Theorien für die Masse

Julius Dickmann war ein bedeu­tender mar­xis­ti­scher Autor der Zwi­schen­kriegszeit, dessen Schriften nicht mehr zugänglich waren. Peter Haumer hat jetzt die poli­tische Bio­graphie Dick­manns ver­fasst.

»Wer ist Julius Dickmann und warum sollte man ein Buch über ihn schreiben?« Diese Frage bekam Peter Haumer immer wieder zu hören, als er sich mit der Bio­graphie eines ver­ges­senen Theo­re­tikers beschäf­tigte. Bei Haumer, der zu linker Gewerk­schafts­po­litik und Dis­sidenz innerhalb der Arbei­ter­be­wegung in Öster­reich forscht, war die Neugier geweckt. Zunächst stieß er auf die die wenigen theo­re­ti­schen Texte Dick­manns, die noch zugänglich sind. »Zunehmend inter­es­sierten mich seine Gedanken, Ideen und Theorien und schließlich die Person, die dahin­ter­steckte«, beschreibt Haumer die Ent­stehung eines Buches, das ursprünglich gar nicht geplant war. Schließlich machte Haumer eine in New York lebende Nichte Dick­manns aus­findig, die bei der ersten Begegnung fragte: »Was gibt es denn über meinen Onkel über­haupt zu schreiben?« Sie wusste nichts über die poli­ti­schen Akti­vi­täten und Schriften ihres Onkels. Das sta­chelte den Ehrgeiz des Chro­nisten nur noch mehr an. »War der poli­tische Mensch hinter dem Namen Julius Dickmann tat­sächlich im Nichts ver­schwunden?!«

Haumer gibt nun im Wiener Man­delbaum-Verlag ein Buch heraus, das die poli­ti­schen Schriften von Dickmann wieder zugänglich macht und die Bio­graphie eines Men­schen rekon­struiert, der sich innerhalb des revo­lu­tio­nären Flügels der öster­rei­chi­schen Arbei­ter­be­wegung enga­gierte. Er gehört zu den vielen, die am Ende des Ersten Welt­kriegs hofften, die alte kapi­ta­lis­tische Welt werde gestürzt. Die Okto­ber­re­vo­lution war für ihn dabei ebenso eine Etappe wie die unga­rische Räte­re­publik und die Streiks und Auf­stände in Öster­reich. Dickmann war ein Ver­treter des Räte­ge­dankens und setzte auf die Selbst­or­ga­ni­sation der Lohn­ar­beiter. »Dass die Masse sich selbst begreifen lernt«, dieser Gedanke, der dem Buch als Unter­titel dient, war für Dickmann ein zen­traler Aspekt für die Beur­teilung aller poli­ti­schen und gewerk­schaft­lichen Akti­vi­täten. Von ihm stammt der schöne Satz: »Die Theo­re­tiker haben bis jetzt die Masse ver­schieden inter­pre­tiert, es kommt aber darauf an, dass diese sich selbst begreifen lernt.« Mit dieser Abwandlung des bekannten Marx­schen Satzes über Feu­erbach wolle er seine »bescheidene Arbeit gerecht­fertigt« wissen. »Vom theo­re­ti­schen. Streit ver­wirrt, stelle ich mir hier die Aufgabe, mit dem bisschen Wissen aus­ge­rüstet, welches ein Pro­le­tarier in seinen kargen Mus­se­stunden erwerben kann, zur Selbst­ver­stän­digung über die Kämpfe und Wünsche der Zeit zu gelangen.«

Für kurze Zeit war er Mit­glied der Kom­mu­nis­ti­schen Partei Öster­reichs, die er wieder verließ, als sich abzeichnete, dass es mehr um die Macht als um die Selbsteman­zi­pation der Arbei­tenden ging. An seinen in dem Buch doku­men­tierten Texten kann man auch den Lern- und Erkennt­nis­prozess von Dickmann ver­folgen. Da finden sich die in den Jahren 1918/19 ver­fassten Artikel, mit denen er unmit­telbar poli­tisch wirken wollte. Damals war er noch vom bal­digen Erfolg der sozia­lis­ti­schen Revo­lution über­zeugt. In den Schriften jener akti­vis­ti­schen Periode setzte er sich für die Stärkung des Räte­ge­dankens ein und kon­zen­trierte sich auf Fragen der prak­ti­schen Umsetzung. So stellte er sich im Mai 1919 eine Frage, die damals auch die links­so­zi­al­de­mo­kra­tische USPD in Deutschland stark beschäf­tigte: Kann es noch Platz für ein bür­ger­liches Par­lament geben oder muss alle Macht den Räten zufallen? Dick­manns prag­ma­tische Antwort lautete: »Der Schreiber ist selbst ein über­zeugter Anhänger dieser Losung. Aber es kann sich natürlich in dieser Frage nicht um die äußere Form handeln, in welcher die Räte zur Macht gelangen. Ent­scheidend ist der tat­säch­liche Besitz der Macht­mittel im Staat. Gelingt es den Arbei­ter­räten, sich die Ver­fü­gungs­gewalt über diese Macht dauernd zu sichern, so kommt es sehr wenig darauf an, ob für eine gewisse Über­gangszeit neben dem Kon­gress der Arbei­terräte die Natio­nal­ver­sammlung als gesetz­ge­bende Kör­per­schaft noch bestehen bleibt.« Als der revo­lu­tionäre Auf­bruch zer­schlagen wurde, setzte sich Dickmann mit den Ursachen der Nie­derlage aus­ein­ander.

