Im Bündnis mit dem Militär

His­to­riker Malte Meyer über Gewerk­schaften und Militär und warum sich Kriegs­gegner besser nicht um eine Frie­dens­re­so­lution auf einem Gewerk­schaftstag bemühen sollten

Malte Meyer stu­dierte Poli­tik­wis­sen­schaft und Geschichte in Marburg und stieg über die dortige »Arbeits­ge­mein­schaft für gewerk­schaft­liche Fragen« in die Bil­dungs­arbeit ein. Gerade erschien sein Buch »Lieber tot als rot. Gewerk­schaften und Militär in Deutschland seit 1914« in der Edition Assem­blage. Mit dem 43-jäh­rigen His­to­riker sprach Peter Nowak.

»Lieber tot als rot«, die Parole ver­bindet man mit Kalten Krieger_​innen. Warum passt Sie Ihrer Meinung nach auch zu den deut­schen Gewerk­schaften?
Der Spruch wurde in der Tat wahr­scheinlich erstmals in den USA um 1930 herum ver­wendet. Mit diesem Titel wollte ich in poin­tierter Form auf den struk­tu­rellen Anti­kom­mu­nismus deut­scher Gewerk­schaften hin­weisen, der sie seit über hundert Jahren prägt und auch ihr Ver­hältnis zum Militär bestimmt.

Woran machen Sie den struk­tu­rellen Anti­kom­mu­nismus fest?
Ich sehe ihn in der Inte­gration der sozi­al­de­mo­kra­tisch domi­nierten Ein­heits­ge­werk­schaften in den Apparat des kapi­ta­lis­ti­schen Staates. Damit haben sie auch dessen anti­kom­mu­nis­tische Staats­räson über­nommen. Und sie akzep­tierten den sys­tem­er­hal­tenden Cha­rakter des Militärs. So kün­digte der damalige DGB-Vor­sit­zende etwa im Jahr 2013 an, mit der Bun­deswehr zu einer gemein­samen Erklärung kommen zu wollen. Schon vorher hatte sich die IG Metall für den »Erhalt der wehr­tech­ni­schen Kern­fä­hig­keiten im Mari­ne­schiffbau« stark­ge­macht. Es geht also längst nicht nur um Arbeits­plätze in der Rüs­tungs­in­dustrie, wie von linken Gewerkschafter_​innen gerne ange­führt.


Die ange­kün­digte Erklärung von DGB und Bun­deswehr ver­schwand nach inner­ge­werk­schaft­lichen Pro­testen in der Schublade. Weist das nicht auf ein anti­mi­li­ta­ris­ti­sches Potenzial in den Gewerk­schaften hin?

Die kri­ti­schen Stimmen gibt es durchaus. Aller­dings sind sie nicht stark genug, um die guten gewerk­schaft­lichen Kon­takte zu Rüs­tungs­in­dustrie und Repres­si­ons­ap­pa­raten ernsthaft zu beschä­digen. Nach wie vor herrscht der Geist der letzten gemein­samen Erklärung aus dem Jahr 1981, in der sich Bun­deswehr und Gewerk­schaften gegen­seitig beschei­nigten, Stützen des demo­kra­ti­schen Staates zu sein und ihn nach innen und außen gemeinsam zu ver­tei­digen.

Warum kri­ti­sieren Sie auch die Gewerk­schafts­linke?
Ich weise auf eine Art Arbeits­teilung hin: Gewerk­schafts­linke mit ihren mili­ta­ris­mus­kri­ti­schen Impulsen sind für das gute Gewissen, die Gewerk­schafts­rechte dagegen für das prag­ma­tische All­tags­ge­schäft zuständig. Und zu diesem Business gehört nicht zuletzt die kon­struktive Mit­arbeit in Rüs­tungs­in­dustrie und Militär.

Sie würden also Antimilitarist_​innen abraten, sich in den DGB-Gewerk­schaften zu enga­gieren?
Ich inter­es­siere mich für die Rekon­struktion anti­au­to­ri­tärer Klas­sen­be­we­gungen, in der Ver­gan­genheit, aber auch in der Gegenwart, selbst wenn das in Deutschland noch immer ein mino­ri­täres Anliegen ist. Wer mit DGB-Gewerk­schaften koope­riert, sollte nicht der Illusion auf­sitzen, diese Gewerk­schaften groß­artig nach links drängen zu können. Dazu haben sie sich viel zu ein­deutig als Ord­nungs­faktor posi­tio­niert. Anti­mi­li­ta­ris­tische Energie scheint mir bei einer gewitzten Aktion gegen die Bun­deswehr deshalb besser auf­ge­hoben als in Bemü­hungen um eine Frie­dens­re­so­lution auf einem Gewerk­schaftstag.

