Zwei große Familien

Unter den Büchern, die sich in der letzten Zeit mit der kom­mu­nis­ti­schen Geschichte jen­seits von nost­al­gi­schen Avancen an den unter­ge­gan­genen Nomi­nal­so­zia­lismus beschäf­tigen, ragt der von Philippe Kel­lermann her­aus­ge­gebene Band »Anar­chismus, Mar­xismus, Eman­zi­pation« heraus. Dort sind Gespräche des Her­aus­gebers mit Men­schen abge­druckt, die sich in den letzten Jahren mit der Rekon­struktion linker Geschichte und Gegenwart befasst haben. Aus­gangs­punkt ist dabei die Frage, ob sich Kom­mu­nis­tInnen und Anar­chis­tInnen heute noch als feind­liche »ideo­lo­gische Familien« gegen­über­stehen, »die sich niemals richtig ver­stän­digen konnten«, wie es Michel Fou­cault 1981 beschrieben hat, oder ob sich diese Front­stellung nach 1989 auf­zu­lösen beginnt.
Kel­ler­manns Methode, diese Fragen im Dialog mit unter­schied­lichen Gesprächs­part­ne­rInnen zu erörtern, ist reizvoll. Der Her­aus­geber hat sie nach dem Kri­terium aus­ge­wählt, dass sie sich Themen linker Geschichte und Gegenwart aus einem mar­xis­ti­schen Blick­winkel nähern. Doch ihre Her­an­ge­hens­weise ist denkbar unter­schiedlich. Bini Adamczak ist als Her­aus­ge­berin zahl­reicher Bücher über Geschichte und Aktua­lität des Kom­mu­nismus wohl am bekann­testen. Hendrik Wallat ist das Ver­dienst zuzu­schreiben, mit dem in der Edition Assem­blage her­aus­ge­ge­benen Buch »Staat oder Revo­lution« Texte zur lange ver­schol­lenen linken Bol­sche­wis­mus­kritik wieder zugänglich gemacht zu haben. Der Basis­ge­werk­schaftler Jochen Gester, der nach seinen Erfah­rungen mit dem KBW eine Abneigung gegen hier­ar­chische Orga­ni­sa­tionen hat, sieht heute die Rolle linker Ein­zel­per­sonen und Initia­tiven in der Unter­stützung von Men­schen, die sich orga­ni­sieren. »Es gibt keinen ver­nünf­tigen Grund, warum undog­ma­tische Anar­chis­tInnen und kri­tische Mar­xis­tInnen dies nicht glei­cher­maßen über­zeugend prak­ti­zieren können«, schreibt Gester.
Auch der eme­ri­tierte Poli­tik­wis­sen­schaftler Joachim Hirsch lehnt es ab, sich im Koor­di­na­ten­system Anar­chismus versus Mar­xismus zu ver­orten, betont aber, was für eine linke Bewegung vom Anar­chismus zu lernen wäre: »… dass soziale Eman­zi­pation nicht von Avant­garden, Par­teien und Staaten aus­gehen kann, sondern eine unmit­telbare Ange­le­genheit der Men­schen sein muss.«
Mit dem ak-Autor Gerhard Han­loser setzt sich Kel­lermann auch kri­tisch über Theorie und Praxis des Anar­chismus aus­ein­ander. Aus­gangs­punkt ist das in anar­chis­ti­schen Kreisen kon­trovers dis­ku­tierte Buch »Gegen die Arbeit« von Michael Seidmann. Dieser bescheinigt den spa­ni­schen Anar­cho­syn­di­ka­lis­tInnen, als Anhän­ge­rInnen einer pro­duk­ti­vis­ti­schen Ideo­logie viele Gemein­sam­keiten mit den Kom­mu­nis­tInnen gehabt zu haben. Hier bekundet Han­loser, er habe ein »Ver­ständnis für die Situation der Arbei­ter­anar­chisten, die ja meistens noch nicht voll von der Basis abge­kop­pelte Kader waren, ent­wi­ckelt, ein Ver­ständnis, das ich merk­wür­di­ger­weise keinem Indus­tria­li­sie­rungs­apostel des ML ent­ge­gen­bringen würde«. Hier wären weitere kri­tische Nach­fragen inter­essant gewesen. Denn die Pro­bleme, vor denen diese Arbei­ter­anar­chis­tInnen standen, sollte man den meisten Kom­mu­nis­tInnen in der Sowjet­union und den anderen nomi­nal­so­zia­lis­ti­schen Ländern zumindest in den Anfangs­jahren auch zuge­stehen.
Hier wird ein Schwach­punkt des Buches deutlich. Kel­lermann wie seine Gesprächs­part­ne­rInnen behandeln die Bol­schewiki und die sich auf sie bezie­henden Kom­mu­nis­tInnen als Täte­rInnen, die sich recht­fer­tigen müssen, warum sie den hehren Thesen und Vor­stel­lungen der Theo­re­ti­ke­rInnen nicht gerecht geworden sind. Dass sie als han­delnde Sub­jekte unter objek­tiven Bedin­gungen agierten, die sie sich nicht aus­ge­sucht haben, wird dabei fast kom­plett aus­ge­blendet.
Hieraus ergeben sich in einigen For­mu­lie­rungen auch tota­lis­mus­theo­re­tische Anklänge. Wenn Hendrik Wallat Kolyma, den Ort sta­li­nis­ti­scher Ver­folgung, neben Auschwitz stellen will, wird der Unter­schied zwi­schen poli­ti­scher Ver­folgung und Mas­sen­ver­nichtung ver­wischt. Diese und viele andere in dem Buch auf­ge­worfene Pro­bleme ver­dienen eine gründ­liche Debatte.

Philippe Kel­lermann (Hg.): Anar­chismus, Mar­xismus, Eman­zi­pation, Gespräche über die Geschichte und Gegenwart der sozia­lis­ti­schen Bewe­gungen. Verlag Die Buch­ma­cherei, Berlin 2012. 166 Seiten, 10 EUR.
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aus: ak – analyse & kritik Nr. 577, 16.11.2012

Peter Nowak


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