Im Dezember 1919 war er noch über­zeugt, dass die Nie­derlage nur vor­über­gehend sein werde. »Die kom­mende Revo­lution darf nicht mehr ein träges Pro­le­tariat vor­finden, das zwi­schen Par­lament und Räte­system, Dik­tatur oder Demo­kratie unent­schlossen schwankt, und die Erleuchtung von einer Füh­rer­clique emp­fängt, die selbst in sich gespalten, die Unei­nigkeit in die Massen trägt«, schreibt er im Dezember 1919 in dem pro­gram­ma­ti­schen Text »Zwi­schen zwei Revo­lu­tionen«. Doch schon 1920 schlägt Dickmann in seiner Schrift »Zur Krise des Kom­mu­nismus« wesentlich kri­ti­schere Töne an.

»In Deutschland lastet die fünf­zig­jährige sozi­al­de­mo­kra­tische Tra­dition wie ein Alp auf den Pro­le­ta­riern. Dieser Alp konnte nicht in wenigen Wochen abge­tragen werden.« Damit setzte Dick­manns Kritik auch bei jener Tra­dition an, die die kom­mu­nis­ti­schen Par­teien in ihrer Mehrheit bald über­nehmen sollten. Dickmann, den seine Schwer­hö­rigkeit, die bald zur Taubheit führte, zunehmend belastete, suchte die Ursachen für die Nie­derlage der revo­lu­tio­nären Bewegung in prak­ti­schen und theo­re­ti­schen Defi­ziten der eigenen Seite. Mit seinen 1932 ver­fassten Schriften »Das Grund­gesetz der sozialen Ent­wicklung« und »Der Arbeits­be­griff bei Marx« wollte Dickmann »Bei­träge zur Selbst­kritik des Mar­xismus« leisten. Diese Texte fanden unter linken Theo­re­tikern Auf­merk­samkeit und wurden 1932 in der Zeitung für Sozi­al­for­schung besprochen. Diese Rezension ist lange Zeit eine der wenigen Spuren von Dick­manns theo­re­ti­schem Wirken gewesen, die auch Haumers Interesse ent­fachte.

In seinem Buch sind die beiden Texte erneut abge­druckt, die eine erstaun­liche Aktua­lität haben. Dort hat Dickmann schon Fragen ange­sprochen, die für die Debatten um die End­lichkeit der Res­sourcen und den Umgang mit der Umwelt inter­es­sante Gesichts­punkte bei­steuern können. Er verwarf die These von Marx, dass der Kon­flikt zwi­schen den Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nissen und der Pro­duk­ti­ons­weise den Übergang von der Feu­dal­ge­sell­schaft zum Kapi­ta­lismus bestimmt hat. »Der wirk­liche Wider­spruch, der jede öko­no­mische Umwälzung her­bei­führte, bestand immer nur zwi­schen der unge­hemmten Ent­faltung der Pro­duk­tiv­kräfte und der Natur­schranke ihrer Anwen­dungs­basis.« Diese Schriften fanden in den frühen drei­ßiger Jahren auch unter Theo­re­ti­ke­rinnen und Theo­re­tikern der fran­zö­si­schen Linken Auf­merk­samkeit. Dickmann schrieb regel­mäßig Bei­träge für die Zeit­schrift La Cri­tique Sociale, zu deren Umfeld auch die Phi­lo­sophin Simone Weil gehörte, die sich in Briefen mehrmals auf Dick­manns Texte bezog. Wie wichtig ihm der Aus­tausch war, zeigte sich schon daran, dass der damals voll­ständig gehörlose Dickmann mit Hilfe seiner Nichte Fran­zö­sisch lernte. In Öster­reich wurden zu dieser Zeit bereits Kom­mu­nisten, Sozia­listen und Gewerk­schafter ver­folgt. Nach dem geschei­terten Wiener Arbei­ter­auf­stand vom Februar 1934, den Dickmann sehr kri­tisch beur­teilte, hatte der Aus­tro­fa­schismus die letzten Reste der bür­ger­lichen Demo­kratie beseitigt. Die NS-Bewegung als dessen Kon­kurrenz von rechts wurde auch für Dickmann zur töd­lichen Gefahr. Als Linker und Jude war er gleich doppelt bedroht. Warum aber verließ er Wien nicht? »Die Ver­ei­nigten Staaten«, ver­mutet Haumer, »hätten ihm wegen seiner Taubheit kein Visum gegeben. Und wovon sollte er als tauber und poli­tisch aus­ge­grenzter Emi­grant leben können? In Wien bekam er wenigstens eine Inva­li­den­rente.«

Auf 22 Seiten sind die kurzen Texte abge­druckt, die Dickmann zwi­schen den 10. Juli 1939 und dem 11. November 1941 an seine Nichte schrieb; sie hatte sich mit wei­teren Fami­li­en­an­ge­hö­rigen in die USA retten können. Sie sind Zeugnis der zuneh­menden Ent­rechtung, aber auch des Lebens­mutes von Dickmann. »Um mich mache Dir keine großen Sorgen. Ich bin abge­härtet gegen Unan­nehm­lich­keiten des Lebens«, heißt es in dem letzten doku­men­tierten Brief. Zwi­schen dem 9. April und dem 5. Juni 1942 gingen vom Wiener Anspang-Bahnhof vier Depor­ta­ti­onszüge mit über 4 000 jüdi­schen Männern, Frauen und Kindern ab. Sie endeten im Ver­nich­tungs­lager Belzec. Hier ver­liert sich die Spur von Dickmann. Haumer hat mit seiner Wie­der­ent­de­ckung von Dickmann einen wich­tigen Beitrag geleistet, ihn und seine Schriften dem Ver­gessen zu ent­reißen.

Peter Haumer: Julius Dickmann, » … dass die Masse sich selbst begreifen lernt«. Poli­tische Bio­graphie und aus­ge­wählte Schriften, Man­delbaum-Verlag Wien, 2016, 358 Seiten, 19,80 Euro

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Peter Nowak