Sie gehen auch auf die Dis­kussion über die Umwandlung von mili­tä­ri­scher in zivile Pro­duktion ein. Wäre das nicht ein sehr direkter Beitrag für eine gewerk­schaft­liche Anti­mi­li­ta­ris­mus­arbeit?
Ich finde es toll, wenn nicht nur unter Rüs­tungs-, sondern auch unter Automobilarbeiter_​innen über Kon­version dis­ku­tiert wird. Aller­dings sind die gewerk­schaft­lichen Arbeits­kreise zur Rüs­tungs­kon­version in der Hoch­phase der Frie­dens­be­wegung ent­standen und größ­ten­teils ein­ge­schlafen, nachdem auch die Frie­dens­be­wegung an Bedeutung ver­loren hat. Aktuell zeigen sich die Betriebsräte in der Rüs­tungs­in­dustrie solchen Kon­zepten gegenüber wenig auf­ge­schlossen.

Warum gibt es im Buch einen Exkurs zur Rolle des FDGB bei der Nie­der­schlagung der Unruhen in der DDR am 17. Juni 1953?
Ich wollte die DDR-Geschichte in einem Buch über die deutsche Gewerk­schafts­be­wegung nicht völlig aus­blenden. Zudem gab es am 17. Juni 1953 nun mal eine direkte Kon­fron­tation zwi­schen Militär und Arbei­ter­schaft. Durch diese Ereig­nisse schien der Anti­kom­mu­nismus der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Gewerk­schaften eine gewisse Plau­si­bi­lität zu bekommen. Ein Exkurs ist das Kapitel insofern, weil es sich beim FDGB um eine kom­mu­nis­tische, nicht aber um eine sozi­al­de­mo­kra­tische Gewerk­schaft gehandelt hat, die im Mit­tel­punkt meiner Unter­su­chung stehen.

Es gibt viele Deu­tungen der Ereig­nisse des 17. Juni. Welcher schließen Sie sich an?
Ich ten­diere zu den Posi­tionen der soge­nannten lini­en­treuen Dis­si­denten wie Bert Brecht, Stefan Heym oder Thomas Brasch. Demnach han­delte es sich bei den Juni-Ereig­nissen um einen ori­gi­nären Arbei­ter­auf­stand. Es gab sehr gute Gründe, auf die Straße zu gehen, gegen die nicht zuletzt aus dem Auf­rüs­tungskurs resul­tie­renden Norm­er­hö­hungen und die sie mit­tra­gende Staats­ge­werk­schaft.

Sie beziehen sich auf die anti­au­to­ritäre Strömung in der Gewerk­schafts- und Arbei­ter­be­wegung. Schließen Sie damit nicht die ver­schie­denen kom­mu­nis­ti­schen Strö­mungen innerhalb der Gewerk­schaften aus, die durchaus anti­mi­li­ta­ris­tische Posi­tionen ver­treten?
In der viel zu kleinen anti­mi­li­ta­ris­ti­schen Szene sollte man natürlich so gut zusam­men­ar­beiten wie möglich. Offen dis­ku­tiert werden muss aber auch über die auto­ri­tären Erb­stücke aus der kom­mu­nis­ti­schen Tra­dition, die ein Ein­fallstor für Mili­ta­rismus waren. Ich ori­en­tiere mich hier an Rosa Luxemburg, die ihre Genoss_​innen schon vor über 100 Jahren dazu ermun­terte, mit Unter­ta­nen­geist und Fabrik­dis­ziplin zu brechen.

Sie haben über 100 Jahre Gewerk­schafts­ge­schichte unter­sucht. Gab es in dieser Zeit niemals Brüche im Ver­hältnis von Militär und Gewerk­schaften?
Zum einen haben die Gewerk­schaften ähnlich wie die Kirchen an Inte­gra­ti­ons­kraft und damit auch an Kriegs­wich­tigkeit ein­gebüßt. Zum anderen hat natürlich auch der deutsche Mili­ta­rismus seine Erschei­nungs­formen ver­ändert. Trotz dieser Ver­än­de­rungen sind die Gewerk­schaften spä­testens seit 1914 keine vater­lands­losen und anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Orga­ni­sa­tionen mehr.

Interview: Peter Nowak