Kronstädter Aufstand

Zum 90. Jah­restag der Nie­der­schlagung des Arbeiter- und Matro­sen­auf­stands von Kron­stadt ver­öf­fent­licht »Die Buch­ma­cherei« Klaus Gie­tingers Dar­stellung von Vor­ge­schichte, Verlauf und Ende des Auf­standes. Erstmals erschienen sind die Texte 1997 in der jungen Welt. Der Autor wider­spricht der sowohl von Anhän­ge­rInnen Stalins als auch Trotzkis ver­brei­teten Behauptung, der Auf­stand sei von Zaristen und Kon­ter­re­vo­lu­tio­nären zu ver­ant­worten gewesen. Die Erhebung war vielmehr das Ergebnis der Unzu­frie­denheit über die öko­no­mische Situation und den begin­nenden Büro­kra­tismus in der jungen Sowjet­union. Im Grunde for­derte die auf­stän­diche Kommune etwas, was die Bol­schewiki nur wenig später gezwun­ge­ner­maßen nach­voll­zogen: den Übergang vom Kriegs­kom­mu­nismus zur Neuen Öko­no­mi­schen Politik. Später von den Bol­schewiki als »ultra­links« ver­ur­teilte Kon­zepte, wie die sofortige Abschaffung des Geldes als Zah­lungs­mittel, wurden auch von den Kron­städtern abge­lehnt. Umso ver­häng­nis­voller war, dass Ver­mitt­lungs­ver­suche, auch aus den Reihen der Bol­schewiki, nicht auf­ge­griffen wurden. Hier hätte der Autor auch die poli­ti­schen Fehler auf Seiten der Kron­städter stärker her­aus­ar­beiten können. Sie waren wenig kom­pro­miss­bereit, weil sie meinten, inter­na­tional unter­stützte Vor­reiter einer dritten Revo­lution zu sein. Manches in Gie­tingers Arbeit ist his­to­risch frag­würdig, etwa die These, dass Lenin von Rosa Luxemburg spä­testens seit 1911 nichts mehr gehalten habe, oder der Ver­gleich Lenins mit Noske. Auch dass Trotzki die rus­sische Bau­ern­schaft hasste, kann zumindest aus dessen Schriften nicht begründet werden.
 
http://​www​.akweb​.de/​a​k​_​s​/​a​k​5​6​1​/​0​8.htm

Peter Nowak
 
Klaus Gie­tinger: Die Kommune von Kron­stadt. Die Buch­ma­cherei, Berlin, 2011. 138 Seiten, 10 EUR