wie Napoleon Ele­mente der Fran­zö­si­schen Revo­lution über­nommen hat, führte Stalin Zeichen und Symbole der Revo­lution fort, ihres Inhalts jedoch beraubt. Die Nomen­klatura rekru­tierte sich aus ehe­ma­ligen Bauern und Arbeitern, die durch die Revo­lution in diese Position kamen. Tra­verso würdigt die Rolle der Kom­mu­nisten für den anti­ko­lo­nialen Kampf, der ihnen bei vielen Men­schen des Tri­konts hohe Aner­kennung ein­brachte. Wie alle Autoren dieses Buches erteilt auch er allen auto­ri­tären Sozia­lis­mus­mo­dellen eine Absage. Die Per­spektive erblickt er in Modellen des Anar­chismus und der dezen­tralen Orga­ni­sierung der I. Inter­na­tionale.


• Jour Fixe Initiative (Hg.): Anti!Kommunismus. Struktur einer Ideo­logie.
Edition Assem­blage, 135 S., br., 12,80 €.

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Peter Nowak