müssen die Bewohner auch die Zeltstadt gegenüber räumen. Wohin, wissen sie nicht.

Hugo-Haus Berlin: Bewohner zum zweiten Mal vertrieben

Mit der Räumung des Hugo-Dorfs werden die Menschen zerstreut. »Einige kommen bei Freund*innen unter, manche überlegen, in andere Städte zu gehen. Andere wissen nicht, wo sie bleiben sollen«, sagt Bewohnerin Martina beim Zeltabbau am Mittwochnachmittag. Dabei kann man sehen, wie gegenüber Wohnraum zerstört wird. Im ehemals besetzten Gebäude sind alle Fenster und Sanitäranlagen herausgerissen. Jetzt wird das Nachbargebäude eingerüstet. Die Grundstücke gehören einer Immobilienfirma.

In Berlin wächst mit dem Anbruch der kalten Jahreszeit die Zahl der Wohnungslosen. Nachdem am Dienstagmorgen in der Habersaathstraße im Bezirk Mitte mehrere Menschen geräumt worden waren, mussten am Mittwochmittag die Bewohner*innen des »Hugo-Dorfs« ihr Domizil räumen. So nannten sie die Zeltstadt in der Gürtelstraße, die als Mahnwache angemeldet war. Es sind …

… junge Punks, die zeitweise ein lange leerstehendes Gebäude in der Gürtelstraße 39–41 in Friedrichshain still besetzt hatten.

Nachdem sie Mitte September öffentlich bekanntgegeben hatten, dass sie in dem ehemaligen Hostel wohnten, gab es bald Graffiti und Aufkleber mit dem Slogan »Hugo-Haus bleibt«. So hatten die jungen Bewohner*innen ihr Domizil genannt (»nd« berichtete). Doch die Räumung Ende September konnten sie nicht verhindern. Sie erfolgte, nachdem es Konflikte zwischen den Bewohner*innen und Bauarbeiter*innen gegeben hatte, die im Auftrag des Investors Vorbereitungen für den geplanten Abriss des Gebäudes hatten tätigen wollen.

Seitdem sitzen die Bewohner*innen auf der Straße. Sie hatten sich direkt gegenüber dem nun eingerüsteten und von einem Sicherheitsdienst bewachten Gebäude eingerichtet. »Wir hatten an dieser Stelle schon Mitte September einen Infopunkt eingerichtet«, sagt Andreas, einer der Bewohner, zu »nd«. Nach der Räumung wurde aus diesem Treffpunkt das Hugo-Dorf. Es war für alle Passant*innen zugänglich. Handschriftlich waren dort auf Schildern die Forderungen der Bewohner*innen aufgeschrieben. Sie wollen in das geräumte Haus zurück oder in ein anderes Gebäude, in dem sie alle zusammen leben können. Doch ihre Forderungen wurden von der Politik ignoriert.

»Einige kommen bei Freund*innen unter, manche überlegen, in andere Städte zu gehen. Andere wissen nicht, wo sie bleiben sollen.«Martina Bewohnerin »Hugo-Dorf«

In den jüngsten Tagen war die Stimmung im Hugo-Dorf gedrückt. Vor allem die Temperaturen, die sich nachts dem Gefrierpunkt nähern, machten den Anwesenden zu schaffen. Unterstützer*innen hatten Schlafsäcke vorbeigebracht, in denen sich mehrere der Menschen auf dem Matratzenlager eingewickelt hatten, als »nd« das Lager besuchte. Ein junger Mann, der seinen Namen nicht sagen will, erwartet von der Politik nichts. »Das sind alles Reformisten«, ruft er nur. »Die kannst du vergessen. Niemand hat unsere Räumung verhindert.« Bewohner Andreas sieht das differenzierter. »Wir müssen weiter aktiv bleiben«, sagt er. Es gebe Treffen mit Unterstützer*innen aus Friedrichshain und anderen Stadtteilen. Dort würden Pläne für eine neue Demonstration diskutiert.

Mit der Räumung des Hugo-Dorfs werden die Menschen zerstreut. »Einige kommen bei Freund*innen unter, manche überlegen, in andere Städte zu gehen. Andere wissen nicht, wo sie bleiben sollen«, sagt Bewohnerin Martina beim Zeltabbau am Mittwochnachmittag. Dabei kann man sehen, wie gegenüber Wohnraum zerstört wird. Im ehemals besetzten Gebäude sind alle Fenster und Sanitäranlagen herausgerissen. Jetzt wird das Nachbargebäude eingerüstet. Die Grundstücke gehören einer Immobilienfirma.

Vasili Franco, der noch für die Grünen im Abgeordnetenhaus sitzt, kritisiert den Umgang mit den Bewohner*innen. »Für die ehemaligen Bewohner*innen des Hugo-Hauses ist die Situation mittlerweile dramatisch. Die kalte Räumung durch den Eigentümer war absolut unnötig und hat verhindert, dass eine Übergangslösung gefunden wurde«, sagt er zu »nd«. Das Vorgehen habe dazu beigetragen, dass die seelische und körperliche Belastung für die Betroffenen zu einer konkreten Gesundheitsgefährdung führe. »Nur dank der Unterstützer*innen der Mahnwache gegenüber dem Haus konnte in den letzten Wochen ein Überleben sichergestellt werden«, hebt Franco hervor. »In der Gürtelstraße zeigt sich exemplarisch, dass Obdachlosigkeit kein abstraktes Problem ist, sondern eine wachsende soziale Frage, die über persönliche Schicksale entscheidet«, sagt er. Peter Nowak